Samira El Ouassil

Todesursache Temperatur Eine Soziologie der Hitze

Samira El Ouassil
Eine Kolumne von Samira El Ouassil
Wer arm ist oder isoliert lebt, stirbt schneller. Das macht sich auch bei Hitzewellen bemerkbar und zeigt: Die Bedrohung durch den Klimawandel ist schon jetzt Realität.
Schon heute leiden Ältere unter der Hitze (Symbolfoto)

Schon heute leiden Ältere unter der Hitze (Symbolfoto)

Foto: Judith Haeusler / Image Source / Getty Images

Die staubgesättigte Hitze, die wir momentan spüren, ist nur ein Vorgeschmack auf unsere Zukunft. Aggressive Hitzewellen dieser Art werden als Folge des menschengemachten Klimawandels häufiger und intensiver über uns hereinbrechen – aber damit erzähle ich ihnen sicher nichts Neues. Und ganz ehrlich, denkt da der ignorante Teil in mir, die paar heißen Tage in Deutschland, da kühlt man sich eben im Schatten, Schwimmbad oder in klimatisierten Supermärkten.

Was ich jedoch verkenne und vielleicht auch noch nicht genügend auf dem Schirm der Öffentlichkeit ist, weil die Folgen und die Gefahr nicht wahrnehmbar sind oder unterschätzt werden: wie tödlich diese Hitzewellen sind, insbesondere für ältere Menschen, aber auch für Kinder, Schwangere und Personen, die chronisch krank sind. 2019 gab es in Deutschland rund 47 Prozent mehr hitzebedingte Todesfälle  als in der Referenzperiode von 2000 bis 2005.

Laut dem Lancet Countdown Policy Brief für Deutschland, einem globalen Report, der sich mit den gesundheitlichen Auswirkungen der Klimakrise auseinandersetzt, könnte Deutschland nach China und Indien das am drittstärksten betroffene Land sein, was die hitzebedingte Sterblichkeit bei Menschen über 65 Jahren angeht. 2018 verzeichnete man hier über 20.000 Hitzetote . Laut RKI waren es im selben Jahr in Berlin etwa 490 Menschen, in Hessen wird die Anzahl hitzebedingter Sterbefälle auf etwa 740 geschätzt .

Da diese Diagnose allerdings nicht normiert ist – bei Tod durch Herzversagen wird erst einmal Tod durch Herzversagen dokumentiert, nicht jedoch die Hitze als Ursache festgehalten – sind es höchstwahrscheinlich mehr.

Eine Entwicklung, auf die wir uns einstellen müssen: Menschen werden häufiger aufgrund der Hitze sterben und die Wahrscheinlichkeit erhöht sich abhängig vom Alter, ihrer sozialen und ökonomischen Situation und Vulnerabilität. Wir müssen die Hitze und ihre Auswirkungen also nicht nur meteorologisch betrachten – sondern auch soziologisch.

Nicht nur wir, sondern schon unsere Eltern, werden unter dieser Hitze mehr leiden, als die Eltern und Großeltern früherer Generationen.

Hilfreich hierbei ist das erste Buch des Soziologen Eric Klinenberg »Hitzewelle: Eine soziale Autopsie der Katastrophe in Chicago«. Es ist eine erkenntnisreiche Untersuchung der beispiellosen Hitzewelle in Chicago im Jahr 1995, bei der die Temperaturen 46 Grad Celsius erreichten und über 700 Menschen starben.

Die Arbeitsfrage des in Chicago geborenen Autors war simpel: Wie konnte eine Hitzewelle so viele Menschen töten? Seine Studie ist eine, wie er es nennt, »soziale Autopsie«, in welcher er die Stadt als Gewebe und die Institutionen als Organe seziert, um die Bedingungen zu ermitteln, die damals zum Tod so vieler Menschen führten. Die Stadtverwaltung definierte es als tragische Naturkatastrophe, der Soziologe stellte jedoch fest: Die Todesfälle waren auch ein sozialpolitisches Organversagen.

Ausschlaggebende Ursachen waren ökonomische Unterschiede, Isolation, eine schlechte öffentliche Verwaltung, die nicht auf diese Hitze vorbereitet war, aber auch die Kurzsichtigkeit der Medien mit fehlendem Verständnis für dieses Phänomen. Menschen, die allein, in zu kleinen Wohnungen und/oder in Vierteln mit schlechter Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr lebten, Menschen die arm waren und/oder alt, waren am stärksten von dieser hitzebedingten Sterblichkeit betroffen.

Indem er die strukturelle Beziehung zwischen dem Eintreten dieses katastrophalen Temperaturanstiegs und die tödlichen Auswirkungen auf die Bevölkerung erfasste, hat Klinenberg eine wichtige Wende in den amerikanischen Sozialwissenschaften herbeigeführt, indem er hier Ökologie und Soziologie zusammendachte.

Da es diese systemischen Beziehungen zwischen sozialer Ungleichheit und Umweltungerechtigkeiten gibt, werden wir feststellen und mitansehen müssen, wie die Konsequenzen des menschengemachten Klimawandels vulnerable Gruppen am stärksten treffen. Global wie auch lokal. Die ärmsten Länder der Welt wie auch arme, isolierte und vor allem alte Menschen in Deutschland.

Klinenbergs Studie sollte für uns und die Gegenwart als Blaupause dienen, um die sozialen Ursachen für die Verstärkung der klimabedingten Tödlichkeit zu verstehen; um das Nachdenken über die Auswirkungen der Klimakrise konkreter zu machen und auch um unser eigenes egozentrisches Bewusstsein etwas zu erweitern.

Aus kognitiven Gründen und weil die menschliche Empathie auch hierarchisch funktioniert, interessiert uns das, was weit weg passiert, weniger oder gar nicht. Wir begreifen die Auswirkungen weltweit intellektuell und ethisch, wir reagieren auf sterbende Koalas in Australien und sind betroffen, wenn die indische Bevölkerung eine hohe Anzahl an Hitzetoten zu verzeichnen hat. Aber es erscheint uns weit entfernt. Geografisch wie zeitlich – der globale Süden und jene, die nach uns kommen. Die intergenerationelle Empathie, die uns zu mehr Umsicht inspirieren könnte, ist besonders hier außerordentlich kurzsichtig.

Aber die Soziologie der Hitze zeigt uns: Wir müssen gar nicht versuchen, uns in eine ungeborene Generation hineinzudenken, wir müssen unsere Wahrnehmung nicht mal auf eine oder mehrere Dekaden ausdehnen, um zu verstehen, wie akut die Bedrohung ist, um zu begreifen, dass wir längst in der Krise sind.

Nicht nur wir, sondern schon unsere Eltern, werden unter dieser Hitze mehr leiden, als die Eltern und Großeltern früherer Generationen. Die jetzigen und zukünftigen alten Menschen werden besonders davon in Mitleidenschaft gezogen sein, die Zahl der Toten wird steigen.

Zumal laut einer Recherche der »Zeit«  und ebenfalls von Human Rights Watch  die hiesige Infrastruktur noch nicht vorbereitet zu sein scheint auf die tödliche Gluthitze. Die Mehrheit der Bundesländer hat keine Hitzeaktionspläne, geschweige denn ein Hitzewarnsystem. Ein sozialpolitisches Organversagen, so wie Eric Klinenberg es beschrieb, könnte sich in Deutschland wiederholen.