Zur Ausgabe
Artikel 73 / 92
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

MEDIKAMENTE Höchst gefährlich

»Alival« und »Psyton«, zwei populäre Medikamente gegen die Schwermut, sind nicht mehr im Handel. *
aus DER SPIEGEL 6/1986

Frau Anna B., Hilfsarbeiterin, 24 Jahre alt, leidet an häufiger Unpäßlichkeit. Sie klagt über Launenhaftigkeit mit Schlafstörungen ... Unruhig und ziellos läuft sie im Haus herum, hat keine Lust zum Geschlechtsverkehr, alles wird ihr lästig.«

Da hilft nur noch »Alival«, das Psychopharmakon aus dem Hause Hoechst denn diese »stimmungsaufhellende« Droge »fördert die Eigeninitiative« und »erhöht die mitmenschliche Kontaktbereitschaft«. Damit nicht genug: Alival, so warb der hessische Pharmariese bis zur vorletzten Woche, steigere auch die Merkfähigkeit und das Konzentrationsvermögen, beseitige Angstgefühle und wecke »wieder Interesse und Anteilnahme an Umwelt und Alltag«.

Anna B. ist das Alival gut bekommen - kein Wunder, denn die sexmüde Frau ist nur eine Kunstfigur, ersonnen von den Werbetextern des Produzenten. Auf Hochglanzpapier hat die Hoechst AG den deutschen Ärzten die Anna B. immer wieder vorgeführt. Die Kampagnen für »Alival« und »Psyton«, eine verwandte Glückspille, ließ sich Hoechst viele Millionen kosten. Das hat sich bezahlt gemacht: Allein im letzten Jahr betrug der Umsatz der beiden Medikamente rund 70 Millionen Mark.

Doch seit vorletzter Woche müssen die Alival- und Psyton-Kunden auf die »außergewöhnlich gut verträglichen« Seelentröster (Hoechster Eigenlob) verzichten. Aufgrund von Alarmmeldungen, die vor allem aus dem Ausland kamen, nahm Hoechst die beiden Psychopharmaka jetzt freiwillig vom Markt. Bei Untersuchungen hatten, unter anderem, britische Mediziner festgestellt, daß die Antidepressiva lebensgefährliche Nebenwirkungen auslösen können; in einigen Fällen, berichteten die Kritiker, seien die Patienten an den Folgen gestorben.

Der Wirkstoff der Glückspillen, für die mit dem strahlenden Licht des Regenbogens geworben wurde, war von Hoechst-Chemikern schon in den siebziger Jahren synthetisiert und »Nomifensin« getauft worden. 1976 kam die Droge als »Alival« in den Handel, »als eine neu entwickelte Substanz aus der Stoffklasse der Tetrahydroisochinoline«. Unabhängige Arzneikenner, so die Autoren des pharmakologischen Standardwerkes Kuschinsky/Lüllmann, schmähten die Novität jedoch bald als »maskiertes Amphetamin«.

Amphetamin ist ein »Muntermacher«. Das Stimulans wurde den großdeutschen Luftwaffenpiloten vor dem Feindflug gegen England offeriert, und es erfreut sich, als »Speed«, »Uppers« oder »Bambinos«, in der Drogenszene noch immer

vieler Freunde. Die Zuneigung wird teuer bezahlt, denn Amphetamin macht süchtig.

Nomifensin, frei von solcher Nebenwirkung, erwies sich trotzdem bald als gefährliche Droge. Seine Abbauprodukte können im menschlichen Organismus Überempfindlichkeitsreaktionen in Gang setzen. Diese »immunologischen« Mechanismen bedrohen fast alle Organsysteme. Erläutert Dr. Ulrich Moebius, Herausgeber des unabhängigen »Arzneitelegramm« und seit Jahren energischer Warner vor Alival: »Manchmal bleibt es bei Unwohlsein, Fieber, Muskel- und Gelenkschmerzen. Es können sich aber auch die roten Blutkörperchen selbst auflösen.« Diese »hämolytische Anämie« ist höchst gefährlich.

In vielen Fällen verkannten die Mediziner das Krankheitsbild zunächst als »Erkältung«. Mitunter aber glitten die Patienten rasch in tiefe Bewußtlosigkeit. Manche konnten nur gerettet werden, weil sie rechtzeitig auf die Intensivstation kamen und dort künstlich beatmet wurden.

In Großbritannien, wo die Ärzte - ganz im Gegensatz zu ihren kuschenden deutschen Kollegen - auf Nebenwirkungen sorgsamer achten und sie gewissenhaft weitermelden, wurden solche hämolytischen Anämien Anfang des Jahres wiederholt beobachtet. Kleinlaut mußte der deutsche Produzent einräumen, daß »mehrere Fälle von hämolytischer Anämie innerhalb nur einer Woche bekanntgeworden« seien.

Das Britische Komitee für Arzneimittelsicherheit hatte der Hoechst AG jedoch noch mehr vorzuhalten: Vom Stimmungsmacher Nomifensin hätten 53 englische Patienten einen Leberschaden. 50 ein »grippeartiges Syndrom« und 47 eine Bluterkrankung davongetragen. Mindestens vier Kranke starben. Alles in allem, so verlautbarten die Briten, kämen nach Nomifensin unerwünschte Nebenwirkungen rund 50mal häufiger vor als nach anderen Antidepressiva. Es sei mit sieben Todesfällen pro einer Million Verordnungen zu rechnen.

Dem Berliner Bundesgesundheitsamt, das sein neuer Präsident, der Tierarzt Dr. Dieter Großklaus, bisher nur aus den Schlagzeilen, nicht aber aus dem Tiefschlaf holen konnte, war bis zur vorletzten Woche an Alival und Psyton nichts Negatives aufgefallen.

In den USA und in Schweden erwiesen sich die Verbraucherschützer als aufmerksamer. Sechs Jahre lang, von 1979 bis 1985, bewahrten die »Food-and-Drug«-Pharmakologen ihre traurigen Landsleute vor den zweifelhaften Stimmungspillen aus der »Apotheke der Welt« (deutsche Pharmawerbung). Von Nomifensin sei, so beschied die FDA 1979, weder Wirksamkeit noch Unbedenklichkeit erwiesen.

Noch schlechter erging es der Hoechst AG in Schweden. Die Skandinavier machten den deutschen Psychohelfern so viele Auflagen, daß diese schließlich 1984 entnervt aufgaben. »Merital« - so hieß abgeleitet von »Meriten«, das Nomifensin außerhalb Deutschlands - blieb den Nordlichtern erspart.

Trotzdem schluckten 13 Millionen Menschen in aller Welt die happy pills aus Germany. Nach der britischen Rechnung hieße das, daß Nomifensin mindestens 100 Menschen das Leben gekostet hat. Nun will sich, so hat Hoechst nach seinem freiwilligen Rückzug aus dem profitablen Markt der traurigen Kundschaft versprochen, »das Unternehmen darum bemühen, die immunologischen Zusammenhänge aufzuklären«.

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 73 / 92
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.