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OPER / SANTA FÉ Höhe über Normal

aus DER SPIEGEL 35/1967

Auf der San-Juan-Ranch in New Mexico, wo einst Apachenhorden schweiften und einsame Reiter über die Weite trabten, loderte eine Feuersbrunst.

Doch es gab kein Vieh mehr, das in wilder Stampede durchs Morgengrauen donnerte, und keinen Ranchero, der den Rothäuten blutige Rache schwor: Was da im Hochsommer 1967 niederbrannte, war ein Kunsttempel mitten im alten Wilden Westen -- die »Santa Fé Opera«. Wenige Stunden zuvor noch hatte auf der akustisch perfekten Freilichtbühne die »beste Operntruppe der Vereinigten Staaten« (so Santa-F&Fan Igor Strawinski) ihre hohe Gesangskunst exerziert. Sie bot, 41 Jahre nach der deutschen Uraufführung, die US-Premiere des »Cardillac« von Paul Hindemith.

Es war bereits die 18. Premiere eines modernen Musikdramas in der zehnjährigen Geschichte der Santa-Fé Oper. Denn nicht an der »Metropolitan« in New York, noch auf den großen Bühnen von Chicago und San Francisco, sondern acht Kilometer nördlich der für amerikanische Begriffe uralten Stadt Santa Fé (1610 von Spaniern gegründet, 35 000 Einwohner, Höhe über Normal Null: 2121 Meter) hatten beispielsweise Alban Bergs »Lulu« und Dmitrij Schostakowitschs »Nase«, Hindemiths »Neues vom Tage«, Hans Werner Henzes »König Hirsch«, Richard Straussens »Daphne« und Strawinskis »Persephone« ihr US-Debüt.

Sie alle verdanken ihren Vorstoß in den fernen Westen einem einzigen Mann: 1955 erwarb der Dirigent John Crosby, Sproß einer reichen Familie und damals 29, die 28 Hektar der San-Juan-Ranch; er ließ durch Revolversalven die Halleffekte der Berge und Täler ergründen und schließlich in der klaren Höhenluft eine Bühne mit achteckigem Dach errichten. Die Rückenwand blieb offen, zum großen Teil unbedeckt blieb auch der Zuschauerraum; nur die hinteren Hänge wurden überdacht und boten Zuflucht bei plötzlichen Regenschauern. Ein Wasserbassin zwischen Orchester und Publikum erhöhte die akustische Wirkung.

Im Sommer 1957 war die Konstruktion aus kalifornischem Rotholz fertiggestellt. Strawinski, der zu den Proben seines »Wüstlings« gekommen war, legte noch einmal letzte Hand an: Bei einer Reparatur an den Kulissen reichte er dem Direktor Crosby die Nägel. Dann konnte das Spiel beginnen.

Seither bot Crosby Jahr für Jahr drei Sommermonate lang ein wahrhaft amerikanisches Musiktheater. Seine amerikanischen Solisten, für die restliche Zeit an der »Met« oder etwa in Berlin, Hamburg, Zürich und Frankfurt engagiert, sangen meist -- eine Rarität für Amerikas Operngäste -- in englischer Sprache (und nicht den italienischen, russischen, deutschen oder französischen Originaltext).

Er bot in zehn Jahren mehr Strawinski als die Met in ihrer langen Geschichte, und auch als Nachwuchsentdecker hatte er einiges zu offerieren: Einmal jährlich reiste er quer durch den Kontinent, um nach Singschülern zu fahnden. Etwa 140 dieser Eleven haben Crosbys »Programm für Gesangslehrlinge« absolviert, etwa 80 davon stehen mittlerweile in den großen Opernhäusern der Welt unter Gage -- Amerikas Sänger, davon ist Crosby überzeugt, gehören nun einmal zu den Besten der Erde.

Einziges Handikap der Santa-Fé Oper: die dünne Luft auf der neumexikanischen Hochebene. Fast alle Sänger, die den Santa-F&Trail nehmen, brauchen einige Tage, bis sie in dieser Höhe von mehr als 2100 Metern wieder normal atmen können; für die besonders strapazierten Tänzer stehen sogar beiderseits des Proszeniums Sauerstoff-Flaschen parat.

Doch der Sauerstoffmangel hat bisher weder Künstler noch Publikum verängstigt. Das Ensemble von anfangs 73 Mitgliedern ist in diesem Sommer auf 250 angewachsen. l957 hatte das Theater 480 Sitzplätze, 1967 waren es 1153; und noch immer waren sämtliche Vorstellungen fast völlig ausgebucht. Freilich deckte der Kartenverkauf nur 28 Prozent des Budgets; die restlichen 72 Prozent wurden aus Privatspenden, verschiedenen Stiftungen und von den Frauenvereinen der Umgebung aufgebracht.

In Zukunft werden die wohltätigen Damen von New Mexico zur Rettung ihres schönen Naturtheaters von Santa Fé noch mehr Modenschauen, Bridge- und Cocktailpartys, Tombolas und Weinproben veranstalten müssen als je zuvor. Denn von der Oper sind nur verkohltes Holz und ein Häufchen Asche übriggeblieben. In den Flammen verbrannten die »Cardillac«-Kulissen, fast alle Kostüme und sämtliche Orchesterpartituren der Truppe.

Die Asche war noch nicht kalt, als Crosby schon neue Pläne schmiedete: Zwei Tage nach der Katastrophe präsentierte er in der Turnhalle einer Schule von Santa Fé seine Neuinszenierung des »Barbier von Sevilla«.

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