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GESAMTKUNSTWERK Höhere Vernunft

Eine »futuristische Oper«, die 1913 in Petersburg Skandal und Kunstgeschichte machte, wird als Rekonstruktion bei den Berliner Festwochen aufgeführt: »Sieg über die Sonne«. *
aus DER SPIEGEL 35/1983

Das Thema des Spektakels war Aufruhr. »Laßt nicht die Waffen zurück von Mittagessen zu Mittagessen, noch zur Buchweizengrütze«, so klang es über die Rampe.

Aber sogar ein Mitwirkender - er spielte die Rolle des »Irgendeinen mit schlechten Absichten« - bemerkte nur »völlig harmlose Gestalten«, die »blühenden Unsinn sprachen und sangen«. Der größte Teil des Publikums wollte »sich kaputtlachen«, und die auf der Bühne gebrauchte »''Übersinnsprache'' regte weder die Zensur noch die Polizeibehörden auf«.

Gekommen waren, im Dezember des Vorkriegsjahres 1913, die »Skandalnudeln der Petersburger Halbwelt«, amtliche _("Leichenbestatter«, »Futuristischer ) _(Kraftmensch«. )

Aufpasser und ein paar Freunde der Veranstalter, um der Uraufführung einer »futuristischen Oper« beizuwohnen. Deren Titel: »Sieg über die Sonne«.

Ein ehrgeiziges Gesamtkunstwerk, bei dem nichts war wie gewohnt. Der alogische Text von Alexej Krutschonych ging immer wieder in reine Lautpoesie ("gr zm/km/ odgn sirg vrzl/ gl") über. Michail Matjuschin, auch als Maler ein Avantgardist, hatte Gesänge mit Klavierbegleitung komponiert, die dem verständnisloen »Irgendeinen«, einem Studenten namens Tomaschewski, »wie falsch gespielter Verdi« klangen. Die Akteure traten in einer Art von Harnischen aus Draht und Pappe und vor beinahe abstrakt bemalten Hintergrundsprospekten auf. Die Entwürfe stammten von dem bedeutendsten der drei Autoren, dem Maler Kasimir Malewitsch.

Vor allem dank diesem Beitrag, den Tomaschewski in seinem Erinnerungs-Text nicht einmal erwähnt, den ein anderer Augenzeuge aber als »leuchtenden Mittelpunkt« des Abends rühmt, gilt der »Sieg über die Sonne« als ein Durchbruch in der modernen Kunstgeschichte. Rückblickend stufte auch Malewitsch selber das Ereignis so ein. »Was unbewußt geschaffen wurde«, schrieb er 1915 an Matjuschin, »trägt jetzt ungewöhnliche Früchte.«

Ein pures schwarzes Quadrat, das auf einen Bühnenvorhang gemalt gewesen war, erkannte der Künstler nun als »Keim aller Möglichkeiten, der in seiner Entwicklung zu fürchterlicher Kraft anwächst«. Denn in der Zwischenzeit hatte Malewitsch den Schritt vom noch gegenständlichen »Kubofuturismus« zur radikalen, dynamischen Geometrie seines »Suprematismus« getan.

Was der »Sieg über die Sonne« auf diesem Weg bedeutete, ließ sich anhand erhaltener Malewitsch-Entwürfe - Bühnenhintergründe und Figurinen - vielleicht noch ahnen. Doch das Erlebnis von Klängen, Lichteffekten und Bewegungen, in dem sich das fremdartige Design und die marionettenhaften Gestalten den Petersburger Zuschauern dargeboten hatten, war kaum mehr nachvollziehbar.

Jetzt wird der Eindruck in sieben Aufführungen (Premiere: Donnerstag dieser Woche) bei den Berliner Festwochen wiederbelebt. Die Rekonstruktion war in erster Fassung von kalifornischen Theaterleuten und Kunsthistorikern schon 1980 in Los Angeles, dann in Washington auf die Bühne gebracht worden, bietet sich in Berlin aber noch wesentlich bereichert und zusätzlich fundiert dar.

Denn Berliner Emissäre haben in der Sowjet-Union bis dahin verschollenes Material aufgetrieben, so Matjuschins vollständige Komposition, von der die Amerikaner nur 24 Takte kannten, und weitere Malewitsch-Skizzen. Zutage kam beispielsweise eine noch unbekannte Variante der Spezies »Futuristischer

Kraftmensch«, nämlich »mit einer fürchterlichen Waffe in der Hand«. Dieses Gerät, zu Malewitschs Ärger 1913 nicht realisierbar, sollte »einerseits Elektrizität speichern und andererseits auf Knopfdruck losschlagen«. Vom Freitag an zeigt die Akademie der Künste auch diese Bilddokumente in einer Ausstellung, die gleichfalls »Sieg über die Sonne« heißt. _(Bis Oktober, Katalogbuch im Verlag ) _(Frölich & Kaufmann; ca. 320 Seiten; 22 ) _((im Buchhandel 25) Mark. )

Damit, und namentlich im Katalog, wird zugleich jener Hintergrund von Ereignissen und revolutionären Ideen beschrieben, vor dem der »Sieg« zu erkämpfen war. Im morschen Zarenreich, so ist da belegt, rumorte auch unter Künstlern besonders heftig der Gedanke, jede alte Ordnung müsse umgestürzt werden. »Zerstören, zerstören, zerstören« - das sind Schlüsselworte in einem Schlüsseltext, dem Manifest vom »Ersten panrussischen Kongreß der Sänger der Zukunft«.

Zu diesem Kongreß hatten sich im Juli 1913 die drei »Sänger« Matjuschin, Krutschonych und Malewitsch auf einer Datscha bei dem finnischen Ort Uusikirkko getroffen. Ein vierter Eingeladener, der Dichter Welimir Chlebnikow (der dann einen Prolog zum »Sieg über die Sonne« schrieb), hatte nicht aus Astrachan anreisen können, weil ihm beim Baden das Portemonnaie ins Kaspische Meer gefallen war.

Die versammelten drei einigten sich auf eine Kampfansage gegen »die ''reine, klare, ehrliche, wohlklingende russische Sprache''«, gegen »den zahnlosen gesunden Menschenverstand«, gegen »Eleganz, Leichtigkeit und Schönheit« in der Kunst. Als vordringlich wurde ein Sturmangriff auf »das Bollwerk des künstlerischen Elends« beschlossen: »auf das russische Theater«. Unter den Projekten, die dieser Attacke dienen sollten, stand der »Sieg über die Sonne« an erster Stelle.

Die Werk-Idee, von Krutschonych alsbald in einem grellen, sprunghaften Libretto ausgeführt, ist ebenjene im »Sänger«-Manifest geforderte Überwindung von Logik, Licht und kopernikanischer Ordnung. »Glaub nicht den früheren Gewichten«, warnt ein »Reisender durch alle Zeiten«, der gerade aus dem 35. Jahrhundert zurückkehrt. »Futuristische Kraftmenschen« drohen der Sonne: »Wir werden dich in ein Haus von Beton einsperren.« Das geschieht, allen wird »leicht zu atmen«, und die Menschheit ist »befreit von der Schwere der allerweltlichen Schwerkraft«.

Das war ganz im Sinne Malewitschs, der - auf einer diagonal hell-dunkel geteilten Fläche - die eingesperrte Sonne nur noch fragmentarisch, wie hinter einem Kerkerfenster, erscheinen ließ. Doch über den Abschied von der »alten Vernunft« hinaus fahndete er nach einer »neuen, sich bereits abzeichnenden Über-Vernunft«, für die gleichfalls ein »strenges Gesetz« gelten sollte. Matjuschin griff da wohl ein wenig kurz, wenn er den Sinn der Oper schlicht im »Sieg der Technik über den Biologismus« entdecken wollte.

Gerade ihm, dem Maler-Musiker, mußte aber das spartensprengende Prinzip des synthetischen Gesamtkunstwerks wichtig sein. Programmatisch forderte er, Bild- und Tonideen zu verschmelzen ("Ich stelle mir eine rote Kugel von der Größe eines Kürbisses vor, die wie ein Gong erklingt"). Neue musikalische Möglichkeiten, die er beim »Sieg über die Sonne« erprobte, versprach Matjuschin sich von der Arbeit mit Viertelton-Intervallen - doch »mal was anderes als Tschaikowski«, wie Ko-Autor Krutschonych gewiß zutreffend empfand.

Im Petersburger »Lunapark«-Theater, das von der futuristischen »Union der Jugend« für vier Abende gemietet worden war, wurde der »Sieg über die Sonne« im Wechsel mit einem Kurzdrama ("Tragödie") von Wladimir Majakowski gespielt; für Berlin steht auch dieses Stück nun, in einer Neubearbeitung von Heiner Müller, ab 9. September auf dem Festwochenprogramm. Glaubt man dem damaligen Mitmacher Tomaschewski, so wirkte die »Tragödie« politisch provokant - im Kontrast zum angeblich leeren, nur Spott erregenden Schock durch den »Sieg«.

Siebzig Jahre später trifft das Ereignis auf gründlich andere Bedingungen. Die Zeiten sind vorbei, zu denen - wie 1913 in Petersburg - bei literarischen Diskussionen Tumulte ausbrachen und Damen in Ohnmacht fielen, wenn jemand einen Klassiker wie Tolstoi eine »mondäne Klatschtante« hieß. Als historisches Phänomen dürfte der »Sieg über die Sonne« keinen Zuschauer mehr zu Wutausbrüchen reizen.

Im Gegenteil. Regisseur Robert Benedetti, der das Werk mit dem California Institute of The Arts neu in Szene setzte, zunächst für Amerika und noch mit nachempfundener Musik, sah 1981 sogar eine Chance auf breite, populäre Wirkung. Nichts, so die »Washington Review«, sei dem »Sieg über die Sonne« in der heutigen Kultur so nah verwandt wie »New Wave Rock«. _(Mit einem von Malewitsch gezeichneten ) _(Titelblatt für die Zeitschrift »Trio«. )

»Leichenbestatter«, »Futuristischer Kraftmensch«.Bis Oktober, Katalogbuch im Verlag Frölich & Kaufmann; ca. 320Seiten; 22 (im Buchhandel 25) Mark.Mit einem von Malewitsch gezeichneten Titelblatt für die Zeitschrift"Trio«.

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