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Hölderlins Brief an Ebel

aus DER SPIEGEL 39/1999

Mein Theurer!

Ich habe indeß zu dauernd und zu ernst an Ihnen und Ihrer Sache Theil genommen, als daß ich es mir nicht gönnen sollte, Sie einmal wieder an mein Daseyn zu mahnen.

Wenn ich indeßen gegen Sie geschwiegen habe, so war es gröstentheils, weil ich Ihnen, der mir so viel und immer mehr bedeutete, irgend einmal in einer bedeutenderen Beziehung, oder doch in einem Grade des Werths, der Sie auf eine schiklichere Art an unsre Freundschaft mahnen könnte, entgegenzukommen hofte.

Nun treibt mich eine Bitte früher zu Ihnen, und Sie werden mich auch in dieser Gestalt nicht verkennen. Ich habe die Einsamkeit, in der ich hier seit vorigem Jahre lebe, dahin verwandt, um unzerstreut und mit gesammelten unabhängigen Kräften vieleicht ein Reiferes, als meine bisherigen kleinen schriftstellerischen Producte sind, zu Stande zu bringen, und wenn ich schon gröstentheils der Poësie gelebt habe, so ließ mich doch Nothwendigkeit und Neigung nicht so weit vom ernsten Nachdenken entfernen, daß ich nicht meine Üb[b]erzeugungen zu größerer Bestimtheit und Vollständigkeit auszubilden, und sie, so viel möglich, mit der jezigen und vergangnen Welt in Anwendung und Reaction zu sezen gesucht hätte.

Gröstentheils schränkte sich mein Nachdenken auf das, was ich zunächst trieb, die Poësie ein, insofern sie lebendige Kunst [ist] und zugleich aus Genie und Erfahrung und Reflexion hervorgeht, und idealistisch und systematisch und anschaulich individuell ist.

Diß führte mich zum Nachdenken über Kunst und Bildung und Bildungstrieb überhaupt, über seinen Grund und seine Richtungen ... Auf diese Art haben mir die Materialien, die ich unter den Händen habe, zu dem Entwurf eines humanistischen Journals Veranlaßung gegeben, das in seinem gewöhnlichen Karakter ausübend poëtisch wäre, dann auch die Kunst belehrend behandelte, in dem es im Kunstwerk seine Organisation, zu einem bestimmten Karakter sowohl als zur idealischen Bedeutung, und den harmonischen Wechsel seiner Töne, im Allgemeinen sowohl als in Rüksicht auf seinen bestimmten Stoff zeigte ...

Endlich sollte das Journal im Allgemeinen, aus dem Gesichtspuncte der Humanität beobachtend und räsonirend, über die Karaktere und Sitten und Meinungen und Formen des menschlichen Lebens, als aus einer gemeinschaftlichen Quelle, dem organisirenden Bildungstriebe, und seinem Grunde, der vielfältig und inig organis[irt]chen Menschennatur hervorgegangen, jedoch mit Unterscheidung des Edlen und der Abart, des Reinen und der Verirrung - belehrend und unterhaltend seyn.

Verzeihen Sie mir diese schwerfällige Vorrede, mein Theurer! aber die Achtung gegen Sie ließ mir nicht zu, Ihnen mein Vorhaben so aus dem Stegreif zu verkündigen; eben so wenig hielt ich es für schiklich, den Plan, so viel ich ihn für mich selbst entwerfen durfte, und die Materialien, die ich bereit habe, Ihnen bestimmt zu nennen; ich wollte also nur den Karakter des Journals und das, was man seinen Geist nennt, ungefähr berühren ...

Ihnen ... wird es nicht schwer seyn, sich, nach [e]ernsteren Beschäfftigungen, auch auf diesen Gesichtspunct zu stellen und durch Ihren Nahmen und Ihre Theilnahme ein Geschäfft zu begünstigen, das dienen soll, die Menschen ... einander zu nähern, und, indem es die verschiedenen Formen ihres Treibens und Lebens in Einem Geiste vereinigt, und in harmonischen Wechsel sezt, ... sie der Beschränktheit ein wenig zu entrüken, den furchtsamen Egoismus, der immer auf Einem Puncte sto[ct]kt, zu mildern, und die Seele der Gesellschaft in schnellern Umlauf zu bringen.

In jedem Falle, unvergeßlicher Freund! werden Sie mir es verzeihn, daß ich mich mit dem alten Zutrauen an Sie gewandt und diesen Wunsch gegen Sie geäußert habe ... Haben Sie die Güte, mein Theurer! mich wenigstens bald mit irgend einer Antwort zu erfreun, und glauben Sie, daß ich, wie immer und immer mehr Sie geachtet habe und achte.

Der Ihrige

Hölderlin.

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