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»Hör auf, du kleiner Wurm!«

Peter Brügge über die Endphase der Schachweltmeisterschaft in Meran
aus DER SPIEGEL 48/1981

Seit der 14. Partie überspannte der Gedanke an das Ende jeden Zug. Mit dieser fünften ihm von Karpow eingelöffelten Niederlage schob sich die sechste und endgültige so unmittelbar gleich mit in Wiktor Kortschnois Perspektive, daß nun die Frage nach Schuld und Schuldigen überhandnahm.

Niemand eignete sich besser für eine vorsorgliche Schuldzuweisung als Victoria Sheppard, genannt Didi, die holdselig lächelnde Unheilige im orangenen Gewand der Sekte Ananda Marga. Sie war mit dem abgeschlagenen Herausforderer in sein geheimes Ausweichquartier im nahen Dorf Algund gezogen und hatte ihn dort in äußerste Meditation und Rohkost hineingehext.

Niemand eignete sich besser dazu, sich die Hände in Unschuld zu reiben, als Kortschnois damit abgehängte Lebens-Gebieterin Petra Leopoldine Leeuwerik. Sie hatte nicht mehr mitziehen dürfen. Kortschnois Schweizer Delegations-Anwalt Alban Brodbeck hatte sie im Sinne der nach Hausfrieden lechzenden Delegation Ski fahren geschickt. Nach der fünften Niederlage rief er sie zurück.

Im Hotel »Palace« verlieh sie sonnengebräunt, unter Tränen, ihren Mordgedanken gegen Didi Ausdruck. Alles habe ihr die verpatzt. Fünf schwere Jahre Arbeit an Wiktor seien vertan. Aber vielleicht sei er durch Vernunft und Proteine doch noch zu retten.

Den plötzlich scharenweise wieder anreisenden Turnier-Beobachtern, die sich ihr in interesseloser Anteilnahme zuwandten, spielte Frau Leeuwerik einen irren Optimismus vor: »Sie kommen zum Ende? Oh, es geht erst richtig los!«

Höchstens traf das zu, was das Damenringen um Kortschnoi anbelangte, dieses Gekeife um den nun gravierenden Punkt, wohin und um was der okkulte Sog der grimmig sanften Nonno Didi den ehemals kampfeslüsternen Großmeister in seinem 51. Jahr gebracht haben mag. Und Frau Leeuwerik hatte die sogar noch selber auf ihn angesetzt, schon in Baguio beim ersten Match gegen Karpow und in diesem Herbst erneut, immer in Sorge vor dem sowjetischen Psi. Aber in Meran, da war auf einmal gar kein Sinn mehr in dem Hokuspokus.

Die Schachgeschichte lehrt: In schicksalhaften Turnieren sollen Großmeister von ihren Lebensgewohnheiten nicht ab- und jedem Verdruß aus dem Weg gehen. Auch Karpow hat in der letzten Phase kaum noch den Anzug gewechselt und die Spieltage streng abergläubisch in weiße (Montag), schwarze (Donnerstag) und graue (Samstag) unterteilt.

Von Weltmeister Aljechin war der Weg, auf dem er zum Turnier gehen würde, so berechenbar, daß Freunde ihn darauf ein Hufeisen finden lassen konnten, worauf er eine scheinbar hoffnungslose Hängepartie gewann.

Was aber hat Kortschnoi mit sich anstellen lassen? Bis zu sechs Stunden am Tag übte er unvorbereitet mit Didi eine spannungstötende Selbst-Versenkung. Er, ein renommierter Allesfresser, wurde von ihr auf Gemüse umgestellt. Da die Tiroler Hauswirtin solchen Fraß nicht bereitete, zog eben ein Koch der Sekte ins Haus. Es bewirkte auch nichts, daß ein für die Pflege des gesamten Kortschnoi eigentlich verpflichteter Schweizer Arzt und Psychotherapeut Didis übergreifenden Einfluß für bedrohlich erklärte und abfuhr.

Kortschnoi fühlte sich durch Didi zu angenehm sediert. Außerdem hatte sich noch eine weitere junge Frau seines Gemütes bemächtigt, eine gewisse Natascha Pesikowa, Sowjetbürgerin in amerikanischem Exil. Die war einmal mit Kortschnois Sohn Igor verlobt, kam für ein paar Tage und ging nicht mehr.

Anfangs hatte Petra Leeuwerik den Herausforderer gegen Gespräche über seine in Leningrad zurückgebliebene Frau und den als Wehrdienstverweigerer im sowjetischen Straflager leidenden Igor abgeschirmt. Nun, mit dem kindhaften Fräulein Pesikowa, wurde das Gegenteil masochistische Methode. Kortschnoi steuerte so etwas an: auch die schreckliche Zeitnot, in die er jeweils zwischen dem 30. und 40. Zug einer Partie hineintrödelte, nur um sie zu erleiden, mit zerfurchter Miene, taumelnd und benommen vor Leistungsdruck.

Umgeben wenigstens wollte er sich mit Jugend, über die der zwanzig Jahre jüngere Weltmeister noch in sich verfügt. Mit dem Rücken an der Wand wollte er S.240 noch und noch seine Notstandskräfte abfackeln. Von einer Kreuzzugsidee erhoffte er sich instinktiv Stärke. Und die Mädchen haben ihn erbarmungslos befeuert. Was herauskam, waren Fehlzüge, geistige Absenz und unvermittelte Wut: Flackern ohne Feuer.

Frau Leeuwerik hat vergebens gewütet, solange jemand auf sie hörte. Es wurde um Regenerations-Methoden gestritten, um Hausmacht, um Haushaltsgeld. Viktor Kortschnoi intervenierte weinerlich: »Petra, du warst heute wieder so häßlich zu Didi.«

Mußte er einmal wieder zum Hotel »Palace« und dort hinauf zu Petra in den sechsten Stock, so stürzte Didi hinter ihm drein zum Lift. Gewaltsam zerrte der Anwalt Brodbeck sie zurück, um dort oben Schlimmeres zu verhüten.

Selbst der frühere Weltmeister Michail Tal, einer unter Karpows Helfern in Meran, machte mit Bedauern Witze über die Heimsuchungen des Herausforderers: »Das Brett ist der einzige Platz, an dem er sich erholen kann.«

Verschiedentlich saßen vorn im Turniersaal bis zu sechs Gestalten in Orange und strahlten dem Herausforderer mit geschlossenen Augen Siegeswillen zu. Aber es kam nichts an. Da fiel es gar nicht auf, wie unter den sowjetischen Zivilisten lange Zeit der Moskauer Professor Modest Kabanow, ein für den Weltmeister Karpow tätiger Psychologe, Ähnliches unternahm.

Alle Aktivität im Gefolge Karpows war dieses Mal leise. Der geradezu feierlich übereinstimmenden Bemühung einer Truppe, die zusammenhielt wie ein Brückenkopf, stand Kortschnois Ensemble gegenüber als ein bunter Haufen von Exoten und Versprengten. Seine Sekundanten flirteten mit Mädchen, verschlangen Cartoons, indes Karpows Mannen Zug für Zug sofort analysierten.

Die Parole der Sowjets hieß: stiller Vormarsch. Die kratzte es nicht, wenn Kortschnoi sich zum Jahrestag der Oktoberrevolution auf einer eigenen Pressekonferenz feindlich äußerte. Die spotteten nicht, als er dort über Schach nichts sagen wollte und, leider wahrheitsgemäß, behauptete, dafür sei sein Gegner kompetenter.

Auch schluckte der zierliche, fischig kühle Weltmeister wiederholt ohne Reklamation, was ihm der ältere Feind über die Figuren weg entgegenfauchte: etwa die Drohung, demnächst Faschist geschimpft zu werden, falls er im Sessel nicht ruhiger sitze. Protest hat Karpow erst angemeldet, nachdem ihm der andere sein Hin- und Herschwenken in diesem Drehsessel mit den Worten verbot: »Hör auf, du kleiner Wurm!«

Das waren belebende Augenblicke für die Schiedsrichter, die an ihrem Tisch solche auf russisch ausgetauschten Gemeinheiten kaum mitbekamen. Einem fünfstündigen Schachkampf stumm beizuwohnen, das brachte sie selber auf verzweifelte Formen von Kommunikation. Einer schrieb auf ein Zettelchen: »Gestern waren wir nicht eingeladen, nur Olafsson« (der Präsident des Weltschachbundes Fide) und weiter: »Man sieht, wir zählen nicht.« Ein anderer kritzelte darunter: »Glücklicherweise haben wir keine Komplexe.«

Eine Schachweltmeisterschaft ist eben kein Friedensfest. Schon deswegen passen da nicht vegetarisches Leben und meditatives Ausflippen. Das war dann plötzlich wieder der Standpunkt des Rechtsanwalts Brodbeck, obwohl er um des lieben Friedens willen mit Kortschnoi und den grundlos fröhlichen Sekundanten selber nach Didis Anweisungen S.241 geübt hatte. Nach der 14. Partie verwandte er sich brüllend für die Wiederkehr sozusagen normaler Verhältnisse. Steaks für Wiktor sollten her, und Frau Leeuwerik.

Der Herausforderer war nach dieser Partie, die er infolge haarsträubender Fehler hatte aufgeben müssen, derart erledigt, daß er alles mögliche einsah. »Vielleicht wird er«, schätzte da Brodbeck, »schon in vier Wochen nicht mehr wissen, was für ein Farbe Didis Kleid gehabt hat.«

Nun, wo jedes Spiel das Ende bringen konnte, wurden alle ungemein gesprächig und besorgt. Ziemlich ernsthaft eröffnete der dänische Großmeister Bent Larsen vor einem Kursaal voller Schachfreunde seine Kommentierung der Vorgänge am Brett mit dem eigentlich alle bewegenden Grundgedanken: »Hat Kortschnoi heute Fleis gegessen oder hat er kein Fleis gegessen?« Großmeister Ludek Pachman gab bekannt, ihm habe Kortschnoi versprochen, ein würdiger Verlierer zu sein. Einer, der sich nicht mehr in eine absurde antisowjetische Pressekonferenz hineinsteigern werde.

Als vorübergehend die 16. Partie verloren schien, vollführte Frau Leeuwerik, den Namen Didi wiederholend, mit ihren reichberingten Händen demonstrative Würgebewegungen. Später jauchzte sie in den Saal das noch einmal erlösende Stichwort: »Remis!«

Als Wiktor in der folgenden 17. Partie, nun sogar mit Weiß, abermals ein Unentschieden vollbrachte, durchfuhr die Seinen ein Adrenalinstoß der Hoffnung. Die 17. hatte er bisher doch stets verloren! Mit der 18. Partie war dann - am Freitag vergangener Woche - alles vorbei.

Dem Fide-Präsidenten Fridrik Olafsson, diesem goldhaarigen, schweigsamen Großmeister aus Island, kam nun über die Lippen, mit welch unerhörter Zuversicht er darauf baue, bald nach dieser Niederlage Kortschnois Frau und Sohn in Freiheit zu sehen. So habe er vor dem Turnier seine Moskauer Gesprächspartner verstehen müssen. Von den zuständigen Großbürokraten habe eben nur keiner gewagt, die für die Sowjet-Union »völlig uninteressante« Familie herauszugeben, solange Karpow noch um seinen Titel kämpfte. »Keiner wollte nachher an was schuld sein.«

Sollten sich also die wahren Lebensentscheidungen für Wiktor Kortschnoi erst nach der Niederlage ereignen? Selbst Petra Leeuwerik dachte letzte Woche schon an derlei Konsequenzen. An ihrem Hals trug sie da noch eine 13 aus Brillanten. Gleich nach der Niederlage wollte sie die nicht mehr.

Dieses Juwel war ja auf den Umstand hin entworfen, daß der Sieger Kortschnoi heißen würde und der unter den offiziellen Weltmeistern der dreizehnte gewesen wäre. Nun aber blieb nichts übrig als eine teure Unglückszahl.

S.238Links: Natascha Pesikowa.*

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