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KAMERAS Hokus-Focus

aus DER SPIEGEL 12/1963

Dieses Gerät«, so heißt es in einem

Firmen-Exposé, »kann als das Nonplusultra ('the ultimate') der Kleinbildkameras bezeichnet werden.«

Auf der Kölner »Photokina«-Ausstellung, die am letzten Wochenende begann, ist das gepriesene Linsen-Werk zu sehen: ein Photoapparat, der die Knipskunst auf einen einzigen Handgriff reduziert.

Die Kleinbildkamera (24 mal 36 Millimeter) reguliert nicht nur - wie andere Apparate mit Automatikvorrichtung - Belichtungszeit und Blende selbsttätig. Sie bewältigt auch die dritte Einstellung von allein, die für eine exakte Aufnahme erforderlich ist: Sie mißt die Entfernung zwischen Photograph und Objekt und stellt sich automatisch scharf ein.

Diese Endlösung der Frage, wie weit sich ein Photo-Schnappschuß automatisieren läßt, wurde nicht von Deutschen ersonnen. Die »Canon Auto Focus -Camera« stammt aus Japan*.

Hiroshi Suzukawa, Direktor der Herstellerfirma »Canon Camera Co.« und Chef des Entwicklungs-Teams: »Unser Ziel war es, erstmals praktisch darzustellen, daß die Technik dem Photographen sämtliche Routinehandgriffe abnehmen kann.«

Tatsächlich haben die Japaner das Auto-Focus-System weniger als Handels- denn als Prestige-Objekt in Köln zur Schau gestellt. Vorerst haben sie nur ein halbes Dutzend dieser Kameras für die eigene Entwicklungsarbeit gefertigt. Aber sie wollen mit ihrem Hokus-Focus-Rezept einmal mehr demonstrieren, daß sie auf dem Gebiet der

Phototechnik die einst führende deutsche Industrie eingeholt haben.

Als Musterbeispiel für die Erfolgsgeschichte der japanischen Photo-Optiker kann die Firma Canon gelten, die heute zu den führenden Unternehmen der Welt zählt. Der Canon-Aufstieg begann in den dreißiger Jahren, als der Gynäkologe Dr. Takeshi Mitarai einigen Technikern den Auftrag gab, bessere optische Instrumente für den Arztgebrauch zu bauen. Wenig später brachte das junge Unternehmen auch Japans erste Kleinbildkamera heraus: eine getreue Kopie der deutschen Leica mit dem Namen »Kwannon« ("Göttin der Barmherzigkeit").

Aber bis nach dem Zweiten Weltkrieg waren die Produkte der »Canon Camera Co.« nur für den heimischen Markt von Bedeutung. Erst der Korea-Krieg brachte die Wende. »Die Korea-Korrespondenten - so das amerikanische Nachrichtenmagazin »Time« - »erzählten überall, daß die japanischen Qualitätsobjektive mindestens so gut seien wie die deutschen Linsen«, die bis dahin als die besten galten, aber teurer waren als die Erzeugnisse aus dem Fernen Osten.

Bald gelang den Japanern auch, Breschen in die von den Deutschen beherrschten Exportmärkte zu schlagen. Japanische Kameras reüssierten namentlich in den USA: Fabrikate wie Canon, Nikon und Yashica bremsten den Verkauf der deutschen Marken Leica, Contax und Rolleiflex.

Unter Berufslichtbildnern polierten die Japaner ihren Ruf weiter auf, als sie - eher als die deutsche Industrie - besonders lichtstarke Objektive anboten, so

- ein Weitwinkel-Objektiv (35 Millimeter) mit der Lichtstärke 1:1,5 (zu dieser Zeit hatte das stärkste deutsche Objektiv dieser Art nur eine Lichtstärke von 1:2,8 - das heißt, es erforderte bei voller Blendenöffnung eine viermal längere Belichtungszeit) oder

- ein Super-Objektiv mit der exzeptionellen Lichtstärke 1:0,95 (Werbeslogan: »Viermal schneller als das menschliche Auge").

Den größten Erfolg über die deutsche Konkurrenz errangen die Japaner in jüngster Zeit mit Acht-Millimeter -Schmalfilmkameras, die sie mit sogenannten Gummilinsen auf den Weltmarkt schleusten: 1961 verkaufte Japan 204 435 Schmalfilmgeräte nach Amerika, Deutschland hingegen nur 2231.

Die mächtigste japanische Photofirma war, wie die deutschen Konkurrenten bald erfahren mußten, eben jene »Canon Camera Co.« in Tokio unter ihrem Präsidenten Mitarai, der die Geburtshilfe längst zugunsten des Kamerageschäfts aufgesteckt hatte. Und Canon -Techniker waren es auch, die im Zuge der japanischen Linsen-Offensive den Versuch unternahmen, die Kleinbildkamera restlos zu automatisieren.

Freilich, Kamera-Konstrukteure allein vermochten die Aufgabe nicht zu bewältigen. Denn das Kernproblem der Vollautomatik, die selbsttätige Schärfe -Einstellung, ist mit rein optischen Mitteln nicht zu lösen. Ein halbes Dutzend Transistoren im Gehäusedeckel der »Canon Auto Focus« sowie etliche Mikromotoren und zwei Stabbatterien als Kraftquelle verdeutlichen denn auch, wie die Japaner zu Werke gingen: mit Mitteln der Elektronik.

Schon beim Einlegen des Films beginnt das, was die Canon-Leute unter Automatisierung der Photographie verstehen: Die Kamera tastet eine Markierung an der Filmpatrone ab und stellt sich von allein auf die Empfindlichkeit des eingelegten Films (Din-Zahl) ein. Die verwickelte Aufnahme-Elektronik selbst setzt der Photograph durch Druck auf den Auslöser in Betrieb: In schneller Folge rollt das Programm ab.

Zunächst ermittelt die Schärfe-Automatik die Entfernung zwischen der Kamera und dem Objekt, das der Photograph in einem in der Mitte des Suchers markierten Zielfeld anpeilt. Gleichzeitig stellt sich die Aufnahmelinse auf den ermittelten Wert ein.

Diese Automatikvorrichtung besteht aus einem Bildempfänger, einem elektronischen Schärfedetektor und einem elektronischen Kontrollsystem.

Das Auge des Bildempfängers ist auf der Vorderseite der Kamera neben dem Aufnahme-Objektiv sichtbar. In Ruhestellung sind Aufnahme-Objektiv und der damit gekoppelte Schärfedetektor auf die Entfernung »unendlich« eingestellt. Sobald der Auslöser betätigt wird, beginnt ein Mikromotor die Aufnahmelinse zu bewegen - und zwar so lange, bis der synchron mutlaufende Schärfedetektor feststellt, daß die Kamera richtig eingestellt ist.

Unmittelbar danach werden automatisch

- die Lichtverhältnisse gemessen und Blende sowie Belichtungszeit entsprechend eingestellt,

- wird das Bild belichtet und

- der Film durch einen Mikromotor um ein Bild weitergerückt sowie der Verschluß neu gespannt.

Als Nachteil erscheint zunächst, daß die Auto-Focus-Kamera sich stets nur auf den genau in Suchermitte liegenden Teil des Bildes scharf einstellt. Der Photograph kann jedoch nach dem automatischen Scharfeinstellen den Programmablauf unterbrechen und den

ihm genehmen Bildausschnitt wählen. Die Schärfe bleibt dann exakt für die Bildpartie erhalten, die der Photograph scharf abzubilden wünscht.

Die Japaner erklärten in Köln, daß sie mit der etwas unhandlichen Form und dem Gewicht ihres Bilder-Automaten (ein Kilogramm) noch nicht zufrieden seien. Mit Mitteln der Miniaturisierung - der systematischen Geräte-Verkleinerung, wie sie speziell von den Amerikanern für die Ausstattung von Weltraumsonden und Erdsatelliten entwickelt wurde - glauben sie indes, die Elemente der Schärfe-Automatik wesentlich kleiner machen zu können.

* Auto Focus: abgeleitet aus »automatie focussing« = automatische Schärfe-Einstellung.

Kamera-Konstrukteur Suzukawa, »Auto Focus«-Kamera: Automatisch scharf

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