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FERNSEHEN Holledauer Schimmel

Die ARD-Direktoren hatten ein bundesweites Drittes Programm vorbereitet. Doch die Intendanten legten ihr Veto ein.
aus DER SPIEGEL 47/1971

Deutschlands Fernseh-Direktoren planten eine schöne Bescherung: Zu Weihnachten dieses Jahres, vom 20. Dezember bis zum 2. Januar, wollten sie die Dritten ARD-Programme zusammenschalten und in den fünf Regional-Kanälen zwei Wochen lang ein gemeinsames Qualitätsangebot ausstrahlen lassen.

Als Frucht dieses -- mittlerweile gescheiterten -- Projekts »ARD III« erhofften sich die Planer endlich eine stärkere Resonanz für die Dritten Programme. Denn die, so klagt der ARD-Chefkoordinator Lothar Hartmann. seien bislang »im Bewußtsein unserer Zuschauer noch zu wenig verankert«.

Während rund 25 Millionen Bundesdeutsche pro Abend das Erste oder das Zweite Fernsehprogramm betrachten, wählt kaum eine Million eine der fünf dritten TV-Wellen, die 1970 für 182 Millionen Mark insgesamt 441 095 Sendeminuten bestritten haben. Die »Nordkette« (NDR, SFB, RB) »Südwest III« (eine Koalition aus Südfunk, Südwestfunk und Saarländischem Rundfunk) sowie die selbständigen Dritten Programme des Hessischen. Bayerischen und Westdeutschen Rundfunks stehen im Ruf, elitär und zugleich provinziell zu sein.

Sie alle halten -- trotz Produktionsabsprachen und Programmaustausch -- strikt auf Regional-Appeal und föderative Privilegien. Sie bilden, lehren und belehren -- aber die Friesen anders als die Schwaben, die Hessen zu anderer Zeit als die Bayern.

Sie wenden sich an »wechselnde qualifizierte Minderheiten« (WDR-Fernsehdirektor Werner Höfer), wollen es mit Fortbildungskursen, Theaterpremieren, Kino-Novitäten und Avantgarde-Kunst möglichst vielen recht machen und kommen dennoch bei ihren Zielgruppen nicht in dem Maße an, wie sie es verdienten.

Diesem Mißstand wollten die Programmdirektoren mit ihrem in diesem Frühjahr konzipierten Fusions-Test abbelfen. Sie beauftragten deshalb den WDR, aus den Angeboten der fünf Pools ein Gemeinschaftsprogramm zusammenzustellen; der NDR sollte die technischen Voraussetzungen prüfen.

Bei Kollegen und Konkurrenten jedoch stieß der Plan sofort auf Widerstand. Als erster erhob der ZDF-Intendant Karl Holzamer Einspruch gegen eine »Ausweitung zu einem Dritten Voll-Programm« -- Eine weitere ARD-Kette, dekretierte der Mainzer Professor, entspreche nicht »den berechtigten Erwartungen der Zuschauer« --

Wenig später, Ende Mai, scherte Münchens Fernsehdirektor Helmut Oeller aus der konzertierten Aktion aus: »Die Komposition des Programmablaufs muß in der Verantwortung der jeweiligen Anstalt bleiben.«

Davon unbeeindruckt, änderte das Rest-Gremium nur den Namen des Gemeinschaftsprojekts in »Co-op III«. Und am 5. Juli verfaßte der Kölner Kulturchef Hans-Geert Falkenberg den dritten (und letzten) Programmentwurf.

Schwerpunkt in Falkenbergs Planspiel, das »ein Optimum der verschiedenen Programmkonzeptionen in sich vereinte« (so der Autor heute), war der -- mit Ausnahme Bayerns -- bundesweite Start der US-Kinderserie »Sesame Street« --

Als Zugnummern waren zwei Folgen der englischen Krimiserie »Task Force Police« und der »Zirkus Sammy Davis jr. eingeplant, und Glanzlichter für das Festtagsangebot wollte Falkenberg vom Theater und aus dem Ausland beziehen: für Heiligabend die Baseler Beckett-Inszenierung »Warten auf Godot«, für die beiden Weihnachtstage das Ibsen-Drama »Peer Gynt« in der hochgerühmten Inszenierung der Berliner Schaubühne am Halleschen Ufer, schließlich Top- Produktionen des französischen Show-Regisseurs Jean-Christophe Averty.

Das Potpourri gefiel den Programmdirektoren. Nur Dietrich Schwarzkopf vom NDR hatte technische Bedenken. Das Leitungsnetz der »Tagesschau«. so belehrte er seine Kollegen, könne für dieses Projekt nicht benutzt werden, und die Post werde jede Stunde Zusammenschaltung mit 40000 Mark berechnen. Leitungsgebühren für das zweiwöchige Sonder-Programm demnach: gut drei Millionen Mark.

Das technische Handikap war wiederum den ARD-Intendanten, die den Plänen ihrer Direktoren von Anfang an skeptisch gegenübergestanden hatten, durchaus willkommen. Einem internen Sitzungsprotokoll vertrauten sie zudem »rundfunk- und programmpolitische Bedenken« an.

Flugs distanzierte sich WDR-Chef Klaus von Bismarck von dem Vorhaben, einem Lieblingsplan seines Direktors Höfer. Der Frankfurter Intendant Werner Hess hielt Weihnachten für einen ungeeigneten Test-Termin und äußerte »grundsätzliche Einwände« gegen ein bundeseinheitliches Drittes Programm; sein Münchner Kollege Christian Wallenreiter fürchtete neue Koordinationsverpflichtungen gegenüber dem ZDF.

NDR-Boß Gerhard Schröder lehnte es sogar ausdrücklich ab. das Projekt »auf anderen technischen Wegen« zu realisieren -- was möglich gewesen wäre: Die größtenteils vorfabrizierten Sendungen hätten für wenig Geld auf Magnetband kopiert, den einzelnen Anstalten zur synchronen Ausstrahlung überlassen und anschließend wieder gelöscht werden können.

Aber ein bundesweites Drittes Programm auf Probe. darin waren sich die Intendanten einig, würde einen gefährlichen Präzedenzfall schaffen: Einmal von den Vorzügen einer dritten TV-Kette überzeugt, würde das Publikum womöglich auf Dauer-Einrichtung drängen und so das föderative ARD-System neuerlich belasten.

Nun dürfen die Dritten, Bayern ausgenommen, nur an den Weihnachtstagen gemeinsame Sache machen: Das auf zwei Abende verteilte Ibsen-Drama (Produktionskosten: mehr als 120 000 Mark) wird vom NDR aufgezeichnet und für die drei anderen Sendenetze auf Magnetband kopiert. Die Bayern senden als Kontrastprogramm ein »Schelmenstück aus dem Hopfenland« mit dem Titel »Holledauer Schimmel«.

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