Mohamed Amjahid

Holocaustgedenken Die deutsche Erinnerungsüberlegenheit

Mohamed Amjahid
Ein Gastbeitrag von Mohamed Amjahid
Deutsche schleppen traumatisierte Flüchtlinge in KZ-Gedenkstätten und rühmen sich dafür, wie toll sie mit ihrer Nazifamiliengeschichte umgehen. Mit dem deutschen Gedenken an den Holocaust stimmt etwas nicht.
Holocaustgedenken: Haben wir in Deutschland nicht genug geleistet?

Holocaustgedenken: Haben wir in Deutschland nicht genug geleistet?

Foto: Stefan Boness/Ipon / imago images/IPON

Ist es okay, das Vermögen vom deutschen Opa zu erben? Eine aktuelle Feuilleton-Debatte  fragt nach der Nazidividende, von der bis heute viele weiße Deutsche profitieren. Dementsprechend können wir uns mit unzähligen Kontinuitäten aus den zwölf Jahren des nationalsozialistischen Terrors beschäftigen. Denn es handelt sich um Kontinuitäten, die bis heute sehr wirkmächtig sind. Die Frage stellt sich: Wie beschäftigen wir uns mit (den immanenten Nachwirkungen) der deutschen Geschichte? Und mit welchen Hintergedanken tun wir das?

Es sind mehr beiläufige Beobachtungen, die mich langsam verstehen ließen, dass etwas nicht stimmt mit der deutschen Gedenkkultur: Weiße Deutsche lächeln in den sozialen Medien in die Kamera, während sie Stolpersteine putzen, weiße Deutsche schneiden sich aus der »Bild« eine gedruckte Papierkippa aus, setzen sie auf und denken, sie könnten damit Solidarität performen, weiße Deutsche erzählen von ihren Nazieltern und -Großeltern und sind irgendwie stolz darauf, dass sie »den Hass ein für alle Mal« überwunden haben sollen.

Es soll nun falsch sein, Erinnerungskultur öffentlich zu leben und stolz darauf zu sein? Was falsch und was richtig ist, kann ich nicht beurteilen. Ich kann auch nicht für Nachfahren und Communitys sprechen, die bis heute mit den Folgen der Verbrechen des Nationalsozialismus leben müssen. Dieser Text möchte sich in erster Linie mit dem Handeln und Sprechen von weißen Deutschen und mit der Positionierung einiger Nachfahr*innen der Täter*innen auseinandersetzen.

Mich interessieren dabei vor allem zwei konkrete Fragen: Warum wird in Deutschland gedacht? Und wie wird dieses Gedenken nach außen, also gegenüber vermeintlich fremden Gruppen, getragen?

Es ist unmöglich, mit absoluter Sicherheit über die Intention eines Menschen oder einer Gesellschaft zu schreiben. Ich kann ja nicht in Köpfe blicken. Und dennoch frage ich mich oft, ob es heute beim Bewahren, beim Leben der an sich wichtigen und richtigen deutschen Erinnerungskultur einen Hintergedanken gibt. Zum Beispiel bei dieser kleinen Geschichte:

Eine Syrerin kam, schwer vom Krieg in ihrem Land traumatisiert, 2015 in Deutschland an. Kurze Zeit später saß sie in einem Deutschkurs. Die Frau erzählte mir, wie ihre Lehrerin nach wenigen Wochen auf die Idee kam, mit ihrer Klasse einen Ausflug in eine KZ-Gedenkstätte zu unternehmen. Die Syrerin wusste nicht, worauf sie sich da unvorbereitet einließ. In der Gedenkstätte, so berichtete sie mir, brach sie bei der Führung seelisch zusammen. Sie gab sich Mühe, sich nichts anmerken zu lassen, die weiß-deutsche Lehrerin sei einfach zu glücklich und stolz auf sich gewesen, dass sie ein paar unwissende Geflüchtete aufklären konnte. Das Trauma der geflüchteten Frau bekam dadurch aber ein schreckliches Update. Und sie fühlte sich in Deutschland, das für sie plötzlich zum Land der Täter wurde, nicht mehr sicher.

Der Soziologe Y. Michal Bodemann hat einen praktischen Begriff erfunden: Erinnerungstheater. Demnach geht es vielen weißen Deutschen mit ihrer Erinnerungskultur nicht um die mahnend wirkende Erinnerung selbst, sondern um die eigene Wiedergutwerdung: Schaut her, ich bringe syrische Geflüchtete in die KZ-Gedenkstätte (um vielleicht damit im Freundeskreis anzugeben), ich putze Stolpersteine (weil ich Politiker*in bin, bald Wahlen sind und das gute Bilder gibt), ich setze in der Öffentlichkeit eine Kippa auf (obwohl ich mich bei der Beschneidungsdebatte oder beim Thema Schächten von Nutztieren gegen jüdische Praktiken gestellt habe) oder ich rede extensiv über meinen Opa, der bei der Waffen-SS dafür verantwortlich war, dass Menschen deportiert und vernichtet wurden, und das alles macht mich irgendwie zu einem besseren Menschen.

In der Breite erwächst aus diesem Erinnerungstheater nicht selten ein prodeutsches Marketing: Seht her, wir sind in der Geschichte die ultimativen Bösen gewesen. Weil wir das heute aber aufgearbeitet haben, sind wir nun die Superguten und können allen anderen Anweisungen geben. Ich nenne dieses Phänomen: Erinnerungsüberlegenheit.

Der CDU-Bundestagsabgeordnete Philipp Amthor suggerierte in einem Interview zum 75. Jahrestag der Befreiung des KZ Auschwitz-Birkenau, dass Antisemitismus aktuell vor allem ein migrantisches (und damit kein weiß-deutsches) Problem sei. Er sagte: »Antisemitismus, das darf man nicht vergessen, ist vor allem in muslimisch geprägten Kulturkreisen besonders stark vertreten.« Diese Worte fielen wenige Wochen nach dem Attentat von Halle, bei dem ein weißer deutscher Rechtsextremist Dutzende Jüdinnen*Juden in einer Synagoge erschießen wollte und den Plan hatte, auch Muslim*innen zu töten. Erinnerungsüberlegenheit wird zum ultimativen Ausschlussmechanismus gegenüber anderen verletzbaren Minderheiten.

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Unbestritten, auch unter Muslim*innen gibt es Antisemitismus. Aber Philipp Amthor könnte an sensiblen Jahrestagen etwas mehr Demut zeigen. Seine Partei setzte politisch auch das Gegenteil von dem um, was gute Erinnerungsarbeit leisten sollte: Am 30. Januar 2020 blockierte die Koalition aus CDU/CSU und SPD mit ihrer Mehrheit im Bundestag eine Gesetzesänderung, die Nachfahren der in der NS-Zeit ausgebürgerten Jüdinnen*Juden die deutsche Staatsangehörigkeit zurückgeben würde. Ein neues Gesetz schaffe »weniger Rechtssicherheit«, rechtfertigt Amthor die ablehnende Haltung seiner Fraktion. Es ist wichtig, über die deutsche Erinnerungsüberlegenheit zu sprechen, um die Diskrepanz zwischen dem Erinnerungstheater und dem konkreten Handeln zu verdeutlichen.

Gegen eine kritische Evaluation der Aufarbeitung deutscher Geschichte wehren sich aber viele. Ein weiteres Beispiel: die Aufarbeitung des deutschen Kolonialismus, der Genozid etwa im heutigen Namibia. Darüber habe ich in der Vergangenheit mehrfach publiziert. Daraufhin bekam ich erboste Zuschriften und auf Lesungen manchmal auch empörte Monologe zu hören. Der Tenor: Haben wir in Deutschland nicht genug geleistet? Können wir nicht einen Schlussstrich ziehen? Wir haben schon den Holocaust durchgearbeitet, jetzt auch noch Kolonialismus? Dabei existieren zwischen dem deutschen Kolonialismus und der NS-Zeit ebenfalls Kontinuitäten, über die wir unbedingt reden müssen.

In den vergangenen Jahren saß ich an vielen Tischen beim Mittagessen oder Abendbrot mit weißen Bekannten oder Kolleg*innen. Nach einigen Gläsern Wein fingen einige weiße Deutsche an den Tischen an, über ihren Nazifamilienhintergrund zu erzählen. Sie bestärkten und lobten sich gegenseitig für ihre Erkenntnisse heute. Ich schaute meistens nur fasziniert zu, bis mich jemand fragte, warum ich so still sei, und ich antwortete: »Mein Opa war kein Nazi.«

Dieser Satz wirkt immer wieder wie eine Störung. Sie wirft aber auch die Frage auf: Wie gehen wir in einer multikulturellen Gesellschaft mit Erinnerung um? Ich glaube, darauf kann nur die multikulturelle Gesellschaft gute Antworten geben, rein weiße Perspektiven führen zumindest in die Irre, wenn nicht schlimmer. Einige am Tisch erzählen mir dann, wie ihre Kinder dagegen rebellieren, überhaupt Verantwortung für die deutsche Geschichte zu übernehmen oder schlicht zu gedenken. Irgendetwas stimmt wirklich nicht mit der Art und Weise, wie wir in Deutschland erinnern und mahnen.

Einen Moment, der mich wirklich erschaudern ließ, erlebte ich in Anwesenheit eines weißen, preisgekrönten, vermeintlich linksliberalen Autors. Er sagte mir: »Ich werde nie verstehen, wie man 1933 in Deutschland leben und sich den Nationalsozialisten anschließen konnte. Ich wäre auf jeden Fall in den Widerstand gegangen!« Diese Aussage führte mir vor Augen, dass viele weiße Deutsche (mit Nazifamiliengeschichte) nicht verstanden haben, dass menschenfeindliche Ideologien wirkmächtiger sind als ein idealisiertes Selbstbild.

Es kann gut sein, dass der besagte Autor 1933 als Redakteur beim »Stürmer« gelandet oder mindestens ein geneigter Leser gewesen wäre. Damals standen immerhin erschreckend viele Deutsche hinter dem Regime, das eine historisch gewachsene Menschenfeindlichkeit in Genozidpolitik übersetzte. Mit politischer Demut und weniger selbstbezogener Erinnerungsüberlegenheit die manipulativen Gefahren menschenfeindlicher Ideologien zu erkennen – das ist aus meiner Sicht eine Grundvoraussetzung, um aus der Geschichte wirklich etwas zu lernen.

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