Holocaust-Gedenktag Man darf sich an die Gewöhnung nicht gewöhnen

Heute ist ein besonders wichtiger Tag, um die Stolpersteine zu sehen, die Geschichte der Opfer zu erzählen – aber auch um an die Mannigfaltigkeit des Mordens zu erinnern. Das bringt keine Erlösung, ist aber nötig.
Holocaustmahnmal in Berlin

Holocaustmahnmal in Berlin

Foto: Maja Hitij / Getty Images

Heute war sie wieder viel zu hören und zu lesen, diese beschwörende, so gut gemeinte Formel vom »Zivilisationsbruch der Schoa«. In einem früheren Kontext war es ein wichtiges Wort: Es entkräftete jene Zeitgenossen, die auf andere Länder verwiesen, weil auch die Briten, auch die Amerikaner Lager hatten, weil auch Stalin und Mao Millionen ermordet haben. Was Deutschland da verbrochen hat, das war eben nicht vergleichbar, es war ein Bruch in einer historischen Entwicklung von der Barbarei zur Zivilisation, vom Recht des Stärkeren zum Rechtsstaat. Die Deutschen sind da ausgestiegen, und dafür gibt es Erklärungen im Sinne von Beschreibungen, aber keine Entschuldigung.

Heute ist der Diskussionskontext wieder ein anderer, und Zivilisationsbruch, das klingt eben, als sei das Problem der Nazis und der anderen Täterinnen und Täter, dass sie nicht mit Messer und Gabel essen konnten. Dabei konnten sie es, oft sogar gleich nachdem sie das Handwerk des Mordens ausgeübt haben. Die Genese der Begriffe, mit denen wir über das Verbrechen reden, ist Teil der deutschen Psychogeschichte. Sie beziehen sich auf frühere Begriffe, verweisen aufeinander und nur für Eingeweihte noch auf die Sache.

Wir können schlicht nicht sicher sein

Die überfordert, noch immer, und wird es immer tun. In diesem Kontext kommt immer der Punkt, an dem Begriffe mehr verbergen als offenbaren, an dem ihr Gebrauch zur Schonung des Publikums dient, und wer wollte diesen Impuls ernsthaft kritisieren? Aber man darf sich an die Gewöhnung nicht gewöhnen, weil die extreme Rechte immer noch dabei ist, mit der Rede vom »Fliegenschiss der deutschen Geschichte« oder mit der Verhöhnung des »Schuldkults« eine Banalisierung zu betreiben, weil der Fall der Sekte QAnon zeigt, wie rasch irre Ideologien in Gewalt münden können, und weil wir schlicht nicht sicher sein können, dass sich solche Verbrechen nicht wiederholen. Und vor allem weil wir es dem Gedenken an diese Opfer schuldig sind: von ihnen zu erzählen. Von dem, was ihnen widerfahren ist und wer die Schuld daran trägt. Und dem, wer sie davor waren. Es ist wenig genug, das letzte, was wir in der Hilflosigkeit der Nachgeborenen tun können.

Wovon zu reden und zu schreiben ist, ist der Massenmord an Bürgerinnen und Bürgern Europas, an Menschen, die ebenso planmäßig wie grausam ermordet wurden. Mit Giftgas, aber auch mit Schusswaffen, durch Schläge, durch den Entzug von Nahrung, Wasser und Pflege, auf Gewaltmärschen und im Einsatz für die Sklavenarbeit. Auf jede nur erdenkliche Weise, ohne Gnade, und als Motiv nur Hass und eine Ideologie, die selbst schon ein Verbrechen ist. Und je mehr wir wissen, desto heftiger wird dieses überwältigende Gefühl der Verzweiflung angesichts dessen, was unsere Vorfahren verbrochen haben. Aufklärung macht es noch düsterer.

Mannigfaltigkeit des Mordens

Die Vorstellung des unmenschlichen, industriellen Mordens in den Gaskammern der Vernichtungslager prägte lange das Gedenken. Aber die Forschung zoomte näher, beschrieb die Mannigfaltigkeit des Mordens, die Spontaneität der Taten, zeigte die Nähe von Tätern und Opfern auf und machte es so nur noch unerträglicher. So heftig der Schock der Fernsehserie »Holocaust«, des Films »Schindlers Liste« war und so sehr man diese Aufklärung würdigen muss: Noch die deutlichste fiktionale Darstellung des Massenmords ist eine komplette Beschönigung und zeigt die für ein postmodernes Publikum angenehme Benutzeroberfläche.

Die Präzision ist der einzig verbliebene Weg, sich dem Verbrechen zu nähern. Er ist nicht einladend, kaum zu bewältigen. Da ist etwa dieses vor zehn Jahren erschienene Buch, »Die Verlorenen« von Daniel Mendelsohn. Der amerikanische Literaturwissenschaftler macht sich darin auf die irre komplizierte Suche nach entfernten Verwandten, seinem Großonkel Schmiel, dessen Frau Frydka und ihren vier Töchtern. Über viele hundert Seiten rekonstruiert Mendelsohn das Schicksal dieser Familie. Sie waren nicht in Auschwitz, als sie starben, sondern in ihrem ukrainischen Heimatdorf Boleschow, wo sie angesehene Leute waren. Als die Deutschen anrückten, versteckten sie sich.

Sie wurden verraten, aus einem Keller gezogen und vor einem Apfelbaum erschossen. Und wenn man in Deutschland so eine Suche unternehmen würde wie Daniel Mendelsohn, eine Archäologie der Familien und der verschwiegenen Verbrechen, dann würde man irgendwann an so einem Punkt landen, an dem keine Konzepte und Begriffe mehr helfen. Man würde auch so etwas finden, würde im Garten eines Hauses landen, und wo Mendelsohn die Opfer des Mordes fand, da würde man einen fernen Verwandten finden, der damals abgedrückt hat. Warum? Das ist der Weg einer Erinnerung, die keine Erlösung bringt, aber die nötig ist: Aus dem Massenmord an den Juden Europas wieder den Mord an dieser Person zu machen.

Vor vielen Wohnhäusern geben die Stolpersteine Auskunft über die Menschen, die hier einst gelebt haben, die abgeholt wurden. Heute ist ein guter Tag, sie in Ruhe anzusehen, über die Geschichte nachzudenken, die sie erzählen – und an jene, die sie nicht erzählen, nämlich wer es war, der sie geholt hat, wer es gut fand, und wer es sah, aber nie mehr etwas sagte.