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Zensur Honeckers Triebkräfte

Eine Berliner Ausstellung zeigt die alltägliche Zensur-Praxis in der ehemaligen DDR.
aus DER SPIEGEL 15/1991

Die beiden waren sich sozialistisch zugetan. Mit »Freundschaft« verabschiedete sich der eine, der andere entbot immerhin »herzliche Grüße«. Einig wurde man sich allerdings erst, als der Mächtigere nach alter Weise die Instrumente sehen ließ: »Es wäre uns sehr schmerzlich, wenn Du Dich nicht in der Lage sehen würdest, unseren Wunsch zu erfüllen.«

Zwei Wörter nur waren es, die der Genosse Erich Honecker, damals 1. Vorsitzender der Freien Deutschen Jugend (FDJ), im Sommer 1951 dem Staatsdichter Bertolt Brecht ausreden wollte. In dem Lied »Einladung«, das Brecht für die Weltfestspiele zur Musik von Paul Dessau geschrieben hatte, war zwar kämpferisch-brav von den »Öfen von Siemens Plania« und dem neuen »Ulbrichtstadion« die Rede, aber der sonst so listige Dichter hatte übersehen, daß »unsererseits begründete Einwendungen bestehen gegen die Anführung des Namens Ernst Busch«.

Der international bekannte Partei-Sänger, Bürgerkriegsteilnehmer in Spanien und alles andere als schwankend in der reinen kommunistischen Lehre, sollte bei der Gelegenheit der Weltfestspiele nicht unnötig »popularisiert« werden - meinte jedenfalls die Partei. Obwohl Brecht sich heftig sträubte, darauf bestand, daß sich der Name des Barden aus dem Lied sowenig »herausoperieren« ließe wie aus Goethes Lied »An den Mond« ("Füllest wieder Busch und Tal"), mußte er doch nachgeben. Der Genosse Erich hatte die Macht und damit ganz einfach recht. Das (herzlich schlechte) Gedicht erschien in der DDR vollständig erst 1969, 13 Jahre nach Brechts Tod.

Dieses Beispiel ist nur eines unter Dutzenden von Fällen, die eine Ausstellung im Berliner Literaturhaus rekonstruiert**. »Zensur in der DDR« führt auf erschreckende Weise vor, wie selbstverständlich die staatlichen Vor-Denker Teil des Verlagsgeschäfts waren. Der Schwerpunkt liegt dabei nicht ** Bis 1. Mai, vom 15. Mai an im Litera- _(turhaus Frankfurt am Main. Katalog 30 ) _(Mark. * Als FDJ-Vorsitzender 1949 in ) _(Leipzig. ) auf den ausgiebig dokumentierten Fällen von Erich Loest und Reiner Kunze (SPIEGEL 38/1990 und 50/1990), sondern es geht vor allem um die graue Praxis, das schreckliche, tagtägliche Durchwursteln.

Kein Wunder, daß die Bücher, die in der ehemaligen DDR erscheinen konnten, nach philologischen Maßstäben von einer Qualität waren, die kaum sonst irgendwo auf der Welt erreicht wurde. Jedes Manuskript wurde, bevor die begehrte »D. G.«, die Druckgenehmigung, erteilt war, von mehreren Gutachtern und Lektoren betreut - und ihm auf die Weise möglichst jede Konterbande ausgetrieben.

Ein Zettel aus dem Verlag Neues Leben verrät, wie gründlich dabei zu Werke gegangen wurde: In der DDR sollte es, so die Vorgabe für den Lektor, keinen »Generationskonflikt« geben, der hieß »Miteinander von jung und alt«; »Waldsterben« kam nur im Westen vor, im Osten durften allenfalls »Waldschäden« beklagt werden; und nicht einmal von einem »ökon. Hebel« durfte im Arbeiter-und-Bauern-Staat die Rede sein, das waren anonyme »Triebkräfte«.

Der ostdeutsche Staat nahm die Fürsorgepflicht für seine Bürger bitter ernst. So bereitete etwa der ehemalige Heizer Wolfgang Hilbig der Hauptverwaltung Verlage und Buchhandel gewaltige Sorgen. Das Problem Hilbig war nicht ohne weiteres aus der Welt zu schaffen; Ursula Ragwitz, die Leiterin der Abteilung Kultur im Zentralkomitee der SED, und Klaus Höpcke, der Stellvertretende Kulturminister, zerbrachen sich deshalb gründlich den Kopf. In einem Brief Höpckes an die »liebe Genossin Ursel Ragwitz« heißt es 1983 kummervoll, daß Hilbig unter der Veranlagung leide, »sich dem Leben von seinen problematischen Seiten her zu nähern«. Mit Hilbig gab man sich alle pädagogische Mühe, allein es half nichts: Der einst wegen »Rowdytums« Festgenommene zog es 1985 vor, seinen Hauptwohnsitz in den Westen zu verlegen.

Oder Gert Neumann. Dem Autor wurde Manuskript um Manuskript wegen angeblich fehlender literarischer Qualität abgelehnt. Als er sich in seiner Verzweiflung an das Kulturministerium wandte, wurde ihm beschieden, daß er keine Pressionen mehr zu gewärtigen hätte, »sofern Sie selbst willens sind, Literatur zu schreiben, in der die Verfassung der DDR und die Gesetze unseres Staates geachtet werden«.

Im offenkundigen Bestreben, den Sozialismus auch nach rückwärts in die Geschichte auszubreiten, durften sogar die Klassiker kupiert werden. Der Buchverlag Der Morgen hatte 1978 den Schriftsteller Volker Braun damit beauftragt, ein Nachwort zu einer Ausgabe mit Briefen von und an Georg Büchner (1813 bis 1837) zu verfassen. Als Braun sich die Freiheit nahm, Büchner zustimmend zu zitieren ("Wenn in unserer Zeit etwas helfen soll, so ist es Gewalt"), wurde prompt reagiert: Das bestellte Nachwort durfte nicht erscheinen.

Nicht nur auf die empfindliche Parteiideologie, auch auf den Großen Bruder im Osten mußte Rücksicht genommen werden. In einem Exemplar des Romans »Tod am Meer« von Werner Heiduczek, 1977 im Mitteldeutschen Verlag erschienen, kann man die Streichungen bestaunen, die, wie Heiduczek versichert, nach einer Intervention der Sowjetischen Botschaft von Höpcke höchstpersönlich vorgenommen wurden. In den beanstandeten Passagen kam allzu direkt zur Sprache, daß die Befreier Frauen vergewaltigt hatten.

Geradezu rührend wirkt dagegen der Ärger, den sich Günter Kunert 1978 einhandelte, als das Manuskript seines »Englischen Tagebuchs« den sozialistischen Gang ging. Kunert schildert, wie ihm von der Verhaftung eines gewissen Erich H. träumte. Und weil auch hier nicht sein konnte, was nicht sein durfte, mußte Kunert den Gegenstand seines ungebärdigen Traums auf ein schlichtes, anonymes »H.« zusammenkürzen. Einsicht zeigte der verstümmelte Autor dennoch nicht: »Ich habe das aber so geträumt.« Es half ihm nichts. Die Zensoren im staatlichen Oberstübchen wußten auch das besser. o

** Bis 1. Mai, vom 15. Mai an im Literaturhaus Frankfurt am Main.Katalog 30 Mark. * Als FDJ-Vorsitzender 1949 in Leipzig.

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