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Horst Bienek über Alexander Sinowjew: »Gähnende Höhen«

Neues aus dem Lande Ibansk Der russische Philosoph und Schriftsteller Alexander Sinowjew, 58, wurde 1978 ausgebürgert und lebt jetzt in München. - Horst Bienek, 50, hat zuletzt den Schlesien-Roman »Zeit ohne Glocken« veröffentlicht.
aus DER SPIEGEL 14/1981

Dies ist kein Essay, keine philosophische oder logische Abhandlung, ist weder Parodie noch Satire oder Groteske, auch nicht Science-Fiction und schon gar nicht ein Roman -- und ist vielleicht doch alles zugleich. In jedem Fall ist es ein Un-Buch und vielleicht das merkwürdigste, beachtenswerteste, das seit Orwells »1984« auf uns zugekommen ist.

Wir haben weder formal noch thematisch etwas Ähnliches in unserer Literatur. Wer sich noch an des Romanisten Werner Krauss ebenso genialisches wie sprödes Buch über das faschistische Reich erinnert, »PLN« hieß es, wie Postleitnummer, und meinte damit die menschliche Abbreviatur, der wird dort dazu Parallelen finden.

Eigentlich ist es nichts anderes als die genaue, nur hier und da überspitzte und gelegentlich leicht verschlüsselte Beschreibung des real existierenden Kommunismus. Und so mag es den Leser auch nicht mehr verwundern, wenn er, ziemlich erschöpft, am Schlusse der fast 1100 engbedruckten Seiten angekommen, ein weiteres Buch mit eben diesem Titel angekündigt findet: »Der Kommunismus als Realität«.

In allen Büchern von Alexander Sinowjew, die wir schon kennen (wie etwa »Lichte Zukunft"), oder in eben diesem und in jenen, die noch übersetzt werden (wie die »Notizen eines Nachtwächters"), geht es um nichts anderes, und so stehen sie da als Teile eines einzigen, in sich geschlossenen, um immer das gleiche Thema kreisenden Werkes. »Alle meine Bücher sind Kapitel ein und desselben Buches«, sagt Sinowjew. Und der Vorwurf, der Stoff, das Thema sind ja wohl danach, daß sich damit noch einige weitere tausend Seiten füllen ließen.

Daß Klassifikationen wie Satire und Groteske, auch Science-Fiction überhaupt auftauchen können, hängt einfach damit zusammen, daß der westliche Leser diese so mikroskopisch genaue, überscharf ausgeleuchtete Szene der Sowjet-Wirklichkeit als monströs, grotesk oder futuristisch empfinden mag; einem sowjetischen Leser würde es nicht einfallen, darüber zu lachen, ihm schnürt es eher den Hals zu. »Die sowjetischen Leser, die ich treffen konnte«, sagt deshalb auch Sinowjew, »haben überhaupt nichts daran grotesk empfunden. Die einen haben darin eine Verleumdung gesehen, die anderen die Wahrheit.« Klarer können sich die Geister nicht scheiden.

»Das, was wir heute mit bloßem Auge sehen, braucht nicht unbedingt die Wahrheit zu sein. Wahrheit ist das, was sein müßte, was morgen sein wird": Mit dieser Definition des sozialistischen Realismus kam einer ganzen Literatur die Wahrheit abhanden. Heute gibt es wohl keinen ernsthaften Schriftsteller mehr, der noch von sich behaupten möchte, sozialistischer Realist zu sein. (Außer, vielleicht, Hermann Kant.)

Auf der Suche nach der Wahrheit gibt es inzwischen mehr Möglichkeiten, viele, von Twardowski bis Pasternak, von Woinowitsch bis Rasputin und Trifonow. Ein Solschenizyn hat ja immerhin eine Weile geglaubt (der reine Parzival, mit dem »Archipel Gulag« im Rucksack), seine Bücher könnten in der Sowjet-Union erscheinen: Über diesen Kampf, über das intellektuelle Klima im Moskau der sechziger Jahre hat er eindringlich in »Die Eiche und das Kalb« berichtet.

Danach scheint sich ein Sinowjew zurückzusehnen. Da waren noch die Fronten klar abgesteckt. Da wußte man noch, wem man vertrauen konnte und wer die Feinde waren. Seine Bücher sind Beschreibungen des Moskauer Alltags in den siebziger Jahren. Der Periode der Verwirrungen (der Chruschtschow-Ära) ist die Ära des »Chefs« oder »Oberiban« gefolgt ("ein Stalinismus ohne Stalin"), in der die Menschen nicht mehr hoffen, es könnte besser, sondern nur noch fürchten, es werde schlechter werden: der gewöhnliche Kommunismus.

Es herrschen die Mitläufer, die Angepaßten, die Arsch- und Speichellecker, die Karrieristen. Die andern verstecken sich. Das Chamäleon als Wappentier. Niemand will Privilegien verlieren. Man richtet sich ein. Es gibt noch Aufmüpfige, im Westen »Dissidenten« genannt; wenige.

Die Figuren der (zugegeben kargen) Handlung sind nicht mehr lebendige Menschen, es sind Synonyme für Haltungen, Anschauungen, Charaktere, Ideen. Sie haben keine Namen mehr, sie sind nur noch Begriffe: Der »Eber« ist Chruschtschow, aber nicht er allein. Der »Chef« ist Breschnew, aber nicht er allein. Der »Schmierer« ist der Bildhauer Neiswestny, aber nicht er allein. Der »Wahrheitsapostel« ist Solschenizyn, aber nicht er allein. Der »Hosenmatz« (der »Schreihals«?) ist Jewtuschenko, aber nicht er allein. Der »Sänger« ist Galitsch, aber nicht er allein. Der »Verleumder« ist Sinowjew selbst, aber nicht er allein. Der Staat »Ibansk« ist die Sowjet-Union, aber eben nicht sie allein. Auch wir im Westen nähern uns manchen Situationen; die Unterschiede beginnen zu verwischen ...

Im Wort »Ibansk« übrigens steckt der wohl häufigste russische Vorname Iwan wie auch das Verb jebatj (englisch: to fuck), womit das Ganze auch als ein »verfickter Staat« bezeichnet ist. Also für Kenner läßt sich das mit einiger Mühe entschlüsseln, aber schließlich gibt das auch nicht viel mehr her als das berühmte Aha. Und Sinowjew will das auch gar nicht entschlüsselt haben. Alles ist fiktiv, blinzelt er uns zu, und ist es doch auch nicht.

Dabei entsteht seine Kritik eigentlich nur dadurch, daß er die Wörter beim Wort nimmt, und das ist heftig genug, so etwa, wenn er jene »Verheißungen des Kommunismus« ausmalt: Jeder nach seinen Fähigkeiten, jeder nach seinen Bedürfnissen (ein Glanzstück S.250 funkelnder Ironie!); oder wenn er jene Köchin beschreibt, die da, nach einem berühmten Wort, den Staat regieren könne.

Die Tatsachen bei der Wirklichkeit nehmen, das ginge schon gar nicht mehr: »Wenn man das reale Leben etwa der Sowjet-Union absolut genau beschriebe, so würde der westliche Leser (allerdings auch der sowjetische) dieses Bild einfach nicht für wahr halten, so erschreckend absurd, grausam, traurig und abscheulich würde es sein«, schreibt er in »Ohne Illusionen«. Es ist gewiß ein großer Spiegel, den er da vorhält, aber es ist kein Zerrspiegel, nur die Szenerie ist einem gnadenlos hellen Scheinwerferlicht ausgesetzt.

Im ganzen sind das über tausend Seiten Anklage oder besser Klage darüber, daß die falschen Leute Karriere machen, die Begabten kaputtgehen, die Wahrheit nicht mehr auszumachen ist, die Unterdrückung wohl nicht mehr größer werden kann, weil schon alle unterdrückt sind. Sogar die Angst vor der Verhaftung gibt es nicht mehr, weil man eben, wie in eine Universität, einmal im Leben ins Gefängnis geht (dort sind ohnehin die besten Köpfe); und alle haben sich so sehr daran gewöhnt, gegen das Regime zu sein, daß sich geradezu eine Opposition bilden kann, die das herrschende System verteidigt.

Im Grunde habe das Volk diesen Zwang selbst gewollt und empfinde ihn längst nicht mehr als Zwang, denn »er ist ein Produkt der ureigensten Lebenstätigkeit dieser Gesellschaft«, die Sinowjew verächtlich und zynisch ein Rattarium nennt. Hat man früher die Sozietät der Menschen mit einem Ameisenbau oder einem Bienenvolk verglichen, so kommt er zum Bild einer »Rattengesellschaft«.

Ein pessimistischer Geschichtsentwurf, den er nicht müde wird zu belegen und zu variieren. So erwartet er auch keine Veränderungen, denn das System, so wie es ist, sei eben diesen Menschen immanent. Seine Utopie ist eine schwarze, eine negative, wie sie erschreckender nicht sein kann. In dieser Gesellschaft, in der die Warteschlange zu einem konstitutiven Element, zu einem Symbol werden konnte (und deshalb sind ihr auch zahlreiche, die besten Kapitel gewidmet), wird man sich noch zum Sterben anstellen müssen. Und wenn man endlich alle seine Stempel und Urkunden beisammen hat und abkratzen kann, muß man noch als Leiche Schlange stehen, um ins Krematorium zu kommen -- aber, das haben die Regierenden versprochen, dort wird man nicht länger als drei Tage warten müssen.

Sinowjew spart auch nicht mit Kritik (oder besser Satire) an der Dissidenten-Bewegung -- und doch hält er sie für das »vielleicht entscheidendste Ereignis« in der Geschichte von Ibansk. Er macht sich keine Illusionen über ihre Ohnmacht, ihren Liberalismus, ihre Eitelkeiten; S.251 aber ihre geschichtliche Bestimmung sei, daß sie den Menschen, die schon zutiefst im politischen Marasmus versunken sind, demonstriert, daß es noch andere, zwanglose Möglichkeiten des Lebens gibt.

Alexander Sinowjew ist Philosoph und Logiker, er betont immer wieder, daß er eigentlich nur aus Gründen des »Berufsverbots« zur Literatur gekommen sei. Er war, wie er vorrechnet, einer von über 20 000 Philosophen, die es in der Sowjet-Union gibt, und sie alle lehren eine Wissenschaft, die keine ist. Solange sie jedenfalls tun, als wäre es eine, sichern sie sich ihre Privilegien, machen Karriere.

Weisen sie jedoch darauf hin, daß die »Speichelleckerei« in der Breschnew-Ära (etwa in der offiziellen Zeitschrift »Fragen der Philosophie") ein noch größeres Ausmaß angenommen habe als jemals vorher zu Zeiten des »großen Lehrers« -- wie es selbiger Sinowjew tat --, ist man nicht länger Kandidat zum Mitglied der Akademie. Wie ein solcher Sturz vor sich geht, wissen wir seit Efim Etkinds modellartiger Confessio: als »unblutige Hinrichtung«.

Seit 1954 war Sinowjew am Institut für Philosophie der Akademie der Wissenschaften tätig, seit 1967 auch als ordentlicher Professor für Logik an der Universität Moskau; sechs Bücher und Hunderte von Aufsätzen, vornehmlich über mathematische Logik, Wissenschaftslogik und Sprachlogik, hat er veröffentlicht -- dann aber, im Jahre 1974, beschließt die eigene Fakultät die »völlige Wertlosigkeit« seiner wissenschaftlichen Arbeit, er wird aus seinen Ämtern entfernt, seine Bücher verschwinden aus den Bibliotheken, der KGB bewacht seine Wohnung, bespitzelt seine Familie.

In dieser Zeit beginnt er die Niederschrift der »Gähnenden Höhen«, die er in einem halben Jahr abschließt. Er schreibt daran Tag und Nacht und überlistet die ihn überwachenden Organe damit, daß er gleichzeitig an zwei Büchern arbeitet: an einem wissenschaftlichen mit aller Heimlichkeit, an einem anderen, »dem gewissen Buch«, ganz offen. Und so wird auch das falsche beschlagnahmt; das richtige kann er in den Westen schmuggeln.

Als es 1976 zum erstenmal auf russisch im Verlag »L''Age d''Homme« in Lausanne erscheint, macht es Sensation und wird in seiner »bisher erbarmungslosesten Vivisektion des politischen Systems« (SPIEGEL) neben Solschenizyn gestellt. Der Verfasser darf ausreisen, 1978 wird er ausgebürgert. Er lebt jetzt in München und ist gern gesehener Gastredner an vielen europäischen Hochschulen. Ein Teil dieser Vorträge ist gerade in dem Aufsatzband »Ohne Illusionen« erschienen.

( Alexander Sinowjew: »Ohne Illusionen«. ) ( Deutsch von Alexander Rothstein. ) ( Diogenes Verlag, Zürich; 216 Seiten, ) ( 29,80 Mark. )

Sinojew berichtet S.254 selbst, daß er für »Gähnende Höhen« nichts Durchkomponiertes schreiben konnte und wollte; er mußte ja jeden Tag befürchten, das Manuskript könne entdeckt und beschlagnahmt, er selbst verhaftet werden, jede Eintragung also die letzte sein. Davon sind auch Stil und Form dieser Aufzeichnungen geprägt. Es sind alles kurze Texte, zwischen einigen Zeilen und höchstens zehn Seiten: Reflexionen, Überlegungen, Auseinandersetzungen, logische Zuspitzungen; auch mal Anekdotisches.

Dabei fehlt es dem Autor an Kompositionstechnik und wohl auch Selbstkontrolle. Leerlauf, Monotonie, Wiederholungen schleichen sich ein, was nicht allein davon herrühren mag, daß es nur ein Minimum an Handlung gibt und Sinowjew nur eine spröde, trockene, mit kurzatmigen Sätzen gespickte Sprache zur Verfügung steht. Oder ob es nur an der Übersetzung liegt, an der ja über Jahre gebosselt wurde, weshalb das Erscheinen der deutschen Ausgabe auch so spät kommt? Auch die Mitarbeit eines Eberhard Storeck, an dessen witzsprühenden Muppets-Verdeutschungen jeden Samstag eine ganze Nation Vergnügen fand, hat da keinen Glanz herzaubern können.

Das liegt auch an der Methodik. Nur langsam, Stück für Stück, fügen sich die einzelnen Partikel zu einem Mosaik im Kopf zusammen; je mehr man aufnimmt, um so deutlicher, schärfer wird das Bild. Mühsam darf das sein, ja, aber es ist auch widerspenstig und oft nicht einsehbar. Der Verlag, der den Autor zu einschneidenden Kürzungen beredet haben soll -- offensichtlich vergebens --, muß es wohl auch so empfunden haben, denn er (genauer gesagt, das Lektorat) hat dem Buch eine Lesehilfe mitgegeben, auf der die wichtigsten Kapitel, sozusagen einführend, angemerkt sind. Das sind von rund 1100 Seiten nicht viel mehr als 200.

Kein Mensch würde je auf die Idee kommen, etwa dem »Ulysses« einen solchen Kurz-Lese-Vorschlag zu attachieren. Abgesehen davon, daß mir ganz andere Kapitel weit gewichtiger, auch informativer, kenntnisreicher erscheinen, beweist es doch nur, daß der Verlag dem Unternehmen aufs Ganze nicht traut. Und in der Tat, durch die ersten 400 Seiten, seufzend schreibe ich das, muß man sich hindurchfressen wie durch jenen berühmten Hirseberg ...

Nein, das ist nicht gewiß das erste Buch des 21. Jahrhunderts, wie der Verlag unermüdlich behauptet -- aber für das Jahr 1985 reicht es gewiß! Bis dahin, die Zeichen mehren sich, hat der Westen die Prophezeiungen eines George Orwell beinahe eingeholt. Indes marschiert der Tsismus als letzte Stufe des Ismus den gähnenden Höhen einer weit furchtbareren Schreckensherrschaft der Gewöhnung zu.

S.251Alexander Sinowjew: »Ohne Illusionen«. Deutsch von AlexanderRothstein. Diogenes Verlag, Zürich; 216 Seiten, 29,80 Mark.*

Horst Bieneck
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