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Autoren Hüter der Bundeslade

Andrzej Szczypiorski, Autor der »Schönen Frau Seidenman«, erhielt den »Nelly-Sachs-Preis« und stellte sich deutschen Lesern.
aus DER SPIEGEL 49/1989

Ins ledergebundene, auf altfränkisch getrimmte Ehrenbuch des Niedersachsen-Städtchens Buchholz inskribierte er sich mit gewohntem Schwung und Charme; und verblieb als »Schriftsteller und Pole«.

Dransetzen hätte er können: Deutsch gelernt im KZ Sachsenhausen, gelitten unter General Jaruzelski, noch immer von katholischem Gottvertrauen und seit Juni dieses Jahres Mitglied des Senats - Andrzej Szczypiorski, 65, literarischer Botschafter seines Landes, Parlamentär der Versöhnung, letzte Woche dekoriert mit dem Dortmunder »Nelly-Sachs-Preis«.

Ins Städtchen Buchholz, eine wohlhabende Schlafkammer Hamburgs, war er im Dienst am Werk geraten, auf einer zehntägigen Lese-Tour durch Deutschlands Höhen und Tiefen. Nach der »Schönen Frau Seidenman«, die ihn berühmt gemacht hat, und nach der Totalitarismus-Parabel »Eine Messe für die Stadt Arras« warf er sich nun für seinen neuen Erzählband - »Amerikanischer Whiskey« (SPIEGEL 45/1989) - in die Bresche.

In Buchholz brauchte er keine Palisaden umzurennen. Der Hohe Rat empfing den reisenden Senator samt Gattin Ewa mit Frischtrunk und Salzgebäck, Bürgermeister Hans-Heinrich Schmidt entäußerte freudige Erregung und sein entlastendes Geburtsjahr, Internationalismus signalisierten die weißen Socken eines Honoratioren; auf ihnen prangten die Lettern »USA«.

Eine unaufschiebbare Sitzung freilich verwehrte es den Herren, der anschließenden Lesung beizuwohnen. Gänzlich unverstellt hingegen, mithin ohne Pein, verlief Szczypiorskis Gastspiel in einem Landstrich, über den, Volksmund, die Möwen auf dem Rücken fliegen (um das Elend nicht zu sehen) - im ostfriesischen Leer, auch bekannt durch den Reim: »In Aurich ist es schaurig, in Leer noch mehr.«

Kein Wort wahr. In der Buchhandlung »Taraxacum« (Hundeblume) des holländisch-putzigen Städtchens empfing ein ebenso bärtiges wie intellektuelles Brüder-Paar den Polen, das luftige Gehäuse mit schlanken Eisensäulen bot Raum für 200 aufgeweckte Szczypiorski-Liebhaber, und alles auf dem Boden deutscher Geschichte; vor tausend Jahren war die »Hundeblume« ein jüdisches Textilgeschäft.

Erstmals seit dem Historien-Knüller »Quo vadis?« des Henryk Sienkiewicz, knapp ein Jahrhundert ist es her, greift mit Szczypiorski wieder polnische Literatur massiv ins West-Bewußtsein; hochkarätige, reflektive, anschauliche Texte, gefedert mit Ironie, satt von Erlebtem und durchtränkt von einer schier übermenschlichen Menschlichkeit. Themen: Polen unter Hitler und dem Stalinismus.

In den Fragestunden nach den Lesungen herrscht immer wieder schiere Verblüffung über Szczypiorskis Toleranz-Edikte, über sein Vergeben ohne zu vergessen, sein Räsonieren ohne Ressentiment. Natürlich hätten die Deutschen ein Recht auf Wiedervereinigung, sagt er, und die Berliner Mauer wäre in Warschau nicht einen Tag alt geworden, geschweige denn 28 Jahre.

Tatsächlich sind Szczypiorskis Exkurse und Bücher ein scharfsinniger Cicerone in die Psyche Polens, über die Leiden und Leidenschaften eines immer wieder geteilten und gevierteilten Volkes; vor allem im 19. Jahrhundert, einem Jahrhundert ohne polnische Eigenstaatlichkeit, sieht Szczypiorski eine prägende Zeit.

Literatur und katholische Kirche wurden damals zu nationalen Überlebensmitteln, zu patriotischem Staatsersatz. Schriftsteller avancierten gewissermaßen zum Hüter der »Bundeslade«, die Kirche garantierte die Verbindung zum »Lateinischen«, zum alten Europa; Szczypiorskis Vater, ein Wissenschaftler und sozialistischer Abgeordneter im Sejm, »las Marx natürlich nur auf deutsch«.

Auch Szczypiorski selber war früh mit deutscher Literatur (in Übersetzungen) vertraut, mit Rilke, Heine, Thomas Mann. Um so größer war das Entsetzen, als dann das von fern verehrte Kulturvolk sich als barbarische Okkupationsmaschine präsentierte. Der junge Szczypiorski schloß sich der polnischen Untergrundarmee an, focht im Warschauer Aufstand, wurde gefangen und bekam seine Lektionen in deutsch im KZ Sachsenhausen.

Die Erinnerung an Sachsenhausen, sagt Szczypiorski, »ist seit langem nicht mehr in mir gegenwärtig: Ich könnte nicht leben, wäre sie ständig da«. Wenn er mit Deutschen rede, stecke darin eine gewisse Gemeinsamkeit: »Wir haben aus derselben Schüssel der Verworfenheit gegessen - ich auf der einen Seite, ihre Väter auf der anderen.« Und: »Wir sind eingebunden in unser schreckliches, gemeinsames Europa.«

Als er nach dem Kriege zu Fuß nach Warschau zurückkehrte, fand er unter den Trümmern seines Elternhauses ein einziges Buch aus Vaters Bibliothek - »der in grünes Leinen gebundene zweite Band der Leipziger Goethe-Werkausgabe«. Und in der Heimat erwartete ihn, was er gerade hinter sich gelassen hatte: Totalitarismus, diesmal der Stalinsche.

Er sei ein »sehr monothematischer Schriftsteller«, sagt Szczypiorski, er schreibe immer über das Schicksal des Menschen in totalitären Systemen: Sie machten den Menschen »zum Körper«. Ihr ganzer Sinn beruhe darauf, »daß der Mensch seinen Körper spürt, seinen Körper schützt, an seinen Körper denkt, denn erst dann wird seine Geistigkeit am heftigsten verletzt«.

Das alte Europa sieht Szczypiorski dahingesunken, zerstört durch Hitler und Stalin. Im Autor Szczypiorski freilich hat es überlebt. Der massige Mann mit dem, tatsächlich, Senatoren-Schädel wirkt wie aus nobleren Zeiten; ein Kosmopolit von umfassender Bildung, von geduldigem Takt und einem prächtigen selbstironischen Temperament.

»No ja«, sagt er und stochert in der Pfeife, als er gefragt wird, wie er Senator wurde, »no ja": Lech Walesa habe ihm das befohlen, aus Pflichterfüllung habe er sich zur Wahl gestellt; nun betrachte er Politik von innen, das sei »idiotisch, aber verführerisch« und für einen Schriftsteller ein »guter Stoff«. Das »Wunderbare« an der Position: Der Senat übe keine Macht aus, nur Kontrolle über die Regierung, »das ist nicht so gefährlich«.

Walesa, sagt Szczypiorski, sei ein »Königsmacher« und »politisches Tier«, der eigentliche Herr im Haus. General Jaruzelski, der ihn während des Kriegsrechts in Polen (1981/82) internieren ließ, empfindet er als »shakespearehafte Figur«; in einem Essayband, der nächstes Jahr (bei Diogenes) erscheint, beschreibt Szczypiorski das Trauma der absurden Isolation.

Unter ebenso absurden Umständen hat damals seine Frau Ewa die Freilassung betrieben. Zauberhafte Widmung in dem Essayband an sie: »Die übergroße Mehrheit der Leute hat neben sich keinen zweiten Menschen, der ihnen näher ist als sie sich selbst. Ich habe einen solchen Menschen.« Auf der Lese-Tour durch Deutschland übersetzt er ihr jedes Wort, ganz chevalreske Zärtlichkeit, auch wenn sie ihm das Rauchen von Zigaretten untersagt.

»Fundgrube meiner literarischen Arbeit ist meine eigene Erinnerung«, sagt Szczypiorski, sein Werk ein Lesebuch über Polen. Als Helmut Kohl, mit dem Lande nur spärlich vertraut, jüngst auf Staatsbesuch in Polen weilte, bat er den Senator Szczypiorski, ihm doch seine Bücher zuzusenden, mit Widmung.

Szczypiorski, galant und generös wie nur je ein Pole, will die Entwicklungshilfe gerne leisten.

Fritz Rumler

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