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FERNSEHEN Huld und Sühne

Iris Berben als TV-Kommissarin Rosa Roth ermittelt in Israel unter Holocaust-Helfern. Doch an der Nazi-Vergangenheit überhebt sich das Krimi-Genre.
Von Nikolaus von Festenberg
aus DER SPIEGEL 50/1998

Einfälle gibt's, die gibt es leider doch: Derrick-Vater Herbert Reinecker wollte allen Ernstes in der letzten Folge der Erfolgsserie »Derrick« seinen Helden über Auschwitz dozieren lassen. Die Idee wurde zum Glück begraben: Der greise TV-Autor, ein ehemaliger Kriegsberichterstatter der Waffen-SS, erschien zu belastet und die Figur Derrick denn doch zu leichtgewichtig, um vor einem Millionenpublikum über den Holocaust zu sprechen.

Wenn am kommenden Samstag abend im ZDF die schöne Iris Berben als Kommissarin Rosa Roth den Tod zweier Nazi-Helfer aufklärt, ist die Idee vom Krimi, der mit deutscher Schuld sein Spiel treibt, Wirklichkeit geworden. Die populäre Schauspielerin wollte »unbedingt einen Film in Israel drehen«. Sie liebt das Land, hat es immer wieder besucht und lebt mit einem Israeli zusammen.

Das Projekt erscheint auf den ersten Blick unbedenklich, denn einige Szenen spielen in der Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte Jad Waschem. Dort durften meist nur Dokumentationen, aber wohl nie ein Spielfilm oder gar Krimi - und das noch von Deutschen - gedreht werden. Regisseur Carlo Rola teilt im Programm-Beiheft voller Stolz mit, das Kuratorium des Mahnmals habe das Drehbuch genau geprüft und den Plot »abgesegnet«.

Das Wort »absegnen« klingt allerdings beunruhigend, nach einer zwanghaften Abwehr von Zweifeln durch ein höchstrichterliches Gütesiegel für den richtigen Umgang mit der Vergangenheit. Und der Krimi selbst bestätigt den Verdacht: Richtige Gesinnung und Engagement machen noch keinen guten Film.

Erzählt wird die Geschichte der Kommissarin Rosa, die zu einer Hochzeit ihrer Freunde nach Israel reist. Schon im Flugzeug fällt ihr in einer Reisegruppe ein älterer Mann namens Bannert (Traugott Buhre) auf, der unter psychischem Druck steht. Später im Jerusalemer Hotel wird er tot auf der Toilette entdeckt.

Die urlaubende Polizistin glaubt nicht, daß es sich hier um einen ganz gewöhnlichen Herztod handelt. Sie recherchiert im Umfeld, und siehe da: Eine düstere Geschichte versteckt sich hinter dem Geschehen, biographische Verwicklungen, die in die Nazi-Zeit zurückreichen.

Der Tote war während der Hitler-Zeit Eisenbahner und hat am Transport von Juden in die Todeslager mitgewirkt. Einmal verlor ein junger Häftling ein fotografisches Selbstporträt, Eisenbahner Bannert verwahrte es und wollte es, von Reue getrieben, in Israel dem Mann von einst, der überlebt hat, zurückgeben.

Rosa Roth entdeckt noch mehr: Bannert ist nicht der einzige, den die Reue nach Israel verschlug. Auch ein Eisenbahner-Kollege von Bannert, Hans Leun (Peter Roggisch), hat Schuldgefühle. Als der in Jad Waschem einen dort ausgestellten Güterwaggon sieht, mit dem Juden wie Vieh in die Lager transportiert wurden, bricht er seelisch zusammen.

Die Angst dieses alten Mannes verstärkt ein junger Mitreisender (Jan Josef Liefers) der Gruppe. Er filmt Leun gegen dessen Willen und jagt ihm ständig mit der Kamera nach. Der Verfolger erweist sich als Kind jüdischer Nazi-Opfer. Nach festgelegtem Plan jagt er Helfern der Barbarei wie Bannert und Leun hinterher. Im Falle Leun mit finalem Erfolg: Der Mann erhängt sich im Hotel.

Die Schilderung des Inhalts von »Jerusalem oder Die Reise in den Tod« klingt aufregender, als das im Film aussieht. Das Geschehen ist für den Zuschauer absehbar, an Thrill waren Regisseur Rola und Drehbuchautor Lothar Schöne offenbar nur soweit interessiert, um die Mindestanforderungen des Genres Krimi zu erfüllen.

Sie wollten statt dessen, höchst ehrenwert, unterm Logo Unterhaltung eine historische Lehrstunde veranstalten und in die Abgründe von Schuld und Sühne hinabtauchen. Sie haben sich übernommen. Dies liegt, fast möchte man sagen in tragischer Weise, ausgerechnet an der Protagonistin, die sich so leidenschaftlich für das Projekt eingesetzt hat.

Berben wandelt in seraphisch-schöner Erstarrung durch die Szenen. Sie wirkt wie ein geborener Gutmensch, auch wenn sie mal sagt, als Deutsche sei sie an dem Schicksal der HitlerHelfer besonders interessiert. Sie hat sich, man erfährt nicht wie, auf die moralisch richtige Seite geschlagen. Von dort aus, in der Identifikation mit den Opfern, richtet sie mit über die Lebendigen und die Toten und redet dem jungen jüdischen Rächer mit Verständnis ins Gewissen. Huld und Sühne - genau die falsche Mischung bei diesem grauenhaften Thema.

An keiner Stelle zerreißt es Rosa Roth, nirgends verliert der Film die Contenance, sondern beobachtet aus scheinbar gesicherter Position, wie sich die Schuldigen von einst selbst richten. Doch die Gnade der späteren Geburt entbindet die Fernsehkunst nicht von der Arbeit der Verzweiflung, bewahrt sie nicht davor, sich in die Gefilde moralischer Ambivalenz vorzuwagen und vom hohen Roß moralischer Überlegenheit abzusteigen.

Am Ende von »Jerusalem oder Die Reise in den Tod« steht eine eindrucksvolle sentimentale Geste, die ein wenig versöhnt. Rosa und ihre israelischen Freunde haben dem Opfer von einst dessen Jugendfoto gezeigt. Er will nicht zugeben, daß er der Abgebildete ist, aber er winkt unter Tränen lächelnd, als sich die Kommissarin entfernt. Daß Krimi und der Schrecken des Holocaust zueinanderfänden, der Weg dahin ist offenbar noch weit, zu weit.

NIKOLAUS VON FESTENBERG

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