Humboldt Forum Berliner Mogelpackung

Mitarbeiter im neuen Stadtschloss beschwerten sich über Schikane, die Regierung versprach »rückhaltlose Aufarbeitung«. Jetzt kommt heraus: Eine freigestellte Führungskraft arbeitet weiter – mit windiger Begründung.
Berliner Stadtschloss: So bröckelt die Glaubwürdigkeit des Staatsprojekts weiter

Berliner Stadtschloss: So bröckelt die Glaubwürdigkeit des Staatsprojekts weiter

Foto: Christoph Soeder / picture alliance/dpa

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Längst ist das Humboldt Forum im Berliner Stadtschloss auch international ins Gerede gekommen – und scheint alles zu unternehmen, damit es beim schlechten Ruf bleibt. Mitte Mai wurde eine leitende Angestellte freigestellt, nachdem bestürzende Beschwerden von Mitarbeitern für Aufsehen sorgten und erst einmal aufgearbeitet werden sollten. Nun kommt heraus: Die Führungskraft durfte weiter in der Einrichtung präsent sein – und dort der sich schon erstaunlich lange hinziehenden Aufklärung aus nächster Nähe zuschauen.

Diese leitende Angestellte ist Geschäftsführerin einer Tochterfirma des Humboldt Forums. Damit war sie auch die Chefin jener Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Besucherservice, von denen etliche offenbar über Monate schikaniert worden waren. Von 75 im November eingestellten Beschäftigten für die Besucherbetreuung wurden in den folgenden Monaten über 30 entlassen oder gingen von sich aus, weil sie es in dem von ihnen beschriebenen »Haus der Angst« nicht mehr aushielten.

Berichtet wurde von zeitweiligem Toilettenverbot, von verschlossenen Räumen, aus denen man nicht mehr hinauskam, vom insgesamt ungesicherten Arbeiten in einem angeblich fertiggestellten Schloss, das ihnen aber eher wie eine gefährliche Baustelle erschien.

Die Stiftung widersprach vielen Vorwürfen, gestand andere ein. So führten Vorgesetzte über die Mitarbeiter des Besucherservice sogar Listen . Bemängelt wurde darin beispielsweise, wenn sich jemand für Kollegen einsetzte oder angeblich in psychotherapeutischer Behandlung war – oder man sich vorstellen konnte, er würde vielleicht einmal einen Betriebsrat wünschen. Fiel eine Person in besondere Ungnade, wurde das durch den Vermerk »sehr kritisch« oder »Gehaltskürzung« verdeutlicht.

Durch eine gemeinsame Recherche des SPIEGEL und des Politmagazins »Frontal 21« kam im Mai heraus, wie sehr viele Mitarbeiter unter den Arbeitsbedingungen im Schloss litten.

Seinerzeit schaltete sich Kulturstaatsministerin Monika Grütters ein, sie steht dem Stiftungsrat des Humboldt Forums vor. Über einen Sprecher ließ die CDU-Politikerin am 17. Mai ausrichten, sie nehme die »konkreten Beschwerden ... sehr ernst«. Die verantwortliche Geschäftsführerin sei bis zur vollständigen und »rückhaltlosen Aufklärung« von ihren Aufgaben entbunden.

Moralische Mogelpackung

Das stimmte so – und doch wieder nicht. Mitarbeiter wunderten sich, dass die Führungskraft trotz der angeblichen Freistellung so präsent war und laut einigen Zeugen außerdem dass sich die Stimmung nicht besserte.

Auf Nachfrage des SPIEGEL sagte der Sprecher des Humboldt Forums jetzt, dass die erwähnte Angestellte zwar sehr wohl von ihren Aufgaben als Geschäftsführerin der Tochterfirma entbunden sei und das auch erst einmal bleibe. Aber er räumt auch ein, dass sie in der Kultureinrichtung weiterarbeite. Denn sie leite in der Muttergesellschaft, also dem Humboldt Forum, den Bereich Besucherservice sowie das Ticketing. »Dieser Funktion, zu der es keinerlei Beanstandungen gab, kommt sie weiterhin nach und ist in dieser Funktion auch vor Ort.«

Das ist eine moralische Mogelpackung. Hinzu kommt dieses: Die besagte Führungskraft geht im Humboldt Forum Tätigkeiten nach, die direkten Einfluss auf die Tochtergesellschaft haben, wo die behaupteten Verstöße stattfanden. Zumindest schreibt der Sprecher, sie sei verantwortlich unter anderem für die übergeordnete Planung und Strategie, während die Tochterfirma »mit der konkreten Organisation und Umsetzung beauftragt ist«.

Staatsministerin Grütters ließ ausrichten, sie nehme die »konkreten Beschwerden ... sehr ernst«

Staatsministerin Grütters ließ ausrichten, sie nehme die »konkreten Beschwerden ... sehr ernst«

Foto: Christophe Gateau / picture alliance/dpa

Michael Fuhlrott ist Professor für Arbeitsrecht an der Hochschule Fresenius in Hamburg. Wäre das Humboldt Forum an ernsthafter Aufklärung interessiert, würde es so nicht verfahren, sagt er. Denn es könne eine Prüfung der Vorgänge beeinträchtigen, wenn die Person, der ein Fehlverhalten vorgeworfen werde, während der Untersuchung auf einem zweiten, einflussreicheren Posten bei der übergeordneten Gesellschaft verbleiben dürfe und dort aktiv tätig sei. Die inhaltliche Verknüpfung beider Tätigkeiten verstärke das Problem. Und welchen Eindruck, fragt er, mache diese Inkonsequenz auch auf die Mitarbeiter, »trauen die sich noch, offen über mögliche Missstände zu reden?«

So bröckelt die Glaubwürdigkeit des 680 Millionen teuren Staatsprojekts weiter. Hinzu kommt ein zweiter Skandal: Umstritten ist die geplante Präsentation von Objekten aus Afrika oder Ozeanien, die in kolonialen Zeiten ins Land kamen. An ihnen klebt laut Experten jede Menge Blut, nun werden sie in Vitrinen arrangiert, als handele es sich um normale kulturelle Auslegeware.

Ein anderes Problem stellt der Bau selbst dar. Immer wieder wurde von den Verantwortlichen in den vergangenen Monaten betont, er sei längst fertig, nur noch wenige Restmängel seien zu beseitigen, nichts Großes. Und obwohl vom 20. Juli an das Publikum ins Haus strömen soll, sind Sanitäranlagen und vor allem die Sicherheitstechnik noch nicht nach der »Vergabe- und Vertragsordnung für Bauleistungen« abgenommen. Auch das bestätigt der Sprecher auf Nachfrage. Die Abnahme sei aber »im Laufe der nächsten Wochen vorgesehen«, auch funktionierten die Anlagen »einwandfrei«.

Wenn sie so einwandfrei funktionieren wie die Aufarbeitung des Arbeitsklimas im Schloss – man müsste sich Sorgen um die Sicherheit des Schlosses machen.

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