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HUNDSFOTT UND LOTTERSACK

Schimpfen, loben und lieben: Gedichte aus 4000 Jahren in einer erstaunlichen Anthologie
Von Mathias Schreiber
aus DER SPIEGEL 42/1997

Ort: eine Schankwirtschaft in Mesopotamien. Zeit: 24. Jahrhundert vor Christus. Der Gast schwärmt die Kellnerin an: »Wie voll und rund, wie rund bist du - Mutters Honigkuchen!« Nach einem weiteren Becher Bier wird er feuriger: »Dein Kuß wie süß, wie süß wär er mir. Schnell doch - sag ja!« Die Schankkellnerin findet den Gast »hübsch«. Er muß ihr »schwören, daß du nicht hier in der Stadt lebst«, ihren Ruf also nicht ruinieren wird. »Dann laß ich es, laß ich es fallen, mein dünnes und zartes Kleid.«

Aufgeschrieben hat diese amourösen Zeilen einer der ersten namentlich bekannten Poeten der Geschichte: Ilummiya, eine sumerische Hofdichterin, von deren Lebensumständen sonst nur überliefert ist, daß sie von relativ niederer Herkunft war und sich in den Vorstadtkneipen von Ur - im heutigen Irak - gut auskannte. Sie war nicht ganz so vornehm wie ihre Kollegin Enheduanna, eine Königstochter und Priesterin, deren Hymnen die irdischen und himmlischen Mächte feiern.

Aus den Grabkammern der Keilschriftspezialisten in die Welt der Poesie gehoben hat diese Schätze der österreichische Literaturwissenschaftler und Schriftsteller Raoul Schrott - in dem erstaunlichen Buch »Die Erfindung der Poesie«. Es ist mehr als eine Anthologie: eine abenteuerliche Irrfahrt durch die entlegensten Poesie-Landschaften der Erde.

Anders als sein Vorbild, Hans Magnus Enzensberger in dem unübertroffenen »Museum der modernen Poesie« (1960), läßt Schrott, 33, die Lyrikdiamanten nicht im freien Raum funkeln und munkeln; er rahmt sie sorgfältig mit historischen und poetologischen Essays. Dabei spannt er den Bogen vom Sumerischen bis hin zu den arabischen Dichtern Siziliens (11. Jahrhundert) und dem walisischen Berserker Dafydd ap Gwilym (14. Jahrhundert) - einem Meister der Kollegenschelte: »Du Troubadour für Trampeln und für Trutschen ... Hundsfott von einem Lottersack und Falotten, du verhatschter Hennengreifer und Hurenigel.«

Kollegenneid und Erotomanie sind, neben obligatem Herrscherlob, in all diesen Versen, die Schrott neu (und überwiegend sehr gut) übersetzt hat, so gegenwärtig wie die alten Götter und Mythen. Schrott hat bei der - programmatisch lückenhaften - Auswahl darauf geachtet, daß der sagenhafte, hofzeremonielle oder religiöse Kontext vieler Gedichte deren handfeste Alltäglichkeit nicht allzu störend überlagert. Auch deshalb wirkt hier noch das Allerälteste taufrisch.

Um dieser Wirkung willen überträgt der polyglotte Herausgeber manchmal reichlich salopp. So läßt er die Griechin Sappho einen zudringlichen Kollegen mit den Worten anknurren: »Alles was gut und recht ist mein Lieber, wenn du was anderes als bumsen im Kopf hättest ...« Im Original ist von »bumsen« nur äußerst indirekt die Rede: »Kakón« heißt eigentlich »Schlechtes, Böses«, selten auch »Lasterhaftes«.

Trotz alledem: Schrott hat ein famoses Pionierwerk vorgelegt. Es ist auch eine Ohrfeige für jene Berufsjugendlichen, die bei Büchern wie diesem gern von »toten Dichtern« reden - der Herausgeber des Herausgebers, Enzensberger, ordnet das einer verbreiteten »Idiotie der Gleichzeitigkeit« zu; sie unterschätze, wieviel Neues »nur aus einem langen Gedächtnis kommen kann«.

Mathias Schreiber

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