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INTERPRETATION i und a

aus DER SPIEGEL 37/1966

Dichterin Nelly Sachs, 74, Stockholm, wehrte ab: »Dies ist ja ein Gedicht und ein Geheimnis.« Dichter Günter Eich, 59, Lenggries, murrte: »Ich lehne es immer und überall ab, mich zu mir und meinen Sachen zu äußern.« Und auch Dichterin Ingeborg Bachmann, 40, Rom, fühlte sich »außerstande«, eines ihrer Gedichte - wie gewünscht - selbst zu interpretieren.

Gewünscht worden war die dichterische Selbstdeutung von einer anderen Dichterin deutscher Zunge. Hilde Domin ("Nur eine Rose als Stütze"), 54, gebürtige Kölnerin, 1954 aus Amerika nach Heidelberg remigriert, hatte ihre Kollegen zu einem guten Werk gebeten:

Mit einer Anthologie, in der ausgesuchte Gedichte jeweils vom Lyriker selbst und von einem Lyrik-Experten erklärt werden, sollten dem deutschen Publikum »begehbare Wege« zur modernen deutschen Poesie erschlossen werden. Denn diese sei, meint Hilde Domin, »in ihrem Gesamt weder so zerebral, noch so dunkel und extrem, wie der durch die Tagesdiskussion verschüchterte Leser gemeinhin fürchtet«.

Das Ergebnis des originellen Experiments, das Buch »Doppelinterpretationen«, liegt jetzt vor: 31 exemplarische Gedichte, jeweils von einem gemischten Doppel« (Domin) gedeutet*.

Das Buch zeigt, welche Schwierigkeiten »Das zeitgenössische deutsche Gedicht zwischen Autor und Leser« (Untertitel) auch nach doppelter Deutung noch bereitet - nicht nur weil es »ja ein Geheimnis« ist und auch andere Poeten ablehnen, sich näher zu erklären.

Auch wenn, vom Autor oder vom Experten, erklärt wird, was Gedichtzeilen wie etwa »oval gekrümmt Lackspur ins Ungehörte lallend« bedeuten - nämlich »Berufung auf den Dichter als Demiurgen« -, ist dem verschüchterten Leser damit meistens nur bedingt gedient.

Der Berliner Dichter-Professor Walter Höllerer, 43, erklärt sein Gedicht »Völlig versteckt im Frühwind« («... im Morgenzug/Schläft fast alles") unter anderem mit der Bemerkung, er »fahre an diesem imaginierten Morgen ... durch den Überbau von mir selbst«. Höllerer -Interpret Clemens Heselhaus, Professor in Gießen: »Übermächtigung des Nomens durch die Apposition.«

Die Bergmannstochter Christine Lavant, 51, aus St. Stefan in Kärnten, die sich ihren Lebensunterhalt zeitweilig durch Stricken verdiente, erläutert ihr Gedicht ("Die Stadt ist oben auferbaut/voll Türmen ohne Hähne; / die Närrin hockt im Knabenkraut,/strickt von der Unglückssträhne") mit einem einzigen Satz: »Dies Gedicht ist, wie fast alle anderen meiner Gedichte, der Versuch, eine für mich notwendige Selbstanklage verschlüsselt auszusagen.« Lavant-Deuter Beda Allemann, Professor in Würzburg: »Die formale Gliederung des Gedichts ergibt sich aus dem Zusammenspiel von Vier- und Dreihebern, wobei ausnahmslos die Dreiheber auf unbetonte, die Vierheber auf betonte Silbe ausgehen.«

Hilfe von Selbst- und Fremdinterpreten darf der ungeübte Lyrik-Leser schon gar nicht bei den erklärten Avantgardisten erwarten.

Franz Mon, 40, Motor der »Movens« -Bewegung, analysiert sein Gedicht »Geschnürter Wind": »Die artikulatorische Gestik des Textes ist stark durch die Vorliebe für die Vokale i und a bestimmt, d. h. für den Vokal mit der größten und für einen mit kleinerer Mundöffnung.«

Und Max Bense, 56, Philosophie-Professor in Stuttgart und Programmierer kybernetischer Dichtung, rechnet zu seinem Text »Mein Standpunkt« dessen »Maßzahl des ästhetischen Zustands'« aus: »Mä=O/C=R/H=O,3359/0,6641= 0,2164«. Bei Bense, meint dazu Bense -Doppelpartner Reinhard Döhl, »kläfft gewissermaßen eine Leerstelle, in die der Leser eintreten muß ... Das aber kann ihm der Interpret nicht abnehmen«.

Daß Hilde Domins Lyrik-Lehrbuch nicht selber ganz zur »Leerstelle« wurde, verdankt es einigen Interpretations-Doubletten, die auch bei Lyrik -Laien durchaus Verständnis wecken können, beispielsweise denen von Peter Rühmkorf/Dieter E. Zimmer und Christoph Meckel/Herbert Heckmann.

Der Berliner Lyriker und Graphiker Meckel, 31, erklärt seine »Ode an mächtige Mannschaften« schlicht als Erzähler: Er berichtet, welche Kindheitserlebnisse (amerikanische und russische Besatzer-Razzien) seinen spöttischdemütigen Bittversen an die Verfolger ("Beliebt es euch, kriecht in meine Hundehütte/und sucht eure Beute in allen Kuckucksuhren") zugrunde liegen. Und da er nicht »einer vom literarisch-akademischen Geheimdienst« ist, überläßt er »eine hundertprozentige, richtige, gewichtige, klare, stichhaltige, eindeutige oder vieldeutige Interpretation ... dem, der darin geübt ist«.

Es ist der Frankfurter Germanist und Erzähler Herbert Heckmann, 35. Sein Resümee über Meckels »Ode": »Das Gedicht ist im wörtlichen Sinn von einer entwaffnenden Einfachheit.«

* »Doppelinterpretationen«. Herausgegeben und eingeleitet von Hilde Domin. Athenäum Verlag, Frankfurt; 264 Seiten; 19,80 Mark,

Lyrikerin Hilde Domin

Leerstelle im Überbau

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