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BÜCHER NEU IN DEUTSCHLAND Ich auf Reisen

Kazimierz Brandys: »Joker« Insel; 236 Seiten 18 Mark.
aus DER SPIEGEL 24/1968

»Ein Buch vom Fleisch und Blut seines Verfassers«, so hat der französische Philosoph Montaigne seine »Essais« genannt -- und genauso lassen sich die »Erinnerungen aus der Gegenwart« des polnischen Schriftstellers Brandys, 51, nennen.

Anlaß der klugen und feinfühligen Aufzeichnungen ist eine Reise in den Westen, die den Autor über einen Schriftstellerkongreß in Belgrad nach Mailand und zu Freunden auf Sardinien führt, zur Verleihung eines Literaturpreises an die russische Lyrikerin Anna Achmatowa nach Sizilien, dann nach Marseille und Paris -- ein halbes Jahr unterwegs.

Dieses Unterwegs, so zeigt sich, führt nach Haus. Der Pole reist von Warschau nach Warschau und wähnt sich sogar in fremden Städten manchmal in Warschau. Die Stationen seines Reisens sind eher Menschen als Metropolen, eher Gespräche als Gebäude. Zusehen und Zuhören mobilisieren in Brandys Erinnerungen und Assoziationen, und beiläufig fast, profund, doch funkelnd formuliert, fallen seine Einsichten an, hei Bedarf ironische:

»Das Unglück liegt darin, daß die Deutschen Gedanken brauchen, daß sie aber ohne Bewußtsein auskommen.«

Bewußtsein -- häufigstes Wort auf diesen Seiten, wie Brandys selbst bemerkt, ein staunender Aufklärer mit einem sechsten Sinn für Moral:

»Die Wahrheit über sich nicht wissen wollen, ist der zeitgenössische Zustand in Sünde; der Mensch erlöst sich heute durch Selbstbewußtsein. Also nicht normative Ethik, sondern erkennende Ethik -- mit dem Ich als Gegenstand der Untersuchung.«

Die betreibt Brandys, mit geschärftem Sinn für Nuancen, fürs Sowohl-als-Auch und gegen Prinzipien, in seinem Reise-Journal intime nebenbei.

Dem ernsten Unternehmen Charme zu verleihen, wendet sich der Schriftsteller (wie schon in seinem früheren Buch »Briefe an Frau Z.") schreibend an eine »Madame«. Vor ihr erlebt und reflektiert er, erfährt er sich als Pole -»Joker«, Narr, Trumpfkarte im Spiel der Mächte, die für jede andere steht -, als Pole, wie sein im Lager umgekommener Vater oder wie der Fürst Poniatowski in napoleonischer Vergangenheit, deren tragische Biographien ihm nicht minder gegenwärtig sind als die in diesem Buch so brillant bedachte und umschriebene eigene Existenz.

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