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»Ich bete sie an«

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aus DER SPIEGEL 52/1987

Sie kam als Teenager zur Welt. Später stand sie im schulterfreien, straßglitzernden Abendkleid, mit Handschuhen und Perlenkette, elegant und verführerisch vor einem Mikrophon.

»Allein im Rampenlicht« hieß die Show, die Kinderherzen bubbern ließ und die zum Kauf gedrängten Eltern vor die Frage stellte, was denn wohl dran sei an der 30 Zentimeter hohen Puppe, die der US-Spielzeugkonzern Mattel 1959 herausbrachte. Waren es die langen Beine, die grazile Haltung oder die Wespentaille, die an einen neuen Star aus der Haute-Couture-Nation Frankreich namens Brigitte Bardot erinnerten?

»Es waren die Titten«, befand die New Yorker »Village Voice« kategorisch, verkörperte doch die hohe Puppenbrust für Mädchen zwischen drei und 13 »den Sinn des Erwachsenseins«.

Ruth Handler, die Schöpferin der Puppe, sah das ähnlich: »Barbie steht für den Traum eines jeden kleinen Mädchens von seiner Zukunft.« Es war in Wahrheit ein deutscher Traum. Denn Barbie war dem »Bild«-Maskottchen »Lilly« nachempfunden, das der Zeichner Reinhard Beuthin 1952 erstmals gestrichelt hatte. »Lilly« war als Puppe nur ein kurzzeitiger Verkaufsschlager, zum weltweiten Dauerhit wurde sie erst als Barbie, nachdem Mattel die Rechte erkauft und »Lillys« deutschharte Züge weicher gemacht hatte.

An die 350 Millionen Stück der als »Teenager-Mannequin« konzipierten Puppe aus fleischfarbenem Vinyl hat Mattel in dem nunmehr 28jährigen Barbie-Dasein weltweit absetzen können.

Den einzigartigen Puppenerfolg dokumentiert ein jetzt erschienenes Buch. Verfasser der »Wow! It''s Barbie«-Geschichte ist ein in Paris lebender Künstler, der sich BillyBoy nennt und sein Leben offenbar Barbie gewidmet hat. _(BillyBoy: »Barbie. Her Life & Times. ) _(Crown Publishers, New York; 192 Seiten; ) _(25 Dollar )

»Sie ist eine Gottheit. Ich bete sie an«, sagt der 28jährige Autor. 11000 Barbie-Puppen umfaßt seine Sammlung, die auch jenes Zubehör enthält, mit dem die findigen Mattel-Puppenmanager ihre Kreation umgeben haben.

Nicht nur wurde die Barbie-Garderobe den wechselnden Moden so perfekt nachgeschneidert, daß Barbie mal Elizabeth Taylor, mal Mannequin Veruschka glich. Die bestangezogene Puppe der Welt posierte auch als Rocksängerin und Astronautin, als Skihaserl oder Ballerina. Es gibt Barbies mit Sprechwerk und mit klimpernden Augenlidern. Die moderne Barbie fährt einen roten Mini-Ferrari und kann sich die flatternden Haare aus der Stirn streichen.

Fans der bunten Barbie-Welt können tausende von Mark in die diversen Puppen und Kleidungen, in Zubehör wie Whirlpool, Himmelbett und Dusche investieren. Dann sind da auch noch Barbies Begleiter: Schwester »Skipper« und Königspudel »Mylord« sowie vor allem Freund »Ken«, von dem noch immer nicht bekannt ist, ob er mit Barbie, die er schon geheiratet hat, die Ehe vollziehen wird. Daß zwischen beiden noch nichts gewesen ist, steht fest. Denn für Barbie die als »perfekte Verkörperung von Moral, Einfachheit und Eleganz« (BillyBoy) von Anzeigengestaltern oftmals in der Werbung nachempfunden wurde, ist Sex kein Thema.

BillyBoy: »Barbie. Her Life & Times. Crown Publishers, New York; 192Seiten; 25 Dollar

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