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AUTOREN »Ich bin aber nicht traurig«

Im Westen umschwärmt, im Osten beschimpft: Die junge Leipzigerin Jana Hensel hat mit ihren Kindheitserinnerungen »Zonenkinder« einen Riesenerfolg - und überraschende Schwierigkeiten.
Von Doja Hacker
aus DER SPIEGEL 2/2003

Die Nivea-Creme der DDR hieß Florena, und es gibt sie noch. Jana Hensel hat wegen ihrer im Winter aufgesprungenen Lippen immer Florena dabei. Seit ein paar Tagen überfällt sie jedes Mal, wenn sie die blau-weiße Dose in die Hand nimmt, ein unangenehmes Gefühl. Denn ihre Florena war der Anlass für den Abbruch eines Gesprächs, das gut gelaunt begonnen hatte. Kai Biermann, junger Journalist ostdeutscher Herkunft, wollte die Bestsellerautorin Hensel für die »Stuttgarter Zeitung« porträtieren. Man saß im Café, friedlich, bis Jana Hensel sich die Lippen eincremte. »Die benutzt doch nun wirklich keiner mehr!«, warf ihr der Besucher vor und beendete gleich darauf die Unterhaltung: »Wir finden irgendwie nicht zueinander.« Nach diesem aggressiven Bescheid brach er auf, und Jana Hensel blieb ratlos zurück. Ihr ist es egal, ob Florena oder Nivea, Hauptsache, es hilft.

Vielleicht hat die in Leipzig aufgewachsene, in Berlin lebende Hensel auch deshalb aufgesprungene Lippen, weil ihr seit einiger Zeit so scharfer Gegenwind ins Gesicht bläst. Er kommt aus dem Osten und gilt ihrem Ende August erschienenen, zwischen Sachbuch und Roman angesiedelten Debüt »Zonenkinder« (SPIEGEL 41/2002). Das Buch beschreibt die Generation der heute Mittzwanziger, die beim Fall der Mauer Teenager waren; die im Osten aufwuchsen und im Westen erwachsen wurden. Eine Generation, deren bisherige Lebenszeit in zwei exakt gleiche Hälften gespalten wurde, »zwittrige Ostwestkinder« nennt Hensel sie oder die »ersten Wessis aus Ostdeutschland«.

Von westdeutschen Kritikern wurde »Zonenkinder« bestaunt und gelobt - als frei von Larmoyanz und so sensibel wie sachlich, dazu als notwendige Ergänzung zu Florian Illies'' westdeutscher »Generation Golf«. Und es gab genügend Menschen im Land, die das wissen wollten: Hensels Suche nach der verlorenen Kindheit gelangte schnell auf die Bestsellerlisten (bislang 110 000 verkaufte Exemplare), ihre Recherche du temps perdu machte die Autorin innerhalb weniger Wochen bekannt im ganzen Land. Ein Erfolg, der jetzt an ihren Nerven zerrt.

Denn kaum hatte sich das Buch herumgesprochen, bliesen die Rezensenten aus dem Osten zum Angriff auf die 26-jährige Autorin. Sie warfen ihr vor, ein »Poesiealbum« verfasst zu haben, das die DDR wie eine beste Freundin behandle; sie habe »nach dem Kultbuch« geschielt, sei unpolitisch, dafür »dem Nippes« verfallen ("Freitag"). Sie entdeckten einen »selbstgefälligen Ton« in der »greisenhaft kindlichen« Identifikation »mit dem Belanglosen« ("Süddeutsche Zeitung"). Sie verstiegen sich sogar zur These, kein Westdeutscher hätte sich getraut, solche Banalitäten mitzuteilen. Allein die Wende gebe den allzu gewöhnlichen Ereignissen den dramatischen Hallraum. Angewidert vom »abstoßend platten Titel« fielen sie auch über den Ton des Buchs her: »ungenau, stilistisch reizarm und penetrant ironisch« ("Literaturen").

Schließlich verglichen sie die Debütantin mit führenden Namen ostdeutscher essayistischer Literatur und klassifizierten sie als Schädling auf dem Anbaugebiet der Vergangenheitsbewältigung. Ihr Buch versperre den Platz für eine ernst gemeinte Aufarbeitung von DDR-Geschichte. Als handele es sich bei Hensels höchst persönlicher Erinnerungsprosa um ein Standardwerk für angehende Historiker.

Woher diese geballte Wut? Auch wenn Jana Hensel geglückt ist, wovon andere Debütanten träumen - mit dem ersten Schlag in die »Harald Schmidt Show« eingeladen zu werden -, Neid erklärt das Phänomen nicht. Es ist das kollektivierende »Wir«, das die Herkunftsgenossen gegen sie aufbringt. »So schnell«, schreibt der (Ost-)Kritiker der »Frankfurter Allgemeinen«, »hat noch kein Hippie seinem Gegenüber das Du aufgedrängt wie dieses Buch dem Leser das Wir.«

Dass der Plural provozieren würde, wusste Jana Hensel. Doch dass man ihr das »Wir« mit solcher Wucht um die Ohren haut, das überrascht sie. Und auch ihren Verleger. Der suchte und fand eine Erklärung: Während der jahrzehntelang individualisierte Westen sich über Gemeinsamkeiten freue, mutmaßt Alexander Fest, Leiter des Rowohlt-Verlags, sei der Osten vom Kollektivieren gebrandmarkt und lehne Verallgemeinerungen ab. Die angefeindete Autorin stimmt der These zu. Schließlich habe dem Westautor Florian Illies in seiner »Generation Golf« das »Wir«-Sagen fast niemand übel genommen.

Sie fühlt sich missverstanden. Jana Hensel wollte Wahrnehmungen festhalten, die bald unwiederbringlich verloren sein könnten. Von Gerüchen und Geräuschen berichten und von so seltsamen Details wie den übergroßen rosa Schleifen im Haar der »unsäglich isolierten« sowjetischen Mädchen. Und nun werden diese aus der Erinnerung hergewehten Bilder in Grund und Boden gestampft, weil sie nicht hinzufügte, dass es ein Unrechtsstaat gewesen sei, von dessen Besonderheiten sie erzählt. Nur: »Was weiß eine 13-Jährige vom Unrechtsstaat?«

Sie könnte sich zur Wehr setzen, könnte argumentieren, dass die spätere Beurteilung der DDR die Perspektive ihrer Erzählung verfälscht hätte, aber die Anfeindungen haben ihr eben die Sprache genommen, deren Unschuld den Charme des Buchs ausmacht. Als wäre sie es inzwischen gewohnt, sich für ihre friedlichen Kindheitserinnerungen rechtfertigen zu müssen, sagt sie: »Ich denke viel intellektueller, als mein Buch geschrieben ist.« Sie redet nur noch auf gesichertem Terrain, verschanzt sich hinter nicht angreifbarer Wissenschaftssprache: Die Attacken gehören für sie zur »Logik der medialen Diskursmaschine«, die sich selbst am Laufen halten muss. Gefühle spart sie aus, stattdessen spricht sie vom »notwendig Episodenhaften«, von Anekdoten, die sie »aufbereitet« habe für ihren »Erinnerungsteppich«.

Sicher, ein wenig möchte sie auch mitspielen. So schnell wird man nicht noch einmal berühmt. Deshalb hat sie einen Satz gut eingeübt: »Es ist ein Trugschluss zu glauben, man kennte mich, wenn man dieses Buch gelesen hat.« So spricht eine junge Autorin, die sich ein Image zurechtschneidert. Denn ohne Image kann man nicht herumtoben in der Medienwelt. Ein Image braucht man, wenn die Redakteure von der »Johannes B. Kerner-Show« und von »3nach9« in Vorabgesprächen die Eloquenz der jungen Star-Autorin prüfen. Und Image heißt vor allem: nichts von sich preisgeben. Jana Hensels Image ist das der perfekt assimilierten Deutscheuropäerin.

Die Fernsehzuschauer werden in kommenden Talkshows ein fotogenes selbstsicheres Mediengeschöpf präsentiert bekommen, keinen ungeschützt auftretenden Menschen. Hensel spielt eine Rolle: die klu-

ge Studentin, die ein Buch schrieb, das ihrer Meinung nach fehlte. Für die es auch in Ordnung gewesen wäre, wenn jemand anderes dieses Buch geschrieben hätte. Eine Intellektuelle, die Lektorin werden möchte, nicht Schriftstellerin. Ein zweites Buch wolle sie nicht schreiben, sagt sie. Das gibt es selten. Das klingt ein bisschen zu bescheiden, als dass man es glauben könnte. Zu sehr wie geschaffen für Moderatoren: So was hatten wir noch nicht in der Sendung.

Jana Hensel hat begriffen, dass sie stellvertretend gehätschelt und geprügelt wird - stellvertretend für ein kollektives schlechtes Gewissen im Westen und für einen kollektiven Erinnerungsschwund im Osten, und deshalb versucht sie, mit dem Betrieb zu spielen wie der mit ihr. Dazu muss sie sich maskieren.

Aber wer befindet sich hinter dieser Maske? Eine junge Frau, die heimlich zu viel schläft und davon träumt, später mal für ein Jahr nach Amerika zu gehen. Eine Studentin, die noch eine Weile im Schutzraum der Universität bleiben will, »bis alles wieder besser wird«. Eine Tochter, die ihr Studium ordnungsgemäß beenden möchte, nicht weil sie selbst daran glaubt, sondern weil »meine Mutter das für richtig hält«. Eine Prenzlauer-Berg-Bewohnerin, die »fast fanatisch« joggt gegen Anwandlungen von schlechter Laune und die sich »zum Leidwesen meiner Mutter« ausschließlich von Fast Food ernährt.

Ungeheuer normal - mit einer Einschränkung: Für eine 26-Jährige ist überraschend oft von der Mutter die Rede. Ihrer Mutter (und ihrer Schwester) hat Jana Hensel ihr Buch gewidmet. Die Mutter ist die heimliche Adressatin. Das Buch ist ein Appell an sie, nicht alles zu vergessen, was einmal ihren Alltag ausmachte. Vielleicht sogar eine zaghafte Anklage, den Dachboden so schnell ausgeräumt zu haben für das vermeintlich bessere Neue. Indem sie die Mutter an Vergessenes erinnert, holt sich die Tochter die notwendige Auseinandersetzung mit ihr zurück.

Auflehnung gegen die Eltern gehört zum Erwachsenwerden. Die Zonenkinder hatten dazu keine Gelegenheit. Vor 13 Jahren wurde die Autorität ihrer Eltern über Nacht zerschlagen. Ihre Frage an die Eltern lautet nicht: Warum habt ihr geschwiegen? Sondern: Warum glaubt ihr, alles vergessen zu müssen?

Viele Mittzwanziger stellen diese Frage. Bei Hensels Lesungen bleibt kein Stuhl unbesetzt, körbeweise Briefe erreichen die Autorin. Sie stammen alle von im Osten aufgewachsenen, im Westen lebenden Altersgenossen. Und handeln von gelingender Anpassung, aber auch von Sehnsucht. In diesem Spagat leben die Zonenkinder.

Der Rest ist Zukunft. Die Zeitspanne DDR wird von nun an in ihrem Leben immer kleiner werden. Relativ gesehen. Und das heißt: keine Zeit mehr für Sentimentalitäten. Zur Assimilierung gehört auch eine Abkehr von Eigenschaften, die im Westen als typisch ostdeutsch gelten. Mit dem Bild des sozial denkenden Gutmenschen möchte Jana Hensel nichts mehr zu tun haben: »Meine Generation«, sagt sie, »weiß sehr genau, wann man die Ellenbogen ausfahren muss.« Wenn ich was erreichen will, zitiert sie sich und andere, »muss ich den Osten hinter mir lassen - unser Vorbild war immer der Westen«.

Nur hat der die Pläne, Erwartungen und Hoffnungen auf ein Minimum schrumpfen lassen. Gerade mal so durchkommen ist alles, was man sich im Moment vornehmen kann. Von Euphorie keine Spur mehr. Stattdessen Distanz zu allem und in jeder Hinsicht. Distanz ist das Wort, das Jana Hensel im Gespräch am häufigsten gebraucht. Ihren Blick in die Kindheit will sie als »distanzierten Blick« verstanden wissen. Distanz ist ihr wichtig - beim Denken und auch in der Liebe. Alle 14 Tage trifft sie ihren Freund in Frankfurt am Main. Sie ist ein »erklärter Fan der Fernbeziehung«. Auf das Ostmodell der frühen Familiengründung setzt sie nicht. Gesunder Pragmatismus: »Zu DDR-Zeiten bekam man als Familie leichter eine Wohnung. Heute sollte man erst mal für sich selber sorgen.«

Die Zukunft, die sie sich ausmalt, hört sich nicht munter an. »Allein mit zwei Bälgern« werde sie landen - »unabhängig und wenig postkartenglücklich«. Zugegeben, sie sei ein bisschen pessimistisch, »aber das sind wir doch gerade alle«.

Was vermisste der ostdeutsche Journalist bei der westlich assimilierten Autorin? Weshalb brach der das Gespräch ab? Kai Biermann möchte sich dazu nicht äußern, er wartet darauf, dass sein Artikel gedruckt wird. »Vielleicht wollte er, dass ich Trauer über die abgebrochene Kindheit zugebe«, überlegt sich Jana Hensel: »Ich bin aber nicht traurig.« So klingt jemand, der sich etwas fest vorgenommen hat. DOJA HACKER

* Mit Margot Honecker.

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