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»Ich bin dein Alptraum«

aus DER SPIEGEL 31/1994

SPIEGEL: Mr. Murphy, Sie haben einmal gesagt, Sie würden dem Regisseur John Landis gern in den Hintern treten. Statt dessen haben Sie jetzt mit ihm »Beverly Hills Cop III« gedreht.

Murphy: Du lieber Gott, wir haben uns wieder vertragen. Wir haben eine Menge gemeinsamer Freunde. Natürlich habe ich »Fuck off« zu John gesagt, aber ich kenne ihn, seit ich 19 bin. Der Mann ist also einiges gewohnt.

SPIEGEL: Von der Figur des Axel Foley, die Sie in »Beverly Hills Cop« spielen, haben Sie auch nicht gerade freundlich gesprochen. Sie nannten ihn einen netten Schwachkopf.

Murphy: Ich kann zu wenig stehen, was ich in meinen Zwanzigern gesagt habe. Ich war ein komplett Irrer. Ich trug einen lilafarbenen Lederanzug mit lilafarbenen Handschuhen und darüber einen riesigen Brillantring am Finger. Ich habe rumgeschrien, daß nur Vollidioten heiraten und solches Zeug. Wenn ich heute Fotos von damals sehe, denke ich manchmal: Wow, was für ein Schwachkopf! Wow, das ist gerade einmal zehn Jahre her! Aber der Blödsinn, den ich damals gesagt habe, wird mich wohl mein Leben lang verfolgen. _(Das Gespräch führten die Redakteure ) _(Wolfgang Höbel und Thomas Hüetlin in ) _(Amsterdam. )

SPIEGEL: Mit anderen Worten, Sie wollen jetzt auf Nummer Sicher gehen.

Murphy: Es ist ungefähr 30 Millionen Dollar her, daß ich mich das letztemal ums Geld gesorgt habe.

SPIEGEL: Es heißt, Sie hätten sich nicht einmal durch die Gage von zwölf Millionen Dollar motivieren lassen. Ergebnis: Die Starteinnahmen blieben weit hinter »Beverly Hills Cop« I und II zurück.

Murphy: »Beverly Hills Cop I« hat in den achtziger Jahren ein ganzes Genre begründet. Filme wie »Lethal Weapon« haben an diesen Film angeknüpft und waren extrem populär. Und »Beverly Hills Cop III« ist es eben nicht. Na und? So ist das Kino manchmal. Man weiß nie im voraus, ob die Sache funktioniert.

SPIEGEL: Nach zwölf Jahren Hollywood wissen Sie das noch immer nicht?

Murphy: Natürlich nicht. Niemand weiß es. Wenn es so einfach wäre, würde es überhaupt keine Flops mehr geben.

SPIEGEL: Flops wie Ihre letzten Filme »Harlem Nights«, »Boomerang«, »Ein ehrenwerter Gentleman«?

Murphy: Sie irren sich. Ich bin der einzige Schauspieler in Hollywood - egal ob schwarz oder weiß -, der noch nie so richtig an der Kasse abgestürzt ist. Alle meine Filme haben Geld gemacht. Nehmen Sie »Harlem Nights": 70 Millionen Dollar in den USA, 40 Millionen im Ausland. Wieviel ist das noch mal zusammen? Ich glaube, 110 Millionen Dollar. Ziemliche Pleite, nicht wahr?

SPIEGEL: Das ist die Hälfte von dem, was Sie sonst eingespielt haben.

Murphy: Na und? Man kann nicht mit jedem Film 300 Millionen Dollar reinholen. Aber solange ab und zu, wie letzte Woche, der Postbote klingelt und wieder einen Scheck über eine halbe Million Dollar vorbeibringt - wo, zum Teufel soll da das Problem sein? Ich sitze nicht zu Hause herum, blättere in Hollywood-Filmzeitschriften und grüble darüber nach, wer heiß ist und wer nicht. Ich spiele lieber mit meinen Babys.

SPIEGEL: Als Sie anfingen, waren Sie der straßengeschulte Bursche, der sich über alles lustig machte. Ist Ihre Art Witz in politisch korrekten Zeiten nicht mehr gefragt?

Murphy: Politische was? Die amerikanischen Komiker sind so schlimm, wie sie immer waren. Magic Johnson hat Aids? Jeder machte Witze darüber. O. J. Simpsons Leben fällt auseinander? Jede Menge Witze. Michael Jackson hat an kleinen Jungen rumgefummelt. Witze. Witze. Witze. Verglichen mit dem, was heute los ist, war ich ein Leichtgewicht.

SPIEGEL: Schwarze Künstler wie Spike Lee und John Singleton geben sich heute politisch weit radikaler als Sie.

Murphy: Ich habe damit angefangen. Ich war der erste schwarze Held auf der Leinwand, der einen Weißen bedrohen durfte. Ich war 22, hielt einem Cowboy ein Messer an den Hals und sagte: »Ich bin dein schlimmster Alptraum.« Ich habe als erster richtig Geld verdient. Und die Bosse in den Studios überhaupt darauf gebracht, daß es einen Markt für Schwarze gibt. Ich war die Chance für die anderen, für Wesley, für Denzel, für John und für Spike - für die schwarze Renaissance, die wir heute feiern.

SPIEGEL: Auch Ihnen hat ein anderer, Richard Pryor, die Tür geöffnet.

Murphy: Ja, aber Richard mußte noch den typischen Schwarzen spielen, den Ghettobewohner, den Kriminellen. Ich mußte niemand den Arsch küssen, mich nicht erst durch Sklavenrollen und den ganzen Mist kämpfen. In der Fernseh-Show »Saturday Night Live« spielte ich alles, Juden, Fußballfans und so weiter, also Rollen, die mit komödiantischem Talent und nicht mit der Hautfarbe zusammenhängen. Ich bin der einzige Schwarze in Hollywood, der nicht immer dieses Schwarzsein verordnet bekommt, diese Filme über die Tragödie, ein Schwarzer zu sein: Wach auf, Bruder, sieh dich im Ghetto um, Crack ist überall.

SPIEGEL: Statt dessen spielen Sie Rollen für die aufstiegsorientierte schwarze Mittelklasse, wie den lustigen Cop oder den Werbemanager in »Boomerang«.

Murphy: Nein, ich spiele Rollen, die eigenständig sind, die es vorher für Schwarze fast nicht gegeben hat. In Filmen wie »48 Hours« hatte ich die zweite Hauptrolle. Nicht einen Trottel, der nur fragt: Hey Boss, wo fahren wir jetzt hin?

SPIEGEL: Sie haben schon seit Jahren nicht mehr als Stand-Up-Comedian, als Solo-Komiker, auf der Bühne gestanden.

Murphy: Leider. Stand-Up-Comedy ist die purste Kunstform. Purer als Film, Schauspiel, Malen. Da ist nur der Komödiant und das Publikum. Kein Regisseur, kein Produzent, keine Crew. Und es gibt nur zwei Möglichkeiten: Entweder du bringst sie zum Lachen, oder sie lachen nicht. Du machst keine Sketche, keine Faxen, keinen gedrechselten Blödsinn, sondern du redest über dein Leben und darüber, wie absurd und bescheuert und lustig der Alltag ist. Du mußt aufpassen, daß dein Publikum sagt: Genau, cool, genauso bescheuert ist der ganze Scheiß.

SPIEGEL: Wie oft lachen Sie überhaupt?

Murphy: Jeden Tag, über ziemlich viel. Zum Beispiel, wenn jemand auf die richtige Art die Treppe hinunterfällt, das kann komisch sein. Oder, wenn eine Frau mit einem komischen Mantel die Straße entlangläuft. Oder bei uns zu Hause, wenn sich mein Schwager mit einem Gorillakostüm verkleidet und im Keller versteckt, um alle Gäste, die sich dorthin verirren, zu terrorisieren.

SPIEGEL: An nicht so lustigen Tagen müssen Sie feststellen, daß die CIA ihr Haus verwanzt hat.

Murphy: Das haben die einmal getan, als Jesse Jackson sich um das Präsidentenamt bewarb. Ich war reich genug, um für Jesse interessant zu sein, er war oft bei mir zu Hause. Das ganze Haus war verwanzt, mein Büro, mein Wohnzimmer, sogar mein Bett.

SPIEGEL: Dabei gelten Sie als ziemlich unpolitischer Mensch.

Murphy: Genau deswegen wollten die mal rausfinden, was ich wirklich denke. Das einzige, woran ich glaube, ist Gott. Ansonsten zahle ich meine Steuern und Rechnungen, und ich passe auf, daß sie mich nicht wegen irgendeinem anderen Blödsinn drankriegen.

SPIEGEL: Glauben Sie dann, daß es sinnlos ist, was schwarze Aktivisten wie Spike Lee tun?

Murphy: Nein, überhaupt nicht. Ich habe nur nicht das Talent dazu. Ich habe politische Überzeugungen, ebenso stark wie Spike Lee, aber ich bin kein politischer Künstler. Ich heiße Eddie Murphy, und meine Aufgabe ist es, die Leute zum Lachen zu bringen. Sie sollen lachen.

SPIEGEL: Ihr Vorbild Pryor sagte einmal: »Komik entsteht aus Traurigkeit.«

Murphy: Respekt für Richard, aber meine Komik entsteht vor allem aus guter Laune. Dabei ist''s mir auch dreckig gegangen. Meine Kinder sind die ersten Murphys, die mit Rasen und solchem Mist aufwachsen. Die ersten Jahre meines Lebens sah ich nur Züge, wenn ich aus dem Fenster schaute. Meine Eltern ließen sich scheiden, mein Vater war oft betrunken und starb, als ich acht war. Aber irgendwann habe ich die komische Seite an alldem entdeckt. Und habe das mit dem betrunkenen Vater so gut nachgespielt, daß alle, deren Väter auch manchmal betrunken sind, Tränen in den Augen hatten, und zwar vor Lachen.

SPIEGEL: Werden Sie jemals wieder als Stand-Up-Comedian auftreten?

Murphy: Du brauchst dazu den Alltag. Bis ich 19 war, hatte ich das Fernsehen, die Familie, meine Freunde. Dann kam das Show-Business, und alles wurde künstlich, und auf einmal spielten meine Filme Zahlen ein, die so lang waren wie Telefonnummern. Das ist eine Welt, zu der niemand im Publikum Bezug hat. Es ist nicht besonders komisch, wenn du erzählst, mit wem du gerade einen Film gedreht hast oder wer gestern auf welcher Party war. Aber jetzt habe ich eine Familie, und ich habe wieder zu schreiben angefangen.

SPIEGEL: Mister Murphy, wir danken Ihnen für dieses Gespräch. Y

Das Gespräch führten die Redakteure Wolfgang Höbel und ThomasHüetlin in Amsterdam.

W. Höbel, Th. Hüetlin

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