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»Ich bin der absolute Voyeur«

SPIEGEL-Redakteur Urs Jenny über den blinden Photographen Evgen Bavcar
Von Urs Jenny
aus DER SPIEGEL 29/1989

Er sagt: »Seit 16 Jahren lebe ich in Paris, aber ich habe Paris nie gesehen.« Er hat 40 Kilometer vom Meer entfernt das Licht der Welt erblickt, aber er hat auch das Meer nie gesehen. »Wie andere Arzt, Offizier oder Priester werden, bin ich blind geworden«, sagt Evgen Bavcar, »mit dem Unterschied, daß ich keine Wahl hatte.« Die Freiheit der Wahl, die er sich dennoch genommen hat: Er photographiert. Er photographiert Paris und das Meer, Landschaften und Menschen. Er photographiert das Licht.

Über ein Selbstbildnis sagt er: »Der Blick dieses merkwürdigen Apparats, der mich zu sehen scheint, begegnet meinem Blick, der wirkt, als würde ich ihn sehen. Eine Camera obscura Auge in Auge mit einer anderen Camera obscura: das vollkommene Trompe-l'oeil.«

Ende vergangenen Jahres, als die Pariser Museen und Galerien zum dritten Mal ihren »Monat der Photographie« begingen, wurde Bavcar von den Veranstaltern zum »photographe officiel« bestimmt, der die Vernissagen dokumentieren sollte - gewiß steckte darin eine Absicht, die Profis der Kamera mit einer Figur des reinen Widerspruchs zu konfrontieren, der scheinbaren Unmöglichkeit. Bavcar, eine auffällige Erscheinung in breitkrempigem schwarzem Hut und rotem Schal, absolvierte gut 40 Eröffnungspartys und machte es, wie er es in Gesellschaft immer macht: Er photographiert, die Kamera etwa auf Höhe des Kinns, nach dem Gehör. Nur einmal wurde er dabei ausgelacht.

Den Menschen auf Bavcars Porträts gelingt kaum je ihr eingeübtes »Photographiergesicht«, und auch wenn sie sich nackt zeigen, verraten sie eine paradoxe Scham: Der Blinde mit der Kamera bringt sie dazu, sich selbst wahrzunehmen, ohne den Blick eines Gegenübers, der sie in ihrem Narzißmus bestätigt.

Evgen Bavcar, 43, ist Slowene. Zwar besitzt er seit langem die französische Staatsbürgerschaft und hat sich daran gewöhnt, daß man ihn Monsieur Bawkar nennt (korrekt wäre Bautschar), doch seine Eltern - denen der Gang der Geschichte nacheinander die österreichische, die italienische und die jugoslawische Nationalität verpaßt hat - betrachteten sich stets nur als Slowenen, und daran hält er fest.

Immer wieder fährt er zurück in sein Heimattal, um sich des einen, kleinen Stückchens Welt zu vergewissern, das er je gesehen hat. Er nimmt den Nachtzug von Paris, weil er in Triest das Morgenlicht und den Morgenduft des Meeres spüren will, und er macht, wenn immer möglich, einen Abstecher nach Duino. Der Park, den der Schloßherr vor gemeinen Touristen versperrt hält, wird für den Blinden geöffnet, denn für ihn ist dies ein Ort der poetischen Offenbarung, der Ort des Engels, von dem Rilke in seinen »Duineser Elegien« spricht. In der Ruine des alten Schlosses, steil über dem Meer, hat Bavcar seinen Engel photographiert. »Engel sind wie Photonen«, sagt er, »sie erscheinen, um zu verschwinden, sie sind Mittler zwischen dem Sichtbaren und dem Unsichtbaren, zwischen Dunkel und Licht.«

Vor zwei Jahren hat ihn der Filmemacher Jacques Deschamps auf der Reise über Triest und Duino in die Heimat begleitet, und sie haben zusammen den Fernsehfilm »Le regard ebloui« (Der geblendete Blick) gemacht. Da sieht man Bavcar auf einer Anhöhe über dem Tal stehen und die Gegend erklären; sein ausgestreckter Finger folgt der Linie der Hügel und Kuppen, deutet auf kleine Orte, Gehöfte: Der Blinde zeigt der Kamera, was sie sieht.

Als Evgen zehn Jahre alt war, schlug ihm, beim Rennen im Wald, ein zurückschnellender Zweig das rechte Auge aus. Im Film zeigt er das Waldstück, wo es geschah, und zeigt den Felsblock, gegen den er, zurück aus der Klinik, sein Glasauge warf, um den Spielgefährten zu beweisen, daß es unzerbrechlich sei. Er zeigt auch die verlassene Werkstatt, in der sein Vater, von Beruf Kesselschmied, kupferne Waschbottiche hämmerte. »Wenn ich mir die Höllenfarben von Hieronymus Bosch vorstellen will, denke ich an die Gewalt der gelben, orangen und violetten Flammen, die aus dem Kupferschmelzofen meines Vaters schlugen.«

Als Evgen elf Jahre war, fand er einen kleinen Metallgegenstand, der ihn neugierig machte. Waffen vieler Art kannte er - wie alle slowenischen Nachkriegskinder, die damit spielten -, doch nicht das: einen Minenzünder. Er hämmerte darauf, und die Explosion verletzte sein linkes Auge.

Ganz langsam, im Lauf eines halben Jahres, verlor er das Licht; in diesen Monaten, im Krankenhaus in Ljubljana, verschlang er an Büchern, was zu bekommen war (zu Hause hatte es keine gegeben), und er speicherte in seinem Gedächtnis die Bilder, die er in Zeitungen fand: Tito und Chruschtschow, Eisenhower und Adenauer, Sophia Loren und Brigitte Bardot, auch die Mona Lisa, leider nur schwarzweiß.

In Deschamps' Film zieht er die Kamera hinter sich her durch den langen Kindersaal der Klinik bis zu jenem Fenster, durch das er seine Abschiedsblicke auf die Welt geworfen hat; das letzte, was er sah, war eine vorbeifahrende Straßenbahn. »Gleich kommt sie«, sagt er, denn er hört sie, und vor der Kamera fährt eine Straßenbahn vorbei. Der Film endet in einer der großen Karsthöhlen Sloweniens, einer Camera obscura, also einem sehr bavcarschen Ort. Er zeigt auf die Grottenolme, die da in einem unterirdischen See wimmeln, und sagt: »Es sieht aus, als würden sie uns ansehen, aber sie sind blind.«

Im Gymnasium in Nova Gorica war Evgen Bavcar der einzige Blinde und schaffte dennoch das beste Abitur seines Jahrgangs; so konnte man ihm einen Studienplatz nicht verwehren, obwohl die staatliche Fürsorge ihn lieber als Telephonisten, Masseur oder Bürstenbinder in einem Heim gesehen hätte. Nach dem Universitätsexamen in Geschichte (in Ljubljana) ging er zurück an sein Gymnasium in Nova Gorica, nun unter den Lehrern der einzige Blinde. Die Erfahrung im Umgang mit einer Schülerschar, die einen unentwegt zu beschummeln versucht, wie mit den Kollegen ("Als Behinderter muß man immer besser sein als die anderen, um als gleichwertig anerkannt zu werden") war ihm wichtig, doch er wollte mehr.

1972 gewann er ein französisches Ausländerstipendium für Philosophie und ließ sich in Triest in die Eisenbahn setzen, auf nach Paris. Seither tastet er sich allein durchs Leben, mit unbeirrbarer Willenskraft, doch erzwungenermaßen langsam. »Der Unterschied im Wahrnehmungstempo zwischen einem Blinden und einem Sehenden ist wie der zwischen Schallgeschwindigkeit und Lichtgeschwindigkeit.«

Der Straßburger Ästhetik-Dozent Thomas Soriano, der Anfang der siebziger Jahre an der Sorbonne studierte, erinnert sich an die seltsame schmale Gestalt mit weißem Stöckchen, die sich zielstrebig durch die Korridore der Universität bewegte, in Vorlesungen von Foucault, Lacan oder Levi-Strauss drängte. Doch zur Bekanntschaft zwischen den beiden kam es erst viel später, und nun - auch als Tribut zur 150-Jahr-Feier der Photographie - hat Soriano in seiner Straßburger Kunstgalerie »Finnegan's« die erste Bavcar-Einzelausstellung veranstaltet. Ihr Titel, von Bavcar vorgeschlagen und auf der Vernissagen-Einladung in Spiegelschrift gedruckt: »Narziß ohne Spiegel«.

Spiegel faszinieren ihn als Inbegriff dessen, was sich ihm entzieht, auch wenn er es in der Hand hält. In seiner engen Pariser Wohnung hängt, neben ein paar Bildern (Freuds Couch, Kafkas Kopf, Boschs Hölle), provozierend unnütz eine Reihe von Spiegelchen; er photographiert gern Spiegelungen, und sein (aus Geldmangel bisher unverwirklichter) Wunschtraum ist eine Photo-Serie, das dem Geheimnis der Spiegelherstellung nachspürt - in Venedig natürlich, wo dieses Geheimnis von den Glasmachern lange Zeit gehütet wurde.

Bavcar hat als Junge zu photographieren begonnen, nachdem er erblindet war - aus Widerspruch, zur Selbstbehauptung, vielleicht auch mit der geheimen Idee, sich so doch anzueignen, was er nicht sehen konnte. Der Stolz darüber - »wie über einen gelungenen Diebstahl« - hat ihn nie verlassen, auch wenn der Anspruch an sich selbst längst ein anderer ist. »Der Ausgangspunkt für den Sehenden ist die Helligkeit, für den Blinden die Finsternis. Doch der Blinde sehnt sich nach Licht, wie ein Kind in der Eisenbahn bei der Fahrt durch einen Tunnel, und diese Sehnsucht drückt sich in meinen Bildern aus.«

Bavcars Photographieren ist naiv, weil er keine Vorbilder hat und haben kann. Bei seinen Streifzügen braucht er Begleiter, die ihm die Orientierung erleichtern (Kinder sind ihm am liebsten, etwa in Slowenien seine kleine Nichte Veronika); technische Erschwernisse, über die er genau Bescheid weiß, machen ihm Sorge, zum Beispiel im Umgang mit langen Brennweiten, wo genaues »Zielen« erforderlich ist; das Entwickeln und Vergrößern muß er Helfern überlassen - und doch sind es seine ganz eigenen Bilder: Er geht von einer präzisen Vorstellung aus und läßt sich die Resultate von verschiedenen Leuten so lange beschreiben, bis er sicher ist, das Gewollte erreicht zu haben.

Er photographiert die Orte und Landschaften seiner Kindheit, mit Vorliebe nachts, wenn das Licht als Erscheinung wirkt; er photographiert seine Pariser Umgebung, Passanten, deren Stimmen ihn reizen; er inszeniert, auch mit Mehrfach-Belichtungen, mysteriöse Visionen, die er »vues tactiles« nennt; er macht auch gewollt Bedeutsames. Das Bild einer Frau vor einer hellen Wand, auf die die Schatten schwerer Ketten fallen, trägt als Titel die Song-Zeile des blinden Ray Charles: »Take these chains from my heart, and let me see!«

1976 hat Bavcar an der Sorbonne promoviert, mit einer Arbeit über Ernst Blochs Ästhetik, samt Exkursen zu Lukacs, Adorno und Benjamin. Die Kunsttheorie hat ihn seither nicht losgelassen; ein langfristiges Forschungsstipendium zum Thema Expressionismus und Philosophie sichert sein Existenzminimum. Das Interesse für bildende Kunst ist - neben der Photographie - Bavcars andere Grenzüberschreitung, sein anderes Lebens-Paradox. Zuletzt hat es einen Zyklus von Rundfunk-Dialogen hervorgebracht, der Ende August unter dem Titel »La peinture les yeux fermes« (Die Malerei mit geschlossenen Augen) gesendet wird: Bavcar, beharrlich, bringt Künstler, Architekten und Kunstwissenschaftler dazu, so über Kunst zu sprechen, daß es ein Blinder versteht.

Malewitschs »Schwarzes Quadrat«, sagt er, kann er sich leicht vorstellen; mit Jackson Pollock ist es schon schwieriger. Über das »innere Licht«, das alte Ikonen erhellt, über den Kerzenschimmer auf den Gemälden von La Tour, über den Blick des Moses von Michelangelo oder über die vieldeutig-verschiedenen Handhaltungen der drei Grazien auf Botticellis »Frühling« spricht er so lebendig und sicher, als hätte er alles genau betrachtet. Doch er selbst weiß, daß er nur von seiner Vorstellung spricht, und das schärft seine Aufmerksamkeit dafür, daß auch die Sehenden von den eigenen Vorstellungen »geblendet« sind. Er vergleicht Bildbeschreibungen, spürt Widersprüche auf, fragt nach dem, was offen bleibt. Sein Thema ist die Beschreibbarkeit von Kunst, die zugleich ihre Unbeschreibbarkeit ist: ein Blinder auf der Suche nach dem Unsichtbaren.

Seiner Blindheit treu - in einer eindringlich poetischen Selbstdarstellung, die in der Zeitschrift »Lettre internationale« erschienen ist, nennt er sie seine »unentrinnbare Komplicin«, an die ihn Haßliebe bindet -, interessiert ihn der Mythos des Blinden als Dichter, Sänger, Seher ebenso wie die Figur des Blinden in der neueren Literatur und im Film, bei Max Frisch, Nabokov oder Bunuel.

Seinem Slowenentum treu, interessiert er sich für slowenische Dichtung, und dabei zieht er diesen Kulturkreis, über die Sprache hinaus, von den italienisch schreibenden Triestinern Svevo und Saba bis zu dem Kärntner Peter Handke. Seit einem ersten Besuch in Salzburg vor sechs Jahren hat er sich immer wieder mit Handke getroffen; er spürt eine Affinität, und Handkes letzten Roman »Die Wiederholung« hat er dreimal »gelesen« (das heißt, sich von Tonbändern angehört), auf deutsch, auf slowenisch und auf französisch. Ein Essay über Handke in der Zeitschrift »La Quinzaine litteraire« ist seine jüngste Publikation. Die Engel, die aus dem »Himmel über Berlin« von Handke/Wenders herabsteigen (er hat sich den Film zweimal »angesehen"), sind auch Bavcars Engel.

In Straßburg, in Thomas Sorianos Galerie »Finnegan's«, waren zur Vernissage die gerahmten Photos auf dem Fußboden wie ein dunkles Band rundum an die Wände gelehnt. Bavcar gefiel es, daß das Betrachten ein bißchen Anstrengung und Konzentration kosten sollte, und es gefiel ihm noch etwas: »Den anderen Besuchern muß es doch Spaß machen, wenn eine junge Frau im Minirock vor meinen Bildern in die Hocke geht.« So hat auch der Blinde seine Idee von den Seh-Reizen der Augenwelt. Weil für ihn alles nur Vorstellung ist, sagt Bavcar: »Ich bin der absolute Voyeur.«

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