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STARS »Ich bin doch nicht blöd«

Was anfing als Harald Juhnkes große Hitler-Affäre, endete als Mediensoap der Produzenten, Partner und Anwälte des beliebtesten deutschen Säufers. Von Thomas Hüetlin
aus DER SPIEGEL 8/1997

Wahrscheinlich ist nicht Adolf Hitler an allem schuld, sondern Frank Sinatra. Bevor sich Harald Juhnke am 2. Februar ins Flugzeug nach Amerika setzte, hatte er gehofft, für eine Fernsehdokumentation des Senders Premiere Frank Sinatra in Las Vegas zu treffen, vielleicht dort dessen Klassiker »My Way« zu singen und mit den Tigerdompteuren Siegfried und Roy in einer großen Gala aufzutreten.

Als er aus dem Flugzeug stieg, wußte Juhnke, daß er Sinatra vergessen konnte. Er hatte das Drehbuch noch einmal genau gelesen.

In dem mußte er erfahren, daß er in einem Klub namens »Play It Again, Sam« auftreten sollte, vor gut 150 Leuten, viele davon »deutsche Touristen, die mit der Condor-Maschine kommen«, wie der Produzent des Flops, Hubertus Meyer-Burckhardt, sagt - nicht ganz der große Las-Vegas-Glamour also.

Aber der war sowieso nicht hinzukriegen, weil Frank Sinatra seit Wochen zwischen dem Krankenhaus, seiner Villa und dem Tod herumwandelt; weil das Dompteurpaar Siegfried und Roy sich in einer langen, grausamen Trennungsschlacht befindet; und weil einer ihrer weißen Tiger einen anderen totgebissen hat.

Als klar wurde, daß die große Welt des Entertainments in Las Vegas nicht auf ihn warten würde, löste Juhnke das Problem his way: »Er trank zwei Flaschen Wodka«, so sein Anwalt Siddig. Er randalierte und attackierte in der Lobby des Hollywood-Hotels »Mondrian« eine Frau und einen schwarzen Wachmann. Was danach angeblich geschah, hielt der Regisseur Michael Voppe in einem Protokoll fest: »Am Zimmer angelangt, beschimpfte Harald Juhnke den Sicherheitsbeamten Robert Ferrell als ,dreckigen Nigger' und machte darauf aufmerksam, daß Menschen wie dieser Nigger im Dritten Reich vergast worden sind.«

Am 9. Februar hatte bild am sonntag, natürlich its way, aus dem Protokoll ein Zitat gezaubert: »Du dreckiger Nigger! Hitler hatte doch recht - so etwas hätte man früher vergast.«

Es wird in Juhnkes Nazi-Affäre keinen Sieger geben; und wahrscheinlich wird auch keiner durch sie reicher werden. Nicht einmal der Wachmann und Laienprediger Ferrell, der Juhnke öffentlich vergab und nur mit der Betonung von Juhnkes Namen Schwierigkeiten hatte. Er nannte ihn Harold Junkie.

Weil das nicht reichte, sollte das Happy-End in großem Stil am Donnerstag abend bei »Schreinemakers TV« inszeniert werden. Für eine Summe, die Branchenkenner mit 20 000 Mark veranschlagen, sollte Ferrell im Kölner Studio, live über den Satelliten, die Hand von Juhnke in der Karibik schütteln. Die Versöhnungsaktion scheiterte, weil Ferrell nicht ausreisen durfte. Der Mann hat keinen Paß.

Als sei der letzte Nazi-Werwolf gefangen, hatte die große Koalition der deutschen Moralautomaten bis dahin reagiert - wobei sie weniger den schwarzen Wachmann als Opfer bedauerten, sondern sich selbst: das arme Deutschland und seinen Ruf in der Welt. »Mit seinen schlimmen Äußerungen schadet er ganz Deutschland«, empörte sich die SPD-Bundestagsabgeordnete Cornelie Sonntag-Wolgast. Und der CDU-Politiker Johannes Gerster sorgte sich: »Es ist schlimm, wenn ausgerechnet ein Deutscher in den USA solch einen Unsinn erzählt.«

Es war Nacht geworden, ehe Juhnke in den »Tagesthemen« die ersten schwachen Widerworte fand: »Das habe ich nie und nimmer gesagt«, beteuerte des Deutschen liebster Säufer via Telefon und hatte auch später nur immer das gleiche zu sagen: Enttäuschung, Wodka, Filmriß.

Nur mit seinem Anwalt Nicolai Siddig, einem Mann, der nebenbei Golfplätze entwickelt, hat Juhnke Pech gehabt. Siddig versucht aus der Finsternis einen neuen, unschuldigen Menschen auferstehen zu lassen. »Er konnte keinen vernünftigen Satz formulieren, geschweige denn einen Gedanken«, verteidigt Siddig seinen Klienten. »Er hatte einen totalen Blackout.« Und wenn der Wachmann doch den Namen Hitler gehört haben will, gilt das Siddig noch lange nicht als Beweis: »Den Namen Hitler zu nennen ist allein nicht strafbar - drei, vier Leute in Österreich heißen wohl heute noch Hitler.«

Nach solch eindringlichen Worten sah endlich auch Juhnkes Sohn Oliver wieder klar, der den Vater als Aufpasser begleitete und in dieser Rolle versagte - er hatte gehorsam das Randalierprotokoll mit den Worten »Nigger«, »Drittes Reich« und »vergast« unterzeichnet.

»Ich bin total abgelinkt worden«, beteuert Sohn Oliver. »Die Produzenten sagten, unterzeichne das, oder dein Vater muß die gesamte Produktion zahlen.« Gelesen habe er das Protokoll nicht. Er sei drei Tage nach dem Zwischenfall noch im Streß gewesen. Zwischen den Mitgliedern der ehemals munteren Reisegruppe nach Las Vegas läuft seit Mitte letzter Woche in den Medien eine komische Daily Soap, wobei jeder denkt, er sei der Gewinner, solange er andere wie Verlierer dastehen läßt. Motto: »Ich bin doch nicht blöd.«

Richtig gut sieht inzwischen keiner mehr aus. Die Fernsehleute Voppe und Meyer-Burckhardt nicht, weil sie mit ihrem Star und Patienten nicht gerade fürsorglich umgingen. Premiere-Programmchef Andreas »Max« Wrede nicht, weil er laut Meyer-Burckhardt ("Ich nenne jetzt Roß und Reiter") das Gedächtnisprotokoll dem bams-Redakteur Martin Heidemanns in die Hand drückte. Meyer-Burckhardt: »Mir stockte der Atem.«

Danach leugnete Wrede die kalkulierte Indiskretion. Noch am Mittwoch vergangener Woche ließ Premiere in einer Presseerklärung verbreiten: »Premiere hat keinerlei Interesse, Herrn Juhnke in irgendeiner Form zu schaden ... Premiere hat dieses Protokoll nicht in Umlauf gebracht und bewußt unter Verschluß gehalten.« Auch besoffen?

Vater Juhnke und sein Sohn stehen traurig da. Sohn Oliver, weil er ein Protokoll unterschrieben hat, von dem er jetzt nichts mehr wissen will, schon gar nicht von den Worten »Nigger«, »Drittes Reich«, »vergast«. Die habe er im Hotel nicht gehört. »Jedenfalls nicht in dieser Kombination.«

Vater Harald muß sich jetzt in der Karibik von dem Schauspieler Klausjürgen Wussow vor den Fernsehkameras schützen lassen, und das Ganze wirkt, als würde ein Hausmeister einen Rentner verteidigen, der beim Schwarzfahren erwischt wurde.

Juhnke, gegen den die US-Polizei die Ermittlungen einstellen will, weil, so ein Sprecher, man nicht jeden einsperren könne, der auf einem Hotelflur herumschreit, wird damit leben müssen, daß ihn in Amerika auch dann keiner kennt, wenn er einen Schwarzen anbrüllt.

Auch nicht Frank Sinatra, Juhnkes großes Idol, dessen Songtexte er auswendig kann, selbst wenn sein Englisch, so Produzent Meyer-Burckhardt, so schlecht ist, »daß er sich in Amerika nicht einmal selbst ein Frühstück bestellen kann«.

Trost gibt es für Juhnke. Seine Sauftour in L. A. endete nicht wie alle anderen davor. Dieses Mal kam der Arzt aus dem Cedars-Sinai-Hospital. Da geht Sinatra auch immer hin. Nie eine Bühne haben sich die beiden geteilt, aber wenigstens einmal im Leben das Krankenhaus.

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