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Krimis »Ich bin ein großer Angsthase«

aus DER SPIEGEL 31/1994

Noll, 58, ist Deutschlands erfolgreichste Krimi-Autorin. Im Zürcher Diogenes-Verlag ist jetzt ihr dritter Thriller erschienen - »Die Apothekerin«.

SPIEGEL: Frau Noll, in Ihren Krimis wird viel gestorben. Was macht eine honorige, badische Arztfrau zur Schreibtisch-Mörderin?

Noll: Die Lust am Schreiben. Und ich kann dabei so herrlich meine Aggressionen rauslassen. Das ist Kompensation, das macht mir Spaß.

SPIEGEL: Warum haben Sie nicht früher mit der Produktion begonnen?

Noll: Schreiben Sie mal, wenn Sie drei Kinder aufziehen! Damals hat es nur für ein paar Kindererzählungen gereicht. Das waren ganz positive Geschichten. Aber der Erfolg kam erst, als ich hundsgemein wurde. Das lesen die Leute gern. Sie wittern den Aasgeruch.

SPIEGEL: Ihre Leser blicken in die Abgründe der eigenen Seele?

Noll: Ja, die hat doch jeder. Natürlich ist nicht jeder von uns ein Mörder. Das sind reine Gedankenspiele. Ich bin's ja auch nicht geworden. Es würde mich nur freuen, wenn unsere Selbstgerechtigkeit angekratzt wird und man sich selbst mal bei Mordgelüsten ertappt. Das wäre ein schöner Effekt.

SPIEGEL: Ihre Verbrecher sind keine dämonischen Scheusale, sondern tutige Provinzler - Angestellte, Hausfrauen. Besorgen Sie sich Ihren Stoff aus der lokalen Zeitung?

Noll: Ich mach' mir meine Morde selber. Mein Fundus an Menschenkenntnis ist groß. Ich stelle mir einfach Figuren vor, die ich kenne, und hetze sie dann aufeinander. Deshalb kommt bei mir auch nie Halb- oder Unterwelt vor.

SPIEGEL: Hat sich schon jemand in Ihren Romanen wiedererkannt?

Noll: Ja, aber wenn der sich beschwert, kann ich immer damit drohen: Wenn du Ärger machst, wirst du eine Leiche im nächsten Roman.

SPIEGEL: Sie mißtrauen den bürgerlichen Idyllen?

Noll: Ja, total. Über diese Biotope lesen Sie doch täglich in den Zeitungen. Zum Beispiel zu Weihnachten, was da am Fest der Liebe alles passiert. Überall schlägt man sich die Köpfe ein, bringt Vater die Mutter oder Schwiegermutter um. Das Kleinbürgerliche, das Brave und das Abgründige liegen so dicht beieinander. Es interessiert mich, wenn die Leute mit Mordphantasien herumlaufen und denken: Dem könnte ich glatt die Kehle durchschneiden.

SPIEGEL: In der »Apothekerin« bohrt ein Erbschleicher eine winzige Giftpille in die Zahnprothese seines Großvaters. Wie kamen Sie auf diese feinmechanische Behandlung?

Noll: Die verdanke ich meinem Mann. Ich habe gesagt, kannst du mir nicht mal einen richtig feinen Mord basteln, als Arzt. Das hat ihn herausgefordert. Die Idee ist wirklich genial.

SPIEGEL: Ihre schönste Meuchelei?

Noll: Ach, das Gebiß gefällt mir schon gut. Ich mag sie aber alle gerne. Es sind schon richtig sinnliche Morde. Ich fand auch raffiniert, wie ich eine an und für sich sehr nette Beate umgebracht habe, durch einen Sturz vom Turm. Es hat mich allerdings ziemlich mitgenommen, und ich war einige Schreibtage lang ungenießbar. Ich hänge nun mal an meinen Figuren, lebe mit ihnen, sie begleiten mich im Traum.

SPIEGEL: Wie viele Romanleichen haben Sie im Keller?

Noll: In den ersten beiden Romanen waren es jeweils fünf oder sechs. Ich wollte mich nicht lumpen lassen. Jetzt habe ich das stark reduziert - auf zwei.

SPIEGEL: Haben Sie Vorbilder?

Noll: Ja, ich liebe die sarkastische, britische Fay Weldon und natürlich Patricia Highsmith. In der deutschen Gegenwartsliteratur gefällt mir Patrick Süskinds »Parfum«. Da wird ja eine Jungfrau nach der anderen hingemacht. Hab' ich gern gelesen.

SPIEGEL: Schreiben Frauen anders als Männer?

Noll: Ich glaube, ja. Sie haben eine andere Perspektive auf die Realität, eine andere Art der Beobachtung. Sie beschreiben lieber, wie einer aussieht, was er trägt, wie er wohnt. Sie vertiefen sich in Charaktere, psychische Befindlichkeiten.

SPIEGEL: Sind Ihre Romane deshalb nie Detektivgeschichten? Interessiert Sie gar nicht die Jagd nach dem Täter?

Noll: Ich verstehe nichts von Polizei und Justiz. Das ist der Hauptgrund. Ich will aber vor allem herausfinden, warum ganz normale Leute, nicht etwa Psychopathen, ihren Nächsten abmurksen. Mir reicht ein kleiner pathologischer Touch.

SPIEGEL: Sexualmorde kommen bei Ihnen überhaupt nicht vor.

Noll: Danke, daß Sie mich darauf aufmerksam machen. Aber ich will weder Pornographie noch Brutalität in meinen Büchern. Ich finde diese Sex-Verbrechen besonders scheußlich. Gegen einen gepflegten Mord habe ich nichts, aber eine blutige Sauerei ist mir zuwider. Davon wird mir auch im Kino schlecht. Ich bin ein großer Angsthase.

SPIEGEL: Könnten Sie von Ihrer Romanproduktion leben?

Noll: Nicht in Saus und Braus. Aber ich kann mir jetzt eine neue Dachrinne leisten, und das freut auch meinen Mann.

SPIEGEL: Hat der Gebißfrevler nicht manchmal Angst, einen Apfelkuchen von Ihnen zu essen?

Noll: Er backt selbst ganz köstlich. Nicht aus Angst, sondern aus Anstand, weil ich jetzt ständig auf Achse bin. Y

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