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»Ich bin ein Knecht der Wissenschaft«

SPIEGEL-Reporter Fritz Rumler über den holländischen Rechenkünstler Wim Klein *
Von Fritz Rumler
aus DER SPIEGEL 41/1983

Sich selber sei er »kein Problem«, sagt er, »eigentlich nicht«. Dem Rest der Welt, allerdings, gibt er Rätsel auf.

Denn wie, bitte, schafft es einer, in 1 Minute und 28,8 Sekunden aus einer 100stelligen Zahl die 13. Wurzel zu ziehen - ohne Hilfsmittel, alles im Kopf? Oder, in 43,8 Sekunden, eine (zugerufene) vierstellige Zahl auf zehn verschiedene Arten so in vier Quadrate zu zerlegen, daß deren Summe wieder die vierstellige Zahl ergibt (Beispiel: 7726 = 86 2 + 17 2 + 5 2 + 4 2)?

Diese beiden Weltrekorde hält Wim Klein zur Zeit. Mit dem Wurzel-Knüller steht er bereits im »Guinness Buch der Rekorde«; den zweiten Gipfelsturm vollzog er gerade vor einem Profi-Gremium, vor Physikern und Mathematikern des »Deutschen Elektronen-Synchrotrons« (DESY) zu Hamburg.

Wer ist Wim Klein? Der DESY-Physiker Professor Pedro Waloschek nennt ihn eine »epochale Erscheinung« mit »genialen Fähigkeiten«. Helmut Kuhn, Ingenieur beim Europäischen Kernforschungs-Zentrum (CERN) in Genf, heißt ihn - in seinem Buch über Klein _(Helmut Kuhn: »Wim Klein - Genie, Clown ) _(oder Wissenschaftler«. Ted Siera Verlag, ) _(Hamburg; 176 Seiten; 22 Mark. )

- ein »Rechenwunder«.

Den Ruf hat Klein sich bei CERN geholt. Dort saß er 18 Jahre, von 1958 bis 1976, im »goldenen Käfig« und rechnete aus, was ihm die Physiker hinschoben; Formeln mit 30 Komponenten, an denen ein Mathematiker mehrere Tage geackert hätte, schaffte er in zehn Minuten. Als die Computer so weit herangewachsen waren, daß sie sich mit ihm messen konnten, ging Klein in Pension.

Wer ist Wim Klein? Ein Faun, ein Clown von 70 Jahren tritt einem gegenüber, ein Riesenkopf mit einem Körper aus schlenkernden Tentakeln, so klein (1,58 Meter), daß ihm Napoleon das Wasser reichen könnte; er nuschelt in drei, vier Sprachen, und was davon verständlich klingt, hört sich nach Jux und Sarkasmus an.

Sein Leben wäre ein Schelmen-Roman, hätte es nicht einen düsteren Hintergrund. 120 000 Juden lebten vor dem Krieg in Amsterdam; Klein ist einer der 5000, die den Holocaust überstanden. Sein Bruder starb in Bergen-Belsen.

Der Vater, Arzt und Patriarch, hatte den kleinen Wim gleichfalls zum Heilberuf bestimmt. Die Karriere lief nicht so richtig an. Als er einmal Lumbalpunktion an einer Leiche übte, rief der lehrende Professor: »Klein, der Mann kann froh sein, daß er schon tot ist.«

Seine »Passion« galt den Zahlen, schon als Knabe. Er übte Kopfrechnen wie andere das Kicken, zerlegte, geradezu süchtig, jedwede Zahl in ihre Primfaktoren und paukte sich, als Zwölfjähriger, an einem einzigen Wochenende die fünfstelligen Logarithmen der Zahlen von 1 bis 110 ein; weitere folgten.

Mit Logarithmen kann man, wie jedermann weiß, höhere Rechenoperationen vereinfachen, etwa Multiplizieren durch Addieren ersetzen. Klein, mit einem phänomenalen Zahlen-Gedächtnis gesegnet, rüstete sein Hirn, mit allen arithmetischen Methoden und Kombinationen, schließlich zu einem blitzschnell funktionierenden Computer auf.

Mit dem trat er dann bald ins Licht, zunächst nicht der Wissenschaft, sondern der Varietes - wenn''s hoch kam. Vorwiegend zigeunerte er als ambulanter Schnellrechner über die Märkte, als Stadtstreicher durch Paris, ein fröhlich schluckender Bohemien.

Mit den verblüffenden Rechen-Hexereien, die allmählich sein Programm ausmachten, garnierte er auch seinen DESY-Rekord. Wieselflink zerlegt und verteilt er eine zugerufene dreistellige Zahl so ins »Magische Quadrat«, daß die Teile sich in jeder Richtung zur Ursprungszahl addieren; holländisch grummelnd, prägt er sich eine, auf die Tafel geschriebene, 26stellige Zahl ein und rekapituliert sie, auch noch eine Stunde später; vorwärts wie rückwärts.

Derlei Gedächtnis-Paganinis werden von Psychologen gern als »Kalender-Idioten« abgeheftet. Der DESY-Professor Waloschek, der sich in Kleins Rechenzentrum vertieft hat, weist diese Titulierung ab. Klein operiere keinesfalls automatisch, vielmehr originell und phantasiereich; wäre er ein Computer-Freak, »könnte er jeden Code knacken«.

Ein Psychiater, erzählt Klein, habe ihn jahrelang observiert; dabei ergab sich, daß er nicht zu den visuellen, sondern zu den »akustisch-rhythmisch-motorischen« Gedächtnis-Typen zählt. Die 26stellige Zahl etwa »hämmert« er in Dreiergruppen, grummelnd und stampfend, in seine Datenbank.

Er meint nicht, ein besonderes Gehirn zu haben; Zahlen seien eben »seine Lust und sein Leben«, Literatur interessiere ihn »Null«. Er taxiert sich als »Rechendiener«, als »Knecht der Wissenschaft«, und wenn man später sein Gehirn untersuche, brauche man es nicht in Alkohol zu tunken; darin liege es schon jetzt.

Den Schalksnarren spielt er gern, den zerstreuten Professor. Tödliche Traurigkeit kennt er auch, dann flucht er. Aber sein Motto ist »Carpe diem«, über Gräber vorwärts; die Genesung von einem erlittenen Herzinfarkt signalisierte sich ihm, als »der, den ich für immer verloren glaubte«, die Bettdecke hob.

Wim Klein, der fidele Pensionär, ist nun wieder in Amsterdam zu Hause. Um die Lust am Rechnen zu verbreiten, hat er 600 norddeutschen Schulen Lehrstunden angeboten; im kommenden November gastiert er mit seinen Hexereien im Hamburger »Hansa-Theater«. Dann will er auch im DESY einen neuen Weltrekord aufstellen - mit der Ziehung der 73. Wurzel aus einer 500stelligen Zahl.

Helmut Kuhn: »Wim Klein - Genie, Clown oder Wissenschaftler«. TedSiera Verlag, Hamburg; 176 Seiten; 22 Mark.

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