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SPIEGEL Gespräch »Ich bin eine Antwort auf diese Gesellschaft«

Günter Wallraff über die Kritik seiner ehemaligen türkischen Mitarbeiter und sein Rollenverständnis *
Von Rainer Traub
aus DER SPIEGEL 28/1987

SPIEGEL: Herr Wallraff, Levent Sinirlioglu und Taner Aday, zwei Ihrer ehemaligen türkischen Freunde und Mitarbeiter am Buch »Ganz unten«, haben Ihnen in SPIEGEL-Interviews vorgeworfen, Sie hätten den Erfolg des Werkes für sich allein eingeheimst, obwohl viele Ihnen geholfen hätten. Sie hätten sich diesen Mitarbeitern gegenüber verhalten wie die von Ihnen kritisierten Leiharbeitgeber und es bei großspurigen Ankündigungen für ein deutsch-türkisches Wohnprojekt belassen.

Sie haben daraufhin in der »Taz« gesagt, Sie seien bereit, »über meine Fehler zu diskutieren, nicht im SPIEGEL und nicht in der ''Quick'', nicht in dieser sensationsgeilen Presse«. Nun sitzen wir doch zusammen.

WALLRAFF: Zum Zeitpunkt des »Taz«-Interviews war ich tatsächlich nicht bereit, mit dem SPIEGEL über meine Schwierigkeiten, auch meine Fehler zu reden, also Selbstkritik zu üben. Denn ich hatte den ganz starken Eindruck, daß der SPIEGEL einen Arena-Journalismus betrieben hat: vor dessen Publikum sich Leute öffentlich zerfleischen, die sich erst einmal intern aussprechen sollten; darüber hinaus war ich fix und fertig, weil der Angriff von Taner Aday, der mich kurz zuvor noch in einer sehr persönlichen Angelegenheit aufgesucht hatte, heimtückisch kam.

SPIEGEL: Warum sind Sie jetzt zum Gespräch bereit?

WALLRAFF: Weil ich sehe, daß eine juristisch formulierte Kritik an Ihrer Veröffentlichung zwar durchsetzbar wäre und dem SPIEGEL vielleicht eine Seite Anzeigenraum nehmen würde, aber die wirklichen Probleme in so einer verkürzten und auch kleinkarierten Form des Formaljuristischen nicht trifft.

Ich habe das Bedürfnis, meine ständige Überforderung und das sich daraus ergebende Dilemma auch öffentlich zu diskutieren, aber von einem sachlichen Ausgangspunkt her und nicht mit dem Rücken zur Wand. Nicht wenn ich wie der letzte Verbrecher behandelt werde als den mich einige gerne sehen würden.

SPIEGEL: Sie haben die Kritik von Taner Aday soeben als »heimtückisch« bezeichnet. Heimtückisch sei Adays öffentliche Kritik an Ihnen, weil sie vorher nie intern geäußert worden sei. Beide Ihrer Mitarbeiter haben uns ausdrücklich das Gegenteil versichert: daß nämlich die von Ihnen geforderte Kritik unzählige Male versucht worden ist. Nur leider vergeblich.

WALLRAFF: Dieser Vorwurf ist unaufrichtig. Levent Sinirlioglu tauchte im Auftrag einer Illustrierten mit einigen Photographen auf Veranstaltungen von mir auf. Als ich ihn ansprach, ging er mir aus dem Weg. Und Aday hatte mein Vertrauen schon lange nicht mehr, weil er auf einer DGB-Veranstaltung in Oberhausen im November 1985 einen sehr aktiven jüngeren türkischen Betriebsrat auf Grund einer anderen Parteizugehörigkeit als »Sozialfaschisten« bezeichnete. Mit dieser Wortwahl kam der ganze Führungsanspruch seiner politischen Gruppe zum Vorschein.

SPIEGEL: Taner Aday bestreitet das alles energisch und benennt auch Zeugen dafür. Auch Levent Sinirlioglu, von dem Sie nach der Fertigstellung des Buches in einer türkischen Zeitung selber gesagt haben: »Ohne ihn wäre das Buch nicht halb so gut geworden«, spielen Sie nun zum politischen Sektierer herunter. Meinen Sie nicht, daß das in der Öffentlichkeit einen merkwürdigen Eindruck macht?

WALLRAFF: Levent Sinirlioglu werde ich nie vergessen, daß er mir durch seine Kontakte den Einstieg bei Thyssen verschaffte. Ich sehe immer zuerst den Menschen unabhängig von seiner politischen Parteizugehörigkeit, und von daher hat mich zunächst überhaupt nicht interessiert, welcher Gruppe Sinirlioglu angehört. Ich beurteile die Menschen nach ihrem Handeln, nach den Risiken, die sie auf sich nehmen, nach ihrer Zivilcourage. In diesem Sinne war mein früherer Freund Levent Sinirlioglu ein Mann, dem ich vertrauen konnte. Nachher erst, als der Erfolg sich einstellte, trat hinter ihm diese politische Gruppe in Erscheinung, die mich für ihre Zwecke vereinnahmen wollte.

SPIEGEL: Das Argument von Sinirlioglu und Aday ist doch einleuchtend. Die beiden sagen etwa: Wallraffs Buch »Ganz unten« konnte unter anderem deshalb einen so großen Erfolg haben, weil die Gewerkschaften sich um die in diesem Buch angeprangerten Zustände auf dem Schwarzarbeitermarkt und um die Ausländer überhaupt zuwenig gekümmert haben. Diese Kritik könnten Sie doch getrost als Kompliment auffassen.

WALLRAFF: Es kam aber schnell der Zeitpunkt, an dem die Gewerkschaften das Buch zum Anlaß nahmen, eigene Versäumnisse zu diskutieren. So ist es etwa bei Thyssen geschehen, auf einer Vetrauensleuteversammlung, zu der ich _(Mit Redakteuren Harald Wieser, Rainer ) _(Traub in seinem Kölner Büro. )

eingeladen wurde. Trotzdem ließen gewisse Leute von ihrer Gewerkschaftsverteuflung nicht ab. Es gab sogar Veranstaltungen von Gewerkschaften, wo einzelne Gruppen auftauchten, um sie zu sprengen. Da konnte ich nur sagen: Mit euch nicht mehr!

SPIEGEL: Aber gerade Sie sind doch mit Ihren Kritikern nicht zimperlich. Sie haben diese Kritiker per Abstimmung aus dem Saal werfen lassen, wir meinen die »Report«-Journalisten aus München, bei einer »Ganz unten«-Diskussion in Frankfurt.

WALLRAFF: Aber dann muß ich auch mal sagen dürfen, wie es dazu kam, daß mir die Nerven durchgingen. Seit Erscheinen des Buches gab es einen pausenlosen Krieg, um das Buch wieder kaputtzumachen. Es gab keine Woche, wo nicht etwas Neues passierte. Es hat Dutzende Prozesse gegeben, es hat Strafverfahren gegeben, es hat Nachstellungen gegeben bis in den persönlichen Bereich hinein. Es hat Telephonüberwachungen und ein Team des Bayerischen Fernsehens gegeben, dessen Mitglieder auf Schritt und Tritt auftauchten, zum Teil getarnt, wenn ich irgendwelche Auftritte hatte.

SPIEGEL: Getarntes Auftreten aber dürften doch Sie nicht als verwerflich empfinden.

WALLRAFF: Entschuldigung, ich tarne mich doch nicht aus Selbstzweck oder zur Menschenjagd! Diese Methode ist nur dann gerechtfertigt, wenn sie ein Schwächerer gegenüber Mächtigeren anwendet. Obwohl »Ganz unten« mein bisher größter Erfolg war, geht es mir so dreckig wie noch nie im Leben. Aber was damals pausenlos passierte, das hat keiner erwähnt, darüber hat der SPIEGEL nie ein Wort verloren. Der SPIEGEL hat in den Startlöchern gesessen und gelauert: Wo erwischen wir ihn? Er ist uns irgendwie entglitten; es ist eigentlich unsere Funktion, den von Wallraff okkupierten Bereich der Aufklärung wahrzunehmen. Aber diesen Anspruch hat der SPIEGEL lange aufgegeben. Das ist in vielem ein Schreibtisch-, ein Scheckbuch-Journalismus geworden, der mir so vorkommt, als werfe sich der SPIEGEL inzwischen regelrecht vor, daß er das Erscheinen des Buches mit einer großen Geschichte gefördert hat.

Mit List und Phantasie habe ich einer gleichgültigen Gesellschaft ein verdrängtes Thema bewußtgemacht. Nun versucht der SPIEGEL, das bürgerliche Gewissen wieder zu beruhigen, indem er aus dem Türkenproblem ein Wallraff-Problem macht.

SPIEGEL: Der Unsinn mit dem Scheckbuch zeigt: Sie lesen den SPIEGEL zu selten. Sie sind es doch, der, in zugegeben guter Absicht, mit der Beschreibung des Elends anderer Millionen verdient hat.

WALLRAFF: Nun werfen Sie mir auch noch den Erfolg vor, der Sie, wenn andere ihn haben, in die Knie sinken läßt. Meine Enthüllungsarbeit könnten Kollegen des SPIEGEL mit ihren Möglichkeiten doch auch mal auf sich nehmen - wenn sie bereit wären, aus ihren vergoldeten Redaktionskäfigen auszubrechen, um in die Niederungen und den Schmutz der Epoche einzudringen.

SPIEGEL: Herr Wallraff, wir nehmen zur Kenntnis, daß Sie das Kreuz der Epoche auf Ihren Schultern tragen.

WALLRAFF: Das ist Ihre Formulierung, aus der die Arroganz der Macht des SPIEGEL spricht. Der SPIEGEL hat nicht eine Zeile verloren über die ganzen Anfeindungen und über die Gerichtsprozesse gegen mich.

SPIEGEL: Sie irren abermals, Herr Wallraff. Der SPIEGEL-Artikel im Heft, über das wir hier streiten, besteht zu einem Drittel aus der Darstellung der Prozesse, die zu Ihren Gunsten ausgegangen sind. Der juristische »Sieg über die rechten Kritiker« wird Ihnen ausdrücklich attestiert.

WALLRAFF: Aber es heißt lediglich, die Firma McDonald''s hätte ihre Klage zurückgezogen; daß mehrere Prozesse stattgefunden haben und Schadenersatzforderungen in einer enormen Höhe zu erwarten waren, das erfahren die Leser nicht. Daß ich zwei Monate gebunden war, Zeugen finden mußte, daß McDonald''s eigene Zeugen präpariert hatte, ich über Anzeigen in Tageszeitungen Dutzende Zeugen erst mal finden mußte, um das bayrische Gericht auch _(Vor dem ehemaligen Solidaritätsbüro ) _(in Duisburg. )

quantitativ zu beeindrucken - was das allein an Kraft gekostet hat, das geht aus dem SPIEGEL nicht hervor. Da meint man, das war so ein Spaziergang.

Sehen Sie mal, sein Recht zu bekommen, das hat nicht unbedingt allein was mit Wahrheit zu tun. Dazu braucht man auch enorme finanzielle Mittel und es hängt dabei viel von der kritischen Öffentlichkeit ab, das hätte genausogut anders ausgehen können. Und dann hätte der Vorstandsvorsitzende von Thyssen recht behalten, der versucht hatte, mein Buch als Märchenerzählung abzutun.

Seit Erscheinen des Buches im Oktober 1985 hat es keine Ruhe gegeben. Wenn es hier in Köln morgens klingelte, dann konnte es jede Woche ein neuer Gerichtstitel sein, eine neue einstweilige Verfügung, ein neues Verfahren.

SPIEGEL: Sie haben am Anfang ihrer Ausführungen ein Wort benutzt, das bei Ihnen ausgesprochen selten vorkommt, das war das Wort »Selbstkritik«.

WALLRAFF: Woher wissen Sie, daß das bei mir selten vorkommt?

SPIEGEL: Wir lesen Ihre Bücher und bedenken Ihre politischen Verlautbarungen und öffentlichen Auftritte. Herr Wallraff, machen Sie wirklich keinen Unterschied zwischen der Kritik Ihrer beiden ehemaligen türkischen Mitarbeiter, die ausgeht von Ihren eigenen Idealen, und jener anderen Kritik, die Sie als linken Schwarzmaler denunzieren möchte?

WALLRAFF: Doch, das ist ja gerade der Grund, daß die Kritik der beiden mir so nahegeht und mich auch letztlich so verzweifelt macht, weil der Kern dieser Kritik schon einer ist, mit dem ich mich sehr lange auseinandersetzen muß. Da reicht auch ein ausführliches SPIEGEL-Gespräch nicht aus. Dennoch will ich auf den Kern der Vorwürfe gerne eingehen.

SPIEGEL: Welches ist dieser Kern?

WALLRAFF: Durch den wahnsinnigen Erfolg des Buches »Ganz unten« geriet ich in eine Situation, in der mein normaler Alltag auf den Kopf gestellt wurde. Alle zwischenmenschlichen Kontakte, familiären Beziehungen sind plötzlich unterbrochen worden. Es war, als wenn ein Krieg losgegangen wäre. Ich reagierte nur noch, ich hab'' dadurch die Menschen, die mir eigentlich wichtig sind, vernachlässigt. Ich habe mehr mit Anwälten zusammengesessen als mit meinen engsten Freunden. Dadurch ist auch mein Familienleben kaputtgegangen, dadurch sind Freundschaften kaputtgegangen, und nun stehe ich vor einem Riesenscherbenhaufen.

Das haben einige Freunde, die mir innerhalb dieser Arbeit geholfen haben, dann absolut nicht verstanden. Für sie entglitt ich plötzlich, sie sahen mich mehr im Fernsehen oder auf Veranstaltungen als privat. Und da ist der Kernvorwurf von Levent Sinirlioglu berechtigt, wenn er sagt: Ja, es gibt diesen Wallraff für uns plötzlich nicht mehr.

SPIEGEL: Wie stehen Sie zur Kritik von Taner Aday, der für Sie in Duisburg das Ausländersolidaritätsbüro geführt hat und von diesem sagt, es sei eine Alibi-Einrichtung der leeren Kassen gewesen?

WALLRAFF: Ich merkte sehr schnell, daß das Duisburger Büro nicht angenommen wurde von den umliegenden Bewohnern, weil es in der Umgebung bereits gut funktionierende Stellen gab, zum Beispiel die Arbeiterwohlfahrt. Aber wie sich später herausstellte, war auch Aday überfordert, so etwas selbständig zu machen.

SPIEGEL: Und darum haben Sie Taner Aday wieder rausgesetzt?

WALLRAFF: Ich habe ihn nicht rausgesetzt. Ich bin eben kein Unternehmer, der dann sagt: »Das war''s, jetzt raus hier.« Ich habe immer gesagt: »Mache es«, und dann, als ich merkte, er kann es nicht, habe ich versucht, einen anderen zu finden, der das Büro übernehmen sollte. Aber dieser andere war dazu leider zeitlich nicht in der Lage.

SPIEGEL: Sie selber haben keine Schuld am Scheitern des Büros?

WALLRAFF: Ein Vorwurf ist berechtigt. Ich habe mich zuwenig um das Büro gekümmert. Ich hätte selbst in Duisburg anwesend sein müssen. Aber die Zeit dafür war nicht da, es hagelte Prozesse, der Thyssen-Prozeß ging los, und ich mußte mich der Kampagnen des Bayerischen Fernsehens erwehren.

SPIEGEL: Warum gab es keine Bürokasse?

WALLRAFF: Als ich Taner Aday nicht mehr Vertraute, habe ich die Hilfe-Ersuchen über mein Kölner Büro beantwortet. Insgesamt sind circa 300000 Mark gezahlt worden, allerdings nicht über die gescheiterte Beratungsstelle in Duisburg.

SPIEGEL: Also wurden die Konflikte zwischen Ihnen und Ihren türkischen Mitarbeitern im SPIEGEL richtig dargestellt?

WALLRAFF: Ich räume ein, daß der SPIEGEL im redaktionellen Teil versucht hat, zu differenzieren und eine gewisse Fairneß hineinzubringen, indem Sie unterscheiden zwischen dem Menschen und Schriftsteller Wallraff und der von Ihnen so genannten Firma Wallraff. Aber Sie haben nicht gemerkt, daß Sie gerade dadurch im Grunde genommen einen Mythos aufbauen, der mich nicht weniger schlimm trifft.

SPIEGEL: Mit dem Motiv der Fairneß?

WALLRAFF: Mit dem Motiv der Fairneß, das ich Ihnen persönlich durchaus abnehme. Aber jetzt wird das von _(Angekettet am Boden liegend. )

anderen vergröbert kolportiert, und am Ende ist da nur noch der Unternehmer Wallraff, der ich nie war und nie sein werde.

Jetzt gibt es welche in den Spitzen unserer Gesellschaft, denen ich mit meiner Art der Aufklärung immer schon ein Stachel im Fleische war und die sich jetzt sehr wohlig zurücklehnen, die Beine auf dem Tisch, die Hände reiben und sagen: Ja, wunderbar, er ist doch einer von uns, er hat doch die gleichen Motive wie wir, er ist doch auch nur aufs Geldverdienen aus, die Welt ist eben schlecht.

SPIEGEL: Das ist das Problem des Beifalls von der falschen Seite. Den bekommen wahrscheinlich sogar Sie in Ihrer Arbeit.

WALLRAFF: Natürlich, leider. Aber es gibt eine Sache, die der SPIEGEL alleine zu verantworten hat. Das ist die Ankündigungszeile auf dem Titelbild: »Die Türken packen aus«. Darin sehe ich eine bewußte Irreführung: In Wahrheit haben nämlich nur zwei Türken ausgepackt, und das sind nicht die Türken.

SPIEGEL: Levent Sinirlioglu hat im SPIEGEL die Forderung an Sie gerichtet, Ihr deutsch-türkisches Wohnprojekt in der Duisburger Flurstraße wegen seiner Undurchsichtigkeit von einer unabhängigen Kommission untersuchen zu lassen. Was halten Sie von dieser Forderung?

WALLRAFF: Diese Forderung ist völlig überflüssig. Die für die Flurstraße eingerichtete Stiftung »Zusammen-Leben« unterliegt ohnehin der öffentlichen Kontrolle, und zwar durch die Stiftungs-Aufsichtsbehörde.

SPIEGEL: Finden Sie es nicht merkwürdig, daß der Oberhausener Leiharbeiter-Unternehmer Hans Vogel, den Sie in Ihrem Buch »Ganz unten« als einen der übelsten Menschenhändler porträtiert haben, ein Buch aus seiner Feder über das Leiharbeitergeschäft ausgerechnet im linken Steidl-Verlag veröffentlichen wird, zu dem Sie nicht nur Beziehungen unterhalten, sondern in dem Sie selber mehrere Bücher publiziert haben, unter anderem, »Die Predigt von unten« und das Buch, »Akten-Einsicht«.

WALLRAFF: Ich finde es keineswegs merkwürdig, sondern sehr mutig, wenn sich ein fortschrittlicher Verlag eines so brisanten Themas annimmt. Falls Herr Vogel mit seinem Wissen über illegale Arbeitseinsätze im AKW-Bereich vorbehaltlos herausrückt, kann das die Gesundheit, unter Umständen das Leben von Menschen retten.

SPIEGEL: Haben Sie Vogel den Vertrag mit dem Steidl-Verlag besorgt?

WALLRAFF: Ich habe zu keinem Zeitpunkt zu Vogel irgendeinen persönlichen Kontakt gehabt, auch nicht über Anwälte. Mich hat die Rücknahme seines Strafantrages gegen mich genauso wie Sie überrascht.

SPIEGEL: Herr Wallraff, wir möchten das Problem des »Rollen-Journalismus« und seiner möglichen Schattenseiten ansprechen. Mit anderen Worten: Halten Sie es für möglich, daß sich bei einem Menschen wie Ihnen, dessen Berufskapital seit jetzt 20 Jahren die Maskerade ist, das Sichverstellen und das Die-Leute-gegeneinander-Ausspielen, kurzum: auch die Lüge, daß sich bei einem solchen Menschen die Camouflage verselbständigt und zur Verhaltensweise sogar gegenüber Freunden wird?

WALLRAFF: Die Problematik ist da, ohne Zweifel. Der Rollenjournalismus ist ja nie ein Beruf von mir gewesen. Er war und ist eine Identitätssuche. Es gibt einen ganz frühen Tagebucheintrag, 17 1/2 war ich da, wo eigentlich das alles schon vorgegeben ist, zu einer Zeit, als ich mich mit Lyrik versuchte: »Ich bin mein eigener heimlicher Maskenbildner, locke meinem Wesen immer neue Masken hervor. Unermüdlich werde ich mir Masken aufsetzen, um mich zu suchen und vor mir zu verbergen. Wenn ich mich gefunden habe, werde ich mich verlassen.« Das kam aus einer extremen Identitätslosigkeit.

Es war kein Zufall, daß meine erste Rolle ein halbes Jahr in den Ford-Werken stattfand, wo auch mein Vater gearbeitet hat, der sich dort gesundheitlich ruiniert hatte, Frührentner wurde und sehr früh gestorben ist.

SPIEGEL: Die Problematik, Herr Wallraff?

WALLRAFF: Ich habe mir auch immer wieder Rollen im negativen Sinne zugemutet, wo sicher einiges abfärbte. Die schlimmste Rolle war die Rolle bei »Bild« als simulierender Fälscher. Das war die schmutzigste Rolle, die es überhaupt gibt; aus dieser Rolle kam ich beschädigt, desolat wieder heraus. Da gab es dann Freunde aus meinem nächsten Kreis, ich selbst habe es nicht mehr gemerkt, die mir sagten: »Das ist wieder typisch Esser, wenn das der Wallraff wüßte!« Das heißt, ich nahm Verhaltensweisen an, die ich als »Bild«- Reporter an den Tag legen mußte, überrumpelnd, überfahrend, das war wie in einer freiwilligen Gehirnwäsche, und nach dieser Rolle habe ich mir geschworen, mir nie mehr eine so totale Selbstverleugnung zuzumuten.

SPIEGEL: Und die Ali-Rolle in »Ganz unten«?

WALLRAFF: Die Ali-Rolle war ein Gegen-Extrem. Wenn Ali operierte, war es immer auch ich, war es mein Eigenstes. Da konnte ich ausleben, was mir als Schriftsteller nicht gestattet ist. Denn die

Rolle als Schriftsteller ist eine ganz verfluchte Rolle, in der man auf einem Podest steht, da fühle ich mich sauunwohl. Ich genieße keinen öffentlichen Auftritt, das ist für mich eine Qual, eine wahnsinnige Überwindung. Darum zieht es mich in die Anonymität zurück.

SPIEGEL: Die Frage war grundsätzlicher gemeint: Ob unabhängig von positiven oder negativen Rollen-Identifizierungen Ihr Berufskapital die Täuschung ist?

WALLRAFF: Nein, das ist ein Mißverständnis.

SPIEGEL: Das ist eine beschreibende Frage und kein moralischer Vorwurf. Es ist Ihnen ja sogar von gerichtlicher Seite bestätigt worden, daß Sie sozusagen im Sinne einer höheren Ethik getäuscht haben. Die Frage ist nur: Kann sich dabei nicht auf Dauer ein Prozeß einschleichen, dessen Sie selber nicht mehr Herr werden? Kann es nicht sein, daß das Täuschen habituell wird?

WALLRAFF: Ich weiß, was Sie meinen, und dennoch muß ich widersprechen. Sie hätten recht, wenn ich von Rolle zu Rolle spränge und kurzfristig diese Form der Verwandlung zum eigentlichen Lebensinhalt machen würde. In Wirklichkeit ist es aber genau umgekehrt. Ich lebe in der jeweiligen Rolle authentischer, identischer, bewußter, mir selbst auch näher und anderen näher als in der Rolle des prominent gewordenen Schriftstellers, der das wieder abschütteln will.

SPIEGEL: Fordert der Rollen-Journalismus möglicherweise die Paranoia, die Manie, überall Feinde zu sehen, auch dort, wo sie gar nicht existieren? Sind nicht gerade Sie manchmal ein Gespensterseher, der die Welt wie ein Kind in gut und böse einteilt?

WALLRAFF: Ich bin eher jemand, der versucht, Gegensätze auszugleichen. Ich bin nicht der Kämpfer, ich bin auch nicht der Agitator, der die Welt in gut und böse einteilt. Ich löse allerdings häufig Situationen aus, in denen andere sich entscheiden müssen, in denen sie dann plötzlich entweder zu Gegnern oder zu Freunden werden. Ich bin eigentlich eine Antwort auf diese Gesellschaft.

SPIEGEL: Sie sind die Antwort auf die Gesellschaft?

WALLRAFF: Ich bin eine bestimmte Antwort auf eine bestimmte Gesellschaft. Würde ich in einer anderen Gesellschaft leben, in einem autoritären System, würde ich vielleicht im Gefängnis sitzen. Ich würde dennoch diese Arbeit - ich nenne sie lieber Selbstverwirklichung - machen. In der Sowjet-Union der früheren Epoche wäre ich vielleicht ein Fall für die Psychiatrie gewesen.

SPIEGEL: Und in der Bundesrepublik?

WALLRAFF: Bisher noch keine Zwangseinweisung, aber warten wir mal ab. Denn so, wie die Gesellschaft sich entwickelt, entwickle ich mich auch. Nur versuche ich, als Beschleunigerteilchen einiges dazu zu tun und es nicht dem Zufall zu überlassen.

SPIEGEL: Was war für Sie eigentlich Ihr wichtigstes Buch?

WALLRAFF: Meine bisher wichtigste Arbeit war die Aktion im faschistischen Griechenland. Das Buch dazu hat die Auflage von 10000 nicht überschritten, dennoch war das für mich die wichtigste Erfahrung und Publikation. Das konnte ich mir aber damals nur leisten durch einen ersten, mit Bernt Engelmann Veröffentlichten Bestseller, »Ihr da oben - wir da unten«, mit dem ich über einige Jahre abgesichert war. Immerhin standen bei der Griechenland-Aktion bis zu zwei Jahre Gefängnis auf dem Spiel.

SPIEGEL: Nach »Ganz unten« dürften Sie aller Geldsorgen ledig sein.

WALLRAFF: Dieses Honorar ist keineswegs so hoch, wie öffentlich spekuliert worden ist, denn da gibt es zur Zeit Wahnsinnsschätzungen über 8 Millionen Mark oder noch mehr. Nach Abzug der Steuern bleibt mir weniger als ein Viertel dieses Phantasiebetrages.

SPIEGEL: Sie bekommen als Autor mindestens 10 bis 12 Prozent vom Ladenpreis. »Ganz unten« wurde bisher 2,75 Millionen mal verkauft. Der Ladenpreis beträgt knapp 20 Mark.

WALLRAFF: Sie vergessen, daß zu dieser Auflage die verbilligten Buchklubausgaben und Sonderausgaben für Gewerkschafter zum Solidaritätspreis von nur 5 Mark gehören, wobei das Autorenhonorar gerade mal 5 Prozent ausmacht. Außerdem gehen 56 Prozent Steuern vom Gesamterlös ab.

SPIEGEL: Es wurde mit keinem Wort behauptet, Sie hätten das netto in Ihre Tasche gesteckt.

WALLRAFF: Nicht der SPIEGEL hat das behauptet. Aber sehen Sie doch mal, in der »Zeit«, die so seriös ist, daß sie schon gar nicht mehr mit so niederen Fakten arbeiten muß wie sonst die Journalisten, fabuliert ein Herr Spörl bereits im »Bild«-Zeitungs-Stil, ich hätte mich mit 8 Millionen nach Holland abgesetzt. So bleibt es dann hängen. Dennoch: das Honorar im Rücken verpflichtet mich natürlich.

SPIEGEL: Die Bewohner der Flurstraße warten jedenfalls schon sehr lange, daß mit diesem Kapital was geschieht. In einer ersten Reaktion im WDR-Fernsehen haben Sie gesagt, daß Sie einen großen Teil von dem über »Ganz unten« erwirtschafteten Geld für die Risikobewältigung künftiger Geheimprojekte brauchen. Es ist also keineswegs so, daß die »Ganz unten«-Honorare an die Türken zurückgegeben werden sollen.

WALLRAFF: Nein, längst nicht alles, da ist ein falscher Eindruck entstanden.

SPIEGEL: 1,7 Millionen haben Sie für die Stiftung gegeben, Sie sagen, ungefähr zwei Millionen haben Sie mit dem Buch netto verdient, dann bleibt doch für die Zukunft nicht mehr viel.

WALLRAFF: Immerhin ein paar hunderttausend Mark.

SPIEGEL: Und die wollen Sie in die langfristige neue Arbeit investieren?

WALLRAFF: Ja. Aber ich war auch vorher kein armer Mensch, ich habe durch frühere Bücher auch Geld verdient, und ich gehörte eigentlich zu den verwöhnteren Autoren, die Auflagen von 500000 bis 600000 hatten. Die Arbeit, die ich mache, bedeutet auch einen Verschleiß, der unter Umständen in ein paar Jahren zur Folge hat, daß ich am Ende bin, daß ich es körperlich und seelisch nicht mehr schaffe. Vielleicht komme ich eines Tages am Schreibtisch mal dazu, das alles zu Papier zu bringen, was ich auch erlebt habe, juristisch aber nicht beweisen kann, was aber dennoch richtig ist, und das könnte mein Schlüsselroman werden.

SPIEGEL: Damit wären wir bei Ihrer Autorenschaft. Der Journalist Uwe Herzog hatte behauptet, er habe insgesamt 28 Seiten zum Buch »Ganz unten« beigetragen, Sie haben ihm widersprochen: es seien vielleicht nur sieben Seiten gewesen. »Konkret«-Herausgeber Hermann L. Gremliza wird in der »Basler Zeitung« mit den Worten zitiert, es werfe doch ein bezeichnendes Licht auf die Germanisten, daß sie die unterschiedliche Autorenschaft Wallraffscher Texte nicht schon längst entdeckt hätten. Nun wird in der Literatur-Szene ganz offen darüber diskutiert, es gäbe ganze Bücher, die gar nicht aus Ihrer Feder stammten: Das »Bild«-Buch »Der Aufmacher« beispielsweise stamme von Gremliza. Sie hätten als »Megaphon« und Markenzeichen lediglich für die hohe Auflage garantiert.

WALLRAFF: Ja, ich habe wohl auch nicht selber in Griechenland im Gefängnis gesessen, und wahrscheinlich ist dort auch ein anderer an meiner Stelle gefoltert worden. Und Hans Esser bei »Bild« war ein Double von mir. Das sind die Tratschereien einer gewissen Wichtigtuer-Szene.

Aber im Ernst: Es haben - das ist gar kein Geheimnis - bei meinen Büchern andere geholfen, und zwar auf unterschiedlichste Weise.

SPIEGEL: Präzisieren Sie uns das bitte?

WALLRAFF: Was das »Bild«-Buch betrifft, haben mir die Freunde von »Konkret« insofern geholfen, als sie für mich Archive gewälzt haben, indem sie für mich die Geschichte des Springer-Konzerns mit recherchiert haben. Dann hat tatsächlich Hermann Gremliza das Buch redigiert. Er hat das so redigiert,

wie es eigentlich mein Lektor vom Verlag hätte machen sollen, der aber zu der Zeit einen Böll-Roman bearbeitete und daher beim allerbesten Willen zeitlich nicht in der Lage dazu war.

SPIEGEL: Sie haben also keine Probleme damit, daß Sie stets mit literarischen stunt-men arbeiten?

WALLRAFF: Ich lehne es aus Überzeugung ab, andere den Kopf für mich hinhalten zu lassen. Nur: Es kommen jetzt gelernte Literaturwissenschaftler oder auch gelernte Literaturkritiker mit ihren Erfahrungswerten einer Literatur von gestern, die sie anwenden auf meine Form, die aber ganz anders gelagert ist. Es ist eine neue Kunstform, die in der Aktion entsteht und eine Mischform darstellt. Ich bin dabei gleichzeitig Regisseur und Schauspieler, und es wäre sogar denkbar, daß in Zukunft auch mal ein anderer meine Erlebnisse zu Papier bringt. Diese Erlebnisse selbst jedoch kann mir keiner abnehmen.

Meine Arbeit fängt erst richtig an, wenn die Prozesse donnern, die Kampagnen laufen. Das berücksichtigen gelernte Germanisten in der Regel nicht, die den Autor als den Großschriftsteller sehen, abgehoben über allem am Schreibtisch thronend.

SPIEGEL: In der Zeitschrift der Journalisten-Union, »Die Feder«, sind Sie kürzlich beschrieben worden als der modernste aller zeitgenössischen Schriftsteller, als Prototyp des synthetischen Schriftstellers, der also nicht, wie das früher üblich war, sich nur an den Schreibtisch setzt und seine Bücher selber ausdenkt und schreibt, sondern der gewissermaßen der Koordinator der verschiedensten technischen und menschlichen Hilfsmittel ist, der den gesamten klassischen Begriff des Schriftstellers abschafft und dafür den völlig neuen Begriff, eben den des synthetischen Schriftstellers, verkörpert.

WALLRAFF: Ich weiß, »Die Feder« hat das positiv gemeint; dennoch ist es für mich auch beängstigend. Wenn ich meine Rolle so auf diesen Punkt reduziert sehe, dann sehne ich mich manchmal danach, ein altmodischer Schriftsteller zu sein.

SPIEGEL: Aber Sie fühlen sich als synthetischer Schriftsteller zutreffend beschrieben?

WALLRAFF: Durchaus, im Sinne einer ersten Annäherung. Es gibt ja noch keinen Begriff für diese Art zu arbeiten. Sie wird in Zukunft wahrscheinlich in anderen Ländern auch praktiziert werden. In Schweden zum Beispiel steht bereits der Begriff »wallraffen« im Lexikon. Und zu meiner Überraschung beriefen sich auf dem Moskauer Friedensforum einige jüngere sowjetische Kollegen auf meine Methode der Rollenreportage.

SPIEGEL: Gibt es irgendwelche Konsequenzen, die Sie für Ihre zukünftige Arbeit aus der Kritik der beiden linken Türken ziehen werden?

WALLRAFF: Diese Kritik geht mir nahe. Ich nehme sie ernst. Ich befinde mich im Stadium der Selbstprüfung.

SPIEGEL: Was glauben Sie, kommen Sie als ein anderer Wallraff aus diesem Stadium heraus?

WALLRAFF: Unbedingt. Meine neue Rolle, für die ich einige Jahre untertauchen werde, stand ja längst vor dieser öffentlichen Kritik fest, aber ich wäre sie vielleicht zu hastig angegangen. Was ich nun gelernt habe, ist, mich noch existenzieller darauf einzulassen, nicht so zwischen Fleisch und Fisch zwitterartig mich zu bewegen.

SPIEGEL: Wünschen Sie sich dabei die Wiederholung des »Ganz unten«-Erfolges?

WALLRAFF: Der äußere Erfolg erdrückt mich, der Erfolg hysterisiert andere, und das schlägt wiederum zurück. Ich gehe diesem Erfolg jetzt aus dem Weg, baue Hemmschwellen und Hindernisse ein, daß dieser Erfolg in dieser Form nie mehr vorkommt.

SPIEGEL: Herr Wallraff, wir danken Ihnen für dieses Gespräch. _(Aus »Psychologie heute«. )

Mit Redakteuren Harald Wieser, Rainer Traub in seinem Kölner Büro.Vor dem ehemaligen Solidaritätsbüro in Duisburg.Angekettet am Boden liegend.Aus »Psychologie heute«.

Harald Wieser
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