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PSYCHIATRIE Ich bin Gott

Zum erstenmal ist das unterdrückte Vorwort Alfred Adlers zu den Aufzeichnungen Wazlaw Nijinskis, des berühmten, an Schizophrenie erkrankten Tänzers, gedruckt worden.
aus DER SPIEGEL 30/1982

Der Seelenarzt fragte einen genesenen Patienten: »Warum, meinen Sie, ist es mir gelungen, Sie nach all diesen Jahren des Elends zu heilen?« Er erwiderte: »Ich wurde krank, weil ich jede Hoffnung verloren hatte. Und Sie gaben mir wieder Hoffnung.«

Mit dieser ihm unvergeßlichen Episode beschloß Alfred Adler (1870 bis 1937), Schüler wie Gegner Sigmund Freuds und Begründer der »Individualpsychologie«, sein erst jetzt gedrucktes Vorwort zu den berühmten Aufzeichnungen, die das Tanzwunder Wazlaw Nijinski (etwa 1890 bis 1950), der in Kiew geborene Sohn eines polnischen Tänzers und einer polnischen Tänzerin, kurz vor dem Ausbruch seiner Schizophrenie im Winter 1918/19 verfaßt hatte.

Nijinski gilt noch immer in der Welt des Balletts als bedeutendster Solist des klassischen, aber auch des (damals) modernen Repertoires. Gerühmt wurden vor allem seine phänomenale Sprungkraft, sein Bewegungs- und Ausdrucksreichtum, seine traumwandlerische Fähigkeit, in geradezu gespenstischer Weise mit seiner jeweiligen Rolle zu verschmelzen.

Darüber sagte die französische Schauspielerin Sarah Bernhardt 1911 bei der Uraufführung von Strawinskis Ballett »Petruschka": »Ich fürchte mich, denn ich sehe den größten Darsteller der Welt.« Nijinski wiederum überreichte einer britischen Bewundrerin ein Photo von sich als Petruschka und meinte: »Er (Petruschka) ist der mythische Ausgestoßene, in dem sich Leid und Schmerz des Lebens konzentrieren, der mit den Fäusten gegen die Wand schlägt, der immer betrogen, verachtet und von der Welt verstoßen sein wird.«

Dieses Paria-Pathos entsprang bitterer Erfahrung: Nijinski wurde auf der Kaiserlichen Tanzakademie in Petersburg von den adligen Eleven, die ihm an Bildung und Weltläufigkeit bei weitem überlegen, in der Tanzkunst hingegen vergleichsweise nur Zwerge waren, einträchtig gehaßt und schikaniert.

Ballettmeister Sergej Diaghilew, der Europa durch seine legendären Aufführungen mit den russischen Superstars erst mit der russischen Tanzkunst vertraut machte, nahm Nijinski mit in den Westen, wo der Tänzer seit 1909 fünf Jahre Weltruhm erlebte.

Diaghilew unterhielt mit Nijinski - der nach dem Urteil seiner Frau nicht homosexuell war - ein Liebesverhältnis. Er verstieß ihn jedoch 1913 aus seiner Truppe, als der Tänzer sich nach einer Schiffsreise mit der ungarischen Schauspielerin Romola de Pulszky trauen ließ.

Nur noch einmal, in Amerika, erlebte Nijinski während des Ersten Weltkriegs Monate des Erfolgs. Er verzweifelte jedoch immer mehr an der Welt und empfand sich als Opfer.

Das bezeugen seine Aufzeichnungen - auch wenn seine Frau sie bearbeitet und um ein Drittel gekürzt hat, wobei es sich zumeist um sogenannte anstößige Stellen handelte, die in Romolas Nijinski-Legende vom reinen Schmerzensmann und umnachteten Gott des Tanzes nicht hineinpaßten.

Auf Romolas Bitten hin besuchte Adler 1934 den Kranken, der sich damals mit seiner Frau im Sanatorium Bellevue im schweizerischen Kreuzlingen aufhielt. Da Adler ihn zu beeindrucken und aus seiner Lethargie zu erwecken schien, wurde er gebeten, die Behandlung zu übernehmen. Adler mußte jedoch zu seinem Leidwesen aus Zeitnot darauf verzichten.

Da er jedoch als erster berühmter Arzt eine Heilung Nijinskis nicht rundweg ausgeschlossen hatte, bat Romola ihn im Mai 1936, ein Vorwort für die Erstausgabe der Aufzeichnungen zu schreiben, was Adler auch bereitwillig tat.

Doch Frau Nijinski unterdrückte das Vorwort, weil sie sich über Adlers Diagnose erregte, ihr Mann leide an einem »Minderwertigkeitskomplex« - auf den Adler fast alle Neurosen und Psychosen zurückführte. Romola erinnerte sich 1974: »Das Argument ... daß Nijinski an einem Minderwertigkeitskomplex gelitten habe, ist völlig falsch und wurde zu jener Zeit von Professor Jung entschieden zurückgewiesen.«

In Wahrheit deuten jedoch genügend Anzeichen darauf hin, daß Adler recht hatte und der Tänzer aus dem Konflikt zwischen einem seit der Kindheit tief eingewurzelten Minderwertigkeitskomplex und einer sich ihm angeblich versagenden Welt in die Krankheit geflohen war.

In seinen Aufzeichnungen, so Adler, habe Nijinski offenbaren wollen, »was er wirklich ist und warum die ganze Welt nichts davon weiß«. Nijinski habe gewünscht, seine Einzigartigkeit zu beweisen, »er ist Gott, Erfinder, Dichter, Schriftsteller, aber ständig durch die Betrügereien und Versäumnisse anderer Menschen behindert worden«.

Nijinski schrieb denn auch in seinen Aufzeichnungen: »Ich weiß alles. Ich kann alles tun. Ich bin ein Bauer. Ich bin ein Fabrikarbeiter. Ich bin ein Heiliger. Ich bin ein Herr ... Ich bin Gott. Ich bin Gott. Ich bin Gott. Ich bin alles. Ich bin das Leben.«

Und Adler kommentierte: »Wenn der Lebensplan einer schizophrenen Person S.143 zuträfe, wenn der Sinn des Lebens wirklich die Gottähnlichkeit wäre, dann würde auch die Wahl einer Schizophrenie die bestmögliche Wahl sein - weil sie dem Tode ähnelte. Und das Problem des Todes begegnet immer dann, wenn ein Mensch zu Recht oder zu Unrecht fühlt, daß er von der erfolgreichen Vollendung seines individuellen Strebens abgeschnitten worden ist.«

Der schizophrene Patient, analysierte Adler weiter, wolle vor allem dann dem gesunden Menschenverstand entfliehen, wenn ihn sein Minderwertigkeitskomplex dazu antreibe, seine von der Welt enttäuschte, jedoch maßlose, in ihrer Intensität für Gesunde nicht mehr nachvollziehbare Eitelkeit nur noch in der Phantasie, etwa durch monomane Größenideen, zu befriedigen.

So habe sich auch Nijinski vom rationalen Denken abgeschirmt und das Fühlen gepriesen, weil er »für das Leben schlecht vorbereitet« worden sei: »Er war von Kindheit an mit hochgesteckten Erwartungen belastet, ihm fehlte der übliche Gang von Bildung und Erziehung, man steckte ihn automatisch in eine Klasse, deren bessere Schulkenntnisse und vornehme Herkunft ihn sich unbedeutend fühlen ließen.«

Als dann im Kriege auch Nijinskis Hoffnung auf unerhörten Ruhm zerstoben sei, so Adler, habe er sich endgültig von der Realität abgewandt und sei »gänzlich zu den Tagträumen seiner Kindheit« zurückgekehrt.

Aber Nijinski war doch ein weltberühmter Künstler, er wurde angeschwärmt und enthusiastisch bewundert. Trotzdem, meint Adler, habe Nijinski sich immer als ein Mensch gefühlt, wie sein Buch zeige, »für den ein großer Teil seiner Erwartungen unerfüllt« geblieben sei - mochte er sich jeweils unverstanden, beleidigt, nicht anerkannt oder schlicht arm, aber auch grundsätzlich armselig, minderwertig fühlen.

Über die Aussichten einer Heilung wollte Adler sich in seinem Vorwort von 1936 nicht äußern. Er schrieb jedoch, daß im Falle der Schizophrenie alles »von dem Aufbau eines kreativen Kontakts zwischen Arzt und Patient« abhänge, von der Zusammenarbeit zweier Menschen, »die nicht nur wissenschaftlicher, sondern auch künstlerischer Natur ist«.

Auch dieses Urteil Adlers über Nijinski sollte sich auf sonderbare Weise bewahrheiten. Denn daß es dem Kranken in den letzten Jahren seines Lebens besser ging, war nicht Ärzten zu verdanken, sondern Soldaten der Roten Armee.

Im April 1945 besetzte die Sowjet-Armee die kleine ungarische Stadt, in der Frau Nijinski mit ihrem Mann damals lebte. Als der Kranke zum erstenmal seit Jahrzehnten wieder Russisch hörte, wurde er aufmerksam, hörte den Soldaten stundenlang zu, ihren Reden, dem Spiel der Balalaika, und er sah ihre Tänze.

Die Soldaten behandelten ihn nicht autoritär, wie es Psychiater zu tun pflegen, nicht wie seine Frau, über deren Warnungen vor seiner Furcht und Menschenscheu sie nur lachten. Sie behandelten ihn wie ihresgleichen, schenkten ihm damit sein Selbstvertrauen wieder.

Schließlich sprach der Kranke, der über Jahrzehnte nur einzelne Silben und Grunzlaute von sich gegeben hatte, fließend Russisch mit den Soldaten. Er klatschte bei ihren Bauerntänzen in die Hände und begann dann selber mit ihnen zu tanzen.

»Von jenem Tag an«, berichtete seine Frau, »konnte er alles tun und überall hingehen.«

Obschon die Russen, als sie Nijinskis Identität entdeckten, seiner Frau und ihm große Anerbietungen machten, ging Romola mit ihm im Juni 1945 ungehindert in den Westen.

Aus der Erfahrung mit den Sowjet-Soldaten hatte Romola den richtigen Schluß gezogen, ihm neu zu Selbständigkeit und Unabhängigkeit zu verhelfen - und er begann dann auch, was er seit 27 Jahren nicht getan hatte, wieder zu sagen, was er sich wünschte und nicht wünschte. »Während seines ganzen Aufenthalts in England«, urteilte sie, »wurde er niemals erregt und aufgebracht.«

Der amerikanische Psychologe und Adler-Herausgeber Heinz L. Ansbacher, der Adlers Vorwort in der Fachzeitschrift »Archives of General Psychiatry« veröffentlicht und kommentiert hat, sagt über Romolas Verdienste um ihren Mann: »Als sie sich entschloß ... eher bei Wazlaw zu bleiben als ihn in eine Anstalt zu geben, war das ein Akt der Hoffnung, der sich auch auf ihn übertragen haben muß. Ohne diese elementare Hoffnung hätte Wazlaw die Gelegenheiten, die sich ihm später boten, niemals nutzen können.«

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