Zur Ausgabe
Artikel 95 / 123
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Fernsehen »Ich bin stolz auf mich«

Erstmals schaltete eine TV-Station eine eigene Sendung ab: Mit der Seifenoper um Margarethe Schreinemakers erlebte das Privatfernsehen seinen vorläufigen Höhepunkt. Endlich hatte die Fernsehnation wieder einmal ein gemeinsames Gesprächsthema - eine ganze Woche lang. Das Publikum belohnte das Ereignis mit einer Rekordquote.
aus DER SPIEGEL 35/1996

Für den bösen Gute-Nacht-Onkel von Sat 1 hätte es der Quotenschub des Jahres werden können. Voller Vorfreude wartete Harald Schmidt am Donnerstag, 23.45 Uhr, auf den Showdown zwischen Margarethe Schreinemakers und Sat 1.

Gleich, wenn der Sender, wie abgesprochen, die aufsässige Talkmasterin wegzappen würde, sollte Schmidt das Millionenpublikum in seine Late-Night-Show zerren, über die just entschwundene Kollegin ablästern und endlich einmal vom Vorspiel profitieren.

Die tränenreiche Seifenoper rund um Schreinemakers' Steuern als Entwicklungshilfe für Schmidt zu nutzen - wahrhaft ein brillanter Plan der Sat-1-Manager. So genial, daß sie prompt der Versuchung erlagen, auch ihren ungeliebten Nachrichtensprecher Ulrich Meyer aufzupeppen. Das war ein schwerer dramaturgischer Fehler: Der auf seriös gestriegelte Anchorman-Darsteller machte seinem neuen Ruf als Quotenkiller alle Ehre.

Zweieinhalb der viereinhalb Millionen Zuschauer schalteten ab, als Meyer im dunklen Anzug und mit kummerumflortem Blick die Erklärung der Sat-1-Geschäftsführung verlas: Die Absicht der Talkmasterin, ihre privaten Probleme in ihrer Sendung zu thematisieren, widerspreche dem journalistischen Grundsatz, das eigene Medium für persönliche Belange zu benutzen.

Knapp eineinhalb Millionen hielten durch bis Schmidt. Der schlürfte bedeutungsvoll seinen Blue Curaçao (Steuerparadiesinsel), fummelte an einem selbstgebastelten Gerät, der »Sat-1-Abschaltemaschine«, präsentierte Spielchen rund um das Wort Gier (Richard Gere, Habgier, Raffgier) - nie zuvor hat ein Sender sein eigenes Zugpferd im eigenen Kanal so gequält.

Keine Frage: Was da ablief, war das TV-Ereignis des Jahres. Und es war Kommerzfernsehen pur.

Das Privatfernsehen hat in dieser historischen TV-Nacht gezeigt, welche ungeheuren Kapazitäten an Absurditäten aller Art es freisetzen kann: eine neureiche Talkmasterin, die sich selbst zum Thema erklärt, ein Sender, der sich selber abschaltet. Sogar die Nebenrollen waren prominent besetzt: ein als Nachrichtenjournalist getarnter Unternehmenssprecher, der über journalistische Grundsätze parliert; ein mäßig erfolgreicher Zyniker, der versucht, seine Quote an einer Kollegin hochzuziehen.

Am nächsten Tag spielte der Konkurrenzsender RTL, zu dem die Mutter Teresa des deutschen Fernsehens Ende des Jahres wechselt, Schreinemakers Stellungnahme ab - das Publikum habe schließlich das Recht, die ganze Wahrheit zu erfahren. Und die Gegner von gestern versicherten, vertragsgemäß und friedlich bis Ende des Jahres zusammenzuarbeiten, als wäre nichts gewesen. Außer einem gewaltigen Werbegewinn. Gute Zeiten, schlechte Zeiten als Reality-TV.

Eine »höllische Angst« habe sie gehabt, als sie am Donnerstag »zur Abschlachtung« gegangen sei, erklärte Schreinemakers hernach, aber jetzt »bin ich stolz auf mich«. Da solle, glaubt sie, »eine Frau plattgemacht werden, die nicht in die Landschaft paßt«.

Ganz mutig war sie da in einem giftgrün schimmernden Zirkuskostüm in die Manege gestiegen - vor auserwähltem Jubelpublikum, einem Kamerateam von RTL und dem Hofberichterstatter der Hamburger Morgenpost, der über Tage in einer einfühlsamen Serie über Schreinemakers' Steuererklärung geschrieben hatte. Eine Schlammschlacht tobe um sie herum, klagte sie, kübelweise Dreck werde über sie ausgeschüttet, eine unheimliche Menge Mist geschrieben, der Presse gehe es um bösartige Verleumdungen. Die Gäste waren Nebensache an diesem Abend, das Ereignis war die Sendung selbst, nicht deren Inhalt.

Sogar die Werbung, die Säule des Privat-TV, hatte an diesem historischen Tag eine besondere Funktion. Der Stern nutzte die Schreinemakers-Sendung als überdimensionalen Rahmen für seine Anti-Schreinemakers-Werbung: »Sadisten, Steuern, Autos. Schreinemakers' krumme Tour mit den Steuern.« Dazu zeigten sie das Schreinemakers-Titelcover. Schlagzeile: »Gier«.

Über 6 Millionen Zuschauer hatten von Beginn an angeschaltet. Gegen zehn Uhr waren es 7,5 - 30 Prozent Martktanteil durchschnittlich -, der bisherige Rekord vom 14. Dezember 1995 (29,6 Prozent) war gebrochen. Bis kurz vor Schluß hielten nur 3,7 Millionen durch. 800 000 schalteten sich erst zum Eklat zu, pünktlich zum Höhepunkt waren 4,5 Millionen Zuschauer dabei. Sechs Sekunden dauerte er, dann wurde allen schwarz vor Augen.

Aber worum ging es eigentlich? Die Zuschauer erfuhren es nicht - und sie hätten es auch nicht erfahren, wenn Schreinemakers' Rechtfertigungsfilmchen gesendet worden wäre. Dort nämlich war keine Rede davon, warum jene Firma, die »Schreinemakers live« produziert, einem Treuhänder auf den niederländischen Antillen gehört.

Wie besessen kämpft Schreinemakers für die Amsterdamer Produktionsfirma Living Camera, mit der sie bisher angeblich nichts zu tun hat und die sie nun auf einmal kaufen will. Sie behauptet, Finanzminister Theo Waigel bekämpfe sie persönlich, weil das ihm unterstehende Bundesamt für Finanzen seit Anfang 1994 rund 25 Millionen Mark Steuern einbehalten hat - die Beamten vermuten, Living Camera sei eine wirtschaftlich untätige Tarnfirma, mit der der Schreinemakers-Clan kräftig Steuern spare.

Der komplizierte Steuerstreit wurde nur zum Top-Thema in allen Medien, weil Schreinemakers ihn selbst, mit ihren Anschuldigungen gegen Waigel, so weit hochgepeitscht hatte und weil sie sich und ihren (Steuer-)Fall zum Thema ihrer Sendung machen wollte.

Eskalieren aber konnte der Konflikt nur, weil Sat-1-Programmchef Fred Kogel seinem Konkurrenten Helmut Thoma von RTL die Quotenkönigin nicht gönnt - jedenfalls nicht unbeschädigt.

Zunächst noch hatten sich die verfeindeten Parteien gegenseitig mit Ultimaten eingedeckt. Kogel forderte, von einem Waigel-Beitrag bei »Schreinemakers live« ganz zu lassen. Schreinemakers' Mann Werner Klumpe hingegen verlangte, Sat 1 solle gefälligst die vertraglich zugesicherte redaktionelle Autonomie respektieren.

Der Streit dauerte die ganze Woche. Sat 1 solle, so Klumpe, den Beitrag bis Donnerstag, 16 Uhr, abnehmen. Doch Mittwoch machte der Sender noch einmal klar, er wolle die Sache grundsätzlich nicht. Vergeblich plädierte Sat-1-Geschäftsführer Jürgen Doetz noch am Abend der Sendung auf dem Studiogelände, Schreinemakers solle einlenken.

Die Fernsehnation, geeint wie in den alten Zeiten des öffentlich-rechtlichen Monopols, hatte die ganze Woche endlich wieder ein gemeinsames Thema: Tut sie's? Oder tut sie's nicht?

Sie tat es, Kogel ließ abschalten. Beide Seiten glauben, das Publikum hinter sich zu haben. Von fast 5000 Anrufern hätten 80 Prozent dem Sender Sat 1 bescheinigt, er sei zu Recht konsequent geblieben. 67 Prozent fänden, die Moderatorin wehre sich zu Recht, ermittelte dagegen ihr künftiger Sender RTL in einer Umfrage.

Bei den Kölnern hat Schreinemakers eine neue Heimat gefunden, die es gut mit ihr meint. Die Ikone des Kommerzfernsehens bekommt dort, was sie nach den Gesetzen des entfesselten Marktes scheinbar wert ist.

Im Vertrag mit der Schreinemakers-Produktionsfirma Living Camera gestand RTL die Summe von 140 Millionen Mark für drei Jahre zu - das sind 14 Prozent mehr als bei Sat 1. Schreinemakers selbst bekommt 100 000 Mark pro Sendung.

Für RTL-Chef Helmut Thoma kann der Zirkus rund um seinen eingekauften Star deshalb gar nicht groß genug sein. Sie sei die »Königin der Lang-Talkshow«, sagt er, ein richtiger Pressewirbel gehöre nun mal zum Geschäft: »Ab und an muß ein schöner Skandal her.«

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 95 / 123
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.