Zur Ausgabe
Artikel 64 / 89
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

»Ich bin überhaupt kein Revolutionär«

SPIEGEL-Interview mit dem Hamburger Schauspielhaus-Intendanten Peter Zadek über drohende Etatkürzungen *
aus DER SPIEGEL 12/1988

SPIEGEL: Der Senat will dem Hamburger Schauspielhaus rund drei Millionen Mark streichen. Auf einer Betriebsversammlung haben Sie, Herr Zadek, gesagt, daß Sie in der nächsten Spielzeit dann keine Premiere mehr rausbringen können. Ist das Zadeks Rache?

ZADEK: Nein, Rache ist natürlich ganz albern. Ganz einfach: Das Geld, das wir zum Produzieren brauchen, hat man uns gestrichen.

SPIEGEL: Gab es bereits Konsequenzen?

ZADEK: Sicherlich. Ich habe zwei Regisseuren abgesagt. Der eine heißt Klaus Michael Grüber. Wir hatten mit ihm eine Produktion von Shakespeares »Cymbeline« geplant. Daß Grüber nicht kommen kann, ist natürlich besonders betrüblich, weil ich Grüber eigentlich höher schätze als irgendeinen anderen Regisseur. Aber ich wollte ihn nicht ins offene Messer laufen lassen. Ich konnte ihn nicht eine Produktion vorbereiten lassen, die unter Umständen abgebrochen werden muß. Das wäre Hochstapelei.

SPIEGEL: Wer war der zweite Regisseur?

ZADEK: Zadek.

SPIEGEL: Zadek kann Zadek nicht mehr bezahlen?

ZADEK: Er kann seine Produktionskosten nicht bezahlen. Ich habe also erst einmal »Antonius und Kleopatra« abgesagt, das ich ein Jahr lang vorbereitet habe. Aber ich bin nicht bereit, eine Produktion zu machen, die ich entweder abbrechen muß oder gar nicht spielen kann, weil das Geld für die nötigen Vorstellungskosten fehlt.

SPIEGEL: Gibt es denn keine Umwege?

ZADEK: Nein, es geht nicht, daß wir jetzt einfach den Etat überziehen. Jahrelang hat uns die Stadt geradezu gedrillt, den Ausgabenrahmen einzuhalten. Die würden uns glatt regreßpflichtig machen.

SPIEGEL: Sind Sie denn bereits Verpflichtungen eingegangen, die Sie nun, nach der Drei-Millionen-Streichung, nicht mehr einhalten können?

ZADEK: Aber sicher. Unser Wirtschaftsplan war ja vom Aufsichtsrat und der Kulturbehörde bereits verabschiedet. Die Regreßansprüche und Mindereinnahmen können Millionenhöhe erreichen.

SPIEGEL: Die Einsparung bewirkt also das genaue Gegenteil: erhebliche zusätzliche Kosten?

ZADEK: So ist es.

SPIEGEL: Es gibt in ganz Deutschland inzwischen ein großes Einsparungsprogramm den Theatern gegenüber. Offensichtlich haben die Kommunen kein Geld mehr. Fühlen Sie sich in Hamburg schlechter behandelt als andere Theater?

ZADEK: Ich finde, daßeine Stadt soviel Kultur haben soll, wie sie haben will - und nicht mehr. Kürzungen sind völlig in Ordnung, die Leute, die das tun, sind ja demokratisch gewählt. Nur: Es muß fair bleiben. Nicht erst »ja« sagen und dann streichen.

SPIEGEL: Sie beschweren sich also über den Zeitpunkt der Etatkürzung. Heißt das denn, daß Sie mit drei Millionen weniger hätten auskommen können, wenn Sie es rechtzeitig gewußt hätten?

ZADEK: Wenn wir das vor zehn Monaten gewußt hätten, dann wäre das sicherlich auch nicht möglich gewesen. Aber dann hätten wir ganz genau darüber reden können, mit wieviel weniger man auskommen kann. Eine Kürzung von über drei Millionen sind fast 15 Prozent vom Zuschuß. Und eine Kürzung von 15 Prozent von einem Budget läßt sich in einem Geschäftsbetrieb unter Umständen langfristig abspecken, aber nicht, wenn man mitten in der Planung einer Spielzeit ist. Das ist völlig ausgeschlossen.

SPIEGEL: Haben Sie den Eindruck, daß dieser Vorgang auch eine Strafaktion gegen Zadek ist?

ZADEK: Ich kann mir das, ehrlich gesagt, überhaupt nicht vorstellen. Warum soll man ein Theater, das ein völlig neues, riesiges Publikum rangeholt hat, das zum ersten Male in 20 Jahren mehr _(Mit SPIEGEL-Redakteuren Hellmuth Karasek ) _(und Matthias Matussek in seiner Wohnung, ) _(vor einem Werbeplakat für die ) _("Andi«-Aufführung. )

verdient hat, als wir eigentlich zu verdienen brauchen, das eine Serie von Erfolgen hat, nicht immer bei der Kritik, aber beim Publikum - ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, daß uns irgend jemand bestrafen will. Sie etwa?

SPIEGEL: Sie wissen, daß Sie nicht nur geliebt werden in Hamburg.

ZADEK: Entschuldigung, wenn Künstler nur geliebt würden, dann wären sie erstens schlecht, und zweitens wären sie langweilig.

SPIEGEL: Vielleicht mag das Theaterestablishment einfach nicht, daß für ein Rockmusical wie »Andi« Geld ausgegeben wird?

ZADEK: Also die Kids aus Barmbek mögen es, und die haben überhaupt keine Lobby.

SPIEGEL: Wenn wir noch mal auf diese 15 Prozent kommen, von denen die Stadt behauptet - sie hat ja fast überall gekürzt und weggeschnitten, sie steht ja wohl offensichtlich am Rande der Pleite...

ZADEK: ... darf ich Sie unterbrechen: Sie hat nicht überall gekürzt. Sie hat natürlich vieles von dem Geld an andere Kulturinstitute gegeben, wie Sie sicherlich gesehen haben.

SPIEGEL: Der Etat der alternativen Kampnagel-Fabrik krebst jedenfalls bei 600 000 Mark dahin.

ZADEK: Aber die Kampnagel-Fabrik ist nicht getötet worden. Lassen Sie mich noch eins sagen vor der Aufsichtsratssitzung am Donnerstag dieser Woche, bei der über alles noch einmal gesprochen wird: Meine Meinung ist, daß niemand genau wußte, was mit dieser Kürzung angerichtet worden ist. Deswegen halte ich nichts von der Strafaktionen-Theorie. Die wissen einfach nicht, was sie anrichten. Es ist ja auch relativ kompliziert. Allerdings muß man doch erwarten, daß wenigstens irgend jemand in der Kulturbehörde darüber Bescheid wissen müßte.

SPIEGEL: Wie soll es dann weitergehen? Wenn die drastische Etatkürzung nicht zurückgenommen wird, heißt das dann tatsächlich, daß es in der nächsten Spielzeit keine neue Produktion geben wird, oder gibt es noch andere Konsequenzen, die Sie überlegen, Streik eventuell?

ZADEK: Das kann ich Ihnen nicht sagen. Es gibt viele Konsequenzen. Wir müssen das Geld einsparen, wenn dieser Senatsbeschluß verwirklicht wird. Der wird ja dann auch irgendwann durch die Bürgerschaft im Mai oder Juni bestätigt oder abgelehnt. Aber dann ist es sowieso zu spät. Also, eine Reihe von Maßnahmen hat schon stattgefunden. Ich hab''s ja schon gesagt: Die Produktion, die ich jetzt vorbereitet habe, findet jetzt nicht statt.

SPIEGEL: Sie sollen auf der viel zitierten Betriebsversammlung kategorisch erklärt haben, es würde dann keine Neuinszenierung mehr geben?

ZADEK: Ich habe gesagt: Nach unserem momentanen Wissensstand können wir keine Inszenierung mehr planen, weil uns dafür kein Geld mehr zur Verfügung steht. Theoretisch könnte man sich vorstellen: Wenn es eine Inszenierung gäbe, die man in dieser Spielzeit vorbereitet und die in der nächsten Spielzeit keine laufenden Kosten verursachen würde, dann könnte man die wahrscheinlich spielen.

SPIEGEL: Und was haben Sie Ihren Schauspielern bei dieser Gelegenheit gesagt?

ZADEK: Ich habe gesagt, ich finde das Verhalten der Kulturbehörde, die sich mit diesen Zahlen, ohne uns vorher zu informieren, an die Presse gewandt hat, unmöglich. Da bin ich wirklich sauer! Man kommt ins Haus, man liest diese Sachen, man wird andauernd angesprochen und in der Mitte einer Planung für eine neue Spielzeit überrascht.

SPIEGEL: Haben nicht manche Ihrer Schauspieler Kampfmaßnahmen gefordert?

ZADEK: Wir warten auf das Gremium, das vertraglich unsere Arbeit bestimmt, nämlich auf unseren Aufsichtsrat. Es wird sich dann herausstellen, denke ich, wie hoch der Kultursenator die Autorität des Aufsichtsrats einschätzt. So etwas ist noch nie vorgekommen, wenn die Kulturbehörde jetzt das Budget ändern will, hätte sie das erst in den Aufsichtsrat bringen müssen. Wenn dann der Aufsichtsratden Einsparungen zustimmt und sie billigt - und das entgegen seinem früheren Beschluß -, dann finde ich das genauso eine Sauerei, ehrlich gesagt, weil das eben mit zehnmonatiger Verspätung käme. Wir fühlen uns alle ein bißchen auf den Arm genommen. Aber trotzdem: Man muß es dann akzeptieren.

SPIEGEL: Gibt es einen Ausweg aus dieser verfahrenen Situation?

ZADEK: Ich hoffe es. Es kommt auf den Aufsichtsrat an. Wir können nur immer wiederholen: Wenn ihr uns über drei Millionen Mark wegnehmt, dann hat es sclimme Folgen. Wenn man nicht gleich Konkurs amnelden will, könnte man das Haus auch vermieten, batürlich mur für Veranstaltungen, die ich künstlerisch vertreten kann.

SPIEGEL: Das klingt jetzt weniger nach einer Drohung, mehr nach einer Erläuterung der Konsequenzen, die sich aus der Kürzung ergeben?

ZADEK: So ist es. Wem soll ich denn drohen?

SPIEGEL: Also: Keine Maßnahmen, die demonstrativer sind als ein Gespräch? Manche Theaterleute sind ja schon dafür auf die Straße gegangen.

ZADEK: Ich bin überhaupt kein Revolutionär. Ich bin das noch nie gewesen. Ich würde nie an solche Maßnahmen denken, bevor jeder normale und intelligente Weg versucht worden ist, sich mit erwachsenen Leuten auseinanderzusetzen.

SPIEGEL: Und wie ist die Stimmung im Ensemble?

ZADEK: Die sind völlig vor den Kopf gestoßen. Dazu sind sie natürlich auch noch nervös wegen der Frage des neuen Intendanten. Aber mich erstaunt etwas anderes: Es hat noch niemand ein Wort über das Publikum verloren. Die sind doch die Gelackmeierten, nicht die Kulturbehörde, nicht der Senat, nicht Sie als Journalisten - Sie haben ja andere Theater, in die Sie auch gehen. Gehen Sie doch mal am Wochenende in »Lulu"ich

brauch'' Ihnen das nicht zu sagen, wer da drinsitzt.

SPIEGEL: Ist das ein neues Publikum?

ZADEK: Das ist das »Andi«-Publikum plus das alte Publikum plus ein Publikum - ich weiß nicht, aus welchen Kinos die kommen. Ganz viele waren noch nie im Theater. Und es ist voll.

SPIEGEL: Dieses neue Publikum wird vom Kultursenat vernachlässigt?

ZADEK: Die schauen sich fünf Stunden »Lulu« an - mit Begeisterung! Dieses Publikum haben wir reingeholt. Die gab''s nicht vorher. Und die werden jetzt einfach auf die Straße geschickt: April, April, es war sehr nett, tschüs! Sie wissen, ich habe vor gut einem Jahr schon mal gekündigt, und die Gründe waren damals auch so, daß ich genau dieses Gefühl hatte, daß das Establishment der Stadt so ein Theater nicht will.

SPIEGEL: Also steckt hinter der Kürzungsmaßnahme doch eine Art Strafaktion, oder?

ZADEK: Das Schauspielhaus war noch nie das geliebte Kind. Und es ist in meiner Zeit auch nicht das geliebte Kind geworden. Und das ist das Gute daran, daß es nicht das geliebte Kind, aber voll ist.

SPIEGEL: Mal von Hamburg abgesehen, meinen Sie, daß das Subventionstheater generell in dieser Form nicht mehr bezahlbar ist?

ZADEK: Ich denke, daß es sehr wahrscheinlich ist, daß Sponsoren reinrücken werden, auch in das deutsche Theater. Ich finde das eine gute Entwicklung. Wir haben es ja im kleinen schon versucht, wie Sie wissen, wurden dafür natürlich auch, wie üblich, beschimpft. Aber wir haben''s versucht, und wir würden es gerne im großen versuchen. Nur, die deutschen Sponsoren haben sich daran noch nicht gewöhnt. Das Theater, das ist ja immer noch so ein esoterisches Kulturdings. Ich fände es natürlich einen Jammer, wenn auf einer größeren Ebene das subventionierte Theater in Deutschland wirklich zusammenbricht. Katastrophal. Woran immer es auch liegen mag, es liegt sicherlich auch teilweise an dem Verhalten der Theater, die den Kontakt zum Publikum verloren haben.

SPIEGEL: Herr Zadek, es ist noch etwas früh für die Frage, aber sind Sie eigentlich froh, daß Ihre Hamburger Zeit zu Ende geht nach Ihren Erfahrungen?

ZADEK: Das ist wohl die 60 000 Dollar-Frage? Wirklich sehr schwierig. Ich habe sicherlich 25 Prozent meiner Zeit in Hamburg über Geld geredet, mich mit Zeitungen und Politikern über Geld gestritten, Beschimpfungen über Geld angehört. Das geht mir sehr auf den Wecker, da muß ich ehrlich sein. Jetzt, wo das Theater fabelhaft läuft - da passiert so etwas wir dieser Vorgang, den ich zutiefst unfair und dumm finde.

SPIEGEL: Sie haben über die letzte Kultursenatorin gesagt ...

ZADEK: ... daß sie mir auf den Keks geht.

SPIEGEL: Was läßt sich von Ihnen zur momentanen Kulturbehörde sagen?

ZADEK: Zur Kulturbehörde? Wenn Sie meinen, den Kultursenator ...

SPIEGEL: Ja, den Kultursenator. Sie sollen ja neulich bei einem Geburtstagsempfang mit ihm aneinandergeraten sein.

ZADEK: Ich halte ihn für einen intelligenten und interessanten Menschen. Das hört sich jetzt absurd an, weil in den Hamburger Zeitungen Idiotisches über Boxkämpfe zwischen mir und Münch zu lesen war. Ich hatte mir in ihm einen sehr guten Gesprächspartner und Arbeitspartner erhofft. Jetzt erfahre ich, daß sein Wissen über die Vorgänge innerhalb eines Theaters einfach nicht ausreicht, um ein genaues und kluges Urteil in so einer Sache zu fällen. SPIEGEL: aLSO WERFEN sIE IHM iN-KOMPETENZ VOR? ZADEK: Er hat sich wohl nicht informiert. Und das finde ich erstaunlich. Aber das kann vielLeicht nur damit zu tun haben, daß er überlastet ist, daß er zu viele Ämter hat. Ich meine, an Enthusiasmus fehlt''s ihm nicht.

SPIEGEL: Einige Leute plädieren dafür, daß man die kleineren Bühnen sterben läßt und sich auf einige wenige große Theater konzentriert und da dann richtig powert. Wie sehen Sie das?

ZADEK: Nein, das fände ich falsch. Die Stärke des deutschen Theaters, seit ich es kenne - also, die letzten 30 Jahre -, ist die Provinz, nicht die Spitzen. Die Spitzen gibt''s überall, in New York, in Paris, auch in Deutschland. Aber eine so breite Provinzbasis, die ist einmalig. Die Tatsache, daß plötzlich in einem Theater in Freiburg oder in Kassel oder in Ulm oder wo auch immer in einer kleinen Stadt etwas Aufregendes passiert, das ist die große Chance. Die einzige Chance auch für junge Regisseure, junge Schauspieler, die plötzlich irgendwas Verrücktes machen, was aufbrechen - das geht eigentlich nur von unten. Die Experimentierzeit hier schon unter Ivan Nagel war ein Ausnahmefall für ein großes Theater wie Hamburg. _(Mit Susanne Lothar. ) *KASTEN

Um 3,2 Millionen Mark *

will der Hamburger Senat kurzfristig das Budget des Schauspielhauses kürzen; statt 28 Millionen will die Hansestadt 1988/89 nur noch 24,8 Millionen zuschießen (zum Vergleich: Das Frankfurter Schauspiel erhält 27 Millionen Mark). Intendant Peter Zadek, 61, hält diesen Einschnitt für verheerend. Die Gegenrechnung des Schauspielhauses: Die meisten Gelder seien durch Tarif- und andere Verträge festgelegt, frei verfügbar lediglich 3,9 Millionen Mark. Blieben also nach Abzug der 3,2 Millionen 700 000 Mark für den laufenden Betrieb und Neuproduktionen. Doch koste jede Vorstellung im Schnitt zusätzlich 4500 Mark (für Gäste etwa, Statisten und Musiker), bei 300 Vorstellungen im Jahr mache das 1,35 Millionen Mark. Selbst ohne die Kosten für eine Neuinszenierung, so die Logik der Theaterleute, müsse das Theater mithin 650 000 Mark Minus machen. Da es das nicht darf, bleibe gar nichts anderes übrig, als auf jede Neuproduktion zu verzichten und aufwendige Aufführungen aus dem Spielplan zu nehmen.

Mit SPIEGEL-Redakteuren Hellmuth Karasek und Matthias Matussek inseiner Wohnung, vor einem Werbeplakat für die »Andi«-Aufführung.Mit Susanne Lothar.

H. Karasek, M. Matussek
Zur Ausgabe
Artikel 64 / 89
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.