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»Ich bringe Erde und Meer«

Die Schauspielerin Angela Winkler über ihren späten Theaterruhm, ihre Rolle als Schmerzensfrau der Apo und ihr einfaches Bauernleben auf dem Lande
Von Wolfgang Höbel und Joachim Kronsbein
aus DER SPIEGEL 9/2001

SPIEGEL: Frau Winkler, Sie waren zweimal »Schauspielerin des Jahres«, jetzt bekommen Sie auch noch die begehrteste Auszeichnung Ihrer Zunft, den Gertrud-Eysoldt-Ring - dabei machen Sie sich auf der Bühne ungewöhnlich rar. Warum sieht man Sie so selten?

Winkler: Weil es ein Leben außerhalb des Theaters gibt.

SPIEGEL: Ihre letzten Erfolge verdanken Sie dem Regisseur Peter Zadek: Tschechows »Iwanow«, den »Hamlet«, zuletzt in Wien Ibsens »Rosmersholm«. Was kann er, was andere nicht können?

Winkler: Er ist immer noch neugieriger als viele andere, hört gut zu und sieht genau hin. Wenn die Mischung stimmt, kann er gut zündeln. Ihn faszinieren die Widersprüche im Menschen, die will er herausholen, und da hat er bei mir natürlich ein gefundenes Fressen. Außerdem ist die Besetzung bei ihm schon die halbe Regie.

SPIEGEL: Der Meister lässt Sie auf den Proben spielen, ohne einzugreifen?

Winkler: Ja, meistens. Er lässt alles zu. Peter spielt einem bei der Probe auch nie eine Szene vor. Er lässt uns machen, das erfordert Mut von uns Schauspielern. Den will er sehen. Und wenn man fragt, was man tun soll, dann sagt er nur: »Ich weiß es auch nicht.« Ich kann alles sein, gieriges Weib oder scheu und bescheiden. Das mag er wohl an mir. Ihn interessiert, was geht wirklich in den Menschen auf der Bühne vor, in ihrem Denken, in ihren Träumen? Darauf lass ich mich ein, dafür gebe ich mich hin.

SPIEGEL: Würden Sie diese Hingabe auch für die jungen Krawallregisseure aufbringen?

Winkler: Es ist ja nicht alles Krawall. Mir gefällt nur nicht, wenn Theater wie Fernsehen wird. Ob man hundertmal einen Salto mortale macht oder nur einmal, das ist doch egal. Man hat doch alles schon gesehen. Ich möchte, dass im Theater das Hirn beansprucht wird und die Phantasie im Raum fliegt.

SPIEGEL: Kritiker feiern »Hamlet« und »Rosmersholm« als grandiose Rückkehr zum alten Schauspieler- und Regietheater und spielen diese Inszenierungen gegen das Theater der Jungen aus.

Winkler: Ich habe auch sehr interessante Aufführungen von jungen Leuten gesehen, aber viele dieser kleinen modernen Stücke, die jetzt überall in den Riesenhäusern gespielt werden, wirken, als werfe man einen Eiswürfel ins Meer. Das verliert sich. »Hamlet« und »Rosmersholm« sind tatsächlich konträr zu den aktuellen Strömungen. Wenn ich spiele, habe ich das Gefühl, mit dem Publikum auf gleicher Höhe zu sein: Es gibt kein Oben und Unten. Die Zuschauer sind ganz dicht bei mir und ganz nah bei sich selbst. Als Hamlet sehe ich im Publikum meinen verständnisvollen Freund.

SPIEGEL: Einige Zuschauer sind mit Ihnen weniger nachsichtig. Die beschweren sich darüber, dass Sie auf dem zweiten Rang nicht zu verstehen sind.

Winkler: Das war doch früher schlimmer. Ich finde, es ist besser geworden. Die Zunge hat doch am meisten zu tun beim Denken. Ich ringe halt immer um Worte, und dabei verschlucke ich auch schon mal die Endungen. Das Publikum kann allerdings auch ziemlich störend sein. Neulich, bei einem »Hamlet«, hat jemand so penetrant gehustet, dass ich einfach zurückgehustet habe. Dem habe ich so einen richtig schönen Theaterhusten zurückgegeben. Dann war Ruhe. Es hat auch schon mal ein Handy so laut geklingelt, dass es mich sagen ließ: »Hier klingelt doch was.« Die Leute haben natürlich gelacht. Ich kann doch nicht so tun, als wäre nichts. Diese Freiheit, Dinge auf der Bühne aufzunehmen, ist bei der Arbeit mit Klaus Michael Grüber entstanden. Ich bin ja nicht nur Sender, sondern auch ständig auf Empfang.

SPIEGEL: Grüber, Ihren zweiten Lieblingsregisseur, kennen Sie aus Ihrer Zeit bei der Berliner Schaubühne in den siebziger Jahren. Haben Sie sich wohl gefühlt zwischen den marxistischen Weltverbesserern?

Winkler: Ach, wir hatten auch unseren Spaß. Ich habe im SPIEGEL gelesen, wie Ilse Ritter über diese Zeit gesprochen hat. Sie sagte, dass sie die ganzen Stapel mit aufklärerischer Sekundärliteratur, die wir zur Vorbereitung auf die Stücke bekamen, alle gelesen, aber nichts verstanden habe. Ich habe das Zeug jedenfalls gar nicht erst gelesen.

SPIEGEL: Vielleicht wollte Kollegin Ritter nur folgsam sein.

Winkler: Ich wollte nie folgsam sein, nie.

SPIEGEL: Es ging damals um den Aufbruch der 68er, um die erste sozial-liberale Koalition. Waren Sie bei den Demonstrationen dabei?

Winkler: Nein, ich war links, so gut ich konnte, aber habe mich nirgendwo einbinden lassen.

SPIEGEL: Und dennoch waren Sie eine Projektionsfigur für viele Linke.

Winkler: Klar, 1975 durch den Film »Die verlorene Ehre der Katharina Blum« ...

SPIEGEL: ... in dem Sie eine junge Frau spielten, die von Boulevardpresse und Staatsschutz verfolgt wird, weil sie einen gesuchten Deserteur beherbergt hat. Mit diesem Film wurden Sie zur Ikone der Linken, zu einer Art Mater dolorosa der Apo.

Winkler: Ja, da war ich die Heilige Jeanne d''Arc, die als Projektionsfigur für die Linken herhalten musste. Und als Leitfigur habe ich auch jede Menge Briefe bekommen.

SPIEGEL: Wie haben Sie diese spezielle Art der Fan-Post behandelt?

Winkler: Oh, einige habe ich angerufen, das weiß ich noch. Es kamen aber durchaus auch andere Sachen, »du Marxistensau«. Und dann habe ich da noch so eine Geschichte erlebt, für die ich mich heute schäme.

SPIEGEL: Erzählen Sie.

Winkler: Ungern. Mir hatte Fritz Teufel ...

SPIEGEL: ... der berühmte Polit-Aktivist und Kommunarde ...

Winkler: ... aus dem Gefängnis geschrieben. Volker Schlöndorff, der Regisseur des Films, hat mir die Post nach Spanien mitgebracht. Und da wollte ich dem Teufel so gern ein Zeichen schicken, frisches Gras aus Spanien, damit er was Grünes hat im Knast, aber ich hab das dann doch nicht gemacht, weil dann wieder eines meiner Kinder geschrien hat. Ich weiß es nicht mehr. Das Versäumnis tut mir heute noch Leid.

SPIEGEL: »Katharina Blum« hat Ihnen das Image der verhärmten Leidensfrau eingetragen. Wer hat Sie vom Trauerflor befreit?

Winkler: Das war Zadek. Der hat mich in der Auvergne angerufen und mir gesagt, dass er mich treffen wolle. Dann sahen wir uns in Hamburg. Ich kam gerade aus Hannover, hatte ein schwarzes Akkordeon für meinen Sohn dabei. Er war ganz in Schwarz, ich war ganz in Schwarz, wir gingen in die Kneipe, er hatte gleich seine Hand auf meinem Schenkel und sagte: »Du guckst in deinen Filmen immer so glupschäugig.« Er fand die Filme auch alle blöd. Aber er will einen ja immer gleich provozieren, das ist seine Art.

SPIEGEL: Das misslang in Ihrem Falle.

Winkler: Ja, weil der das Strumpfgeld nicht dabeihatte.

SPIEGEL: Was ist das für eine Abgabe?

Winkler: Als ich als Anfängerin bei der Komödie in Kassel engagiert war, durften ältere betuchte Herren den Debütantinnen nach der Vorstellung die Hand auf den Schenkel legen für das so genannte Strumpfgeld.

SPIEGEL: Wussten Sie, worauf Sie sich bei Zadek einließen?

Winkler: Ich hatte vorher seine Inszenierung von Wedekinds »Lulu« in Hamburg gesehen mit Suse Lothar und Ulrich Wildgruber. Die hatte mir gefallen, die war schnell und gefährlich. Ich dachte, mit dem willst du mal arbeiten. Und dann bot er mir die Anna Petrowna in »Iwanow« an. Da spielte ich eine große Liebende.

SPIEGEL: Ein anderes Rollenfach als Ihre Apo-Heldinnen.

Winkler: Nicht unbedingt. Es war eine andere Zeit. Meine Schwester starb damals an Krebs. Und ich war bei ihr. Da habe ich mitbekommen, wie sensibel Sterbende dafür sind, was um sie herum vorgeht. Und so habe ich auch die Anna Petrowna gespielt, als jemanden, der immer präsent ist. Ich blieb auch dann auf der Szene, als Anna laut Text gar nicht da war. Es wurde eine ganz wunderbare Arbeit mit Zadek, und so ging es immer weiter.

SPIEGEL: Damals lebten Sie in Frankreich. Sie hatten ein Haus in Ligurien, später eins hinter dem Deich bei Hamburg und jetzt in Berlin-Mitte. Warum diese Unrast?

Winkler: Das ist doch ganz natürlich. Es wandelt sich doch ständig alles. Ich wollte Anfang der Siebziger raus aus dem Theater, raus aus Deutschland. Mein Mann ist Bildhauer und hat einen starken Hang zum Abenteuer und Experimentieren, genau wie ich. Also sind wir losgezogen. Immer dahin, wo noch nichts war oder nichts mehr war. Dort haben wir unsere Welt gezimmert und das Feld bestellt. Und wenn alles fertig ist - das ist wie bei einer Skulptur oder einer Inszenierung -, dann macht man die Hand auf und gibt es weg. Ich habe das gerne mitgemacht. Ich habe ein gutes, spannendes Leben.

SPIEGEL: Ist das Theater die Erholung vom harten Ackerbau?

Winkler: Ich habe zu den Proben immer die Erde mitgebracht und das Meer. Gummistiefel aus und rein ins Flugzeug. Da kam mit mir der Geruch und die Freiheit und die frische Luft vom Land ins Theater.

SPIEGEL: Und nach einer solchen Sauerstofftherapie sind Publikum und Presse regelmäßig hingerissen ...

Winkler: ... Moment. Vor drei Jahren habe ich die Iphigenie gespielt. Da wurde ich von der Kritik quasi mit Tomaten beschmissen. Und ein Jahr später, beim »Hamlet«, rollen sie den roten Teppich aus. Da wird man dann über Nacht Stadtgespräch, bekommt Einladungen von bedeutenden Herren zum Abendessen. Bei der »Iphigenie« kamen keine Einladungen, da guckten auf einmal viele so komisch nach unten. Ach, es ist doch alles so beliebig. Da haben die Medien so viel Macht.

SPIEGEL: Frau Winkler, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

* 1998 als Iphigenie an der Berliner Schaubühne.Das Gespräch führten die Redakteure Wolfgang Höbel und JoachimKronsbein.

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