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HORVATH Ich denk? viel

aus DER SPIEGEL 39/1968

Der abergläubische Emigrant verließ sich auf den Rat einer Zigeunerin und fuhr von Amsterdam nach Paris, wo ihm nach der Prophezeiung »das entscheidende Ereignis« bevorstand. Kurz nach seiner Ankunft, am 1. Juni 1938, wurde der Dramatiker Ödön von Horváth, 36, auf den Champs-Elysées von einem Kastanienast erschlagen.

Das fallende Holz traf den helisichtigsten Theater-Autor der Weimarer Republik, »die stärkste Begabung unter den jüngeren Dramatikern« (Carl Zuckmayer). In seinen 18 Grotesk-Dramen hat der österreichisch-ungarische Diplomatensohn aus Fiume, äußerlich eine »statiöse Bacchus-Figur« (Dramatiker Ulrich Becher), so sensibel wie kein zweiter den Nazi-Terror geahnt und die Bühne zur »Störung der Mordgefühle« (Horváth) genutzt.

Zur »Demaskierung des Bewußtseins« ersann der vor allem in Berlin erfolgreiche Kleist-Preisträger grausam-heitere Volksstücke -- scheinbar triviale »Geschichten aus dem Wienerwald« (1930) und vom Oktoberfest ("Kasimir und Karoline«, 1931), in denen sich jedoch SA-Stürmer als »stumpfe Ungeheuer«, Polit-Hasardeure als Fememörder, tückische Zauberkünstler, makabre Sadisten und geschändete Vorstadt-Schönheiten stets zu einem »kleinen Totentanz« (so der Untertitel des Horváth-Dramas »Glaube, Liebe, Hoffnung") verbinden.

Eines der frühesten Menetekel-Stücke Horváths, die als »Historie aus dem Zeitalter der Inflation« getarnte Zeit-Satire »Sladek, der schwarze Reichswehrmann«, kam -- nach einer mißlungenen Uraufführungs-Matinee 1929 in Berlin -- letzte Woche im Kasseler Staatstheater erstmals auf den Spielplan einer deutschen Bühne.

Auf kahler Szene agitieren zackige »Hakenkreuzler« und eine hysterische »Bundesschwester« nach dem verlorenen Weltkrieg für »deutsche Ehre« und gegen die »Judenrepublik« von Weimar. Sie verdammen »syphilitische Neger«, die als Besatzer »am Rhein deutsche Frauen schänden«, verprügeln den pazifistischen Redakteur Schminke und liefern ihn einem bornierten Hauptmann der »Schwarzen Reichswehr« aus.

Diesen illegalen Vortrupp einer »nationalen Revolution« -- bis zu seiner Auflösung durch reguläre Reichswehr-Einheiten (1923) selbst von der auf Zusatz-Macht bedachten Generalität des 100 000-Mann-Heeres toleriert -- denunzierte Horváth fünf Jahre nach dem Inflationsende als Avantgarde künftiger KZ-Bewacher:

Die Geheim-Soldaten sind gescheiterte Bürger-Existenzen mit Vorliebe für Foltergerät und Tierquälerei und kompensieren kriminelle Neigungen mit den Phrasen patriotischen Sendungsbewußtseins.

Auch die treuherzige Titelfigur Sladek, ein dumpfer Bruder Woyzecks, motiviert seine Charakterschwächen pseudo-philosophisch: »In der Natur wird gemordet, das ändert sich nicht«, so wiederholt er stereotyp und assistiert den schwarzen Kameraden beim Ferne-Mord an seiner Geliebten.

Vor der Tat ergötzt sich der geistig und sexuell eingeschränkte Kleinbürger ("Man muß nur selbständig denken. Ich denk« viel") am Privat-Striptease einer Serviererin (Preis: eine Milliarde Mark) und hofft aus tiefster Volksseele auf eine neue -- von Horváth früh vorhergesehene -- Kriegskatastrophe: »Es würde nichts schaden, wenn noch einige Millionen fallen würden, wir sind nämlich zuviel.«

Das prophetische Volksstück gegen das vermeintlich intakte Volksempfinden -- durch präzise Text-Montagen, völkische Lieder und Stammeidialoge auch 40 Jahre nach seiner Entstehung noch bühnenwirksam -- wünscht sich Horváth »stilisiert« dargestellt. Der Kasseler Gast-Regisseur Günter Fischer (vom Berliner Schiller-Theater) folgte der Regie-Anweisung in seiner Inszenierung aufs Wort -- nur den Schluß gab er anders.

Statt den Desperado-Hauptmann gleich Sladek in einer »Wolke von Pulverdampf« au verderben, läßt er den Troupier ehrenvoll zur Reichswehr stoßen, und der anfangs gewaltlos agierende Journalist Schminke wandelt sich zu einer Art Apo-Kämpfer im Untergrund.

Zur Aktualisierung glaubte sich Fischer durch die letzten »Sladek-Worte ermächtigt, »die heute in der Bundesrepublik allenthalben schon wieder möglich sind": »Das deutsche Volk befindet sich im kraftvollen Wiederaufstieg. Es hat Unglaubliches ertragen und Ungeheures vollbracht.«

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