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AUTOMOBILE Ich freß' dich

Immer mehr Autofahrer verzieren ihre Wagen mit Aufklebern. Neuester Trend: mehr Bilder, weniger Sprüche.
aus DER SPIEGEL 32/1978

Der blau-grüne »Liebesfisch«, mit leuchtend rotem Kußmund, ist der große Renner bei den Chauffeusen.

Ein tänzelnder Lipizzaner wird besonders gern von Mercedes-Fahrern zur Schau gestellt.

»Ich freß? dich« wollen nach den Deutungen der Marktforscher häufig jene Autofahrer signalisieren, die sich für den grimmigen Hai entscheiden -- angeblich »von überholfreudigen BMW-Fahrern bevorzugt«.

Von »Knuffi«, dem vielgeliebten Nilpferd-Kraftprotz, bis zu Kojaks Glatzkopf, der sich bei einem Markttest als schwachbrüstiger Flop erwies -die bundesdeutschen Autofahrer kleistern in diesem Jahr für über zehn Millionen Mark Autoaufkleber auf die Blechflächen ihrer Gefährte. Das nasse Wetter hat einem eigenartigen Markt mit Dauerkonjunktur einen Extra-Boom aufgeklebt, denn -- so ein Verkaufsmanager -- »die vielen Regengüsse haben das Zeug unansehnlich gemacht, die Leute kaufen nach«.

Als neuesten Trend haben die Fabrikanten ausgemacht: »Sprüche« sind out. »Der Autofahrer«, so Gert Beddig, Produktmanager für »Sticker« bei den Tesa-Werken in Hamburg, »will sich im Zeitalter des Fernsehens nicht mehr mit Sprüchen, sondern mit Bildern identifizieren.« Fürwahr eine seltsame Entwicklung: Die Aufkleber-Mode, bei der »Willy-Wahl« 1972 mit Sprüchen wie »Lieber reiner Korn als Rainer Barzel« gestartet, ist bei Donald Duck angelangt.

Jahre hindurch waren nach jener Bundestagswahl Klebesprüche verschiedener politischer Couleur bei den Autofahrern in Mode, aber auch »witzige Sachen bis ins Unanständige rein« (so ein norddeutscher Aufkleber-Drucker). Eigner von asthmatisch keuchenden Kleinwagen erbaten etwa: »Bitte keine heiße Asche einfüllen.« Andere fuhren gleichsam ihr eigenes Inserat spazieren: »Kater sucht Pussy.«

Bald hatte fast jedes Kaff mitzuteilen, es grüße »den Rest der Welt«. Manche begnügten sich auch mit einem schlichten »Wir lieben Hamburg«. Sie geben kluge Ratschläge wie: »Nostalgie ist kein Grund, CDU zu wählen.« Oder sie fordern: »Befreit Grönland, weg mit dem Packeis.« Und sie verraten, was sie wünschen -- von »Ich schwärme für Sonnenwärme« bis zu jenem Klein-Fiat-Fahrer, der sein Wagenheck mit einer Typplakette des Nobel-Modells Lancia Beta schmückte. »Einfach lustig« fanden befragte Autofahrer die Aufkleber-Mode, weil es durch sie mitunter »im Stau was zu lachen gibt«. Kein Grund zum Lachen aber gab es bei dem Versuch, per Aufkleber eine Art rollender Atomkraft-Diskussion in Gang zu setzen. Nach der erfolgreichen Aufkleber-Kampagne »Atomkraft -- nein danke« konnte sich die gegenteilige Aussage »Atomkraft -- ja gern« nicht durchsetzen. »Die Leute«, meinte ein Aufkleber-Drucker über den Grund, »hatten Angst, daß ihnen Atomkraftgegner die Autos zerdeppern würden.«

Zum Boom aber wurde das Aufkleber-Geschäft vollends, als die Autofahrer immer mehr dazu übergingen, bunte Tiere, Blumen und Phantasiegebilde zu kleben, die eigentlich für Badezimmerkacheln, Küchen- und Kinderzimmerwände bestimmt waren. Flugs stellten sich die Marketing-Fachleute bei den Aufkleber-Firmen auf den Geschmack der neuen Verbraucher ein.

Zu Stückpreisen von 1,50 bis 5,50 Mark erwerben die Autofahrer ihre Kleber in Papierwarengeschäften, Warenhäusern und an Tankstellen oder nehmen sie als Geschenke von Verbänden, Parteien und Firmen entgegen. Den größten Marktanteil halten mit je 40 Prozent Beiersdorfs »Tesa« in Hamburg und die Firma »bsb decorbild verlag«, Bielefeld. Der Rest verteilt sich auf eine unüberschaubare Menge kleiner und kleinster Drucker.

Typographische Wegelagerei ist branchenüblich. Das Essener Ehepaar Doris und Harald Schlüter etwa, Erfinder des o-förmig gewölbten Lippenpaars in der Städtewerbung für B"o« nn, wurde ebenso das Opfer von Raubdruckern wie die Tesa-Designer mit ihren weithin geschätzten Piktogrammen sportlicher Motive. Ob Volleyballer, Tennisspieler, Squash-Drescher, Dauerläufer oder sonst ein Kraftmensch -- sie zeigen es offenbar zu gern auch an ihren Autos.

Was die Autofahrer mit Aufklebern wirklich erreichen möchten, wissen freilich nicht sie selber, sondern eher die Psychologen. Durch Hinweise auf ihren »Humor« und »Geschmack« wollen sie -- so die Uelzener Psychagogin Christa Meves -- »aus der Anonymität und der Einsamkeit ausbrechen«. Mit Aufklebern, so der Münchner Verkehrspsychologe Gerhard Munsch, »demonstrieren diese Leute Kraft«, mit Blumen, Herzen, Hand- und Fußsymbolen, allesamt »romantischen Locksignalen«, suchen besonders die Autofahrerinnen »eine kokettive Bescheidenheit« auszudrücken.

Weit vorn in der Beliebtheits-Skala rangiert nach verkauften Einzelmotiven der Marienkäfer, vor braunen und schwarzen Hengsten, Fröschen, Herzen, Enten, braunen und schwarzen Pferdeköpfen, Affen, schwarzen Füßen und Glückspilzen, die nach Meinung von Marketingexperten »die Lottospieler-Mentalität« verkörpern. Gern geklebt werden aber auch der gelbe Smily-Grinsemond und der mit allen Anzeichen des Entsetzens flüchtende Bundesadler, mit dem mehrheitlich Studenten ihr »Unbehagen über dieses Land« äußern.

Etliche Motive, wie etwa Kojak« fallen bei Testverkäufen glatt durch. Auch mit »Wir lieben Schleswig-Holstein« lief es nicht gut genug -- kaum verständlich, wo doch immer mehr Hamburger aus ihrer von Baustellen zerfressenen »Frohen und Hansestadt« (Aufkleber) in das meerumschlungene nördlichste Bundesland übersiedeln.

Die Aufkleber-Neuheiten für die Frühjahrsmesse 1979 stehen schon fest: ein hüpfendes Känguruh, Nessie das Seemonster in Grün, ein freudestrahlender Piepmatz, eine Wildsau, eine Boulette ("Hamburger"), eine springende blaue Ratte ("für die Aggressiven") und, »für die Trinker«, ein Bacchus.

Unklar blieb einstweilen, ob ein vereinzelt gesichtetes militantes Motiv aus großer Zeit für die Großserie taugt: Kaiser Wilhelms Reichskriegsflagge.

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