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»Ich gehe frohen Herzens«

SPIEGEL-Redakteur Wolfgang Malanowski über die Fernsehserie »Adenauer« *
aus DER SPIEGEL 5/1987

Eigentlich wollten die Fernsehjournalisten Rainer Hagen und Karl-Ernst Moring, beide vom Norddeutschen Rundfunk, den Fernsehzuschauern die Allerweltsgeschichte des 20. Jahrhunderts auftischen. Glücklicherweise ließen sie die Finger davon - weil eine »weltweite Produktion« zu teuer, eine »Beschränkung auf Europa« unzulässig und überhaupt der Stoff für eine Fernsehreihe »zu umfangreich« sei. Es sollten ja nicht nur, wie das bei TV-Kreationen zur jüngsten Geschichte schon des öfteren der Fall war (letztes Beispiel der Sechsteiler »Die Deutschen im Zweiten Weltkrieg«, SPIEGEL 19/1985), »grobe Umrisse mit den bekannten Bildern« rüberkommen.

Also stutzten die Autoren Hagen und Moring die allumfassende Masse auf hantierbare Maße - auf eine immerhin siebenteilige Serie, je 45 Minuten, über Konrad Adenauer, der am 19. April 1967, 91 Jahre alt, gestorben ist. 20 Jahre danach sollen »am Beispiel einer Person« »90 Jahre deutscher Geschichte« gesichtet und gewichtet werden. Der Norddeutsche Rundfunk beginnt damit am kommenden Sonnabend im Dritten Programm (20.15 Uhr), WDR III am Sonntag, der Hessische Rundfunk am 9. Februar, alle mit gebührendem Abstand zum Wahlkampf. Ob sich die Südstaaten - Bayerischer Rundfunk Süd- und Südwestfunk - irgendwann einblenden, steht noch dahin.

Die Tücken auch des geschrumpften Objekts waren den Autoren teils von vornherein geläufig, teils stellten sie sich erst bei den Vorarbeiten (seit 1983) ein. Adenauers erste Lebensjahre waren »schwer ins Bild zu bringen«, mangels Masse, aber auch mangels Zeitzeugen. Eine uralte Kölnerin, die sich noch an gemeinsames Tennisspiel mit dem Gerichtsassessor im Verein »Pudelnaß« erinnert, wollte nicht, ein überlebender Zahnarzt konnte nicht mehr vor die Kamera.

Aber auch bei der Inszenierung der Adenauer-Ära nach 1945 stießen die Fernsehjournalisten unerwartet auf Schwierigkeiten. Es offenbarte sich ihnen etwas Grundsätzliches - »wie wenig unser Medium Politik wirklich im Bild dokumentieren kann«. Mißlich war auch, daß Zeitzeugen bei den Vorgesprächen über den hartgesottenen Titelhelden frisch vom Leder zogen ("Ein unbarmherziger Mensch"), bei den Aufnahmen aber lieber schluckten und schönten, als fürchteten sie die Rache der Enkel. Eine peinliche Erfahrung, die den Zuschauern verschwiegen wird; so kommen Zweifel am Stellenwert so mancher Aussage zu Person und Politik erst gar nicht auf.

Die Autoren haben sich eigene Analysen und Interpretationen strikt untersagt, ebensowenig sollten »Professoren«, Historiker und Politologen, dazwischenreden. Mithin blieb die für erhellende Hinweise und kritische Einwände reichlich vorhandene Adenauer-Literatur weidlich ungenutzt; auch die Adenauer-Biographie von Peter Koch und der 1000-Seiten-Wälzer (nur Teil l) des Politikwissenschaftlers Hans-Peter Schwarz.

Die Autoren wollten einen unpolitischen Film machen, ausgerechnet über politisches Urgestein. Das ist ihnen gelungen, aber auf Kosten des ganzen Projekts. Die auferlegte Abstinenz, der fast durchgängige Verzicht auf Einordnung, Schwerpunkte und Wertung, hinterläßt ein dürres Datengerippe. Wenn das fernsehübliche Proporzdenken auf andere Weise ebenfalls durchgeschlagen hätte, dann wären auch kritische Zeitzeugen zu Worte gekommen, zum Beispiel Willy Brandt. So bleibt Wilhelm Sollmann, sozialdemokratischer Mit- und Gegenspieler des Kölner Oberbürgermeisters, ein einsamer Rufer in der Schar der Gratulanten: Adenauer sei eine »menschenverachtende Herrennatur« gewesen.

Das Familiäre macht den eigentlichen Reiz des Geschichtswerk aus. Die Kinderschar, deren Erinnerungen die Serie durchsetzen, erzählt reichlich - vom sparsamen, spartanischen Vater, der nicht radfahren konnte, böse wurde, wenn Mutter mal zur Bierflasche griff, der seine Söhne, zeitgemäß, mit dem »Riedstock traktierte« oder ihnen, als Nikolaus verkleidet, auf gar nicht originelle Weise Angst einjagte, die dem Ältesten, Konrad, noch heute in den Knochen zu stecken scheint. Von Adenauers Milchschaf »Nelke« ist die Rede und, ausführlich, von den Enten, die sich im Garten über die geliebten Blumen hermachten.

Und so manche Anekdote wird haften bleiben, zum Beispiel, daß Opa Adenauer ganz groß im Grimassenschneiden war, und wie er einmal, um seine Enkel zu erheitern, leergegessene Eierschalen auf den Frühstückstisch spuckte. Also, einen Film über Adenauer, wie ihn keiner kennt, den Privatmann, hätte man sich gut vorstellen können.

Aber aus dem Vorsatz, an Adenauers 90 Lebensjahren 90 Jahre deutsche Geschichte zu exemplifizieren, ist nicht viel geworden. Es bleibt im großen und ganzen beim Auszug aus der Geschichte, dem »Kleinen Ploetz«, den auch Adenauer gern zur Hand genommen hat.

»Wer Filme macht«, erläutern die Autoren, »ist an Bild und Interviews gebunden. Wer schreibt, kann auch ausführlich analysieren, bei uns geht das nur, wenn der Autor als Kommentator den Film unterbricht.« Hätten sie nur.

Der dritte Teil - »Überleben im Dritten Reich« - ist symptomatisch für die öffentlich-rechtliche Schau vom großen Mann. Die bekannten Bilder kehren wieder - Hitler-Reden, NS-Aufmärsche, erste Zwangslager -, sie gehören in den

Kontext. Aber über Adenauer selbst gibt es nur anfangs was zu zeigen und zu sagen - über seine Absetzung durch die Nazis im März 1933 mit dem rüden Drum und Dran, der vorübergehenden Gestapohaft (zwei Tage, im Zusammenhang mit dem »Röhmputsch« 1934), von den Versuchen, den Häschern zu entkommen, und den NS-Schikanen, den ausgegrenzten Volksgenossen zur Strecke oder wenigstens zum Schweigen zu bringen.

Adenauer schwieg, sowieso. Innere Emigration bei gekürzter Pension, wer wollte es ihm verübeln. Der Held blendet sich aus - aus dem Geschehen, folglich auch aus dem Film - bis zum 20. Juli 1944, dem Tag, als in der »Wolfsschanze« Stauffenbergs Bombe explodierte. Da wurde Adenauer wieder eingesperrt (August bis November 1944, mit einer Unterbrechung), nun wirklich ohne den leisesten Grund. Das vermerkt auch der Film; aber nichts über Adenauer und den Widerstand.

Nun, damit hatte Hitler-Nachfolger Adenauer - der nach dem Zusammenbruch 1945 so leichthin vermerkt hatte: »Wenn sich das deutsche Volk von Anfang an gewehrt hätte, so wäre die ganze Geschichte unmöglich gewesen« - wahrhaftig nichts im Sinn. Alle konspirativen Anfechtungen wies er entschieden zurück: »Lassen Sie die Finger von solchen Sachen wie Widerstand! Lächerlich! Entweder gelingt es denen, Deutschland wieder hochzubringen, dann werden die Braunen nach und nach zivilisiert; oder sie wirtschaften ab, und dann ist immer noch Zeit ... Widerstand! Absoluter Unsinn!«

Parteifreunde vom Zentrum versuchten es vergebens, ebenso wie, wiederholt, Jakob Kaiser von den Christlichen Gewerkschaften, nach 1945 Adenauers Konkurrent um die Führung in der CDU, später Bundesminister für Gesamtdeutsche Fragen ("Es ist mit ihm nicht zu rechnen"), oder der Leipziger OB-Kollege Carl Goerdeler; der redete ihm zuviel und zu unbekümmert daher (was stimmte).

Adenauer richtete sich konsequent aufs Überleben ein: »Man kann in einem Staat wie dem jetzigen nie wissen, auf welche Weise man zu Tode kommt.« Grund genug bestand vor allem in den ersten Jahren nach der Wende; da wurde es, 1935, beispielsweise schon gefährlich, daß ihm der lokale Schützenverein ein Ständchen brachte und den »Badenweiler«, Hitlers Lieblingsmarsch, aufspielte.

Oft plagten ihn Depressionen, manchmal auch Gedanken an Selbstmord. Doch allmählich ließ der Druck nach - weil Hitler die Hand über ihn hielt? Jedenfalls bedauerte der Diktator, »diesen Mann wegen seiner politischen Unvernunft nicht heranziehen zu können«.

Rein gar nichts erfahrt der Zuschauer auch von Adenauers Reflexionen über den Nationalsozialismus; freilich sind die, soweit sich der pragmatische Pensionär damit herumgeschlagen hat, der sich wieder seinen Erfindungen und seinen Rosen zuwandte, nur spärlich überliefert. Aber sollte einfach übergangen werden, daß sich der Hitler-Nachfolger über Hitler und dessen Bewegung anfangs den gängigen Illusionen bürgerlicher Politiker hingab, die den Parlamentarismus längst abgeschrieben hatten?

Mit den Braunen koalieren und regieren, in Preußen wie im Reich, um sie zu zähmen, hielt Adenauer für machbar und erforderlich. Die »einzige Rettung« versprach er sich, als die Nazis schon an der Macht waren, von einer neuen Hohenzollern-Monarchie, aber auch von Hitler als »Reichspräsident auf Lebenszeit«.

Zu kurz gegriffen wird auch bei der Darstellung vom Rausschmiß des Kölner OB Adenauer, den die Amerikaner im März 1945 wieder eingesetzt, die Engländer wenige Monate später entlassen haben, wegen »Unfähigkeit«. Freilich, da gibt es bisher nur ein Dokument - die Entlassungsurkunde, unterschrieben vom britischen Militärgouverneur John Barraclough, und nur ein Photo, das abzulichten war: Adenauer mit Barraclough. Lohnte es nicht Hintergründe zu erwähnen, die durchaus eine Rolle gespielt haben mögen?

Brigadegeneral Barraclough meinte: »Der Bursche schwätzt Politisches. Der höchstbezahlte Verwaltungsbeamte hat den Kopf in den Wolken«, sollte heißen, er kehrte zu wenig vor der Rathaustür. Sozialdemokraten, Kommunisten und Gewerkschafter beschwerten sich, Katholik Adenauer restauriere ein klerikalkonservatives Regime, was keineswegs aus der Luft gegriffen war und womöglich bei der neuen Labour-Regierung in London Beachtung gefunden haben mag. Adenauers Techtelmechtel mit französischen Offizieren und seine Interviews in ausländischen Zeitungen, in denen die Engländer gar nicht gut weggekommen waren, mögen ferner verstimmt haben.

Nach 1945 überschlagen sich die Ereignisse im öffentlichen Leben des Konrad Adenauer, folglich überschlägt sich auch der Film. Datum an Datum, Szene an Szene, hereinspaziert: Zone, Bizone, Trizone, Bundesrepublik Deutschland, Adenauer-Kabinette, 1, 2, 3, 4 - bis zum, für Adenauer, bitteren Ende: »Ich gehe _(links: vor dem Kölner Rathaus, mit ) _(Briten-General Barraclough (r.). ) _(Oben: im Verein »Pudelnaß«; )

nicht frohen Herzens.« - Da gibt es kein Halten mehr, keine Haltepunkte.

Die Wiederbewaffnung, zehn Jahre nach dem Zerfall des nationalsozialistischen Kasernenstaats ein unerhörter Vorgang, die bis heute heftig umstrittene Wiedervereinigungspolitik (die nicht stattfand), Westintegration, Kalter Krieg und Adenauers Kanzlerdemokratie sekundenweise abgehakt. Trauerarbeit kommt nicht vor, sie kommt ja auch bei Adenauer nicht vor, der macht lieber den Kommentator der NS-Judengesetze, Hans Globke, zur grauen Eminenz im Kanzleramt. Der zweite deutsche Staat den es ja auch schon seit 1949 gibt kommt erst richtig ins Bild, als die Bilder in den politischen Rahmen passen - Juni-Aufstand 1953, Mauerbau 1961.

Schraffur und Tiefe gewinnt der letzte Teil - durch den Hauptdarsteller Adenauer. Der störrische Patriarch, der von der Macht nicht lassen kann, verfängt sich in den eigenen Winkelzügen. Erst 1959, will er Bundespräsident werden dann, 1961, gegen die spät aufmuckende Partei, doch wieder Bundeskanzler. Das historische Monument kommt auf menschliche Maße. Am Ende stellt sich Mitleid ein - mit einem alten, großen Mann.

links: vor dem Kölner Rathaus, mit Briten-General Barraclough (r.).Oben: im Verein »Pudelnaß«;

Wolfgang Malanowski
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