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»Ich habe Film nie als Kunst betrachtet«

aus DER SPIEGEL 39/1972

Sein Reich reicht weit. Wer in München ins »Luitpold«-Kino geht, in Berlin ins »Marmorhaus«, in Hamburg ins »Kino-Center«, in Frankfurt ins »Gloria« und in Köln in den »Ufa Palast« -- der geht immer in ein Kino des Heinz Riech.

Heinz Riech, 50, im Kinn die Kerbe des Machtmenschen. ist der Größte seiner Branche. Er betreibt in 15 Städten 66 Lichtspielhäuser, hauptsächlich profitable City-Paläste, er besitzt damit die längste deutsche Kino-Kette, und sein Expansions-Trieb wächst.

Er will, in den nächsten zwei Jahren, noch »etwa zehn neue Kinos« angliedern, und dann wird er sich »wahrscheinlich mit Filmproduktion und dergleichen« beschäftigen. Fernziel: ein vertikaler Konzern, von Produktion über Verleih bis Kino, wie ihn um 1930 Hugenbergs marktbeherrschende Ufa darstellte.

Medien sind Macht, das weiß man, und: Macht formt Medien. Der »Kino-König« Riech, wie ihn die Branche mehr bebend als bewundernd heißt, ist auf dem Wege, die deutsche Kino-Szene zu verändern. Fragt sich, wie.

Der Mann mit der Kommando-Stimme, er war Wehrmacht-Oberleutnant, ist eine Art preußischer Kapitalist. Er raucht nicht, trinkt nicht, treibt Fecht-Sport, und im Berliner »Marmorhaus«, das er für drei Millionen Mark umbaut, nächtigt er im Büro, auf einem Feldbett.

Beim Umbau packt er mit zu; auf dem elterlichen Gutshof in Ostpreußen -hat er handwerken gelernt. Was er heute sei, verdanke er aber »zum Großteil der gründlichen Ausbildung als Pionier«; Hitlers Wehrmacht als Schule für Unternehmer.

Auch der erste Kino-Dienst fiel in großdeutsche Zeit; Riech führte, als Truppenbetreuer, Filme vor. Als US-Gefangener betreute Riech weiter; sein Repertoire, damals: »Der weiße Traum«, »Wiener Blut« und »Jenny und der Herr im Frack«.

In münsterländischen Dörfern legte Riech die ersten Steine fürs Imperium. Im Flecken Freekenhorst hat er noch heut sein Hauptquartier, und als er dort kürzlich, von Branchen-Häuptlingen umdienert, 50. Geburtstag und 25. Firmen-Jubiläum feierte, lobte einer: Riech verstehe, »mit Millionen umzugehen. aber auch mit Pfennigen«.

Und dies offenbar besser als die Konkurrenz; denn Riechs Reich besteht zum Gutteil aus Provinzen, die er wirtschaftlich Blessierten abgenommen hat. Wie jeder rechte Tycoon schätzt er aggressive Manöver.

Als er vor sechs Jahren ein Reeperbahn-Kino mit Bar-Betrieb erwarb, begab sich beispielsweise, daß er die Zahlung der Rest-Raten (15 000 Mark) verweigerte. Sein Argument: Er habe die Platzzahl des Kinos auf Kosten der Bar erhöhen wollen, sei aber daran gehindert worden, weil die Barhocker, noch im Besitz von Dritten, nicht entfernt werden konnten. Folge: Er habe. durch die nicht ausgenutzte Kapazität, mittlerweile einen Schaden von 15 000 Mark erlitten.

Riech brauchte die Rest-Raten nicht zu bezahlen; in seinem Reeperbahn-Kino, in Filmwerken wie »Sexclub der Triebhaften«, kann man heute darauf ein Bier (drei Mark) trinken -- immer noch an der Bar und auf den alten Hockern.

Zum Größten wurde Riech dann Weihnachten letzten Jahres, als er Bertelsmann die altehrwürdige Ufa-Gruppe (35 Kinos) abkaufte -- für »über 40 Millionen Mark« (Riech). die er freilich in Raten berappt.

Dennoch ist dieser Mann, angesichts einer bröckelnden Branche, ein Mirakel. Und da er, wie er sagt. »nichts dem Zufall überläßt«, ist es lehrreich und heilsam, seiner Erfolgs-Philosophie zu lauschen.

Riech über sich: »Ich bin ein sehr schwieriger Mensch, der nur selten den Weg des Normalen geht.« Zu seiner Zufriedenheit gehöre Ansporn und Erfolg: »Der Mensch ist auf dei Welt, um sich zu beweisen.«

Andererseits: »Der Mensch ist von Natur aus träge«; vor allem wohl der angestellte. Riechs Tip: »Ich halte das Personal so, daß es den Eindruck hat, es arbeitet für sich selbst. Sein »Wahlspruch« war stets: »Ich verlange von jedem- das Dreifache an Leistung und zahle das Doppelte an Gehalt. Klare Rechnung.

Wir leben in einer freien Welt, sagt Riech, »freier geht"s schon bald nicht mehr«; der »allgemeine Mensch« wolle nicht mehr als »Abstinenzler« leben. »Warum«, fragt der Nichtraucher Riech, »wird ihm im Kino das Rauchen verboten?«

Riechs Rauch- und Trink-Kinos haben Zuschauer-Zuwachs bis zu 40 Prozent. »Film ist Illusion«, sagt Riech, und dazu gehöre eben auch »ein gewisser Pomp": Die Leute müßten das Gefühl haben, »sie kommen in einen Salonwagen hinein«.

Dort sollen sie finden, was Riech selbst im Kino sucht: »Entspannung, Unterhaltung, den Alltag vergessen.« Ein »ambitionierter Film« sei dafür meist nicht geeignet. »Künstlerisch angehauchte Filme«, sagt Riech, »haben mich nie fasziniert": und politische Filme hat er, der von den Ostverträgen »nicht allzu begeistert« ist, auch »nicht so gern« --

»Ich habe Film niemals als Kunst betrachtet«, sagt Deutschlands Kino-Kaiser, der mit der Macht seiner Kette Produzenten beeinflussen kann, Verleihern Preise diktiert und über das Schicksal von Filmen befindet: »Film ist ein Wirtschaftsunternehmen.«

Und falls er wirklich eines Tages einen Monopol-Konzern zuwege bringt? »Wenn ich den Markt beherrschen könnte«, sagt Riech, »würde ich auf gute Unterhaltung gehen und mehr Filme machen mit Rühmann, mit Peter Alexander, mit Curd Jürgens«. Über Gräber rückwärts.

Auch eine europäische Kino-Kette sieht er kommen. Nur in Dänemark, erzählt Riech nebenbei, darf einer nicht mehr als ein Kino besitzen.

Die Dänen ahnten immer bald, wenn etwas faul im Staate war.

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