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ZEITGESCHICHTE »Ich hing am Angelhaken«

Die Ordensfrau Isa Vermehren über ihre Karriere als Kabarettstar, ihre Internierung im KZ und eine Gesellschaft ohne Gott
Von Susanne Beyer und Joachim Kronsbein
aus DER SPIEGEL 4/2004

Vermehren, 85, ist eine der letzten prominenten Zeitzeuginnen der Berliner Kulturszene der dreißiger Jahre. Sie war mit 15 Jahren Kabarettstar in Werner Fincks »Katakombe«. 1938 konvertierte die Tochter eines Lübecker Anwalts zum Katholizismus. Als ihr jüngerer Bruder, der Diplomat Erich Vermehren, 1944 nach Großbritannien geflohen war, kam die Familie in Sippenhaft. Ihre Erlebnisse im KZ hat Isa Vermehren 1946 in dem Buch »Reise durch den letzten Akt« beschrieben. Nach dem Krieg arbeitete sie als Schauspielerin, trat aber 1951 in den Orden Sacré Coeur ein, für den sie als Lehrerin und Schulleiterin tätig war. Dem TV-Publikum wurde sie durch das »Wort zum Sonntag« bekannt. Isa Vermehren lebt in Bonn. -------------------------------------------------------------------

SPIEGEL: Schwester Vermehren, Sie hatten ein turbulentes Leben: Kabarettstar, KZ-Häftling, Schauspielerin, und heute sind Sie Nonne. Dennoch behaupten Sie in einer gerade über Sie erschienenen Biografie, Ihr Leben sei schnurgerade gewesen*. Wieso?

Vermehren: Ich sehe ein, dass Sie das irritiert, aber glauben Sie mir: Wenn ich zurückblicke, dann greift tatsächlich ein Lebensabschnitt in den anderen.

SPIEGEL: War das nicht ein radikaler Bruch - von einer Bühnenkarriere Abschied zu nehmen zu Gunsten eines Lebens im Kloster?

Vermehren: Die Kabarettauftritte als 15-Jährige haben mir Spaß gemacht, aber ich habe auf der Bühne nie meine Bestimmung gesehen. Ich suchte schon damals nach einer Sinnmitte, nach etwas, wofür man leben und sterben kann. Das habe ich im katholischen Glauben gefunden. Und die Entscheidung für ein Leben im Orden war für mich später die richtige Konsequenz.

SPIEGEL: Dennoch ein ungewöhnlicher Weg für eine protestantische Patriziertochter aus dem steifen Lübeck.

Vermehren: Ach, das mit dem Patriziertum war bei uns nicht mehr so doll. Mein Vater

war Anwalt, sehr liberal, und meine Mutter fühlte sich sowieso mehr zum Künstlerischen als zum Kaufmännischen hingezogen.

SPIEGEL: Das klingt wie eine moderne Version der »Buddenbrooks« - der Verfall einer Familie?

Vermehren: Die Auflösung des Bürgerlichen haben meine Eltern sogar bejaht. Wenn es zum Beispiel um moderne Kunst ging, dann sind die beiden losgesprungen, sie fuhren nach Berlin zu Bert Brechts revolutionärer »Dreigroschenoper« und kamen beflügelt nach Hause. Die Verwandtschaft schüttelte nur mit dem Kopf. Dennoch waren sie sehr gegensätzliche Menschen, aber im Umgang miteinander diskret und feinfühlig, selbst nach der Scheidung.

SPIEGEL: Haben die Schwierigkeiten im Elternhaus Sie zur frühen Flucht nach Berlin getrieben?

Vermehren: Nein, das war diese fürchterliche Enge, die durch den Nationalsozialismus in Lübeck entstanden ist. Das Leben wurde unerträglich, man wurde beobachtet. Wenn man etwa zu Nazi-Festen nicht geflaggt hatte, hieß es gleich: »Sie wollen sich wohl aus der Volksgemeinschaft ausschließen.« Und eine modische Frau musste sich todsicher anhören: »Wie sehen Sie denn aus? Eine deutsche Frau schminkt sich nicht.« In der Metropole Berlin war der Spielraum für Leute wie mich und meine Mutter, mit der ich dann dort lebte, sehr viel größer. Sicher, auch wir sahen pausenlos diese Aufmärsche, die, das kann man wirklich sagen, fabelhaft inszeniert waren. Aber der Berliner ist ja nicht so leicht zu beeindrucken. Sie kennen vielleicht diesen köstlichen Witz von damals: Kommt eine alte Jüdin mit dem gelben Stern am Revers in den überfüllten Omnibus, steht ein Berliner auf und sagt: »Setz dir mal hin, olle Sternschnuppe.« Da bepöbeln ihn ein paar Volksgenossen, doch der Berliner entgegnet gelassen: »Üba menen Arsch vafüge ick noch selba.«

SPIEGEL: Waren solche Szenen in der Realität nicht sehr selten?

Vermehren: In der Provinz ja, in Berlin nicht. Das kann man sich heute nicht mehr vorstellen, in einem Land zu leben, das gestern noch die größte Freiheit gepredigt und gelebt hat und sich von einem auf den anderen Tag in einen autoritären Staat ohne Meinungsfreiheit verwandelt. Die Nazis haben vom ersten Tag an mit unvorstellbarer Konsequenz Lüge und Gewalt eingesetzt, und es gab keinen Rechtsschutz dagegen. Ein Freund unserer Familie, der charismatische SPD-Politiker und spätere Widerständler Julius Leber, wurde 1933 am Tag nach der Machtergreifung zusammengeschlagen.

SPIEGEL: Und Sie haben damals in Werner Fincks berühmtem Kabarett »Katakombe« munter mit dem Schifferklavier Ihren Hit »Eine Seefahrt, die ist lustig« gesungen.

Vermehren: Na ja, das war ein Spottlied, das von vielen im regimekritischen Publikum als Persiflage auf das schwankende Staatsschiff Deutschland verstanden wurde. Ein Vers lautete: »Unser Erster auf der Brücke ist ein Kerl, Dreikäsehoch, aber eine Schnauze hat er, wie ''ne Ankerklüse groß.«

SPIEGEL: Ihre frechen Verse wurden Allgemeingut und Sie eine Berühmtheit. Sie hätten ein Ufa-Star werden können. Warum haben Sie Ihre Chancen nicht genutzt?

Vermehren: Ich wollte etwas anderes und war auf der Suche nach geistiger Wahrheit. Wenn man wie ich von der Gottesfrage umgetrieben wird, dann wird man wie am Angelhaken herumgeführt, bis sich die entscheidende Frage nach Gott stellt.

SPIEGEL: Sie konvertierten zum Katholizismus wie später auch Ihre beiden Brüder. Was haben Ihre Eltern zu dieser Entscheidung gesagt?

Vermehren: Meine Mutter war richtig unglücklich. Wenn ich Buddhistin geworden wäre, hätte sie das wahnsinnig interessant gefunden. Sie erwartete vom Leben sehr viel und fand, dass zwei, drei große Lieben eine Frau unheimlich bereichern können. Ich glaubte aber, es sei mindestens genauso interessant, mich mit dem lieben Gott zu beschäftigen.

SPIEGEL: Immerhin waren Sie verlobt.

Vermehren: Ja, mit einem sehr liebenswerten Architekten. Aber auch er fühlte eine Berufung zum Priestertum. Das hat die Liebe und das Verständnis füreinander nur noch verdoppelt. Ich habe mich dann für Gott entschieden.

SPIEGEL: Heute wenden sich die Menschen in Scharen vom Glauben ab. Allein von 1993 bis 2002 sind in Deutschland rund 1,3 Millionen Katholiken aus der Kirche ausgetreten. Leben wir nicht längst in einer rein weltlichen Gesellschaft?

Vermehren: Natürlich. Die Enttabuisierung sämtlicher Zonen empfinde ich als einen furchtbaren Frevel. Viele Menschen ha-ben eine schreckliche Selbsteinschätzung: Ich kann alles, ich darf alles, ich will alles. Und ich halte mich an nichts anderes als an das, was mir im Augenblick gefällt. Diese Einstellung finde ich hybrid.

SPIEGEL: Wie unterscheidet sich die heutige Glaubensferne von der geistigen Leere der Nazis?

Vermehren: Die Gottlosigkeit damals war unglaublich gewalttätig. Die heutige Gesellschaft finde ich kraftlos. Verstehen Sie mich nicht falsch, aber manchmal wünsche ich der Kirche ein bisschen Verfolgung von außen. Das mobilisiert Energien.

SPIEGEL: Sie haben die Brutalität des Nazi-Regimes selbst erlebt. Ihr jüngerer Bruder Erich setzte sich Anfang 1944 nach England ab, und Sie, Ihre Eltern und Ihr älterer Bruder kamen ins KZ in Sippenhaft. Haben diese Erfahrungen Sie an Ihrem Glauben zweifeln lassen ?

Vermehren: Nein, das war eine Glaubensbereicherung. Ich habe nie so viel gebetet wie damals, und das hat mir Kraft gegeben. Außerdem waren die Sippenhäftlinge auch privilegiert: Ich hatte eine Einzelzelle im Gefängnistrakt. Von dort habe ich das Grauen im Lager beobachten können.

SPIEGEL: Seit Auschwitz diskutieren Theologen darüber, ob nicht auch Gott in den Gaskammern gestorben ist. Und viele fragen sich: Wie konnte Gott, wenn es ihn denn gibt, ein solches Leid zulassen?

Vermehren: Auf diese Frage habe ich geradezu gewartet! Da lege ich meine Lanze ein. Hören Sie: Die KZ hat nicht der liebe Gott eingerichtet, sondern wir Menschen. Ich würde also den Spieß umdrehen und sagen: Wie kann der Mensch so etwas Schreckliches zulassen? Ich denke, Auschwitz ist die Welt, die die Menschen sich bauen, die von Gott nichts mehr wissen oder wissen wollen.

SPIEGEL: Nach dem Krieg haben Sie eine verurteilte KZ-Aufseherin im Gefängnis besucht. Zeigte die Frau Reue?

Vermehren: Nein, dafür war sie zu beschränkt. Sie fühlte sich vielmehr belogen und betrogen, man hatte ihr versprochen, sie müsste im KZ nur ein bisschen die Leute beaufsichtigen und bekäme dafür auch Vergünstigungen. Sie sagte mir, dass sie an ihren freien Tagen nur im Bett geblieben war und sich von ihrer Mutter hätte versorgen lassen. Da können Sie sehen, wie zerstört diese Seele war.

SPIEGEL: 1951 traten Sie in den Orden Sacré Coeur ein und arbeiteten als Lehrerin und Schuldirektorin. Haben Sie über Ihre KZ-Zeit gesprochen?

Vermehren: Kaum. Wir Ordensschwestern sprachen nicht über unser Privatleben. Aber wenn ich gefragt wurde, habe ich davon erzählt. Die jungen Leute litten ja darunter, dass ihre Eltern nie über die Vergangenheit gesprochen haben. Das war ein fürchterliches Unrecht. Es ist zu lange geschwiegen worden. Und auch deshalb habe ich mich von Ihnen noch einmal breitschlagen lassen, über mein Leben zu sprechen.

INTERVIEW: SUSANNE BEYER, JOACHIM KRONSBEIN

* Matthias Wegner: »Ein weites Herz. Die zwei Leben der IsaVermehren«. Claassen Verlag, München; 368 Seiten; 22 Euro.

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