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FILM Ich kann alles

Mit ihrem Film »Yentl« hat sich Barbra Streisand einen Lebenstraum erfüllt: Sie ist Produzentin, Regisseurin, Mitautorin und Star zugleich. *
aus DER SPIEGEL 13/1984

Es stimmt, in ihre Oberlippe kann sich auch eine Frau verlieben. Geschwungen wie ein Amorbogen ist sie. Lustvoll, doch gleichzeitig ununterbrochen schmerzliche Skepsis signalisierend, erinnert sie an androgyne Pharaonenstatuen. Die Mundwinkel kräuseln sich zart, wie Wasser von jedem Windchen bewegt. Trotzdem ist ihr Mund von gleichmäßiger Schönheit.

Wenn sie ihn aber aufmacht, besiegt ihre Stimme den edlen Eindruck. Zäh und kräftig, wie von gespannten Federn gelöst, schmettert sie Ton für Ton einen eingängigen Song zum Sternenhimmel hin. Dort vermeint sie »a million eyes« zu sehen, fragt sich gedehnt, ob die des geliebten toten »Papa« wohl darunter seien. Einsam sitzt sie im Wald, ein Flämmchen flackert vor ihren Knien, Tränen rinnen ihr über die Wangen. »Heidi« oder »Das letzte Einhorn« könnten kaum herzergreifender sein.

Barbra Streisand, 41, Schallplattenmillionärin, Schauspielerin, Weltstar, hat einen eigenen Film produziert. Sie wird als die erste Frau in die Filmgeschichte eingehen, die bei einem üppigen 16-Millionen-Dollar-Projekt als Produzentin zugleich Regie führte, am Drehbuch mitschrieb und die Hauptrolle spielte. Weniger wäre für ihr Ego zu wenig gewesen.

Sie wollte den grämlichen Hollywood-Bossen beweisen, daß eine Frau ein solches Projekt meistern kann, sie wollte natürlich zugleich etwas Persönliches und Zentrales zur Sprache bringen, etwas gegen die Männerherrschaft allüberall, und sie hat es geschafft.

Ihre Welt ist in Ordnung, sie ist stolz auf ihr Werk, und das opulent angerichtete Musical kommt in den USA gut an, obwohl darin manches wunderlich in Unordnung ist. Rechtfertigung dafür liefert das knetbare Vielzweckmotto »Nichts ist unmöglich«, die Werbung bezeichnet das gar als die »Philosophie« des Ereignisses.

Möglich ist jedenfalls, daß ein aufgeweckt lerneifriges jüdisches Mädchen um die Jahrhundertwende »irgendwo in Ost-Europa« (wer in den USA will das schon so genau wissen?) nach dem Tod ihres geliebten Rabbi-Vaters als Boy verkleidet in eine Talmud-Schule aufgenommen wird, wo sich ein glücklich verlobter Mitstudent Avigdor in den hübschen »Kerl« namens Anshel verguckt. Möglich ist weiter, daß Avigdors Verlobte, als sie ihm unter Familiendruck entsagen muß, dessen »Freund«, die verkleidete Yentl, heiratet und sich auch prompt in sie/ihn verliebt.

So ungefähr erzählt das eine Kurzgeschichte von Isaac Bashevis Singer, die zu verfilmen seit 1968 Barbra Streisands Traum war: Offenbar hat sie in dieser Yentl, die nur als Mann in einer Männerwelt ihr Ziel erreichen kann, eine Spiegelfigur des eigenen Selbstbehauptungswillens gefunden. Sie hat sich ihren Traum verwirklicht, und dabei ist ein neuer herausgekommen. Ein amerikanischer. Ein naiver, ein Streisandscher.

Darin ist es nun auch möglich, daß Yentl/Anshel in jeder Situation - am Eßtisch mit anderen Studenten oder beim Tee im Salon der Schwiegereltern - das Gespräch mit ihrer »inneren Stimme« übertönt: In energisch getragenen Gesängen teilt sie dem Publikum ohne Unterlaß mit, was die Tiefen ihres Herzens bewegt.

Ein Musical ist »Yentl« also nur bedingt, denn singen darf nur sie allein. Neun lange Songs lang inszeniert Barbra Streisand sich selbst - wenn das kein Traum ist ...

Ein US-Traum ist auch Europa, das ostjüdische Schtetl um 1900, daß die Regisseurin auf dem Lande in der Tschechoslowakei fand und mit Säcken, Kisten, flatternden Gänsen und alten Büchern zu einem genrehaften »Jewish Hollywood« stylen ließ.

Rastlos treibt die Regie-Debütantin, da sie alles zeigen will, was sie kann, ihre Scharen zur Aktion. Selbst theologische Dispute werden im Laufschritt oder im Handgemenge bestritten; die Kamera fährt und kurvt unentwegt, um postkartenprächtige Bilder zu sammeln; und was längst goldig genug ist, wird durch Musik immer noch mal vergoldet.

»Nichts ist unmöglich«, heißt die Parole. Aber was wird, wenn Yentl den andern ostjüdisch verkleideten Amerikanern ihr Frausein offenbart? Avigdor ist inzwischen unsicher, wen von beiden er mehr liebt, und die Frau fühlt sich zu Yentl hingezogen - doch eine Ehe zu dritt bleibt ja leider, auch wenn nichts unmöglich sein soll, unmöglich.

Da gibt es nur Flucht nach vorn: Yentl enthüllt Avigdor ihr wahres Geschlecht, indem sie ihr Hemd vor ihm öffnet, und sein erster Impuls ist Ekel: »Du bist ein Dämon! Ich will dich nie mehr anfassen!« Doch als sie mit einem Liebesbekenntnis vor ihm niedersinkt, ist ihm klar: Er will sie heiraten, aber sie soll das Studieren aufgeben.

Endlich ist das Problem herauspräpariert. Yentl schreit nein, denn Yentl will beides sein: Frau und intelligent - das ist Barbra Streisands Appell über die jüdisch-mittelalterliche Welt hinaus in die Zukunft hinein, das hält sie für ihre Offenbarung.

Die Schlußszene weist den Zukunftsweg: Da steht Yentl, noch immer herbschön wie ein Vogue-Modell in dickgestricktem Wollzeug, allein an der Reling des Dampfers »Moskva«, der auf dem Ozean schwimmt. Sie wandert aus, eigentlich aber dorthin zurück, woher sie kam: in die Vereinigten Staaten.

Während sich die Kamera vom Dampfer entfernt, besingt Yentl den Mann, den die vaterlos aufgewachsene Streisand nie kannte und mit dem ihre Filmheldin letzten Endes vermählt bleibt: »Papa, can you hear me?« Ihrem und »allen Vätern« hat sie den Film gewidmet. Er ist das bunteste, rührendste, satteste Durcheinander aus den USA, das derzeit unsere Leinwände trifft. _(Amy Irving, Barbra Streisand. )

Amy Irving, Barbra Streisand.

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