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»Ich kann auch Tränen vergießen«

Von Nikolaus von Festenberg
aus DER SPIEGEL 22/1996

SPIEGEL: Herr Gerlach, wie hat man Erfolg im Fernsehen?

Gerlach: Wenn ich das nur wüßte: Ein letztes Geheimnis wird hoffentlich bleiben. Denn sonst hätten recht bald die stromlinienförmigen Yuppies alles im Griff, weil Erfolg - nach deren Verständnis - berechenbar wäre wie der Wasserverbrauch im Waldorf Astoria beim Weltkongreß der Bademeister.

SPIEGEL: Vielleicht reicht es, Ihre großen Erfolge »Schwarzwaldklinik«, »Das Traumschiff« oder »Kommissar Rex« zu kopieren. Bei den Serien im Fernsehen wird doch laufend abgekupfert.

Gerlach: Das funktioniert nicht. Denken Sie nur mal an den ARD-Dreiteiler »Klinik unter Palmen«...

SPIEGEL: ... Klausjürgen Wussow spielte »Schwarzwaldklinik« auf den Philippinen. Die Kritiker waren entsetzt.

Gerlach: Wohl zu Recht.

SPIEGEL: Trotzdem stimmte die Quote.

Gerlach: Gute Einschaltquoten sind wichtig. Sie allein dürfen aber nicht die Meßlatte sein, an der sich Erfolg oder Mißerfolg von Programmarbeit ablesen läßt. Das ist keine Absage an Trivialstoffe. Es kann aber nicht nach dem Motto gehen: Das war zwar großer Mist, den wir da gebracht haben, aber da genug Leute davor saßen, heiligt der Erfolg auch diese Mittel, und ab sofort bringen wir möglichst oft solchen Dreck.

SPIEGEL: Als erfolgreicher ZDF-Unterhaltungschef saßen Sie doch lieber auf dem Publikumsliebling »Traumschiff« als im Quotenwrack.

Gerlach: Aber klar. Das »Traumschiff« fährt noch immer auf dem gewünschten Kurs. Ich habe auf dem Lerchenberg kein Programm prolongiert, das zwar gut angenommen wurde, von dem ich aber der Meinung war, daß es nichts taugt, daß es schlecht gemacht war.

SPIEGEL: Was ist gut gemachtes Fernsehen?

Gerlach: Der Idee, dem Spirit, dem Konzept - vorausgesetzt, alles das ist stimmig - mit der Realisierung zu entsprechen. Genie und Kunst sind nicht planbar, kann man nicht bestellen wie ein Glas Bier. Handwerkliches Können jedoch ist einzufordern. Das gilt für alle Genres und für jeden intellektuellen Anspruch. Man braucht Herz, ich kann in Vorführungen sitzen und über eine Schnulze Tränen vergießen. Wir dürfen die Präferenzen der Zuschauer nicht zynisch interpretieren. Demut üben meint nicht Arschkriecherei. Aber, bitte schön, den Bedürfnissen eines möglichst großen Publikums mit Verantwortungsbewußtsein zu entsprechen ist schließlich unser Job.

SPIEGEL: Ihr Kollege, RTL-Chef Helmut Thoma, geht noch weiter. Er sieht TV nur noch als Dienstleistungsunternehmen und sagt: »Wer im flachen Wasser badet, kann nicht untergehen.«

Gerlach: Er hat auch gesagt: »Der Köder muß dem Fisch gefallen, nicht dem Angler.« Das sind hübsche Bilder, die vor allem Journalisten schmunzeln lassen, aber letztlich ist es zynische Koketterie.

SPIEGEL: Sind Sie Thoma-Feind?

Gerlach: Nein, im Gegenteil, einer seiner Bewunderer. Der Mann ist hochprofessionell und eine beeindruckende Persönlichkeit. Sein Sender ist nicht unbedingt mein Geschmack.

SPIEGEL: Der RTL-Programmchef Marc Conrad arbeitet doch nur noch mit dem Rechenschieber und nicht mit dem Gefühl.

Gerlach: Ein Fernsehmacher muß wohl beides haben. Den kühlen Kopf, der rechnen kann und rational abzuwägen weiß, und ein weites Herz. Conrad beherrscht den »Audience flow« meisterlich. Das ist die Geschicklichkeit, das Publikum von einer Sendung zur nächsten weiterzureichen. Es nützt ja nicht viel, wenn Millionen Hans Meiser gucken und danach den Sender wechseln. Conrad läßt sein Programm fließen. Das leistet kein Rechenschieber.

SPIEGEL: Viel Lob für RTL. Wie beurteilen Sie Ihren Nachfolger bei Sat 1, Fred Kogel?

Gerlach: Der Herr Kogel ist nicht mein Nachfolger. Ich habe Sat 1 lediglich beraten und hatte Stoffe und Filme zu beurteilen.

SPIEGEL: Herr Gerlach, uns scheint, ein paar Tricks für Erfolg im TV gibt es doch. Die werktägliche RTL-Serie »Gute Zeiten, schlechte Zeiten« war lange ein Quotendebakel; heute gehört sie zu den Rennern. Penetranz siegt?

Gerlach: Nennen Sie es Stehvermögen und Ausdauer. Das allein aber kann es nicht sein. Entscheidend ist wohl, daß Geschichten erzählt werden, die die Leute bei aller Schlichtheit der Konflikte und ihrer Lösungen fesseln und anrühren. Viele Zuschauer hierzulande sind nach meiner Beobachtung extrem harmoniebedürftig ...

SPIEGEL: ... in der Krise sucht der Deutsche nach der heilen Ersatzwelt.

Gerlach: Vielleicht. Vermutlich ist das ein Reflex auf Druck, Streß und Aggressivität in der Realität des Alltags. Es gibt noch ein Phänomen: die Suche nach Autorität. In den beiden letzten Jahrzehnten ist Autorität als ein mehrheitsfähig definierbarer Begriff so ziemlich abhanden gekommen. In der Politik, in den Kirchen, in den Schulen und Hochschulen, bei der Polizei. Es ist unübersehbar, daß dort, wo das Fernsehen in seinen fiktionalen Programmen überzeugende Autorität offeriert, großer Zuspruch herrscht.

SPIEGEL: Sie meinen die Ärzteschwemme auf dem Bildschirm.

Gerlach: Ja, wo anders als im medizinischen Beruf gilt denn noch Autorität?

SPIEGEL: Nur die Weißkittel lehren Gehorsam?

Gerlach: Das stimmt wohl nur dann, wenn man die Wirkung von Autorität auf »kuschen müssen« reduziert. Autorität muß sich auch gar nicht in Personen manifestieren. Charisma und Autorität von Natur und von Tugenden werden nicht lauthals gefordert, aber dennoch gesucht.

SPIEGEL: Guter Gott, kommt der Heimatfilm zurück?

Gerlach: Nein, sicher nicht. Aber Filme und Serien brauchen Identität. In ihren Charakteren, ihren Landschaften, ihren Plots, so geschönt sie auch - vor allem von der Kritik - empfunden werden mögen.

SPIEGEL: Nur noch »Ein Bayer auf Rügen« und »Der Bulle von Tölz«? Da kommt ja Sehnsucht auf nach US-Krankenhausserien wie »Emergency Room« und »Chicago Hope«.

Gerlach: Das sind auch meine Favoriten. Ich lasse nach Möglichkeit keine Folge davon aus. Diese Serien sind hervorragend gemacht, auf hohem erzählerischen Niveau. Aber wenn da beispielsweise eine Krankenschwester im OP mit einem zur Transplantation präparierten Herz stolpert, das Organ im hohen Bogen durch die Luft fliegt und schließlich unter einem Instrumentenschrank landet, um danach eben doch noch verpflanzt zu werden, bewundere ich die Virtuosität der Amerikaner, das TV-Pathos einer Operation auf Leben und Tod zu konterkarieren, und amüsiere mich. Der Großteil der Zuschauer solcher Einfälle ist wohl eher erschrocken und wendet sich ab.

SPIEGEL: Deshalb scheitert der zynische Lästermann Harald Schmidt am Publikum?

Gerlach: Ich will mich jetzt nicht mit Geschmacklosigkeiten wie den öden Polenwitzen oder damit aufhalten, daß er sich zuweilen vor laufenden Kameras übergibt. So was sollte er nicht machen. Sein Quotentief liegt wohl nicht an Zynismen à la Schmidt. Der Mann ist brillant, und die Late Show ist sein Format. Aber er ist allein. Wo ist der Konterpart auf gleicher intellektueller Höhe?

SPIEGEL: Ein Herbert Feuerstein aus »Schmidteinander«?

Gerlach: Ja, oder entsprechende Gäste. Feuerstein war im Zusammenspiel mit Schmidt der Clown, der ewige Kleine, der es immer auf die Mütze bekam. Aber er war eben auch der kluge Inspirator der ganzen Chose.

SPIEGEL: Herr Gerlach, wieso setzt Helmut Thoma, anders als seine Konkurrenten, nicht mehr auf deutsche Serien? Thoma behauptet, junge Zuschauer wollten US-Ware.

Gerlach: Es wird viel behauptet, wenn es gerade paßt, was aber der Nachprüfung letztlich nicht standhält. RTL hatte über Jahre mit seinen deutschen Serien kein Glück, konnte nicht reüssieren, und ein Schlaumeier wie Thoma wandelt so was schnell zum konzeptionellen Überbau, an den er zwar selber nicht glaubt, der sich in der Öffentlichkeit aber besser ausnimmt, als über Flops reden zu müssen. RTL beweist gegenwärtig mit Autobahnpolizisten, Ärzten, »denen die Frauen vertrauen«, und Spital-Romanzen in Mull das Gegenteil der Chef-These. Außerdem hat Thoma wohl wegen seiner üppigen Einkäufe in Übersee einen gewissen Rechtfertigungsbedarf gegenüber seinen Eigentümern.

SPIEGEL: Dennoch scheinen US-Programme billiger zu sein, wenn man die Entwicklung der Schauspieler-Gagen in Deutschland betrachtet.

Gerlach: Letztendlich wohl nicht. Bei Importen hat kein Sender unbegrenzte Rechte, an eigenen Produktionen hingegen alle Rechte, in der Regel weltweit und für alle Zeit. Im übrigen: Stars sind ja ganz gut und schön, entscheidend aber ist der Stoff. Ich habe mit den ganz Großen noch beim Kinofilm und später dann fürs Fernsehen fürchterliche Bruchlandungen erlebt und selber auch solche gebaut, wenn irgendwer der Meinung war, jetzt haben wir den Curd Jürgens, die Schell oder O.W. Fischer, und nun wird uns auch der große Wurf gelingen. Das geht immer daneben, wenn das Buch nichts taugt. Ich halte die aktuelle Entwicklung bei den Spitzenleuten für gerechtfertigt. Götz George, die Hoger, Mario Adorf und andere Damen und Herren des Mimen-Hochadels sollen gut bezahlt werden. Katastrophal ist die Entwicklung in der unteren Liga. Daß da einer vor ein paar Jahren für 500 Mark ein Tablett durchs Bild trug und heute 3500 Mark dafür verlangt, bloß weil er angemessenerweise auch noch die Flasche darauf spielen soll, ist der Alltagswucher einer boomenden Branche.

SPIEGEL: Sie suggerieren, der Stoff ist der Star. Aber wer schreibt in Deutschland gute Drehbücher?

Gerlach: Es sind viele gute Autoren nachgewachsen. Mir ist nicht mehr so bange wie noch vor wenigen Jahren. Außerdem ist ein erfreulicher Trend zur Teambildung bemerkbar. Die Sender müssen aber schnellstens mehr Geld in die Stoffentwicklung investieren. Und sie müssen lernen wegzuwerfen, begreifen, daß es billiger ist, eine teure Fehlentwicklung abzuschreiben, als dem schlechten Geld noch das gute für wochenlange Dreharbeiten nachzuwerfen. Auch die betroffenen Autoren werden das einsehen.

SPIEGEL: Wir wissen, Autoren sind eitel und schnell beleidigt.

Gerlach: Da haben Sie recht. Aber das heißt ja nicht, gegenüber guten Argumenten unzugänglich zu sein. Als Herbert Reinecker vor Jahren »Jakob und Adele« geschrieben hat - lieber Himmel, wie viele Entwürfe gab es da, bis die Sache stimmte und ein Hit wurde.

SPIEGEL: Nach fast 40 Jahren im Fernsehgeschäft ziehen Sie sich langsam zurück. Wie wird sich das Fernsehen im nächsten Jahrzehnt verändern?

Gerlach: Wenn es gelingt, den jungen modernen TV-Managern zu vermitteln, daß Fernsehen vor allem Kreativität bedeuten muß und Publizistik ist, hoffentlich zu mehr Vielfalt und damit größerer Interessantheit. Gelingt das nicht, wird es wie die Lagerhalle einer Topffabrik aussehen. Hunderttausend leere Kochtöpfe, einer wie der andere rund und alle so tot wie ein Friedhof.

SPIEGEL: Herr Gerlach, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Das Gespräch führten die SPIEGEL-Redakteure Nikolaus vonFestenberg und Klaus Madzia.

Klaus Madzia
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