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AUTOREN »Ich lebe dann woanders«

Die Schriftstellerin Ulla Hahn über ihr neues Buch »Aufbruch« und die Qualen des Erinnerns
Von Nikolaus von Festenberg
aus DER SPIEGEL 39/2009

SPIEGEL: Frau Hahn, als Goethe nach langer Pause seine Arbeit am »Faust« wieder aufnahm, schrieb er in der »Zueignung« über den Vorgang des Erinnerns: »Ihr naht euch wieder, schwankende Gestalten ...« Können Sie mit dem Bild etwas anfangen?

Hahn: Ich muss sagen, mir laufen Schauer über den Rücken. Ein magisches Bild.

SPIEGEL: Warum?

Hahn: Weil man Erinnerungen nicht einfach abrufen kann. Sie stecken nicht in irgendeinem Fach im Gehirn, das man nur zu öffnen braucht. Sie »nahen« sich eben.

SPIEGEL: Wieso laufen Sie den Erinnerungen nicht einfach entgegen?

Hahn: Das geht nicht. Besonders um sich auch auf Schmerzliches einzulassen, muss man in der Gegenwart gut verankert sein. Das ist im Privaten wie im Politischen so. Dem »Dritten Reich« konnten sich die Deutschen doch auch erst stellen, als sie das Gefühl hatten, materiell in Sicherheit zu sein.

SPIEGEL: Wieso schwanken die Gestalten der Erinnerung eigentlich?

Hahn: Das ist nur am Anfang so. Aber je tiefer Sie sich in die Erinnerungen versenken, desto präziser werden sie. Und manchmal so präzise, wie Sie das gar nicht haben wollen. Dann erscheinen auch Bilder, die Sie bedrängen.

Die verschwinden, wenn Sie sie sich von der Seele schreiben. Dafür müssen Sie begreifen, dass Vergangenheit das von mir Geschiedene ist. In dem Wort steckt Abschied.

SPIEGEL: In »Aufbruch«, Ihrem neuen autobiografisch geprägten Roman, beschreiben Sie, wie Hilla Palm, Ihre Heldin, als Heranwachsende auf einer Waldlichtung vergewaltigt wird*. Hillas innere Welt bricht zusammen. Haben Sie sich ein ei-genes Erlebnis von der Seele schreiben müssen? Ist Ihnen auch Gewalt angetan worden?

Hahn: Es war anders, aber als Erfahrung vergleichbar. Ich habe diese Szene immer wieder umgeschrieben, weil das, was ich tatsächlich erlebt habe, zwar anders, aber als Erfahrung nicht minder traumatisch war. Ich wollte für den Roman dieses drastische Faktum haben, es aber nicht naturalistisch wiedergeben, sondern als Überschneidung von realistischem und surrealistischem Schreiben. Deshalb habe ich Einzelheiten ausgespart.

SPIEGEL: Ausgespart heißt: Sie lassen Hilla ohnmächtig werden?

Hahn: Ich weiß von Frauen, die wirklich eine Vergewaltigung erlebt haben, dass sie bis heute nicht darüber sprechen können. Ich kann über meine andere Erfahrung auch nicht reden. An dem Kapitel habe ich sehr lange gearbeitet. Ich konnte danach fast ein Dreivierteljahr nicht schreiben. So eine Schreibblockade ist etwas Grauenvolles. Sie kommen sich vor wie amputiert, wie scheintot.

SPIEGEL: Wie kamen Sie wieder heraus?

Hahn: Ich habe mich morgens an den Schreibtisch gezwungen, mich hingesetzt und versucht zu schreiben. Aber die Bilder blieben aus. Ich habe dann alles Mögliche ausprobiert. Von alternativer Medizin bis zur Akupunktur. Es heißt ja so schön: Alles muss in Fluss kommen. Es ging aber erst wieder, als ich mich damit abgefunden hatte, einfach warten zu müssen. Meine Erinnerungskraft war erschöpft.

SPIEGEL: Und als sie wieder aufgefüllt war, konnten Sie wieder in die Vergangenheit eintauchen, und alles stand plastisch vor Ihnen?

Hahn: Oh, ja. Szenen und Menschen, wenn ich sie erschreibe, sind so realistisch gegenwärtig, wie Sie jetzt vor mir sitzen.

SPIEGEL: Welche Bedingungen brauchen Sie? Helfen Archive, Erinnerungsstücke, historische Aussagen?

Hahn: Manchmal. Im Wesentlichen überlasse ich mich dem Unbewussten. Nennen Sie es, wie Sie wollen. Ich vertraue dem Gedächtnis und dem, was die Sprache mir auszudrücken erlaubt.

SPIEGEL: Ein einsames Geschäft?

Hahn: Ein einsames Geschäft. Meine Freunde wissen das. In der Zeit, in der ich meine beiden Hilla-Romane geschrieben habe, war ich fast nicht mehr anwesend. Ich lebe dann woanders. Ich kann auch nicht abends einfach mal einen trinken gehen. Ich rufe mal meinen Bruder an und frage ihn nach Einzelheiten. Er sagt dann meistens: Weiß nicht. Lass es mich lesen, wenn du es geschrieben hast. Manchmal fällt ihm aber auch ein Detail ein. Und Details sind wichtig. Erinnerungen leben von Kleinigkeiten.

SPIEGEL: Hätten Sie gern während der Erinnerungsklausuren auch Ihre längst verstorbenen Eltern befragt?

Hahn: Ja, immer wieder.

SPIEGEL: Und wie gehen Sie mit ihnen um? Werden Sie milder mit ihnen?

Hahn: Ja, aber man muss dagegen angehen, wenn man Erinnerungen aufnimmt. Ich bin doch heute in meinem Bewusstsein viel weiter als meine Heldin im Buch! Ich habe mich durch die Arbeit an den Büchern zum Verzeihen geschrieben, darf das aber Hilla nicht fühlen lassen. Das muss ich ihr für den dritten Teil aufsparen.

SPIEGEL: Die 68er beurteilen die Zeit des Wirtschaftswunders, über die Sie schreiben, durchgängig finster: Es herrschten in der Adenauerzeit, so sah es die Linke, nur Triebunterdrückung, Frauenbenachteiligung, Klassenunterdrückung. Diese Epoche sei nur zu einem da: sie zu überwinden.

Hahn: Für die kleinen Leute, das Milieu, aus dem ich stamme, waren die fünfziger Jahre gar nicht so schlecht. Sie hatten ihren festen Platz. Sie hatten ihre Geborgenheit. Und Arbeit hatten sie auch. Aus dieser gefestigten Welt aber geht Hilla weg. Ins Ungewisse.

SPIEGEL: Weil sie aufsteigen will. Weil sie sie ein Ziel hat.

Hahn: Was ich nicht mag, sind diese bruchlosen Aufstiegsbiografien nach dem Motto: vom Tellerwäscher zum Millionär. »Aufbruch« endet damit, dass Hilla zum Germanistikstudium nach Köln geht. Sie weiß nicht, was sie dort erwartet, hat auch Angst. Abschied bedeutet, etwas zurückzulassen, das Böse, aber eben auch das Gute.

SPIEGEL: Zum Guten gehört bei Ihnen die Schule. Hillas Volksschullehrer will sie im ersten Band auf eine weiterführende Schule schicken. Die Eltern stecken sie stattdessen in eine öde Bürolehre. Ein anderer Lehrer macht ihr dann Mut, zum Aufbaugymnasium zu wechseln.

Hahn: Ja, ich hatte Glück mit meinen Lehrern. Aber ich habe auch das, was sie mir gaben, annehmen können. Insofern war es auch meine Leistung. Vielleicht kann man das aus Hillas Geschichte lernen: Anzunehmen, was einem möglich gemacht wird; die dargereichte Hand auch zu ergreifen; die sich im Leben einstellenden Gelegenheiten wahrzunehmen, im rechten Moment. Lebensgeschichte ist immer auch eine Begegnung mit Kairos, dem griechischen Gott des glücklichen Augenblicks.

SPIEGEL: Haben Sie sich nicht in der rheinischen Provinz gelangweilt?

Hahn: Ich hatte ja meine Bücher. Ich habe sie heute noch. Ich kann ohne Lesen nicht sein. Bücher sind für mich Nahrung.

SPIEGEL: Der Aufarbeitung der Nazi-Zeit geben Sie relativ wenig Raum.

Hahn: Das sehe ich nicht so. Der Auschwitzprozess zum Beispiel hat mich und meine Mitschüler und Hilla damals sehr aufgeregt. Darüber hatte ich in meinen ersten Fassungen für den »Aufbruch« noch ausführlicher geschrieben. Sie glauben nicht, wie viele Seiten ich auch beim Thema »Drittes Reich« wieder gekürzt habe.

SPIEGEL: Warum?

Hahn: Es ist die Form, die in der Kunstdarstellung den Stoff besiegen muss, sagt Schiller. Alles hat sein inneres Maß, ein Roman muss auf Proportionen achten. Außerdem: Ich bin nicht der Vormund meiner Leser. Es muss nicht sein, dass der Autor dem Leser wieder und wieder vorkaut, was er gemeint hat. Reflektieren soll der Leser selber. So problematisch das gerade beim Thema Auschwitz klingen mag: Selbst diese Erinnerung muss in der Kunst letztlich auch eine ästhetische Dimension bekommen.

SPIEGEL: In der katholischen Kirche fand Hilla auch keinen Halt mehr. Der magische Glaube, der Klein-Hilla im ersten Band umgab, zerbricht im zweiten.

Hahn: Sie haben recht. Als Hilla von dem Vergewaltigungserlebnis fast zerschmettert wird, ist Kirche im Bewusstsein des Mädchens abgestorben. Nirgends ein Gott zum Trösten. Eine Nonne will Hilla helfen, aber das Mädchen empfindet nur Misstrauen gegenüber deren Neugier. Und denken Sie auch an das Gespräch, das Hilla mit ihrem Pfarrer kurz vor dem Umzug nach Köln führt.

SPIEGEL: Der ahnt, dass Hilla etwas Schreckliches widerfahren ist, aber er kommt nicht an die Wahrheit heran.

Hahn: Weil er von Hilla ausgetrickst wird. Sie gibt als Grund für ihre Verstörung nicht ihre Vergewaltigung an, sondern ihr Leiden an Auschwitz, die allgemeine Geschichte soll die persönliche verdecken. Die Flucht in fremdes Leid, um vom eigenen abzulenken, ist ein bekanntes Muster.

SPIEGEL: Und hier auch Ausdruck der Entfremdung von der Kirche. Das Zweite Vatikanische Konzil mit seiner Liturgiereform schildern Sie als ein einschneidendes Erlebnis. Ohne Latein wird Gott für Sie sprachlos. Die Ersatzkirche, das Fernsehen, kommt dagegen in Ihren Schilderungen besser weg.

Hahn: Nicht für mich wird Gott sprachlos, sondern für meine Heldin Hilla. Ich habe mich mit diesem Konzil längst versöhnt. Was das Fernsehen angeht: ja. Für meine Eltern, besonders für meinen Vater, war das Fernsehen vor allem ein Bildungserlebnis. Tiersendungen, politische Magazine, historische Bildungsprogramme haben ihn interessiert. Meine Mutter zog sich besonders gut an, wenn Robert Lembke in seiner Sendung »Was bin ich?« auftrat. Letzten Endes war es egal, ob man zu Lembke oder ins Theater ging. Es war immer ein Stück Erlösung vom Alltag.

SPIEGEL: Hat sich Ihre gute Meinung von diesem Medium bei der Verfilmung Ihres Romans »Das verborgene Wort« durch Hermine Huntgeburth bestätigt?

Hahn: An den Film, der ja »Teufelsbraten« heißt, habe ich mich langsam rangetastet. Ich bat erst mal meinen Bruder, sich ihn auf Arte anzusehen. Die Antwort war: Kannst du dir angucken, wenn er im Ersten läuft. Als es dann so weit war, habe ich meinen Mann, Klaus von Dohnanyi, schauen lassen, und der hat nach 20 Minuten gesagt: Du kannst ruhig zusehen. So habe ich zwar den Großvater verpasst, fand das Ergebnis der Verfilmung aber wirklich gut.

SPIEGEL: »Lommer jonn«, hatte der Großvater zu Beginn der Hilla-Ulla-Saga gesagt, lasst uns gehen. Sie machen weiter. Es wird einen dritten Band geben.

Hahn: Ja. Ich habe schon einiges geschrieben. Ich beschere Hilla endlich eine Liebesgeschichte. Mit allem, was dazugehört.

SPIEGEL: Sie meinen, so richtig mit Sex?

Hahn: Klar! Erinnern Sie sich an den Kinsey-Report, die großen Sexualuntersuchungen aus damaliger Zeit? Lesen bildet, für Hilla, die Leseratte, gilt das ganz besonders. INTERVIEW: NIKOLAUS VON FESTENBERG

* Ulla Hahn: »Aufbruch«. Deutsche Verlags-Anstalt, München; 592 Seiten; 24,95 Euro.

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