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»Ich müßte sehr niedergeschlagen sein«

Am 21. Juni ist Sartre 70 geworden. In einem langen Gespräch mit Michel Contat, Mitarbeiter seiner Zeitschrift »Les Temps Modernes«, zieht er eine Bilanz seines Lebens, aus der der SPIEGEL Auszüge druckt: Satire über seine Gesundheit, sein Verhältnis zur Macht und zur Musik, seine Lebensgewohnheiten und Finanzen.
aus DER SPIEGEL 27/1975

FRAGE: Seit einem Jahr hört man mehr oder weniger wohlwollende Gerüchte über Ihren Gesundheitszustand. Sie wurden in diesem Monat 70. Nun, Sartre, wie geht es Ihnen?

SARTRE: Seit zwei Jahren leide ich unter einer Reihe von Gebrechen. Vor allem schmerzen mich die Beine, wenn ich mehr als einen Kilometer zu Fuß gehe. Ich hatte auch viel zu hohen Blutdruck, jetzt habe ich infolge einer Behandlung mit Medikamenten fast zu niedrigen Blutdruck. Schließlich und vor allem hatte ich Blutungen hinter meinem linken Auge, das einzige, mit dem ich sehen konnte, weil mein rechtes Auge seit meinem dritten Lebensjahr praktisch blind ist. Jetzt sehe ich nur noch vage Formen, ich sehe Licht, Farben, aber ich kann Gegenstände und Gesichter nicht mehr klar erkennen. Infolgedessen kann ich weder lesen noch schreiben. Genauer gesagt: Ich kann schreiben, das heißt, mit meiner Hand Wörter formen, und das mache ich augenblicklich in einer einigermaßen annehmbaren Form. aber ich sehe nicht, was ich schreibe. Lesen kann ich überhaupt nicht mehr: Ich sehe Zeilen, Abstände zwischen den Wörtern, aber ich kann die Wörter selbst nicht mehr unterscheiden.

Da mir die Fähigkeit zu lesen und zu schreiben genommen ist, habe ich keine Möglichkeit mehr, als Schriftsteller tätig zu sein: Meinen Beruf als Schriftsteller werde ich nie wieder ausüben können. Aber ich kann noch sprechen. Deshalb wird meine nächste Arbeit eine Sendereihe sein, in der ich versuchen will, über die 75 Jahre dieses Jahrhunderts zu sprechen.

Das ist meine augenblickliche Situation. Abgesehen davon geht es mir sehr gut. Ich schlafe ausgezeichnet. Mein Verstand ist wahrscheinlich noch genauso scharf -- nicht mehr, aber auch nicht weniger -- wie vor zehn Jahren. Mein Gedächtnis ist meistens gut. außer bei Namen, auf der Straße bewege ich mich ohne große Schwierigkeiten allein.

FRAGE. Nicht mehr schreiben zu können, das ist doch ein erheblicher Schlag. Sie sprechen darüber mit solcher Heiterkeit .

SARTRE. In gewissem Sinn nimmt mir das meinen ganzen Lebensinhalt: Ich war, ich bin nicht mehr, wenn Sie so wollen. Ich müßte sehr niedergeschlagen sein. Aber aus einem mir unbekannten Grund fühle ich mich recht

(c) Jean-Paul Sartre und Michel Contat

gut: Ich empfinde nie Trauer und auch keine Melancholie, wenn ich daran denke, was ich verloren habe. FRAGE: Kein Aufbegehren? SARTRE: Gegen wen, gegen was sollte ich aufbegehren? Sehen Sie darin keinen Stoizismus, obwohl ich -- wie Sie wissen -- immer Sympathie für die Stoiker empfunden habe. Nein, es ist nun einfach so, und ich kann nichts dafür: Ich habe keinen Grund traurig zu sein. Ich habe unangenehme Augenblicke erlebt, vor zwei Jahren war es viel schlimmer. Ich litt an leichten Wahnvorstellungen. Ich erinnere mich, daß ich in Avignon, wo ich mich mit Simone de Beauvoir aufhielt, spazieren ging und ein junges Mädchen suchte, das sich in meiner Vorstellung an einem bestimmten Platz auf einer Bank mit mir verabredet hatte. Natürlich gab es eine solche Verabredung gar nicht.

FRAGE: Fühlen Sie sich zu Untätigkeit verurteilt?

SARTRE: Ich gehe ein wenig spazieren, man liest mir Zeitungen vor, ich höre Radio, manchmal nehme ich verschwommen wahr, was auf dem Bildschirm vor sich geht, aber in Wirklichkeit ist das Müßiggang. Das einzige Ziel meines Lebens war das Schreiben. Ich schrieb über das, worüber ich zuvor nachgedacht hatte, aber der wichtigste Augenblick war der des Schreibens. Ich denke immer noch, aber da ich nicht mehr schreiben kann, ist die Denktätigkeit in gewisser Weise aufgehoben.

FRAGE: Könnten Sie nicht ein Tonbandgerät verwenden?

SARTRE: Ich glaube, daß zwischen dem gesprochenen und dem geschriebenen Wort ein sehr großer Unterschied besteht. Was man schreibt, liest man wieder. Man liest langsam oder schnell; mit anderen Worten, man selbst bestimmt die Zeit, die man auf einen Satz verwendet. Wenn ich aber ein Tonband benutze, ist die Zeit des Abhörens durch die Bandgeschwindigkeit festgelegt und nicht durch meine eigenen Bedürfnisse.

»Der Besuch bei Baader war ein Fehlschlag.

FRAGE Haben Sie es schon versucht?

SARTRE: Ich werde es versuchen, ich werde mich redlich bemühen, aber ich bin sicher, daß es mich nicht befriedigen wird. Meine Vergangenheit, meine Bildung und das Wesen meiner bisherigen Tätigkeit machen mich zu einem Mann des geschriebenen Wortes. Für eine Änderung ist es zu spät.

FRAGE: Sie haben sich eigentlich nie in der anarchistischen Bewegung wiedererkannt.

SARTRE: Nie. Im Gegenteil. Ich war weit davon entfernt. Aber ich habe niemals eine Macht über mir akzeptiert, und ich habe immer gedacht, die Anarchie müsse verwirklicht werden. das heißt eine Gesellschaft ohne Macht.

FRAGE: Sie wurden also letzten Endes der Denker einer neuen Anarchie. eines anarchistischen Sozialismus. Widersprechen Sie deshalb nicht gar so sehr der Behauptung, daß Sie der Marx des 21. Jahrhunderts sein werden?

SARTRE: Ach, wissen Sie, das sind so Prophezeiungen! Aber warum sollte ich widersprechen? Ich wünsche ja. daß man mich auch noch in hundert Jahren liest, obwohl ich da nicht so ganz sicher bin.

FRAGE: Erkennen Sie trotz allem an, daß Sie, obwohl Sie jedwede Macht ablehnen, selbst Macht ausgeübt haben?

SARTRE: Ich hatte eine falsche Macht: die des Professors. Die Macht eines Professors besteht zum Beispiel darin, ein Rauchverbot in der Klasse auszusprechen -- das habe ich nicht getan -- oder Schiller zu relegieren -- ich habe es immer mit dem Durchschnitt gehalten. Ich vermittelte Wissen. Nach meinem Dafürhalten ist das keine Macht.

FRAGE: Glauben Sie nicht, daß die Berühmtheit Ihnen Macht gegeben hat?

SARTRE: Das glaube ich nicht. Vielleicht bittet mich ein Polizist tatsächlich etwas höflicher um meine Papiere. Aber ich sehe eigentlich nicht. daß ich außer diesen Rücksichten Macht habe. Ich glaube nicht, daß ich eine andere Macht habe als die der Wahrheiten, die ich sage.

FRAGE. Es fällt Ihnen im Grunde schwer. Ihren eigenen Bekanntheitsgrad abzuschätzen.

SARTRE: Das kann ich nicht beurteilen. Im Augenblick weiß ich nicht mehr einmal so richtig, ob überhaupt noch zählt, was ich sage, oder ob die anderen literarischen und philosophischen Strömungen der geistigen Welt mich vertuscht oder völlig überdeckt haben.

FRAGE: Als Sie Baader in seinem Gefängnis in Deutschland aufsuchen wollten, gab man Ihnen die Genehmigung. Warum? Weil Sie berühmt sind Ein Teil der deutschen Presse hat Sie beschimpft. Warum? Weil sie Ihr Zeugnis fürchtete.

SARTRE: Ich glaube, daß dieser Besuch bei Baader ein Fehlschlag war. Die öffentliche Meinung in Deutschland ist nicht geändert worden. Das hätte sie vielleicht sogar noch mehr gegen die Sache aufgebracht, die ich zu unterstützen gedachte. Ich habe nicht die Baader zum Vorwurf gemachten Taten beurteilt, sondern nur die Haftbedingungen. Die Journalisten behaupteten aber, ich unterstützte die politische Aktion Baaders. Ich glaube daher, das war ein Fehlschlag, was mich nicht daran hindert, dasselbe wieder zu tun, wenn es wieder zu tun wäre.

FRAGE: Ob Sie wollen oder nicht, Sie sind nun einmal nicht irgend jemand. Sie haben es sich sogar gewünscht, berühmt zu werden.

SARTRE. Ich weiß nicht, ob ich es noch wünsche. Ich wünschte es vor dem Kriege von 1939, ich habe es auch danach gewünscht in den paar Jahren. als man mich verwöhnte, wie Sie wissen. Aber jetzt ...

»Man wird berühmt, wenn man es will.«

FRAGE: Wenn Sie sich gewünscht haben, berühmt zu werden, so in gewisser Weise, um zu existieren. Einer meiner Freunde sagte neulich: »Das neue Cogito heißt: Man spricht über mich in der Zeitung, also bin ich.«

SARTRE: Jemand, der berühmt werden will, will das ja eigentlich gar nicht. Er will alles. Er will im Gedächtnis der Menschen bleiben. unabhängig von den Zeitungsblättchen, die dauernd über ihn schreiben. Ich habe niemals gedacht, daß Zeitungen oder was sonst über mich geschrieben wurde, mich unsterblich machen oder mich befriedigen könnten. Diese Rolle fällt meinem Werk zu. Bevor ich überhaupt die erste Zeile geschrieben hatte, mußte es mich unsterblich machen, denn es war mein Ich. Und nur ich konnte mich mit mir selbst beschäftigen. Die anderen können daraus unterschiedlichen Nutzen ziehen. Aber um festzustellen, wer ich wirklich bin, bedürfte es eines perfekten Psychoanalytikers, den es nicht gibt.

FRAGE. Sie selbst haben in Ihrem Buch »Die Wörter« erklärt, Ihr Wunsch nach Ruhm sei eine Folge der Todesfurcht und auch des Gefühls Ihrer Zufälligkeit, der nicht zu rechtfertigenden Grundlosigkeit Ihrer Existenz.

SARTRE: Genau. Und wenn man dieses Gefühl einmal hat, so ändert das nichts: Man ist immer noch genauso ungerechtfertigt. Ich glaube, daß man berühmt wird, wenn man es will, nicht durch angeborene Anlagen. Aber welchen Schluß ziehen Sie aus all dem?

FRAGE: Ich glaube, daß es Ihnen schwerfällt zu begreifen, was Sie für andere bedeuten. Ich glaube, Claude Roy sagte: »Sartre weiß nicht, daß er Sartre ist.«

SARTRE: Ich weiß es überhaupt nicht. Aber ich glaube, daß Sie es auch nicht wissen.

FRAGE: Ich weiß, was Sie für mich sind.

SARTRE: Ja. eben: Sie gehören zu den Vertrauten, die mich nicht als Prominenten betrachten. Aber die Leu-

* Oben: Beim Verkauf ihrer Zeitschrift »La cause du peuple«; unten: Vor dem Untersuchungsgefängnis Stammheim.

te, die mich nicht kennen, wie soll ich wissen, was ich für sie bin? FRAGE: Wie leben Sie heute? SARTRE: Mein Leben ist sehr einfach geworden, da ich nicht mehr so viel unterwegs sein kann. Ich stehe morgens um halb neun auf. Oft schlafe ich bei Simone de Beauvoir. Ich kehre in meine Wohnung zurück, nachdem ich unterwegs in einem Café gefrühstückt habe, oft in dem Cafe »La Liberté«, das ich am meisten liebe, denn »La Liberté«, die Freiheit, ist wirklich das Wort, das zu mir paßt. Das Café liegt an der Ecke der Rue de la Gaîté und des Boulevard Edgar-Quinet, zweihundert Meter von meiner Wohnung entfernt.

Am Montparnasse fühle ich mich zu Hause. Fast alle, die mir nahestehen. wohnen am Montparnasse, ich kenne auch die Leute der Gegend ein wenig, die Cafékellner, die Zeitungsverkäuferin, einige Kaufleute.

FRAGE: Liegt Ihnen am Leben im Café?

SARTRE: Ja, das ist mein Leben, ich habe immer so gelebt. Es ist nicht eigentlich ein Leben im Café: Ich esse spät zu Mittag, gegen zwei Uhr. Ich bleibe dann bis vier Uhr im Café. Von Zeit zu Zeit, allerdings selten, gehe ich mit Simone de Beauvoir abends in ein Restaurant essen. Es kommt vor, daß sie eines entdeckt, das ich ausprobieren soll; ich selbst würde eine solche Neugier nicht entwickeln.

FRAGE: Worauf beruht diese Regelmäßigkeit Ihrer Gewohnheiten? Jede Woche ist wie die vorhergegangene, jede Person, die Sie sehen, hat ihren bestimmten Tag, ihre Stunde, immer die gleichen ...

SARTRE: ich glaube, man braucht regelmäßige Gewohnheiten, um produktiv zu schreiben. Ich habe nicht drei Romane in meinem Leben geschrieben. ich habe viele, viele Seiten geschrieben. Marl kann kein umfangreiches Werk ohne Arbeitsdisziplin schreiben.

Die Gewohnheiten, von denen Sie sprechen, stammen aus der Zeit, als ich mein Leben in Abhängigkeit von meinen Arbeitsstunden gestaltete: Von halb zehn oder zehn Uhr bis halb zwei und dann von fünf oder sechs Uhr bis neun Uhr. So habe ich mein ganzes Leben lang gearbeitet. Jetzt sind es ein wenig leere Stunden. Ich erhalte das jedoch aufrecht, ich habe denselben Zeitplan. Ich kehre heute zum Beispiel gegen halb elf, elf Uhr in meine Wohnung zurück. Meine Freunde, die mit Simone de Beauvoir und mir die Sendungen machen, und ich arbeiten jeden Vormittag bis halb zwei, zwei Uhr. Dann gehe ich in eine der Gaststätten des Viertels Mittag essen und kehre gegen halb fünf in meine Wohnung zurück.

»Ich hätte es vorgezogen. das Gehör zu verlieren.«

Ich allgemeinen ist dann Simone de Beauvoir da, wir unterhalten uns einen Augenblick, dann liest sie mir entweder etwas aus den Werken vor, die wir für die Sendungen brauchen, oder aus einem Buch, oder auch aus Zeitungen. »Le Monde« oder »Liberation«. Das geht so bis ungefähr halb neun, neun Uhr. Dann gehen wir meistens gemeinsam in ihr Appartement in der Nähe des Friedhofes Montparnasse. Ich verbringe den Abend mit ihr. Wir hören fast immer Musik. Ich gehe immer ungefähr zur gleichen Zeit zu Bett. gegen halb eins.

FRAGE. Die Musik nimmt in ihrem Leben einen wichtigen Platz ein. Nur wenige wissen das ...

SARTRE: Die Musik hat mir sehr viel bedeutet, sowohl als Ablenkung wie als ein wesentlicher Bestandteil der Kultur.

FRAGE: Welches sind Ihre Lieblingskomponisten?

SARTRE: Ich würde sagen Beethoven, der für mich der größte Musiker ist, Chopin, Schumann und in der modernen Musik die drei berühmtesten atonalen. das heißt Schönberg, Berg und Webern, die ich alle drei sehr gern mag. Ein Musiker, den ich auch sehr gern mag, ist Bartók. Ich habe ihn 1945 in Amerika entdeckt, als ich in New York war. Vorher kannte ich ihn überhaupt nicht. Dann liebe ich auch Boulez sehr; er ist kein Genie, aber ein großes Talent. Wie Sie sehen, ist mein Geschmack ekklektisch.

Die Musik hat gut vier Stunden meines Tages eingenommen. bevor meine körperlichen Gebrechen sich bemerkbar machten. Wenn ich die Wahl gehabt hätte, das Gehör oder das Augenlicht zu verlieren. hätte ich es vorgezogen, das Gehör zu verlieren, aber das hätte mir sehr zu schaffen gemacht. vor allem wegen der Musik.

FRAGE: Gibt es keinen Komponisten, den Sie nicht gern mögen?

SARTRE: Eigentlich nicht. Schubert, wenn Sie wollen, vor allem die Lieder. Es gibt überhaupt keinen Vergleich zum Beispiel mit den Liedern Schumanns. Die von Schubert sind grob und von niederer Melodik. Nehmen Sie die Melodie eines Liedes von Schumann, und vergleichen Sie!

FRAGE: Eins hat mich zunächst erstaunt, als ich Sie kennenlernte: daß Sie oft große Bündel Geldscheine bei sich hatten. Warum?

SARTRE: Das stimmt, ich hatte oft über 10 000 Neue Franc in der Tasche. Man hat mir mehrmals vorgeworfen, ich hätte zuviel Geld bei mir. Simone de Beauvoir zum Beispiel fand das lächerlich, und es ist wirklich verrückt. Aber, um ehrlich zu sein, das mache ich jetzt nicht mehr, nicht weil ich es verlieren oder weil man mich berauben könnte. sondern wegen meiner Augen: Ich verwechsle die Scheine, und das kann zu peinlichen Situationen führen. Trotzdem habe ich gern mein Geld bei mir, und es ist mir unangenehm, daß ich es nicht mehr bei mir haben kann. Es ist übrigens das erste Mal, daß mich jemand nach dem Grund fragt.

Ich weiß, daß man wie ein Nabob wirkt, wenn man ein großes Bündel Scheine hervorholt. Und dennoch bin ich kein Nabob. Nein, ich glaube, wenn ich gern viel Geld bei mir habe, entspricht das in gewisser Weise der Art, wie ich meine Alltagskleidung trage. fast immer die gleiche, meine Brille bei mir habe, mein Feuerzeug und meine Zigaretten.

Dahinter steht die Vorstellung, möglichst viele Dinge bei mir zu haben, die für mich mein ganzes Leben bestimmen, alles was in diesem Augenblick mein tägliches Leben darstellt. Die Vorstellung also, in dem jeweiligen Augenblick ganz der zu sein, der ich bin, und von niemandem abhängig zu sein, um nichts bitten zu müssen, alle meine Möglichkeiten zu meiner unmittelbaren Verfügung zu haben. Das stellt eine Art dar, mich den Leuten überlegen zu fühlen -- was offensichtlich falsch ist, und ich weiß das genau.

FRAGE: Sie geben oft exzessive Trinkgelder.

SARTRE: Immer.

FRAGE: Das kann für die Empfänger lästig sein.

SARTRE: Da übertreiben Sie. FRAGE: Ich will Sie nicht belehren, daß Gegenseitigkeit erforderlich ist, damit die Großzügigkeit nicht etwas Demütigendes an sich hat.

SARTRE: Gegenseitigkeit ist nicht möglich, aber Freundlichkeit ist es. Die Cafékellner schätzen es, daß ich ihnen viel Trinkgeld gebe, und sie zahlen es mir durch Freundlichkeit zurück.

FRAGE: Sie haben enorm viel Geld verdient

SARTRE: Ja, ich habe Geld verdient.

FRAGE: Würde man ausrechnen, was Sie verdient haben, käme man auf eine enorme Summe. Was haben Sie damit gemacht?

SARTRE. Es würde mir schwerfallen, das zu sagen. Ich habe es anderen Leuten gegeben, und ich habe für mich viel ausgegeben. Viel, das heißt für Bücher, Reisen -- ich gebe sehr viel für Reisen aus. Noch heute bin ich nicht so recht zufrieden, wenn nicht viel auf meinem Konto ist, was im Augenblick der Fall ist. Und es gab schon Zeiten, wo ich keinen Pfennig mehr hatte.

FRAGE: Wofür also geben Sie Ihr Geld aus?

SARTRE. Für mich, abgesehen von den Reisen, brauche ich schließlich recht wenig: einmal täglich das Restaurant, 100 Franc pro Tag einschließlich Zigaretten, sehr selten Kleidung. die Bücher. die ich erhalte, die Aufwartefrau, eine relativ teure Wohnung, 2000 Franc Miete monatlich. »Im vorigen Jahr

150 000 Franc Steuern.

FRAGE: Wieviel geben Sie im Monat aus?

SARTRE: Wenn ich alles rechne? Es gibt Leute, die finanziell von mir abhängig sind, insgesamt sind das monatlich 15 000 Franc an festen Kosten, hinzu kommt, was ich für mich ausgebe, ungefähr 3000 Franc. Das macht also insgesamt ungefähr 18 000 Franc monatlich. 7250 Franc zahlt mir Gallimard monatlich für meine Bücher; hinzu kommen im allgemeinen noch 10 000 Franc.

FRAGE: Woher kommen diese 10 000 Franc?

SARTRE. Von der Société des Auteurs für meine Werke, die in Frankreich aufgeführt oder im Rundfunk oder Fernsehen gesendet werden, und von Gisèle Halimi, meiner Literaturagentin für das Ausland. Im vergangenen Jahr, glaube ich, mußte ich 150 000 Franc Steuern zahlen. Außerdem habe ich eine Pension für Freiberufler, die ungefähr 8000 Franc im halben Jahr bringt.

Am größten sind die Einnahmen, die ich über Gisèle Halimi beziehe: Sie bekomme ich zweimal im Jahr, im allgemeinen sind es einige 10 000 Franc. Aber augenblicklich gibt es nichts mehr, und erstmals frage ich mich, wie ich mich durchschlagen werde.

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