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SPIEGEL-GESPRÄCH »Ich musste mich neu erfinden«

Der Rockmusiker Marius Müller-Westernhagen über den Überdruss am gewohnten Pop-Trott, sein neues Album »In den Wahnsinn« und das gespannte Verhältnis zu seinem Rivalen Herbert Grönemeyer
aus DER SPIEGEL 44/2002

SPIEGEL: Herr Westernhagen, der Rolling Stone Mick Jagger wird in England demnächst zum Ritter geschlagen, Ihnen hat der Kanzler im vergangenen Jahr das Bundesverdienstkreuz angehängt. Ist die Entgegennahme solcher Ehren nicht der Offenbarungseid einer Rock''n''Roller-Karriere, wie Keith Richards im Fall Jagger höhnte?

Westernhagen: Das sagen immer die, denen diese Ehren nicht zuteil werden. Aber Sie haben schon Recht: Wenn mir jemand vor 20 Jahren gesagt hätte, dass ich irgendwann das Bundesverdienstkreuz verliehen bekomme, hätte ich wohl geschworen, dass ich ablehne. Ich muss nur leider zugeben: Das Ereignis war sehr bewegend.

SPIEGEL: Trotzdem scheinen Sie sich in der Rolle des braven Ehrenmanns nicht wohl zu fühlen: Wie kommt es sonst, dass Sie auf Ihrem neuen, nächste Woche erscheinenden Album »In den Wahnsinn« Textzeilen wie »Meine Morgenlatte bettelt um Gnade« oder »Ich lieg in meiner Kotze« vor bisweilen orgiastischer Lärmkulisse vortragen? Sehnsucht nach einem Skandal?

Westernhagen: Ich gebe zu: Ich begann mich zu langweilen. Glauben Sie nicht, dass ich undankbar bin, aber ich hatte genug von dem immer wiederkehrenden Zyklus: Song schreiben, Platte aufnehmen, Marketing-Kampagne, Stadiontour. Es war nicht mehr der richtige Kick da, keine Leidenschaft, keine Leidensbereitschaft. Man erledigt alles mit großer Professionalität, man erreicht auch eine gewisse Qualität, aber man bemerkt an sich selber und an den Musikern: Irgendwas fehlt.

SPIEGEL: In den wilderen, für einige Fans sicher irritierenden Songs wie »Lichterloh« und »Why Don''t You Say Your Name«, die sich neben klassischen Westernhagen-Rocknummern auf dem Album finden, kreischen und wimmern Sie mitunter wie ein Psychowrack. Haben Sie vielleicht die falschen Drogen genommen?

Westernhagen: Für mich ist das ganze Album wie ein einziger Film, ein Trip. Deswegen fällt es mir schwer, einzelne Szenen, also Songs herauszupicken. Aber in »Lichterloh« und »Why Don''t You Say Your Name« drücke ich extreme Emotionen aus. Vielleicht fühlen sich manche Leute durch die Intensität dieser Songs unangenehm berührt oder angegriffen. Ich fände das sogar wünschenswert, weil es zu den Aufgaben eines Künstlers gehört, nicht nur zu unterhalten, sondern auch zu irritieren. Jedenfalls sind die Songs ganz ohne Drogen entstanden, da kann ich Sie beruhigen - wenn man von jeder Menge Espressi und abends mal einem Glas Rotwein absieht. Obwohl eine gewisse Erfahrung nicht schaden kann.

SPIEGEL: Heißt das, man sollte Drogenerfahrung haben, um die Platte anzuhören?

Westernhagen: Nein, das wäre armselig. Gute Musik macht high, allein durch ihre Kraft und Emotionalität. Die erste Platte, die das bei mir bewirkt hat, war »Monster Movie« von der Kölner Kultband Can.

SPIEGEL: Und Sie wollen uns erzählen, dass Sie diese Platte damals in den Siebzigern so ganz ohne Drogen angehört haben?

Westernhagen: Ich werde hier nicht auspacken, was für Drogen ich in meinem Leben schon genommen habe. Ich bin in den sechziger Jahren groß geworden, da kann man sich zusammenreimen, dass ich nicht ohne Erfahrung bin.

SPIEGEL: Zurück zu Ihrem Gefühl, zu lange Routine abgeliefert zu haben: Sie haben es damit zum erfolgreichsten deutschen Popmusiker der neunziger Jahre gebracht. Wo liegt das Problem?

Westernhagen: Es gab ein paar Erlebnisse, die mich ins Grübeln brachten. Ich hatte zum Beispiel das Angebot, für eine große Autofirma ein Konzert zu geben - und als ich das Konzept las, stand da geschrieben: »Westernhagen ist ideal, weil er nicht polarisiert.« Da habe ich mir gedacht: Bist du so leicht konsumierbar geworden? Ähnlich ging es mir, als eine alte Dame mich auf der Straße ansprach und sagte: »Sie machen ja so eine schöne Musik.« Nicht dass ich was dagegen hätte, dass alte Damen meine Musik mögen, aber ich fühlte mich doch in meiner Ehre als Rock''n''Roller verletzt.

SPIEGEL: Sind solche Anfechtungen auch der Grund, warum Sie sich vor drei Jahren entschlossen haben, Ihren Abschied von riesigen Stadion-Konzerten zu erklären - mit einem Auftritt in Hamburg, zu dem rund 80 000 Menschen kamen?

Westernhagen: Ich musste eine Zäsur machen. Deshalb heißt meine letzte Best-of-Platte »So weit«. Ich hatte das Gefühl, nur durch einen radikalen Schnitt noch einmal weiterzukommen.

SPIEGEL: Was heißt das?

Westernhagen: Ich wollte durch eine Tür durch - und glücklicherweise traf ich in dieser Phase den Musiker und Produzenten Kevin Bents, der die andere Hälfte des zerbrochenen Schlüssels für diese Tür hatte.

SPIEGEL: Sehr poetisch - ein echter Rock''n'' Roller könnte die Tür aber auch einfach zertrümmern. Warum mochten Sie nicht mehr im Stadion auftreten?

Westernhagen: Ich fand, meine Popularität hatte nach der letzten Tour ungesunde Höhen erreicht.

SPIEGEL: Ungesund für Sie oder für Ihre Fans?

Westernhagen: Für mich. Ich fühlte mich unfrei.

SPIEGEL: Für jemanden, der die Popularität scheut, haben Sie den falschen Beruf.

Westernhagen: Absolut. Was ich bräuchte, wäre ein Doppelgänger, der für mich diesen ganzen Öffentlichkeitskram erledigt. Wie zum Beispiel dieses Gespräch.

SPIEGEL: Wie haben Sie es dann überhaupt so lange ausgehalten, Konzerte in Stadien zu absolvieren?

Westernhagen: Ich habe das sehr genossen, so ist es nicht. Ich fand den Energieaustausch mit dem Publikum überwältigend, das versetzt einen in eine Art Twilight Zone. Ich habe diese Auftritte vor so vielen Menschen nie als real empfinden können. Es ist übrigens unglaublich schwer, Stadion-Konzerten einen künstlerischen Wert zu geben. Es läuft meistens auf gigantische wagnerianische Opern hinaus, die man sehr intelligent inszenieren muss, um Qualität zu erreichen. Die Gefahr, in die Geschmacklosigkeit abzugleiten, ist bei diesen Events sehr groß.

SPIEGEL: Dieser Kitsch verzückt erstaunlich viele Menschen. Verhöhnen Sie jetzt im Nachhinein nicht jene Fans, die teure Tickets für Ihre Stadion-Spektakel bezahlt haben?

Westernhagen: Natürlich nicht. Ich habe immer versucht, diesen Stadion-Konzerten einen poetischen Anstrich zu geben. Und ich glaube, das ist mir auch ganz gut gelungen. Wir haben es zum Beispiel geschafft, dass bei manchen Songs totale Stille im Stadion herrschte, eine aufrichtige Ergriffenheit, sehr ungewöhnlich bei solchen Massenveranstaltungen. Trotzdem habe ich gespürt, dass ich mich in dieser Form nicht weiterentwickeln kann.

SPIEGEL: Sie haben daran gedacht, Ihren Musikerberuf ganz an den Nagel zu hängen?

Westernhagen: Nein. Ich wollte nur eine Auszeit nehmen, um auf andere Gedanken und neue Ideen zu kommen. Ich war einfach leer. Ich musste mich neu erfinden. Also sagte ich mir: Jetzt mietest du mal für ein paar Monate eine Wohnung in Florenz, da kennt dich kein Mensch. Das hat funktioniert. Sting hat einmal - wie ich finde, sehr klug - gesagt: dass er sich auf dem Höhepunkt des Erfolgs von Police auf der einen Seite nichts sehnsüchtiger wünschte, als dass es endlich vorbei sein würde; dass er aber auf der anderen Seite unfassbare Angst davor hatte, dass es vorbeigeht. Ich kenne dieses Gefühl sehr gut.

SPIEGEL: Diese Angst hindert Sie offenbar nicht daran, auf dem neuen Album ein wenig Ihren inneren Schweinehund herauszulassen. Würde es Sie sehr erschüttern, wenn Sie die Verkaufsrekorde der vergangenen Jahre nicht übertrumpfen?

Westernhagen: Ich habe mir nie etwas eingebildet auf Charts-Platzierungen oder Verkaufszahlen, weil das nur sehr wenig, wahrscheinlich sogar gar nichts mit der künstlerischen Qualität eines Produkts zu tun hat. Sonst wären die Top Ten ja grundsätzlich mit musikalischen Genies besetzt. Trotzdem würde es wahrscheinlich mein Ego verletzen, wenn mein Publikum mir nicht »In den Wahnsinn« folgen würde.

SPIEGEL: Sie reden so gern über Ängste und Verletzungen, dass man glauben könnte, Sie seien stolz darauf, ein Neurotiker zu sein.

Westernhagen: Meine Frau Romney nennt mich scherzhaft Margot Tenenbaum. Nach der Rolle, die Gwyneth Paltrow im Film »The Royal Tenenbaums« spielt.

SPIEGEL: Schwer gestörte Person. Was ist gestört an Ihnen?

Westernhagen: Ich bin einfach antisozial. Ich mag keine Partys. Ich hasse Small Talk. Und es fällt mir schwer, mich in einem Business zurechtzufinden, in dem die Verpackung oft mehr zählt als der Inhalt.

SPIEGEL: Den meisten Ihrer Fans gelten Sie trotzdem als netter Kumpeltyp. Wie kam es zu diesem Missverständnis?

Westernhagen: Durch meine Filmrollen hatte sich lange Zeit ein falsches Bild von mir aufgebaut. Wenn man eine Rolle wie in »Theo gegen den Rest der Welt« spielt und damit sehr erfolgreich ist, wird man schnell mit dieser Figur identifiziert. Ich bin sicherlich kein Kumpeltyp - eher ein Einzelgänger, der gern seine Ruhe hat.

SPIEGEL: Angenommen, Sie werden im Parkhaus erkannt und müssen sich mit drei Jungs ablichten lassen, die Ihnen ausgiebig auf die Schulter klopfen. Ist das eine Qual?

Westernhagen: Überhaupt kein Problem. Diesen Menschen verdanke ich sowohl meinen Lebensstandard als auch die Freiheit, Nein sagen zu können zu den Gesetzen des Marktes. Für mich ist es nach wie vor ein Wunder, dass jemand in den Plattenladen geht und eine meiner CDs kauft.

SPIEGEL: Übertreiben Sie jetzt nicht Ihre Unsicherheit? Stimmt das Gerücht, dass Sie seit dem 11. September 2001 nicht mehr geflogen sind?

Westernhagen: Ja, zu meiner Schande, das stimmt. Bis vor drei Wochen. Und ich weiß, das ist vollkommen blödsinnig. Ich dachte, dass mir das hilft, mein Trauma wieder in den Griff zu kriegen.

SPIEGEL: Wie stark war das Trauma?

Westernhagen: Schlimm. Meine Frau ist gebürtige New Yorkerin und in Brooklyn mit Blick auf die Twin Towers groß geworden. Ihre Mutter lebt noch immer dort und musste die gesamte Tragödie vom Balkon aus mit ansehen. Wir waren, als es passierte, in Hamburg im Auto unterwegs. Als wir vom Einschlag des ersten Flugzeugs ins World Trade Center erfuhren, habe ich angeblich sofort gesagt: »Das war Osama Bin Laden.« Ich selber kann mich nicht daran erinnern. Als wir auf dem Weg nach Hause waren, ist dann das zweite Flugzeug reingeflogen. Den Rest des Tages haben wir CNN angestarrt und verzweifelt versucht, Romneys Mutter zu erreichen.

SPIEGEL: Haben sich die Ereignisse auf Ihr neues Album ausgewirkt?

Westernhagen: Direkt befasst sich nur das Stück »Rosen« damit, allerdings ohne das Ereignis beim Namen zu nennen. Aber natürlich ist der Verlust der Illusion, dass irgendetwas in diesem Leben sicher ist, in einigen Songs zu spüren.

SPIEGEL: Von Bruce Springsteen heißt es, den Impuls für seine jüngste Platte habe ein Fan geliefert, der ihn auf der Straße ansprach und sagte, dass er gebraucht werde. Können Musiker helfen, den Schock zu verarbeiten?

Westernhagen: Für mich klingt das seltsam und gefährlich. Natürlich bewegt es mich, wenn bei unserer letzten Tour in vielen Konzerten Menschen Schilder hochhielten mit Aufschriften wie »Lass uns nicht allein«- aber es zeigt auch eine Überschätzung des Mannes, der da auf der Bühne steht. Ich bin verantwortlich für die Songs, die ich schreibe und singe. Aber in der Rolle des Heilsbringers wäre ich eine Fehlbesetzung.

SPIEGEL: Ist es so leicht, zwischen Bühnen- und Privatperson zu trennen?

Westernhagen: Für mich schon. Ich stamme aus einer Schauspielerfamilie. Das heißt, ich gehe von der Bühne runter, ziehe mich um und weiß: Ich bin wieder auf die richtige Größe zusammengeschrumpft.

SPIEGEL: Stimmt es, dass Ihnen jede unnötige Kommunikation ein Gräuel ist, wenn Sie nicht auf der Bühne stehen?

Westernhagen: Quatsch. Ich telefoniere zum Beispiel wahnsinnig gern - ausgiebig, manchmal stundenlang. Fast wie ein Weib.

SPIEGEL: Stört es Sie, wenn Sie solche weiblichen Züge an sich entdecken?

Westernhagen: Deren war ich mir schon immer voll bewusst. Ich glaube, ich hatte immer gute Beziehungen zu Frauen, weil ich mit Frauen groß geworden bin. Mein Vater starb, als ich 14 war, und ich bin mit meiner Mutter und meiner Schwester aufgewachsen.

SPIEGEL: Wie verträgt sich das feminine Empfinden mit dem Rocker-Image?

Westernhagen: Ich bin, zumindest in dieser Hinsicht, nicht verklemmt und zum Beispiel nicht homophob. Ich kann, obwohl ich nicht schwul bin, ohne Probleme einen Mann umarmen, was ja vielen erstaunlich schwer fällt. Ich dekoriere auch gern im Haus, das macht mir Spaß. Ich liebe es zu shoppen und blättere auch in Modemagazinen. Ich gehe sogar los und kaufe meiner Frau Klamotten.

SPIEGEL: Und ziehen das Zeug am Ende dann manchmal selber an?

Westernhagen: Das nicht. Aber als ich mit 14 anfing, in einer Band zu spielen, habe ich meine Sachen oft in der Frauenabteilung gekauft. Die Männersachen waren immer so langweilig.

SPIEGEL: Was trugen Sie damals so?

Westernhagen: Alles, was provozierte, Halstücher und lila Samthosen. Zur damaligen Zeit war man als Mitglied einer Band ein Outlaw.

SPIEGEL: Haben Sie dafür Prügel bekommen, dass Sie so aufgedonnert rumliefen?

Westernhagen: Halb so schlimm. Man hat mich zwar öfter mal als Tunte beschimpft und mir Schläge angedroht. Aber dabei blieb es dann auch.

SPIEGEL: Spätestens mit dem von Kritik und Publikum bejubelten Film »Theo gegen den Rest der Welt« von 1980 haben Sie Ihr Image gründlich in Richtung heterosexueller Macho korrigiert. Was hält Sie davon ab, mal wieder in einem interessanten Film mitzuspielen - Versagensangst?

Westernhagen: Ja, die sicher auch. Aber in der Hauptsache hält mich ab, dass ich nicht das machen kann, was ich will.

SPIEGEL: Zum Beispiel?

Westernhagen: Ich habe versucht, den Roman »Leviathan« von Julien Green auf die Leinwand zu bringen ...

SPIEGEL: ... ein zwar berühmtes, aber ziemlich finsteres Psychodrama um einen Verbrecher aus Leidenschaft in der französischen Provinz.

Westernhagen: Genau. Aber es gab immer wieder die gleiche Antwort: »Uuuuhh, schwieriges Thema, schwieriger Film, schwierige Finanzierung.«

SPIEGEL: Sie haben mal gesagt, Sie hätten in der Schauspielerei nie das erreicht, was Sie sich erträumt hatten. Wollen Sie es trotzdem dabei bewenden lassen?

Westernhagen: Ich habe nicht damit abgeschlossen, aber ich renne dem nicht hinterher. Ich lese viele Drehbücher. Ansonsten bringe ich meine Platten raus, mache meine Arbeit - und dann gehe ich wieder zurück auf meinen Stern. Nur so kann ich in diesem Job ich selbst bleiben. Die Leute, die ständig in der Yellow Press stehen, sind selber schuld. Ich finde das total ekelhaft.

SPIEGEL: Immerhin haben auch Sie durch Ihr angebliches Zerwürfnis mit Herbert Grönemeyer gerade für schöne Schlagzeilen gesorgt. Das Männermagazin »GQ« hat Grönemeyer noch vor wenigen Jahren auf Platz eins Ihrer besten Freunde aufgelistet. Gilt das noch?

Westernhagen: (lacht) Das zeigt, wie gründlich Journalisten sich schon immer in meinem Leben ausgekannt haben. Ich habe Herbert Grönemeyer in meinem Leben insgesamt vielleicht eine halbe Stunde gesprochen.

SPIEGEL: Wann zuletzt?

Westernhagen: Bei den MTV Europe Music Awards ...

SPIEGEL: ... deren Verleihung vergangenen November in Frankfurt am Main stattfand ...

Westernhagen: ... hinter der Bühne. Ich muss zugeben, dass ich harmoniebedürftig bin. Ich ging also auf ihn zu, sagte »Herbert, schön dich zu sehen«, und versuchte, ihn zu umarmen. Ich wurde aber mehr oder weniger weggestoßen.

SPIEGEL: Können Sie sich das erklären?

Westernhagen: Nein. Ich habe noch nie in meinem Leben in der Öffentlichkeit etwas Negatives über Herbert Grönemeyer gesagt. Ganz im Gegenteil: ein sehr begabter Mensch.

SPIEGEL: Grönemeyer hat es im »Stern« als »unheimlich brutalen Tritt« gewertet, dass Sie sich für die Marketing-Hilfe, die er Ihnen in schlechten Zeiten gewährt habe, undankbar gezeigt hätten.

Westernhagen: Da ist nichts dran. Diese Hilfe hat es nie gegeben. Ich kenne diese Geschichte schon seit Jahren. Ich weiß auch nicht, warum Herbert so ein Zeug erzählt. Das hat er doch gar nicht nötig. Er ist doch eigentlich ein lieber Kerl.

SPIEGEL: Gehört Rivalität nicht zum großen Rock''n''Roll-Spiel? Es gab Beatles gegen Stones und Oasis gegen Blur - und eben Herbert gegen Marius: Nach langer Funkstille veröffentlichen Sie beide nun neue Alben.

Westernhagen: Wirkt wie eine Marketing-Absprache, ist es aber nicht. Überhaupt gehören zu meinen allerengsten Freunden keine Musiker.

SPIEGEL: Dafür angeblich der Kanzler. Trauen Sie ihm zu, dass er im zweiten Anlauf die Dinge besser in den Griff bekommt?

Westernhagen: Ich würde es mir wünschen. Er hat jetzt vier Jahre Zeit, mehr Politik zu machen und weniger Politik zu verwalten. Das bedeutet für mich auch, dass er den Mut aufbringt, um wirklich unpopuläre Maßnahmen zu ergreifen.

SPIEGEL: Was schwebt Ihnen da vor? Eine Steuer auf Pop-CDs, um den Krieg gegen den Terror zu finanzieren?

Westernhagen: Das gerade nicht. Es geht eher darum, einige sozialdemokratische heilige Kühe zu schlachten.

SPIEGEL: Sagen Sie Ihrem Freund Schröder ganz direkt die Meinung, wenn Sie ihn treffen?

Westernhagen: Ja sicher. Nicht weil ich mit ihm befreundet bin, sondern weil er der Bundeskanzler ist, den auch ich gewählt habe. Also muss ich ihn auch angehen können, wenn ich politisch anderer Meinung bin als er. Wenn ich die Gelegenheit habe, mich einzumischen, tue ich das auch. Ich rufe - das ist ein ganz anderes Feld - zum Beispiel auch schon mal Matthias Sammer, den Trainer von Borussia Dortmund, an und sage ihm, was mir nicht gefallen hat, wenn die Mannschaft schlecht gespielt hat.

SPIEGEL: Wo rufen Sie an, zu Hause bei Sammer? Oder gleich direkt in der Kabine?

Westernhagen: Nicht direkt nach dem Spiel. Aber manchmal im Bus. Wahrscheinlich denken dann alle: Um Gottes Willen, jetzt ruft Marius, die Nervensäge, wieder an.

SPIEGEL: Ganz bestimmt.

Westernhagen: Wahrscheinlich. Aber wenn ich glaube, dass ich irgendetwas bewegen kann, dann ist mir das völlig egal.

SPIEGEL: Und was raten Sie den Spielern dann? Jungs, reißt euch zusammen? Geht mehr über die Flügel? Mauert euch ein?

Westernhagen: Also etwas präziser ist meine Analyse schon. Aber Fußball ist ja nun auch wirklich kein so wahnsinnig kompliziertes Spiel.

SPIEGEL: Herr Westernhagen, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Marius Müller-Westernhagen

will mit seiner neuen CD »In den Wahnsinn« an große Zeiten anknüpfen: So gibt er, entschlossen und überzeugend wie lange nicht, den wilden Rock''n''Roller und erinnert damit an das Album »Mit Pfefferminz bin ich dein Prinz«, das ihm 1978 den Durchbruch als Musiker bescherte. Zugleich hat Westernhagen, 53, der zunächst als Schauspieler arbeitete und mit »Theo gegen den Rest der Welt« (1980) Kino-Ruhm einfuhr, einen Status zu verteidigen: In den Neunzigern war er laut Bilanz des Fachblatts »Musikwoche« Deutschlands absoluter Pop-Bestseller - vor Genesis, Roxette und Phil Collins. Erst auf Platz 7: Herbert Grönemeyer.

* Mit Redakteur Wolfgang Höbel und Mitarbeiter ChristophDallach in Westernhagens Hamburger Haus.

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