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»Ich schmetter' so gern«

aus DER SPIEGEL 42/1993

SPIEGEL: Frau Ludwig, Sie wollen zum Kummer der Melomanen Ihre Opern- und Konzertkarriere beenden. Warum hören Sie auf?

Ludwig: Ich möchte endlich leben wie eine normale Frau. Fast 50 Jahre lang hab'' ich immer aufgepaßt, daß ich gut bei Stimme war, das ist doch verrückt. Wenn ich singen mußte, durfte ich nicht reden, nicht feiern, nicht ausgehen. Leute mit Schnupfen konnte ich nie in die Wohnung lassen, und meinen Sohn habe ich oft genug nur mit Zeichensprache erzogen. Eine schreckliche Quälerei. Nun ist es Zeit zu gehen.

SPIEGEL: Junge Sänger sind heute offenbar nicht mehr bereit zu solcher Askese und Selbstkasteiung. Jedenfalls herrscht akuter Mangel an Primadonnen.

Ludwig: Jede Generation hat die Stimmen, die sie verdient. Es wird aber immer wieder schöne Stimmen geben.

SPIEGEL: Wohlklang vielleicht, aber keine Primadonnen wie Renata Tebaldi _(* Joachim Kronsbein, Peter Stolle und ) _(Schoßhund Guiseppe in Ludwigs ) _(Ferienhaus-Garten bei Nizza. ) oder Elisabeth Schwarzkopf. Sterben die schönen Stimmen aus?

Ludwig: Die großen Sängerinnen fallen doch nicht vom Himmel. Wir haben damals ganz klein angefangen, das Köfferchen auf die Bühne getragen, drei Töne gesungen und Abgang. Wenn sich heute eine vielversprechende Stimme erhebt, dann werden ihr sofort Geld und Hauptrollen auf einer Silberschüssel serviert. Es gibt keine Dirigenten mehr, die auf die jungen Sänger aufpassen und verhindern, daß sie kaputtgehen, bevor sie ausgereift sind.

SPIEGEL: Kräfte wie das beleibte Stimmwunder Jessye Norman gehören deshalb ins Raritätenkabinett?

Ludwig: Sie ist wirklich ein Star und hat sich entsprechende Allüren zugelegt. Sogar die Kleidung ist Teil der eigenen Inszenierung. Zu einer großen Diva, so hieß es früher, gehören sieben Erfolge und sieben Skandale im Jahr.

SPIEGEL: Das hat aber doch wohl nur eine geschafft - Maria Callas.

Ludwig: Richtig. Sie hatte eine nicht besonders schöne Stimme, aber ungeheuren Ausdruck. Selbst wenn sie ein Rezitativ irgendeiner blöden Bellini-Oper sang, war das ein unvergleichliches Erlebnis. Ich habe einmal ihre »Traviata« auf Platte gehört und fürchterlich geweint. Das war große Kunst.

SPIEGEL: Heute trällern die illustren Goldkehlen am liebsten in der Openair-Arena.

Ludwig: Das ist Geldverdienst, Showbusiness pur.

SPIEGEL: Wie zum Beispiel der legendäre Belcanto-Gipfel der Herren Pavarotti, Domingo und Carreras 1990 in den römischen Caracalla-Thermen?

Ludwig: Ach ja, daß sich die drei mal getroffen haben, ist fein. Sie haben damit irrsinnig viele Platten verkauft und irrsinniges Geld gemacht. Das Publikum hat sich gefreut, das Fernsehvolk war glücklich, und die Aufnahme steht in jedem Plattenschrank, nur nicht in unserem. Bedenken Sie aber, daß Open-air-Konzerte absolute Schwerstarbeit sind. Der Pavarotti etwa muß ja auch in seinem fortgeschrittenen Alter noch die ganz hohen Töne finden. Dem gönne ich seine Millionen-Gage.

SPIEGEL: Zirkus Pavarotti?

Ludwig: Er stellt sich hin, singt ungeheuer laut und winkt mit dem riesigen Taschentuch. Das verstehe ich nicht als Kunst, aber die Leute wollen es.

SPIEGEL: Ein Symptom für musikalischen Kulturverfall?

Ludwig: Ach was, das gab''s immer, das ist Entertainment fürs Volk, ob nun mit Michael Jackson oder Pavarotti. Das Publikum nimmt heute ästhetische Feinheiten gar nicht mehr richtig wahr. Nur, woran soll es denn seinen Geschmack schulen, an Donald-Duck-Filmen? Die Menschen finden alles schön, es ist nichts danebengegangen, prima. Aber den Unterschied zwischen einem Furtwängler und, sagen wir, Claudio Abbado hört man heute nicht mehr heraus.

SPIEGEL: Abbados Aufstieg zum Chefdirigenten des Berliner Philharmonischen Orchesters ist Ihnen ein Rätsel?

Ludwig: Ich kann nur hoffen, daß der spezifisch feine Klang dieses Orchesters nicht verlorengeht.

SPIEGEL: Sie trauern noch Karajans dynamischer Tonkunst nach?

Ludwig: Es ist ja leider in Mode gekommen, an ihm herumzumäkeln. Eine Frechheit! Er hat alles für uns Sänger getan. Wenn Karajan wußte, daß man einen schlechten Abend hatte, war er mit dem Orchester so laut, daß man vom Sänger fast nichts mehr gehört hat. Bei einer »Fidelio«-Premiere etwa, bei _(* 1976 als Fricka in der Pariser ) _("Walküre«-Inszenierung. ) der ich sehr nervös war, hat er mir zuliebe viel zu schnelle Tempi genommen und dann ungerührt die schlechten Kritiken weggesteckt. Karajan war eine charismatische Vaterfigur und strahlte eine unendliche Ruhe aus.

SPIEGEL: Ein Antityp zum hektischen Georg Solti, der mit dem Taktstock die Luft zerhackt.

Ludwig: Ich habe sehr oft mit ihm gesungen, aber ängstlich vermieden, ihn anzugucken, weil mir''s vor Schreck die Stimme verschlug.

SPIEGEL: Sie haben sich lange über Ihre Mezzo-Stimme gegrämt?

Ludwig: Ach, ich wollte lieber ganz hoch hinaus, ein hochdramatischer Sopran sein, und habe es auch probiert. Und das Komische ist, meine größten Erfolge hatte ich im Sopran-Fach. Aber die »Fidelio«-Leonore war auch mein Sorgenkind. Beim letzten hohen H habe ich immer schrecklich gezittert.

SPIEGEL: Den Höhenrausch hätten Sie nicht lange durchgehalten?

Ludwig: Nein, er hätte die Stimme rasch ruiniert. Aber ich lebe mit dem Mezzo ganz gut und sage immer: Man hat überall ein bißchen, bißchen was unten, bißchen was in der Mitte, bißchen was oben, und man kann alle ärgern - die Soprane und die Altistinnen, weil man überall mitmischen kann.

SPIEGEL: Ein praktisches Organ.

Ludwig: Und der Mezzo hat noch einen Vorteil: Er steht mit beiden Füßen auf der Erde, die Soprane schweben immer ein bißchen in der Luft.

SPIEGEL: Haben Sie diese Kolleginnen um Rollen beneidet?

Ludwig: Ja, ich hätt'' so gern Wagner-Heroinen gesungen, die Isolde oder meinetwegen noch die Brünnhilde, das ist etwas Wunderbares.

SPIEGEL: Mit der Isolde hätte es ja beinahe geklappt.

Ludwig: Leonard Bernstein hat sie mir in New York angeboten, und ich wollte es versuchen. Aber dann bin ich auf dem Weg zum Vorsingen in ein Telefonhäuschen gerannt und hab'' ihm gesagt: »Ich lass'' es bleiben!« Ich hatte Angst, daß ich die Proben nicht durchhalte.

SPIEGEL: So haben Sie es in »Tristan und Isolde« nur zur Liebesdienerin Brangäne gebracht?

Ludwig: Ist die nicht fürchterlich doof? Sie gehört zu den Partien, die ich möglichst gemieden habe. Genauso wie die »Tannhäuser«-Venus, die für mich irrsinnig schwer zu singen war. Die Fricka im »Rheingold« habe ich auch nicht gemocht, die ist fad. Dabei bin ich eine große Wagnerianerin.

SPIEGEL: Wie ist es mit Richard Strauss? Im »Rosenkavalier« haben sich Ihre Träume doch erfüllt?

Ludwig: Da hab'' ich erst den unbedarften Octavian gespielt, eine törichte Hosenrolle, für die ich hungern mußte, um knabenhaft auszusehen. Später durfte ich endlich die Marschallin singen, und das war dann die Erfüllung - diese zauberhaften Texte über Liebe und das Altern, diese wunderbare Musik.

SPIEGEL: Wirklich Aufsehen auf der Bühne erregt die Oper doch nur noch mit kühnen Regie-Einfällen.

Ludwig: Na ja, in Paris habe ich 1976 mal die »Walküre« durchlitten, inszeniert vom hochgelobten Klaus Michael Grüber. Da lagen auf dem Boden lauter Sandsäcke. Es sollte aussehen wie ein Konzentrationslager mit Türmen, Schießscharten. Und dann hing auch noch ausgestopftes Rotwild an der Wand.

SPIEGEL: Eine bizarre Ausstattung.

Ludwig: Ich kam in einem Ungetüm von Kostüm als Fricka auf die Bühne. Meine Perücke bestand aus zwei Widderhörnern, an meinem weiten Mantel mußte ich ausgestopfte Widder auf Kufen mit mir herumziehen. Damit spazierte ich nun mühsam über die Sandsäcke. Bei meinem Auftritt lachte das Publikum. Es war scheußlich.

SPIEGEL: Harry Kupfers Wiener »Elektra«-Inszenierung war vermutlich auch nicht gerade Ludwigs Lust?

Ludwig: Wir hingen wie Marionetten an Seilen. Meine Begeisterung hielt sich in Grenzen.

SPIEGEL: Aber man kann doch solche Offerten ablehnen?

Ludwig: Ich hatte mit Regisseuren sonst eigentlich immer Glück, und wenn ein Dirigent mir nicht paßte, habe ich meine Vorstellung abgesagt. Vielleicht würde ich ja, wenn ich jung wäre, sogar mal in einer Inszenierung dieses modischen Regie-Avantgardisten Peter Sellars singen . . .

SPIEGEL: . . . des Amerikaners, der Mozart in die Neuzeit umsiedelt.

Ludwig: Furchtbar, von dem habe ich in Barcelona den »Figaro« gesehen - keine schöne Stimme, Orchester und Dirigent grauslich. Nach einem Akt hatte ich von all diesen Effekthaschereien genug und bin gegangen. Wenn da der Cherubin eine Milchflasche aus dem Kühlschrank holt und auch noch schlecht singt, dann reicht''s.

SPIEGEL: Immerhin ein verhältnismäßig billiger Gag. Die großen Opernhäuser verpulvern doch häufig Riesensummen - mit dürftiger kreativer Ausbeute.

Ludwig: Es muß ja nicht die Phantasie von Sellars sein, aber grundsätzlich sollte wirklich gespart werden. Nach dem Krieg war das Theater bettelarm, aber reich an Phantasie. Es ist doch lächerlich, wenn heute für eine einzige Inszenierung Hunderttausende ausgegeben werden.

SPIEGEL: Spitzenkräfte sahnen aber auch stattlich ab.

Ludwig: Richtig, aber das Publikum zahlt. Mir wäre es allerdings lieber, wir hätten wieder homogene Ensembles mit großen Stimmen. Wenn in Wien, in den sechziger Jahren, Leontyne Price die »Aida« absagen mußte, dann sprang selbstverständlich eine Birgit Nilsson ein. Und wenn der Dirigent ausfiel, ging Opernchef Karajan selbst ans Pult.

SPIEGEL: Gab es denn auch Freundschaften in dieser Elitetruppe?

Ludwig: Wahre Freundschaft selten. Man hat sich ja doch häufig über den Beruf _(* Beim Schleswig-Holstein Musik Festival ) _(im August. ) hinaus wenig zu sagen. Ich kannte beispielsweise mal einen Bariton, der sich nur über Sex und Geld unterhalten konnte. Ich hab'' dazu mal Georg Solti gefragt, ob das bei Dirigenten auch so sei. Nein, hat er gesagt, bei uns ist das ganz anders, wir reden über das Thema Nummer eins, über Geld und Sex.

SPIEGEL: Heute tratscht die Zunft bevorzugt auf Festivals. Sie haben sogar der nordischen Schafskälte getrotzt und beim Schleswig-Holstein Musik Festival gastiert. Sind auch Sie dem Charme von Justus Frantz erlegen?

Ludwig: Nein, der ist überhaupt nicht charmant. Er ist der einzige Festivaldirektor, den ich kenne, der nicht grüß Gott sagt, kein Fax schickt, kein Telegramm, kein Blümchen.

SPIEGEL: Und warum beehren Sie ihn dann?

Ludwig: Weil es ein tolles Festival ist.

SPIEGEL: Kritiker spötteln, Festivals seien die Huren des Tourismus.

Ludwig: Das ist mir zu hart. Es ist doch besser, wenn die Touristen abends schöne Musik hören, sonst sitzen sie doch nur mit Bier vorm Fernseher.

SPIEGEL: Festivals sind aber nicht vorrangig musikalische Weihestätten, sondern Werbemärkte der Plattenindustrie.

Ludwig: Ja, besonders in Salzburg. Ich ärgere mich, wenn eine Kollegin für einen Liederabend im Großen Festspielhaus das Zehnfache an Gage bekommt wie ich. Die Plattenfirma zahlt, weil sie gerade eine neue CD mit ihr herausbringt.

SPIEGEL: Welche Erfahrungen hatten Sie mit der Branche?

Ludwig: Zunehmend negative. Früher hat das ganze Ensemble für eine Produktion wochenlang im Studio gearbeitet. Heute kommt man zu einer Terzett-Aufnahme ins Atelier, und niemand ist da - kein Dirigent, kein Sänger. Dann kriegt man Kopfhörer aufgesetzt und singt drauflos. Von Kunst keine Spur. Beim Abhören merke ich dann, daß meine Stimme wie Mickymaus klingt. Meinen Kollegen, die ihren Part irgendwo in New York oder London singen, geht es mit Sicherheit ähnlich. Was dann am Mischpult zusammengemixt wird, hört sich oft gräßlich an.

SPIEGEL: Mit Domingo als Stolzing haben Sie auf diese Weise mal die »Meistersinger« eingespielt?

Ludwig: Ja, ich habe ihn überhaupt nicht zu Gesicht bekommen. Heute muß ja alles so schnell gehen, weil die Technik so teuer ist. Ich frag'' mich allerdings, warum so viele Aufnahmen produziert werden. Diese Masse ist völlig sinnlos.

SPIEGEL: Zum 100. Mal die »Aida«. Wird man nicht müde, immerfort dasselbe Repertoire zu bringen?

Ludwig: Ja, absolut. Man kann ja auch, wenn man älter wird, mit sich selbst nicht mehr konkurrieren, nicht mehr so schön singen. Aber ich habe die Oper vor allem deshalb bis zuletzt geliebt, weil es herrlich ist, an der Rampe zu stehen und so richtig loszuschmettern. Das ist ein körperliches Vergnügen. Beim Liederabend geht es ja wesentlich dezenter zu.

SPIEGEL: Gibt es im kreischend lauten Medienzeitalter überhaupt noch ein Publikum für diese stille Kunst?

Ludwig: Es gibt Enthusiasten für Liederabende vor allem in Metropolen wie Tokio oder New York. Die Liedkultur wird aber nicht sterben. Das ist etwas, das zum Herzen geht, und dafür sind Menschen immer dankbar.

SPIEGEL: Man braucht Reife für die ganz leisen Zwischentöne. Neigt das Alter zu melancholischem Melos?

Ludwig: Ja. Ich kann in Liedern so schön in Traurigkeit baden. Brahms liebe ich, weil er so wunderbare elegische Gesänge geschrieben hat.

SPIEGEL: Sie sind doch eigentlich ein heiterer Mensch?

Ludwig: Ja, darum vielleicht. Aber traurige, langsame Lieder kamen immer meiner Stimme entgegen.

SPIEGEL: Ein Leben ganz ohne die Bühne - oder könnten Sie sich mit kleineren Rollen zufriedengeben?

Ludwig: Nein, die Wurzen spiel'' ich nicht, dafür bin ich mir zu schad''.

SPIEGEL: Feuchte Taschentücher beim Abschied?

Ludwig: Bestimmt nicht. Von meiner Mutter, die auch Sängerin war, habe ich gelernt: Theater ist nur Theater, nimm es nicht zu ernst. Ich möchte abgehen wie die lebenskluge Marschallin im »Rosenkavalier": »Leicht muß man sein; mit leichtem Herzen und leichten Händen, halten und nehmen, halten und lassen.«

SPIEGEL: Frau Kammersängerin Ludwig, wir danken Ihnen für dieses Gespräch. Y

* Joachim Kronsbein, Peter Stolle und Schoßhund Guiseppe in LudwigsFerienhaus-Garten bei Nizza.* 1976 als Fricka in der Pariser »Walküre«-Inszenierung.* Beim Schleswig-Holstein Musik Festival im August.

J. Kronsbein, P. Stolle
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