Zur Ausgabe
Artikel 66 / 108
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

»Ich tauge nur für mich selbst«

Mit seinen skeptischen Lebens- und Selbstbetrachtungen, unverblümt und gewitzt, begründete der französische Edelmann Michel de Montaigne (1533 bis 1592) eine neue literarische Gattung, den Essay. Montaignes berühmtes Werk, seit Generationen nur in Auswahlbänden auf dem deutschen Markt, erscheint jetzt wieder in einer kompletten Ausgabe - wortgetreu nach der ersten Übersetzung von 1753/54.
aus DER SPIEGEL 38/1992

In einer Zeit, da es so gemein ist, Böses zu thun, ist es fast lobenswürdig, etwas unnützes zu thun«, schrieb dieser redliche Edelmann, der sich in »süßer Weltflucht«, ungeachtet aller Greuel rings um ihn her, nur der einen Aufgabe widmete: seine »wahre Gestalt« zu erforschen.

In Frankreich tobten die endlosen Bürgerkriege der Katholiken und Hugenotten. Plündernd, brennend und mordend zogen die Soldatenhorden und Räuberbanden durchs Land. Im runden Turmgemach seines Schlosses aber saß in Muße der Seigneur Michel de Montaigne, betrachtete sich »ohne Unterlaß« und tat kund, wie er lebte, fühlte und träumte, wie er aß und verdaute.

»Ich prüfe mich, ich versuche mich«, bekannte er, »ich gehe immer in mich selbst«, und unbefangen, in schlichter und derber Sprache erstattete er Bericht über sein in Widersprüchen kunterbunt schillerndes Wesen, »so ungestalt und so ungleich«, »aus verschiedenen Lappen zusammen gesetzt«, »vom Wind der Zufälle bewegt«.

»Essais«, »Versuche«, nannte er seine Gedankenspiele, die eine literarische Gattung begründen sollten. Der »Mischmasch, den ich hier zusammen schmiere«, hat schon vor vier Jahrhunderten die Bewunderung seiner Zeitgenossen erweckt, hat Shakespeare und Voltaire, Diderot und Goethe ergötzt und zeugt bis zum heutigen Tag, als unschätzbares Kulturgut geheiligt im französischen Vaterland, vom erquickend gesunden Witz und Verstand, der stoischen Gelassenheit und wohlgemuten Skepsis des Schloßherrn von Montaigne.

»Daß ein solcher Mensch geschrieben hat, dadurch ist wahrlich die Lust, auf dieser Erde zu leben, vermehrt worden«, pries Friedrich Nietzsche den Vorfahr seiner »Fröhlichen Wissenschaft«. Nur blieb deutschen Lesern der ungeschmälerte Genuß der »Essais« in all ihrer fabelhaften Hülle und Fülle nun schon seit Generationen versagt. In vier mehr oder weniger generösen Auswahlbänden, mehr oder weniger willkürlich in ein modernes Deutsch übertragen, liegen sie gegenwärtig auf dem Markt; die beste und gehaltvollste Selektion hat in den fünfziger Jahren Herbert Lüthy bei Manesse herausgebracht.

In diesem September aber, zum 400. Todestag des großen Gascogners, liefert der Zürcher Diogenes-Verlag auf über 2700 Seiten einen kompletten Montaigne, und einen wundersam antiquarischen dazu: Sämtliche 107 Essais nebst Briefen und voluminösem Register stehen fortan zu Gebot, völlig neu gedruckt, doch im übrigen Blatt für Blatt nach Wortlaut, Orthographie und selbst im Buchschmuck getreu der deutschen Erstausgabe, erschienen bei Lankischens Erben zu Leipzig Anno 1753/54.

Johann Daniel Tietz hieß der junge Physiker, Ökonom und Literat, der sich damals als erster Übersetzer an das nur noch schwer verständliche Renaissance-Französisch wagte, mit »erstaunlich sicherer und glücklicher« Hand, wie ihm der Kollege Lüthy bescheinigt. Bereits Lessing hatte ihn dafür lobend rezensiert, doch das Werk wurde nie wieder aufgelegt und galt lange als verschollen, bis es Diogenes wieder aus dem Staub des Vergessens holte*.

So schweift denn nun Montaignes humanistischer Geist im Sprachkostüm der deutschen Aufklärung durch die Postmoderne, urahnenhaft eigentümlich und dennoch unendlich erhaben über allen Wandel der Moden, Stile und Rechtschreibregeln. »Die Welt«, sagt er in Tietzens Deutsch, »ist ein Ding, welches niemals feste stehet. Alles wanket in derselben beständig, die Erde, des Caucasus Felsen, die egyptischen Pyramiden«, und »nichts, was mir vorkömmt, kann ich feste halten: es gehet vor mir verwirrt und wankend, und mit einem natürlichen Taumeln vorüber.«

Wie »unser aller Nachbar« erscheine Montaigne, meint Lüthy, »und der offenherzigste, mitteilsamste, ja geschwätzigste, denn wir uns wünschen können«. Wie »unser Zeitgenosse« wirke er in vielem, bestätigt Richard Friedenthal in seiner Biographie über den »kleinen, zähen, unbeirrbaren Mann«, der »verwegen« seine Selbstanalyse betrieb wie noch kein anderer vor ihm, ein Erforscher unbekannter Regionen auch er im Zeitalter der großen Entdeckungsreisen und neuen Weltbilder.

1533, als Luther noch »die gantze Heilige Schrifft« übersetzte, ist er auf Schloß Montaigne geboren worden, 30 Meilen vor den Toren der Stadt Bordeaux, wo sein Vater in höchsten Ämtern waltete. Auch er saß dann als Ratsherr im Bordeleser Parlament und quälte sich ab mit Rechtsfragen, Protokollen und königlichen Edikten - ein »geschworner Feind von Verbindlichkeit, von Fleisse, und Beständigkeit«, »untauglich, anderen zu dienen«, denn »ich tauge nur für mich selbst«.

16 Jahre lang trug er seufzend die rote Robe, bis er sie schließlich an den Nagel hängte, sein Amt verkaufte, seine Karriere für beendet erklärte, und »im Jahre Christi 1571«, an seinem 38. Geburtstag, da zog sich Michel de Montaigne, »seit langem der Bürden des Parlaments und der öffentlichen Pflichten müde, in voller Lebenskraft in den Schoß der gelehrten Musen zurück, wo er in Ruhe und Sicherheit die Tage verbringen wird, die ihm zu leben bleiben«.

In feierlicher Inschrift stand es so an der Wand der Bibliothek im Turm, in dem er sich fortan, bei weitem Ausblick auf die Felder, Wiesen und Weingärten der ererbten Domäne, seinen Studien hingab, während Ehefrau Francoise das Haus und die ganze Gutswirtschaft versorgte, weil er ja »nicht einmal die gröbsten Grundsätze des Ackerbaues« _(* Michel de Montaigne: »Essais«. Nebst ) _(des Verfassers Leben nach der Ausgabe ) _(von Pierre Coste, ins Deutsche übersetzt ) _(von Johann Daniel Tietz. ) _(Diogenes-Verlag, Zürich. Drei Bände, ) _(2744 Seiten; Subskriptionspreis bis 31. ) _(Dezember 1992: 198 Mark, danach 248 ) _(Mark. ) kannte und »kaum den Kohl von dem Sallate unterscheiden« konnte.

In den Essais ist nur selten die Rede von Madame de Montaigne, die ihm sechs Töchter gebar, von denen fünf im Kindbett starben. Überhaupt machte der sonst so beredte Autor wenig Aufhebens von den Frauen, obwohl er doch in seinen »wildesten Jahren« die Gunst der Damen sehr zu schätzen wußte und in ihren Betten, wie er stolz bekannte, gehörig seinen Mann stand, »bis zur Unverschämtheit genital«.

Wehmutsvoll indes gedachte er des einstigen Parlamentskollegen Etienne de La Boetie, des vergötterten Jugendfreundes, Verfassers eines flammenden Pamphlets gegen die Tyrannei, dessen arkadische Träume von den großen Vorbildern der Antike ihm das Herz erfüllt hatten. Seit dem frühen Tod dieses einzigen Wahlverwandten, klagte er, sei ihm das Dasein nur noch »eine düstere und verdrüßliche Nacht«.

Doch die weisen Denker, Dichter und Historiographen des klassischen Altertums gaben ihm Trost in der Einsamkeit. Plutarch und Plato, die Stoiker und Epikureer, Virgil und Ovid - reihum zitierte er sie als Zeugen im Prozeß der Selbsterforschung. Herodot, Livius, Sueton, Diogenes Laertios - sie waren ihm treue Kumpane auf den Streifzügen seines vagabundierenden Denkens.

Da hockte er abgeschieden in der erhabenen Bastion, unter dem mit 54 griechischen und lateinischen Sentenzen verzierten Deckengebälk, grübelte über die »Gaukelpossen« menschlicher Existenz und ihrer »taumelnden, wankenden, schwindlichten, ungestalten Bewegung« durch die ewig schaukelnde Welt und »malte« dabei immer sich selbst in seiner »einfältigen, natürlichen und gewöhnlichen Art«.

Als »einen von dem gemeinen Haufen« stellte er sich hin, geschlagen mit einem »trägen und ungeschickten Kopf«. Frank und frei bekannte er seine Mängel und Mäkel, Gebrechen, Torheiten und Begierden, illustrierte seine Geständnisse mit Anekdoten und erzählte bei passender Gelegenheit auch, wie er einmal beim Sturz vom Gaul einen ganzen Eimer voll Blut spuckte.

Vor allem aber offenbarte er die »freye Seele« des Herrn von Montaigne, für den alle Menschen »Landesleute« waren und alle Tiere »Brüder und Genossen« und auch die Könige bloß Geschöpfe, die »zu Stuhle« gingen. Einen kühnen, besonnenen, aufrichtigen Mann führte er vor, unbekümmert um Himmel, Hölle und Seelenheil, zugewandt allein dem Leben auf Erden in seiner unerbittlichen Endlichkeit, im festen Vertrauen auf »die guten Rathschläge unserer Mutter, der Natur«.

Neugierig musterte er die Sitten und Konventionen, die er schätzte und verlachte: »Wir haben die Damen gelehrt zu erröthen, wenn sie dasjenige bloß nennen hören, was sie sich nicht scheuen zu thun.« Mit zweifelndem Blick sah er auf die Gesetze, die Fragwürdigkeit der Justiz: »Wie viele Verurteilungen habe ich nicht gesehen, welche strafbarer als das Verbrechen gewesen sind.« Voller Abscheu betrachtete er die Barbarei seiner Zeit: »Welche widernatürlichen Kriege! Welche Schande!«

Die Pariser »Bluthochzeit« in der Bartholomäusnacht, die unaufhörlichen Massaker im zerrütteten Land, die Ketzerverfolgungen, Hexenjagden, Foltergreuel und lodernden Autodafes: Den ganzen Wahn und Schrecken hatte er miterlebt von Jugend an, und da lobte er sich doch die Kannibalen in Brasilien, die ihre Opfer wenigstens tot auffraßen, statt sie »unter dem Vorwande der Gottesfurcht und Religion« lebendigen Leibes »durch die grausamsten Martern und Peinigungen zu zerfleischen« und »langsam braten zu lassen«.

Drei Jahrzehnte lang, über Montaignes Tod hinaus, herrschte das Chaos der Hugenottenkriege, der Machtkämpfe um Frankreichs Königsthron. Daß sein jederzeit offenes Haus »während eines so langen Ungewitters« noch nicht mit »Blute befleckt« und geplündert worden war, schien dem Schloßherrn »ein seltenes Meisterstück«, zu verdanken gewiß auch der Hochschätzung, die er in beiden Lagern genoß.

Denn dieser Ritter vom Geist blieb ja nicht vergraben in der Bücherhöhle. »Je m''abstiens«, ich enthalte mich, hatte er auf eine Denkmünze prägen lassen, doch er enthielt sich keineswegs der Stimme in den Wirren der Politik. Oft war er auf Reisen in diplomatischer Mission, als Ratgeber bei Hofe und ehrlicher Makler im Hader der Parteien. Und er reiste mit Begeisterung zu Pferde, ein echter »Gascogner und Soldat«. 18 Stunden, prahlte er, könne er sich mühelos im Sattel halten, mochten die Nierensteine ihn noch so quälen. Erst im Sattel fühlte er sich wirklich frei.

Nachdem er sich neun Jahre gründlich erforscht und abgemalt und den ersten Teil seiner »Hirngespinste« in Druck gegeben hatte, ging Montaigne, ein rüstiger »Greis« von 47, mit großem Gefolge auf den weiten Ritt durch die Schweiz und Deutschland nach Italien hinein, um in den Bädern von Abano und Lucca seine Leiden zu lindern, um neue Erfahrungen zu sammeln und fremde Menschen zu erkunden.

Die Kunstschätze der Renaissance, die Werke eines Michelangelos interessierten ihn wenig. In Venedig machte er einer Kurtisane seine Aufwartung, besuchte in Ferrara den wahnsinnigen Dichter Torquato Tasso im Irrenhaus, küßte den Pantoffel Seiner Heiligkeit und holte sich für die »Essais« den Segen der vatikanischen Zensur (die das Buch erst im folgenden Jahrhundert auf den Index setzte).

In Italien jedoch empfing der Privatmann, der nicht dienen wollte, die Botschaft, daß die edlen Herren von Bordeaux ihn zu ihrem Bürgermeister gewählt hatten, und es erreichte ihn nach geraumer Frist ein königliches Schreiben mit der Order, der Berufung nunmehr unverzüglich und ohne Ausreden Folge zu leisten, »das Gegenteil würde Uns höchlichst mißfallen«.

Zwei Amtsperioden, vier Jahre lang, hat er treu und pflichtbewußt über die Geschicke seiner Vaterstadt gewacht, dazu auch weiterhin redlich vermittelt zwischen den Fronten im erbarmungslosen Bruderkrieg. Der Protestantenführer Heinrich von Navarra, in den Geschichtsbüchern verewigt als der »gute König«, kam wiederholt ratsuchend auf sein Schloß. Das hohe Staatsamt, das Heinrich IV. ihm anbot, wies Montaigne zurück: Er wolle »nicht Sklave eines anderen sein«.

Die Souveränität im Turm gab er seinen patriotischen Diensten niemals preis. Unbeirrt widmete er sich weiter seinen Versuchen, überarbeitete sie, verdeutlichte, erläuterte, ergänzte und fügte immer neue und immer ausgedehntere Stücke hinzu. 1588 erschien in Paris die große Ausgabe, »vermehrt um das dritte Buch und 600 Zusätze zu den beiden ersten«.

Ein gefeierter Mann war der Schöpfer der »Essais«. Aber niemand bewunderte ihn glühender als ein junges Fräulein von ältestem Adel, Marie de Gournay. Er hielt sich ihre Leidenschaft vom Leibe und fand Wohlgefallen an ihrer Anbetung. »Adoptivtochter« und geistiges Ziehkind sollte sie ihm werden in den letzten Jahren und Betreuerin des Werks nach seinem Tod.

Dieses unabwendbare Ende, »das Ziel unseres Laufes": Sein ganzes Leben, das er mit allen Sinnen in sich aufsog, hatte er darüber gedeutelt, die mißliche Sache von allen Seiten beäugt und sich seiner Ängste mit klugen Argumenten erwehrt. »Die Kunst zu sterben befreyet uns von aller Unterwürfigkeit und allem Zwange«, philosophierte er und sah dem Tod so gefaßt ins Auge, wie es nur ging: »Wir müssen allezeit gestiefelt und reisefertig seyn.«

An einem Septembertag 1592, 59 Jahre alt, brach Michel de Montaigne auf in die grenzenlose Freiheit.

* Michel de Montaigne: »Essais«. Nebst des Verfassers Leben nach derAusgabe von Pierre Coste, ins Deutsche übersetzt von Johann DanielTietz. Diogenes-Verlag, Zürich. Drei Bände, 2744 Seiten;Subskriptionspreis bis 31. Dezember 1992: 198 Mark, danach 248 Mark.

Zur Ausgabe
Artikel 66 / 108
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.