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»Ich war ein Aktivist der DDR«

aus DER SPIEGEL 32/1990

SPIEGEL: Herr Kant, Ihr Schriftstellerkollege Markus Wolf, der einstige DDR-Spionagechef, hat in einem SPIEGEL-Gespräch gesagt, viele Kommunisten müßten sich jetzt fragen: Wofür haben wir denn überhaupt gelebt? Fragen Sie sich das auch?

KANT: Ehe ich auf diese in der Tat ganz wichtige Erkundigung eingehe, ein Wort zu Markus Wolf: Der gute Mann hat ein Buch geschrieben und macht jetzt von dem Recht, das jedermann zusteht, Gebrauch, sich Schriftsteller zu nennen. Wir hatten im DDR-Schriftstellerverband immer die Schwierigkeit, Leuten, die ein Buch gemacht hatten, klarzumachen, daß sie damit noch nicht Schriftsteller seien.

SPIEGEL: Hat die Distanz zu Markus Wolf auch etwas damit zu tun, daß der Ihrem Staat in einer etwas anderen Funktion gedient hat?

KANT: Er diente diesem Staat in einer entschieden anderen Funktion.

SPIEGEL: Zurück zu Wolfs Frage: Wofür hat der Schriftsteller Hermann Kant, der seiner Partei SED und seinem Staat DDR treu bis zum Untergang gedient hat, eigentlich gelebt?

KANT: Das ist vielleicht die Hauptfrage. Natürlich frage ich mich immerfort seit Monaten, ob ich einer Schimäre nachgelaufen bin.

SPIEGEL: Was hat dieses Nachdenken ausgelöst?

KANT: All das, was jetzt an Irrtümern, an Tatbeständen herauskommt. Ich habe immer sehr prononciert gesagt: Ich bin ein DDR-Bürger, ich stehe ein für die DDR, ich wollte sie, ich will sie, ich will sie auch verteidigen. Ich muß meine Position überprüfen. Ich muß fragen, wie weit das, wofür ich mich eingesetzt habe, es wert war.

SPIEGEL: Gibt es schon eine Antwort? Sind Sie einer Schimäre nachgelaufen?

KANT: Eine Antwort bildet sich allmählich heraus: Ich habe mir eine Menge vorgemacht. Ich bin keineswegs einer Schimäre nachgelaufen, aber die, mit denen ich glaubte die gleichen Ziele zu verfolgen, hatten oftmals entschieden engere, eigensüchtigere Ziele im Auge als ich. Ich glaube nicht, daß das, was ich als Vorsatz hatte, als ich in die SED eintrat, sich aus meinem Kopf verflüchtigt haben muß. Ich hatte den Vorsatz, an etwas mitzuwirken, einem Staat, einer Gemeinschaft, deren Mitglieder anderen keine Angst mehr einjagen würden. Das war für mich eine Hauptsache, der hänge ich nach wie vor an.

SPIEGEL: Vielen Literaten der DDR ist der SED-Funktionär Kant ganz anders erschienen: als einer, der ihnen _(* Matthias Matussek und Ulrich Schwarz, ) _(in Kants Garten in Ost-Berlin. ) Angst eingejagt, sie aus dem Verband geworfen, außer Landes getrieben hat.

KANT: Ich akzeptiere diese Beschreibung nicht. Ich habe DDR-Kollegen nicht aus Jux und Tollerei bekämpft, sondern wir waren in einem politischen Streit politische Gegner.

SPIEGEL: Auf der einen Seite die allmächtige Partei, auf der anderen ein paar Autoren, die gewagt hatten zu schreiben, was sie denken - ein fairer Streit?

KANT: Das ist eine der größten Legenden, die es gibt: auf der einen Seite die Allmacht, auf der anderen Seite die Ohnmacht. Jeder von denen, die Sie im Auge haben, war selbstverständlich auch in den Augen eines sehr mächtigen Westens mit einem Medienapparat, der entschieden besser zugriff als unser eigener. Ich erinnere mich noch genau an die berüchtigtberühmte Versammlung 1979, bei der es um Ausschlüsse oder Nichtausschlüsse ging. Da kamen die Kollegen, die es betraf, in Begleitung eines ARD-Teams. Es ist doch nicht so, daß auf der einen Seite eine SED das Sagen hatte und niemand ihr widersprechen konnte, und auf der anderen Seite waren Leute, die man nicht hörte, weil sie durch einen Sack voll Kleie riefen.

SPIEGEL: Der Unterschied war nur: Die Westmedien konnten zwar die SED und ihren Exekutor Kant an den Pranger stellen. Hermann Kant aber hatte die Macht, Kollegen um ihre Existenz zu bringen. Ein Schriftsteller, den Sie aus dem Schriftstellerverband warfen, mußte schon sehr gut sein, um materiell überleben zu können.

KANT: Natürlich haben Sie halbwegs recht, auch wenn Ihre Wortwahl, Exekutor zum Beispiel, unangemessen ist. Wer den Verband verlassen mußte, aus welchen Gründen auch immer, hatte Verluste zu ertragen. Nur: Der Verband hat versucht, diese Verluste klein zu halten. Wir sind es doch gewesen, die als erste gesagt haben: Der Ausschluß kann nichts daran ändern, daß dies bedeutende Autoren sind, die gedruckt werden müßten. Die Tatsache, daß nach seinem Ausschluß Stefan Heym mehr gedruckt wurde als vorher, daß von anderen Kollegen, die ehemals dem Verband angehörten, dann wieder Bücher aufgelegt wurden, geht auch zurück auf die Energie des Verbandes.

SPIEGEL: Aber das war bestenfalls ein Gnadenakt.

KANT: Nein, das war kein Gnadenakt, sondern einfach die Einsicht, daß diese Autoren zur Literatur dieses Landes gehörten.

SPIEGEL: Sie haben denen, die Sie ausgeschlossen haben, hinterhergerufen: Wer sich nach Bestseller-Country verziehen will, der soll sich verziehen.

KANT: Wenn Sie zitieren, dann schon genau: Wer nach Bestseller-Country verzieht, dem sei gesagt, er war schon einmal ein Stück weiter. Das habe ich gesagt.

SPIEGEL: Reiner Kunze haben Sie den bösen Satz nachgeworfen: »Kommt Zeit, vergeht Unrat.«

KANT: Ich pflege Gespräche dieser Art danach zu bewerten, zu welchem Zeitpunkt dieses Zitat kommt. Sie sind relativ früh damit dran. Der Satz ist in einem bestimmten Zusammenhang gefallen: Ich habe gesprochen von dem für mich hanebüchenen Vorgang, daß die Darmstädter Akademie den Büchner-Preis an Kunze gegeben hat. Ich habe das schon x-mal gesagt und wiederhole es nochmals: Der Satz gehört zu den Sprüchen, die einer zu bedauern hat. Der hängt mir am Halse und zieht mich andauernd unter Wasser.

Aber nochmals zum Grundsätzlichen: Der Schriftstellerverband hat versucht, in diesem Lande eine Institution zu sein, die auf kritische Vernunft hielt, die den Leuten, die hier leben, einen Halt geben wollte. Dabei konnte es uns natürlich überhaupt nicht passen, wenn rabiate Kräfte von der einen oder der anderen Seite uns dazwischenfuhren.

SPIEGEL: Nennen Sie doch mal einen Schriftsteller, der die DDR gefährdet hat durch seine Meinungsäußerung. Ob Karl-Heinz Jakobs, dem der Paß abgenommen wurde, nachdem Sie ihn aus dem Verband geschmissen haben, oder Kurt Bartsch oder Joachim Seyppel - ist einer von denen tatsächlich in der Lage gewesen, die DDR zu gefährden?

KANT: Die Frage richten Sie an den falschen Mann. Ich habe dergleichen Behauptung überhaupt nicht aufgestellt. Ich habe auch niemandem einen Paß abgenommen. Ich habe gesorgt, daß Schriftsteller Pässe bekamen. Aber Sie können doch nicht bestreiten: Die Geschichte der DDR ist eine Geschichte unter anderem des Versuchs, sie abzuschaffen.

SPIEGEL: Mit dem Argument »Der Klassenfeind versucht uns abzuschaffen« hat das SED-Regime 40 Jahre lang die Unterdrückung von Andersdenkenden und Abweichlern gerechtfertigt.

KANT: Hat es den Vorsatz aus der Bundesrepublik gegeben, die DDR abzuschaffen, ja oder nein?

SPIEGEL: Aber doch nicht über fünfte Kolonnen im Schriftstellerverband. Wollen Sie wirklich mit dem Totschlage-Argument vom allgegenwärtigen Klassenfeind, der in jedem Gully hockt, den Ausschluß einer Reihe von Schriftstellern aus dem Schriftstellerverband im Jahr 1979 rechtfertigen?

KANT: Keineswegs. Ich will nur darauf hinweisen, daß der Zusammenstoß von 1979 der Endpunkt einer langen Auseinandersetzung war. Es geht mir darum, daß Sie nicht so tun können, als ob auf der einen Seite der böse Wille und auf der anderen Seite die reine Unschuld gewohnt hätten.

SPIEGEL: Herr Kant, fühlen Sie sich als Exekutor der Partei im Literaturbetrieb eigentlich mitschuldig am Untergang der DDR?

KANT: Noch einmal und für unser ganzes Gespräch genommen: Wenn ich nicht jedem unpassenden Wort widerspreche, bedeutet das nicht, ich hielte es für passend. Wir haben, und ich gehöre an erster Stelle genannt, Schuld auf uns geladen, als wir in den Auseinandersetzungen nicht lange genug auf die anderen gehört haben, nicht lange genug nach überzeugenden Argumenten gesucht haben, nicht geduldig waren und versucht haben, uns durchzusetzen, als uns die Geduld ausging. Das war ein schuldhaftes Verhalten. Zu dem bekenne ich mich.

Nur fiele es mir entschieden leichter, mich zu schuldhaftem Verhalten zu bekennen, wenn anerkannt würde, daß dieses Verhalten nicht auf irgendeinen Dolus, der in mir wohnt, zurückzuführen ist, sondern daß mein Verhalten Teil einer politischen Auseinandersetzung gewesen ist, die ich seit 40 Jahren führe.

SPIEGEL: Aber an der ganzen Richtung zweifeln Sie bis heute nicht?

KANT: Da habe ich inzwischen eine Menge Gründe, mehr als Zweifel zu haben. Etwa, wenn ich sehe, daß eine Parteiführung sich in eine Lage hineinmanövriert hat, wo sie gewissermaßen einen der Ihren beauftragen mußte, einen kleinen Kapitalismus zu eröffnen, damit sie die Fehlmengen, die beim Sozialismus herausspringen, dort wenigstens erwirtschaften könne. Das ist hanebüchen.

SPIEGEL: Wen meinen Sie?

KANT: Ich meine die ganze Geschichte mit dem Staatssekretär Schalck-Golodkowski und seiner Devisenbeschaffungsabteilung »Kommerzielle Koordinierung«. Die ist nur erklärbar, wenn man sieht, die Leute haben irgendwann einmal gemerkt, das eigene System funktioniert gar nicht.

SPIEGEL: Und davon haben Sie nie etwas gewußt?

KANT: Nein, davon habe ich nichts gewußt. Es gab eine Menge Ungerechtigkeiten, die hier verkauft wurden unter dem Bannerspruch: Ja keine Gleichmacherei. Das wußte ich. Meine Erzählungen der letzten Jahre sind Erzählungen von Ungerechtigkeiten.

SPIEGEL: Daß Ihre Bücher ein Stück Widerstandsliteratur waren . . .

KANT: . . . wer sagt denn das?

SPIEGEL: . . . daß Ihre Bücher zur kritischen DDR-Literatur gehörten, ist uns neu.

KANT: Diesen Begriff haben Sie jetzt eingeführt. Ich habe augenscheinlich eine Menge Leser gefunden, die in meinen Büchern etwas fanden, was sie woanders nicht bekamen.

SPIEGEL: Aber nicht das, was sie dort angeblich suchten. Hermann Kant spricht heute ganz anders, als er vor der Wende geschrieben und geredet hat.

KANT: Das hat Hermann Kant, der heute mehr weiß als gestern, mit vielen Leuten gemein, auch auf Ihrer Seite. Aber meinen gestrigen Grundüberzeugungen bin ich treu.

SPIEGEL: Der Verweis auf gewendete Wessis macht die Sache nicht besser.

KANT: Nein. Aber Sie sind mit einem bestimmten Klischee von Hermann Kant hierhergekommen, nämlich: Das ist sozusagen eine Art Wendehals, der jetzt ein Bild von sich malt, das nicht zutrifft. Ich baue mich keineswegs als jemand auf, der sozusagen von nichts etwas gewußt hat, der hintergangen wurde, der mißbraucht wurde und dergleichen und dem es jetzt vor Reue gar nicht genug sein kann. Darum kann es nicht gehen. Ich hatte bestimmte Vorstellungen von dem, was diese DDR sein sollte. Ich hatte zum Beispiel die Vorstellung, es müßte sich hier eine Gesellschaft entwickeln, die so sei, daß niemand sie gegen eine andere tauschen wolle.

SPIEGEL: Irgendwann, und zwar nicht erst 1989, muß Ihnen doch klargeworden sein, daß dieser Traum von der Heimat DDR, die keiner verlassen will, irreal war. Nie hat Hermann Kant vor der Wende auch nur andeutungsweise die triste Realität einer Gesellschaft beschrieben, aus der die Menschen in Massen davonrennen möchten, aber nicht können.

KANT: Ich fürchte, Sie haben mich nicht besonders gründlich gelesen, aber Ihr Eindruck erklärt sich womöglich, weil ich Mitteilungen dieser Art weniger dem SPIEGEL als etwa dem Politbüro gemacht habe.

SPIEGEL: Warum nicht dem SED-Zentralorgan Neues Deutschland?

KANT: Weil Neues Deutschland wenig Wert auf solche Publikationen legte.

SPIEGEL: Und im Politbüro fanden Sie Gehör?

KANT: Das Politbüro und das Zentralkomitee wußten ganz genau, was sie von einer ganzen Reihe von Schriftstellern zu halten hatten, auch solchen, die innerhalb der Parteiführung zu finden waren. Es ist ja keineswegs so, daß uns dort die reine Liebe umflackerte. Es gab eine ständige Rangelei - ich spreche nicht von Kampf - zwischen dem, was der Bereich der Agitation, dazu gehörten sämtliche Medien, von der Wirklichkeit abzuliefern trachtete, und dem, was wir wollten. Das war eine politische Auseinandersetzung. Ich will von niemandem ein Honorar dafür heute. Ich will nur nicht im nachhinein für Dinge verantwortlich gemacht werden, für die ich keine Verantwortung trage.

SPIEGEL: Fühlen Sie sich als Opfer einer Kampagne?

KANT: Ich fühle mich weder als Opfer noch als Opfer einer Kampagne.

SPIEGEL: Der Pen-Club Ost und der Pen-Club West wollen sich zu einem gemeinsamen deutschen Pen-Club zusammentun. Werden Sie einen Antrag auf Aufnahme in den gesamtdeutschen Pen-Club stellen? _(* 1978 bei einem Empfang mit ) _(Ministerpräsident Willi Stoph, SED-Chef ) _(Erich Honecker, Politbüro-Mitgliedern ) _(Paul Verner und Hermann Axen. )

KANT: Ich weiß nicht, wie das vor sich gehen soll. Ich bin Mitglied unseres Pen. Wenn Pen und Pen zusammengehen, bin ich automatisch Mitglied des gesamtdeutschen Pen.

SPIEGEL: Es gibt Bestrebungen, die Aufnahme in den neuen Pen von Einzelüberprüfungen abhängig zu machen. Würden Sie sich einem solchen Aufnahmeverfahren stellen?

KANT: Selbstverständlich, aber nur, wenn alle geprüft werden. Ich halte es allerdings für ein Zeichen einer verständlichen, aber unangebrachten Hysterie, wenn jede Organisation jetzt eine eigene Untersuchungsmaschinerie aufbaut.

SPIEGEL: Bringen Sie denn Verständnis dafür auf, daß es bei einer Zusammenlegung beider Pen-Clubs Literaten gibt, die nicht mit dem Mann in einem Pen-Club sitzen wollen, der geholfen hat, sie aus der DDR zu vertreiben?

KANT: Das könnte ich absolut begreifen, wenn es sich so verhielte. Es gibt auch Leute, die meine Unterschrift gefälscht haben, mit denen ich nicht in einem Pen-Club sitzen möchte.

SPIEGEL: Wer hat Ihre Unterschrift gefälscht?

KANT: Es gibt ein Pen-Mitglied, das hat einer westdeutschen Einrichtung ein Schriftstück zugesandt, das nicht nur belasten sollte, sondern das auch Effekt hatte. Ich komme, wenn der Autor es wünscht, darauf gern öffentlich zurück.

SPIEGEL: Herr Kant, ist eigentlich mit dem real existierenden Sozialismus für Sie eine ganze Welt zusammengebrochen?

KANT: Ich weiß wirklich nicht, wer das Wort vom real existierenden Sozialismus erfunden hat - eine Vokabel, die den vorhandenen Versuch abgrenzen sollte gegen irgendwelche Wunschvorstellungen. Der Versuch, den Sozialismus real existent zu machen, ist ganz augenscheinlich gescheitert. Damit ist aber für mich der Gedanke an einen möglichen oder nötigen Sozialismus nicht aus der Welt, weil ich weiß: Der Sozialismus, den wir versucht haben, war auch eine Reaktion auf etwas, auf einen real existierenden Kapitalismus nämlich. Inzwischen haben wir einen anderen Kapitalismus. Der wird schon dafür sorgen, daß ihm Widerspruch auch in Form sozialistischer Gedanken entgegentritt.

SPIEGEL: Ist das Ende der DDR für Sie ein Unglück?

KANT: Das ist eine sehr schwierige Frage, weil ich hundertprozentig überzeugt bin, daß, so wie es in den letzten Jahren ging, es nicht mehr lange gegangen wäre. Zu aller Beteiligten Unglück wäre es in schrecklichen Verfalls- und Fäulnisprozessen geendet. Die DDR hätte auf jeden Fall eine andere werden müssen. Ich sehe nicht ein, warum die Dinge jetzt so laufen müssen, wie sie laufen. Ich sehe andererseits nicht ein, daß viele wirklich unschuldige Leute, zu denen ich mich ja nicht zähle, jetzt mit Sorgen behangen sind, die sie vorher nicht kannten, Existenzsorgen. Das halte ich in der Tat für schlimm.

SPIEGEL: Kritik an der alten DDR wollen Sie, zumindest, wenn sie von außen kommt, nicht gelten lassen. Im ehemaligen SED-Zentralorgan Neues Deutschland haben sie vor einigen Tagen in einer Replik auf die Äußerungen von Günter Graß zu der Debatte um Christa Wolf im SPIEGEL geschrieben: Der SPIEGEL sei nicht befugt, Schuldzuweisungen zu verteilen. Wer darf Ihrer Meinung nach denn Kritik üben an den Intellektuellen der DDR und ihrer Rolle im SED-Staat?

KANT: Zunächst mal sie selber und die Betroffenen. Wenn zum Beispiel Christa Wolf sich hinstellte und an jenen, mit denen sie ihre Schwierigkeiten hatte, Kritik übte, wäre das eine absolut zulässige Angelegenheit. Vielleicht können Sie mir an dieser Stelle helfen. Ich verstehe nicht, was Sie reitet, Christa Wolf so anzugreifen. Ich kapiere das nicht.

SPIEGEL: Christa Wolf hat ein Buch veröffentlicht, in dem sie den Eindruck erweckt, auch sie, die wie Hermann Kant zu den Privilegierten des Systems gehörte, sei in Wahrheit eine Verfolgte der SED gewesen. Christa Wolf stellt sich im nachhinein in eine Reihe mit jenen, die jahrelang für ihre Überzeugung mit Berufsverboten und vielfältigen Schikanen bezahlt haben. Das ist mehr als peinlich.

KANT: Ich finde das ungerecht. Ich habe wenig Grund, den Propagandisten von Christa Wolf zu machen. Aber ich weiß, daß sie in den Jahren, in denen es schwierig für viele Leute war, diesen Leuten ihre Schwierigkeiten gemindert hat, wo sie konnte. Setzen Sie doch einmal in den SPIEGEL eine Aufforderung, es sollen sich bei Ihnen Leute melden, denen Christa Wolf geholfen hat.

SPIEGEL: Es geht nicht um gute Taten im Verborgenen. Wir wissen von Leuten, die vergebens Christa Wolf um politische Unterstützung gebeten haben. Jetzt eine kleine Beschwernis, nämlich die zehn Jahre zurückliegende Einschüchterung durch die Stasi, auf den Markt zu bringen kostet nichts. 1980 wäre die Erzählung »Was bleibt« eine Anklage gegen den Überwachungsstaat gewesen.

KANT: Das finde ich sehr merkwürdig, daß Sie, die Sie so rastlos waren bei der Schilderung einer DDR, in der keiner _(* Checkpoint Charlie am 10. November ) _(1989. ) muh oder mäh sagen durfte, jetzt verlangen, Christa Wolf hätte muh und mäh sagen sollen.

SPIEGEL: Es geht nicht darum, ihr vorzuwerfen, daß sie keine Heldin ist. Es geht darum, daß sie sich nachträglich zum Opfer stilisiert.

KANT: Ich bin in vielen Fragen verquer mit Christa Wolf in politischen Angelegenheiten; aber ich sehe nicht denjenigen, der das Recht hätte, sich selber sozusagen Moral zu bescheinigen und sie Christa Wolf abzusprechen.

SPIEGEL: Es geht nicht nur um Christa Wolf. Ihr Versuch, sich zu salvieren, ist vielmehr symptomatisch für das Bemühen vieler DDR-Intellektueller, sich um die Aufarbeitung ihrer Rolle im SED-Staat zu drücken. Daher die Aufregung. Wenn die ostdeutschen Intellektuellen etwas von ihrer Identität hinüberretten wollen in das vereinigte Deutschland, kommen sie um eine solche Selbstbesinnung nicht herum. Auch Hermann Kant nicht.

KANT: Ich drücke mich kein bißchen, ich akzeptiere nur die SPIEGEL-Intellektuellen nicht als meine Richter. Die Auseinandersetzung ist unvermeidlich, und sie wird stattfinden. Zur Zeit sind die Leute mit anderen Dingen befaßt und kommen gar nicht dazu. Aber ich habe keine Sorge, die Aufarbeitung wird erfolgen, sie muß erfolgen.

Für mich wäre das ganze Gespräch vertan, wenn auch nur ein Schatten des Eindrucks bliebe, ich wolle mich hier herausstehlen aus einer Rolle, die ich über 40 Jahre innegehabt habe. Ich lege Wert auf die Feststellung, daß ich ein Aktivist der DDR war, daß ich für die Herstellung eines lebbaren Sozialismus in diesem Lande gewesen bin. Ich kann doch jetzt nicht meine zehn Bücher durch die Welt laufen lassen und darauf hoffen, die Leute verstünden sie nicht mehr. Das sind Bekenntnisse von jemandem, der eine bestimmte Vorstellung von dieser Welt hatte. Da beißt die Maus keinen Faden ab.

SPIEGEL: Glauben Sie, daß der Sozialismus, für den Sie gekämpft haben, noch eine Zukunft hat?

KANT: Das hängt vom Kapitalismus ab. Der Sozialismus ist eine Reaktion auf den Kapitalismus gewesen. Wird sich der Kapitalismus wieder so verhalten, wie er sich damals verhalten hat, wird die Antwort zweifellos wieder eine sozialistische sein.

SPIEGEL: Im Augenblick verhält sich der Kapitalismus offenbar so gescheit, daß der Sozialismus in sich zusammengebrochen ist.

KANT: Der Klassenfeind ist entschieden schlauer geworden.

SPIEGEL: Hat der Klassenfeind die DDR kaputtgemacht?

KANT: Wir wollen es einmal ganz konkret machen. Der Klassenfeind, wie auch immer Sie das übersetzen wollen in viele Einzelheiten, Figuren, Gestalten, Mächte und Korporationen, war immerhin so intelligent, eine Politik zu verfolgen, auf die der Klassenfreund auf die dämlichste Weise, die sich überhaupt denken ließ, hereingefallen ist: Auf das vorgegebene Tempo und Ausmaß des Rüstens hat meine Seite keinen Einfall gehabt, als draufzuklotzen, draufzusatteln und mehr zu tun, nur mit dem Erfolg, daß sich die sozialistischen Länder erwürgt haben bei dem Versuch, da mitzuhalten. Das ist eine Intelligenzleistung höchsten Grades.

SPIEGEL: Der Sozialismus in der DDR ist doch nicht an der Rüstungsspirale kaputtgegangen, sondern daran, daß die Leute ihn zum Kotzen fanden und zu Hunderttausenden weggelaufen sind.

KANT: Das eine ist die Folge des anderen. Wenn man, anstatt sich an dem Wahnsinn zu beteiligen, hier für ein Leben gesorgt hätte, in dem sich die Leute wohlfühlten, wären ja die Leute nicht auf die Idee gekommen, woanders hinzugehen.

SPIEGEL: Hat nicht der permanente Verfolgungswahn, allüberall vom Klassenfeind umstellt zu sein, wesentlich zu einer DDR in Wehr und Waffen beigetragen?

KANT: Das ist nicht ganz richtig. Es bedurfte vielleicht einer gewissen intellektuellen Anstrengung, zu der unsereins fähig war; aber es war ganz eindeutig von irgendwann an, daß eine Sache, die, wenn sie glorreich verteidigt worden ist, nur aus strahlender Asche besteht, eigentlich nicht wert ist, verteidigt zu werden. Das sind Gedanken von Intellektuellen, die wir in Umlauf gebracht haben.

SPIEGEL: Doch die System-Propaganda lief andersherum. Waren die DDR-Intellektuellen auch ein bißchen paranoid?

KANT: Es ist einer der gravierenden Unterschiede zwischen Ihnen und mir darin zu sehen, daß Sie es für eine blanke Einbildung von mir halten, wenn ich von Klassenauseinandersetzungen und von politischen Abschaffereien spreche. Es bestätigt sich doch: Ich habe immer meinen Zuhörern, ob sie nun sehr scharf darauf waren oder nicht, gesagt, die anderen wollen uns wiederhaben, und sie werden nicht Ruhe geben, bis sie uns wiederkriegen. Jetzt kriegen sie uns. Das ist doch keine Einbildung.

SPIEGEL: Glauben Sie nicht, daß zu einem lebenswerten Sozialismus, den Sie anstreben, auch Meinungsfreiheit, Redefreiheit, Freiheit der Kunst und der Wissenschaft gehören?

KANT: Genau das meine ich schon. Und deswegen will ich auch sagen - es ist das erste Mal in diesem Gespräch, daß dieses Wort mir von den Lippen kommt: Ich war sehr stolz, daß im Schriftstellerverband in den letzten fünf, sechs Jahren nichts ohne Argumentation ging. Sie konnten nichts in ihm bewirken durch Hinweise auf irgendeinen Ukas.

SPIEGEL: Aber Sie gehen nicht so weit zu sagen, der Verband sei ein Hort der Freiheit gewesen?

KANT: Nein, das war er nicht. Aber gemessen an dem, was anderen möglich war, war er ein Ort auf dem Weg zur Freiheit, und das haben nicht die Leute außerhalb des Verbandes, sondern die Leute in ihm bewirkt.

SPIEGEL: Was Sie bewirkt haben, waren Ausschlüsse und Publikationsverbote.

KANT: Das ist doch Unfug. Ich habe in einer bestimmten Situation - 1979 - gesagt: Liebe Kollegen, wenn Sie das Statut dieses Verbandes nicht anerkennen, wird sich der Verband wie ein beliebiger Molkereiverband verhalten müssen, nämlich: Denjenigen, die ein Statut nicht anerkennen, kann die Anerkennung durch den betreffenden Verband nicht zuteil werden; sie zwingen uns zum Ausschluß.

SPIEGEL: Man hätte ja vielleicht auch darüber nachdenken können, ob das Statut nicht überholt ist.

KANT: Genau das ist ein Punkt, über den ich jetzt nachdenke. Das ist der Punkt, wo es um Schuld oder Nichtschuld geht. Ich habe zu verantworten, daß ich nicht auf die Idee gekommen bin zu sagen: Wenn das Statut so ist, daß wir uns darüber nicht mehr einigen können, dann laßt uns jetzt nicht über eure Entfernung oder unser Drinbleiben nachdenken, sondern über das Statut.

SPIEGEL: Herr Kant, schreiben Sie weiter, oder wird der Autor Kant im neuen Deutschland stumm bleiben?

KANT: Ich schreibe ja, ich bin Schriftsteller. Zur Zeit schreibe ich an einer »Erinnerung an die Gegenwart«. Ich versuche, meine Version dieses Zeitraums DDR abzuliefern. Diese autobiographische Sache wird »Abspann« heißen.

SPIEGEL: Sie haben 1984 im Fragebogen der Frankfurter Allgemeinen auf die Frage: »Wo möchten Sie leben?« geantwortet: »Dort, wo man mich sonst vermißte.« Wird Hermann Kant politisch heute noch irgendwo vermißt?

KANT: Keine Frage an mich. Das kann ich nicht beantworten.

SPIEGEL: Herr Kant, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

* Matthias Matussek und Ulrich Schwarz, in Kants Garten inOst-Berlin.* 1978 bei einem Empfang mit Ministerpräsident Willi Stoph, SED-ChefErich Honecker, Politbüro-Mitgliedern Paul Verner und Hermann Axen.* Checkpoint Charlie am 10. November 1989.

M. Matussek, U. Schwarz
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