Zur Ausgabe
Artikel 69 / 95

»Ich will die Intelligenz beliefern«

Der rasche Aufstieg des Designers Philippe Starck *
aus DER SPIEGEL 16/1987

Wie ein Besessener tüftelt er an neuen Nudelformen für die Pasta-verrückten Italiener, entwirft Wasserhähne oder Kloschüsseln, gestaltet Limonadenflaschen und richtet Diskotheken ein. Seine Möbel stehen in den Appartements der New Yorker Yuppies ebenso wie in manchen bretonischen Bauernstuben. Und wenn der Maestro in Mailand oder Tokio Novitäten vorstellt, dann feiern ihn die Fachleute.

Kaum ein anderer europäischer Designer ist derzeit so gefragt wie der fleißige Franzose Philippe Starck. Bewunderer aus aller Welt wollen ihn engagieren, Couturiers und Hotelbesitzer, multinationale Konzerne und exzentrische Superreiche. »Jeden Monat«, behauptet Starck, »lehnen wir fünfzig dicke Aufträge ab.«

Die Karriere des 38jährigen Parisers, der innerhalb von fünf Jahren vom Nobody zum Branchenstar aufstieg, hat Experten und Konkurrenten gleichermaßen verblüfft. Auch Starck wundert sich gern öffentlich: »Eigentlich habe ich von Ästhetik gar keine Ahnung«, kokettiert er zuweilen. Er wisse weder, was »guter Geschmack« noch »was schön ist«.

»Ich bin ein Träumer«, sagt Starck. Manche halten ihn allerdings eher für einen Trinker, seit er theatralisch bekanntgab, er trinke ausschließlich Alkohol, nämlich »nichts als Champagner und davon zuviel«. Alle zehn Wochen benötige er Nachschub, jedesmal 500 Flaschen, natürlich alle »brut«.

Es belustigt ihn, seine Anhänger ständig zu verunsichern. Während Designer-Kollegen

wie Allessandro Mendini oder Giorgio Giugiaro stets Wert auf korrekte Kleidung und frische Frisuren legen, schlürft Starck zu seinen Auftritten am liebsten im studentischen Gammellook der späten 60er Jahre. Dunkle Jeans, schwarze Leinenjacke, darunter ein schwarzes T-Shirt »in dem er offenbar auch schläft', wie sich der Berichterstatter der britischen Zeitschrift »Blueprint« mokierte.

Auch die spärlichen, ungepflegten Bartfragmente um Mund und Doppelkinn, der wirre Haarschopf, die Aknenarben im Gesicht und der deutlich über dem Hosengurt getragene Bauchansatz passen nicht so recht zum Glamour-Gewerbe der schönen Form. Starck will provozieren - mit seinen Entwürfen wie mit seiner Person. Er beschreibt sich als »groß und fett, unhöflich, aber empfindsam«.

Ob derlei Mätzchen nur Masche sind, um den Medien Stoff für Storys zu liefern, ist der Kundschaft wohl ohnehin gleichgültig. Was immer unter Starck-Signet in den Handel kommt, gilt in kürzester Zeit als Bestseller.

Der für einen Designer ungewöhnliche Erfolg beruht auf Planung: Im Gegensatz zu anderen Designern produziert Starck nicht nur Ideen, sondern mischt auch beim Marketing mit. Von den meisten Auftraggebern verlangt er, die Preise so zu gestalten, daß sie auch für Durchschnittsverdiener erschwinglich sind - nicht billig sollen Starck-Möbel sein, aber preisgünstig.

»Ich will die Intelligenz beliefern«, definiert der Franzose seine Zielgruppe. »Arme genauso wie Reiche.« Die Produzenten sind's zufrieden. Von vielen der rund 60 Möbelstücke, die Starck bislang für diverse Hersteller in Italien, Frankreich, Spanien und Japan entworfen hat, werden jeden Monat rund tausend Exemplare fabriziert und weltweit ausgeliefert.

Stahlstühle wie den zusammenklappbaren Dreibeiner »Mrs. Frick« gibt es in Frankreich schon für umgerechnet 250 Mark, der Schwinghocker »Mr. Bliss« kostet 280 Mark; das Lederfauteuil »J.« mit dem für Starck typischen hinteren Spreizfuß wird für 1800 Mark verkauft, und der Metallhocker »Colucci« ist für rund 300 Mark zu haben.

»Schön, funktionell und nicht zu teuer«, lobte Frankreichs ehemaliger Kulturminister Jack Lang die Starck-Entwürfe. Nur in der Bundesrepublik stockt der Absatz noch. Die konservativen Händler zögern zu ordern, und die anderen ärgern sich über schlechte Konditionen. »Der Importeur schlägt so viel auf, daß wir zu teuer anbieten müssen«, schimpft der Hamburger Möbelverkäufer Rudolf Beckmann. Tatsächlich kosten manche Modelle in der Bundesrepublik doppelt soviel wie in Frankreich.

Starcks Stil ist kaum in gängige Kategorien einzuordnen. Ein bißchen Bauhaus vielleicht, ein wenig Art deco und ein leichter Hang zum High Tech der 80er Jahre: Die Möbel, zumeist aus lackiertem Stahl und dunklen Kunststoffen gefertigt, zeichnen sich durch klare, wenngleich oft überraschende Linien aus.

Starcks Stühle wirken grazil und leicht, einige Sessel und Schränke zeigen verspielte Anklänge an Klassiker, wirken aber nie klobig. Erst seit einigen Monaten experimentiert der Franzose mit schrillen Farbkontrasten und zahlreichen Materialien, darunter Aluminiumguß, Leder und Mahagonihölzer, fürchtet sich aber davor, dem schnellebigen Zeitgeist zu verfallen. »Gutes Design«, lautet Starcks Wahlspruch, »darf nicht modisch sein.«

Und auch nicht immer bequem: »Man muß auf meinen Stühlen nicht sitzen können«, belehrte er jüngst in Köln Möbelhändler. Manche Modelle, empfiehlt Starck ohne falsche Bescheidenheit, sollten sich die Leute einfach als Statussymbol in den Flur stellen, um so jedem Gast »zu zeigen, welcher Kulturklasse sie angehören«.

Eine Klassengesellschaft der Möbelkäufer will der Designer nicht propagieren, im Gegenteil: Starcks Absicht, die von ihm gestalteten Produkte möglichst weit zu verbreiten, äußert sich in der langjährigen Zusammenarbeit mit dem biederen französischen Versandunternehmen Trois Suisses: Ein rundes Dutzend Starck-Artikel können Trois-Suisses-Kunden per Post ordern, so einen runden Stahltisch (Modell »Nina Freed") für rund 900 Mark, etliche Lampen (ab 150 Mark), den postmodernen

Kleiderschrank »Fred Zafsky« (ab 1100 Mark) sowie die Pultkommode »Le Bureau du Theatre du Monde« (580 Mark).

Finanziell sei die Kooperation mit dem Massenversender zwar ein Flop. »Aber dafür erscheint der Katalog in einer Auflage von sechs Millionen«, schwärmt der Designer, »den liest jeder dritte Franzose.« Und für soviel Popularität verzichtet Starck schon mal auf lukrative Honorare. »Geld spielt keine Rolle mehr«, erklärt der Sohn eines Flugzeugkonstrukteurs, »ich kann es mir leisten, das zu machen, was ich will.«

Das war nicht immer so. Nach einem gescheiterten Versuch als freier Unternehmer hatte Starck als 20jähriger im Team von Pierre Cardin angemustert, mit mäßigem Erfolg. Nach einem längeren USA-Aufenthalt kehrte er 1976 nach Paris zurück und richtete in den folgenden Jahren zwei Nachtclubs und ein Restaurant ein, danach die Modehäuser von Pierre Balmain, die Boutiquen von Dorothee Bis und einige Wohnungen der Pariser Upper class.

Doch erst 1984, mit der Gestaltung des »Cafe Costes« am Pariser Square des Innocents, gelang Starck der Aufstieg in die internationale Designer-Elite. Zarte Pastelltöne an Wänden und Decken, Treppenaufgänge und Fußböden aus granitähnlichem Spezialbeton sollten Besuchern »einen Eindruck osteuropäischer Kultur« vermitteln, eine »melancholische Stimmung wie im alten Prager Hauptbahnhof« (Starck).

Das zweistöckige Kaffeehaus, dessen Innenarchitektur an den Salon eines Ozeandampfers erinnert, wurde mittlerweile zum Wallfahrtsziel von Design-Freaks aus aller Welt. Der eigens für das Cafe entworfene Stuhl »Costes«, dessen Lehne aus formgepreßtem Schichtholz auf einem dreibeinigen Stahlgestell ruht, gilt als Markenzeichen für Starcks Talent. Er steht in Hotel-Foyers und Privatwohnungen, schmückt die Konferenzräume von Werbeagenturen und Banken.

Starcks stärkstes Stück, meinen Kritiker, sei allerdings die im vergangenen Jahr an der Pariser Rue St. Denis eröffnete Luxus-Boutique »Creeks«. Mit Hilfe gigantischer Wandspiegel und der dominierenden, lachsfarbenen Treppe mit schlichtem Chromgeländer gelang Starck das architektonische Kunststück, in einem nur knapp sechs Meter breiten, aber gut 30 Meter langen Raum eine Illusion von Schwerelosigkeit und Weite zu erzeugen.

Für seinen »Starck Club« in Dallas und das erst wenige Monate alte Restaurant »Manin« am Flughafen von Tokio gab es ebenfalls Beifall. Aber der komme aus der falschen Ecke, klagt Starck: »Ich will Designer sein, nicht Inneneinrichter oder Architekt.«

An Aufträgen mangelt es nicht, und Starck scheut vor keiner Aufgabe zurück. Fast beliebig bedient er alle Branchen: *___Für die Mineralwasserfirma Vittel entwickelte er ____tornisterförmige Flaschen; *___Du Pont orderte ein extravagantes Feuerzeug; *___im Auftrag der italienischen Firma Ducati denkt er über ____formale Innovationen an Motorrädern nach; *___von Villeroy & Boch kam der Vorschlag, ein ____Sanitärprogramm zu gestalten; *___der französische Elektronikkonzern Thomson ____bestellte neue Formen für Fernsehgeräte; *___dem japanischen Unternehmen Nichinan half Starck mit ____Uhren-Ideen; *___Frankreichs Staatspräsident Francois Mitterrand erhielt ____den Tisch »President M.« für seine Privaträume im ____Elysee-Palast.

Daß Autodidakt Starck ein derartiges Pensum zu bewältigen vermag, liegt auch an seiner unkonventionellen Arbeitsweise (siehe Kasten). Nach Türen und Teigwaren, Barhockern und Badezimmern, möchte sich Starck, der in Frankreich 1985 zum Designer des Jahres gekürt wurde, künftig an schwierigere Aufgaben wagen. Rund zweihundert Ideen habe er im Kopf, erklärt er. Und sehnsüchtig wartet der Designer, nebenher begeisterter Segler und Motorradfahrer, auf die Order, ein Automobil entwerfen zu dürfen.

Beinahe wäre ihm der Einstieg in die Welt der Pininfarinas und Bertones schon gelungen. Frankreichs Staatskonzern Renault verlangte ein Facelifting für die Limousine »Espace«. Doch Starcks Ideen wurden nie verwirklicht, dem maroden Unternehmen fehlte das Geld.

Interessenten aus dem Fernen Osten könnten ihm den Wunsch womöglich doch noch erfüllen. Nach Chronometern und einer erfolgreichen Möbelkollektion wollen japanische Manager mit Starcks Hilfe nun auch andere Konsumartikel in Form bringen. Nur mit Spitzen-Design, meinen die Japaner, ließen sich die Absatzchancen ihrer Produkte im Ausland noch verbessern. Auch ein bedeutender Automobilhersteller hat bereits in Paris um Rat nachgefragt. Starck soll Innenausstattung und Karosserie eines Kleinwagens auf europäischen Geschmack trimmen.

Starck ist begeistert von der Aufgeschlossenheit der Asiaten. Noch würden viele japanische Firmen zwar nur abgucken, kopieren und lernen. »Aber in drei, vier Jahren«, prophezeit der Designer, »werden die führend sein in der Welt.« Das Design der Zukunft werde mit Sicherheit in Japan geprägt.

So richtig freuen mag er sich darüber aber nicht. Denn sein geheimster Wunsch ließe sich nur in Europa erfüllen. »Am liebsten«, träumt Philippe Starck, »würde ich für Mercedes arbeiten.«
*KASTEN *

»Tippy Jackson«, Philippe Starcks bekanntester Klapptisch (1041 Mark), entstand wie die meisten seiner Möbel: schnell und unkompliziert. Auf einem einzigen Blatt wurden alle wichtigen Details skizziert. »Manchmal brauche ich nur dreißig Minuten für einen Entwurf«, erklärt der Designer, der mitunter sogar im Flugzeug arbeitet. Seine Zeichnungen schickt er per Telefax an Hersteller in aller Welt. Über Einzelheiten mag Starck nicht lange diskutieren, eventuelle Probleme interessieren ihn nicht, um Feinarbeit kümmern sich Assistenten.

Zur Ausgabe
Artikel 69 / 95
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.