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»Ich will Sex, nicht Erotik«

Von Peter Stolle und Joachim Kronsbein
aus DER SPIEGEL 48/1996

SPIEGEL: Herr Newton, Sie haben sich gerade Ihre Memoiren von der Seele geschrieben. Enthüllen Sie die letzten Geheimnisse eines weltbekannten Erotomanen?

Newton: Hätten Sie wohl gern, ich erzähle von meinem amüsanten, turbulenten Leben. Aber mit wem ich im Bett war, das geht keinen was an. Ich habe meine Erinnerungen in Englisch verfaßt, weil mein Deutsch schon rostig ist. Ich alter Kacker bin ja mit Thomas Mann und Arthur Schnitzler aufgewachsen. Kennen Sie zum Beispiel noch das hübsche Wort für flirten: poussieren?

SPIEGEL: Ist bekannt. Wollen Sie in dem Buch Ihr Image als notorischer Poussierstengel total ignorieren?

Newton: Ach, wissen Sie, ich bin im Hauptberuf Modefotograf und kein Frauenheld. Aber es stimmt schon, mein Ruf ist ruiniert: Wenn ich irgendwo zum Dinner eingeladen bin, starrt mich meine Tischdame an und flötet: »Sie sind ja richtig nett - gar nicht wie Ihre Bilder.«

SPIEGEL: Ihre weiblichen Akte, die berühmten »Big Nudes«, sind so kalt und streng, daß manche sich vor ihnen ängstigen. Sind Sie ein Weiberfeind?

Newton: Bullshit. Ich liebe die Mädels, das alles ist ein feministisches Mißverständnis. Einmal hätte ich beinahe von einer aufgebrachten Frau Prügel bezogen. Da saß ich im Pariser Restaurant »La Coupole«, als die Angetraute eines deutschen Fernsehmenschen wie eine Furie auf mich zuschoß und mir eine runterhauen wollte. Meine tapfere Frau June, die ziemlich kräftig ist, warf sich beherzt dazwischen.

SPIEGEL: Woher kommt denn Ihre Neigung zu paramilitärischen Walküren?

Newton: Vielleicht hängt es mit meiner Mutter zusammen, die eine veritable Power-Frau war. Künstlerisch hat mich meine Lehrmeisterin Yva geprägt, eine weiland berühmte Berliner Modefotografin, die auch viele Aktaufnahmen machte. Diese wunderschöne Frau, in die ich als 16jähriger Lehrling wahnsinnig verknallt war, ist später in Auschwitz ermordet worden.

SPIEGEL: Sie sind Ende 1938 aus Berlin emigriert. Wie war Ihre Jugend?

Newton: Schön, bis auf die Scheiße mit den Nazis. Mein Vater war Knopffabrikant, und wir lebten behäbig-bourgeois, sehr preußisch. Ich war ein schlechter Jude, gar nicht religiös. Einmal im Jahr mußte mich mein Vater an den Ohren in die Synagoge ziehen. Wie viele Juden konnten sich auch meine Eltern nicht vorstellen, was in den Konzentrationslagern grauenhafte Wirklichkeit wurde.

SPIEGEL: Was haben Sie empfunden bei den Aufmärschen der braunen Horden?

Newton: Natürlich habe ich mich gefürchtet, aber ich war immer Optimist. Meine Freunde und ich wollten Spaß. Wir hatten alle Mädels, die sexuell sehr empfänglich waren, nicht etwa Nutten, sondern, wie meine Mutter sagte, aus gutem Stall. Ficken und fotografieren, das war damals meine Devise. Ich wollte ein rasender Reporter werden - ein Egon Erwin Kisch der Fotografie.

SPIEGEL: Warum sind Sie an diesem Ideal gescheitert?

Newton: Für den Tagesjournalismus war ich einfach zu unbeholfen. In Singapur, der ersten Etappe meiner Emigration, hatte ich bei einer großen Zeitung einen Aushilfsjob ergattert. Mit meiner primitiven Rollei sollte ich zum Beispiel Tee-Partys im Gouverneurspalast knipsen. Aber bis ich die Kamera schußbereit hatte, waren die Gäste schon längst über alle Berge. Nach 14 Tagen saß ich auf der Straße und schlug mich, arm am Beutel, nach Australien durch.

SPIEGEL: Bei den Schafsnasen haben Sie sich eine Blitzkarriere versprochen?

Newton: Es ging ums Überleben. Und wenn man sich für nichts zu schade war, funktionierte das auch. Ich wollte um jeden Preis fotografieren, Kunst ist mir scheißegal gewesen. Ich hab'' Hochzeiten geschossen, Strickvorlagen und Babyleibchen. Bald hatten June und ich ein hübsches Haus, Autos und ein florierendes Studio. Aber ich wußte, das war alles Dreck, und so habe ich zu meinem Geschäftspartner gesagt: »Ich will Fotograf sein und nicht Businessman.« Der gab mir zwei Kameras und 2000 Dollar, und wir hauten 1956 ab nach Europa. Als erstes kaufte ich mir in Stuttgart einen weißen Porsche mit roten Ledersitzen.

SPIEGEL: Ausgerechnet ein deutsches Fabrikat?

Newton: Ich weiß, was Sie meinen, aber der Flitzer war halt mein großer Traum. Ich hätte nie wieder in Deutschland leben können, nicht mal in meinem geliebten Berlin. Jeder Deutsche aus meiner Generation ist mir noch heute unwillkürlich verdächtig. Aber verstehen Sie, als ich damals mit diesem Luxus-Schlitten über die Autobahn rauschte und mich die wenigen anderen Porsche-Fahrer mit der Lichthupe grüßten, war das ein überwältigendes Gefühl. Drei Monate sind wir durch Europa gegondelt. Als wir eines Tages in Paris auf einer Café-Terrasse saßen, sagte ich zu June: »Du, hier werden wir immer leben.«

SPIEGEL: Und dann endlich gingen die Scheinwerfer an für Helmut Newton?

Newton: Sachte, Gentlemen. Paris wurde mein Paradies, aber das dauerte. Bis ich bei dem legendären Luxus-Blatt Vogue landen konnte, mußte ich lange Klinken putzen. Für ein Foto kriegte man damals höchstens 40 Dollar. Wir lebten in Löchern, rauchten wie die Schlote, tranken den grauenvollen »Vin de Postillon« für einen Franc pro Liter und hockten nächtelang in den Bars. June trug einen erbärmlichen Mantel aus einer Art Pappe. Wenn es regnete, wurde das Ding ganz steif, und man konnte es in die Ecke stellen. Den Porsche hab'' ich trotzdem nicht hergegeben.

SPIEGEL: Von Glamour keine Rede?

Newton: Doch, glamour has nothing to do with money. Wir waren jung und haben uns herrlich amüsiert. Und zur rechten Zeit - ich hatte immer eine Nase für Timing - ist mir für meine Modefotos etwas Neues eingefallen: Sex.

SPIEGEL: Sie meinen nicht Erotik?

Newton: Nein, ich hasse dieses ausgelutschte, doofe Wort. Ich inszenierte die natürliche Sexualität der Frauen, ihr Verhalten im Alltag. Ich habe schon als Junge in Berlin mit meiner ersten Agfa-Box die Menschen in der U-Bahn fotografiert. Ich liebe das mysteriöse Dunkel der Nacht und hasse Studios. Eine Frau lebt nun mal nicht vor einem weißen Hintergrund, sondern in einer Wohnung, auf der Straße, im Auto.

SPIEGEL: Hatten Sie damals schon die Fixierung auf großbusige Models?

Newton: So was gab''s gar nicht. Die Pariser Mädels von der Haute Couture waren winzig, mit Mini-Busen und hängenden Schultern.

SPIEGEL: Waren das bereits Mega-Stars?

Newton: Nein, schlichte Mannequins. Heute werden diese Vorführdamen gewaltig überschätzt. Die Zeit dieser Super-Puppen ist vorbei. Sie sind langweilig und meistens dumm.

SPIEGEL: Unsere Bundes-Beauty Claudia Schiffer - unterbelichtet?

Newton: Ein nettes Girl, but I don''t want to comment on it. Mein Typ sind intelligente Frauen, die einen gewissen Kick haben. Sogar heute habe ich junge Freundinnen, die extra, um mir eine Freude zu machen, auf extrem hochhackigen Schuhen stöckeln, weil ich das so aufregend finde.

SPIEGEL: Newton - ein greiser Absatz-Fetischist?

Newton: Manchmal sogar ein aktiver. Wir waren hier mal in Monte Carlo zu einem romantischen Geburtstagsball eingeladen. Ich beschloß, im Smoking, mit langer Loreley-Perücke und hochhackigen Schuhen aufzutreten. So ging ich also in einen Laden und verlangte ein Paar in Größe 43 1/2. Die Eigentümerin, eine köstliche alte Dame, zuckte nicht eine Sekunde mit den Wimpern, und bald war ich stolzer Besitzer von Stiletto-Sandaletten, auf denen man sogar bequem tanzen konnte.

SPIEGEL: Ihre Fotos strotzen von klassischen Sado-Maso-Fetischen - Pelzen, Peitschen, Ketten. Sind das auch private Obsessionen?

Newton: Ja, damals habe ich diese Bilder tatsächlich für mich gemacht. SM interessierte mich enorm, seit ich den fesselnden Porno »Geschichte der O« gelesen hatte. Das schönste Kompliment für meine Arbeit ist es, wenn mir ein Mann beichtet, daß er auf meine Bilder masturbiert.

SPIEGEL: Mit diesen Liebesgrüßen aus der Dunkelkammer sind Sie der teuerste Fotograf der Welt geworden.

Newton: Sagt man. Für ein Porträt müssen Sie 30 000 bis 40 000 Dollar anlegen. Ich gehe dafür aber auch hervorragend präpariert zur Arbeit. Denn der ganze Zirkus kostet viel Geld. Ich kann mir nicht erlauben, an einer Straßenecke zu stehen und darauf zu warten, bis der liebe Gott mir eine Eingebung schenkt.

SPIEGEL: Sind Sie mit Ihren zwielichtigen Bildern nicht der ideale Kameramann für reiche Lüstlinge?

Newton: Ja, einmal hatte ich einen besonders makabren Auftrag. Eine Ehefrau in Los Angeles heuerte mich an, sie in gewissen sexuellen Posen, mit Peitschen und so, zu fotografieren. Zwei Jahre später schrieb mir ihr Mann und bat um die Negative: Seine inzwischen gestorbene Frau hatte ihm ihr Krebsleiden verschwiegen und wollte ihm ein aufregendes Souvenir hinterlassen.

SPIEGEL: Wie komponieren Sie Ihre Fotos?

Newton: Ich habe viele kleine Notizbücher, in denen ich dauernd Ideen aufschreibe. Manchmal kommt mir der Zufall zur Hilfe. Wissen Sie, wie ich auf mein berühmtes Schmuckhuhn in der Vogue gekommen bin?

SPIEGEL: Sie meinen den fotografischen Appetitzügler - gegrillter Flattermann mit Juwelenhänden?

Newton: Exakt. Eines Tages komme ich in unsere Küche, und da liegt, von der Köchin zugerichtet, ein Brathuhn, spreizbeinig auf dem Tisch. Mir kam spontan die Erkenntnis: Wenn reiche Frauen kochen, behängen sie sich genauso, als wenn sie zu einer Gala gehen. Leider fand die Firma Bulgari, der die Pretiosen gehörten, den Gag geschäftsschädigend.

SPIEGEL: Warum sind Sie, ein bekennender Bonvivant, von Paris in das sterile Monte Carlo gezogen?

Newton: Schauen Sie sich um. Ich hause hier doch himmlisch im 19. Stock, zahle kaum Steuern, genieße das Mittelmeerklima und gehe mit einem guten Buch früh zu Bett. Die Libido hat langsam Ruh''.

SPIEGEL: Kommt Ihnen wenigstens noch was vor die Linse?

Newton: Keine Nackten mehr, damit bin ich durch. Meine Leidenschaft sind jetzt Landschaftsaufnahmen und Städtebilder.

Aber die will keiner sehen. Mein Galerist hat mir gesagt: » Helmut, die zeigen wir, wenn du tot bist.« Aber so lange will ich nicht warten.

SPIEGEL: Herr Newton, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

* Peter Stolle, Joachim Kronsbein, mit einer erotischenSkulptur in Newtons Wohnung in Monte Carlo.

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