Sibylle Berg

Debatte über Identitätspolitik Lesen hilft!

Sibylle Berg
Eine Kolumne von Sibylle Berg
Der aktuelle Identitätskampf führt zu Selbstkontrolle, Zensur und vorauseilender Schmierigkeit von Wohlmeinenden. Was man als Angehöriger der sogenannten privilegierten Schicht jetzt tun kann.
Die Wenigen werden immer mächtiger, die Vielen stechen sich gegenseitig die Augen aus

Die Wenigen werden immer mächtiger, die Vielen stechen sich gegenseitig die Augen aus

Foto: vectorplusb / Getty Images / iStockphoto

Jeder kämpft für sich allein. In einer Zeit des totalen Umbruchs, in der China seine Macht zementiert, Hongkong umbaut, Taiwan bedroht, ein immenses Wirtschaftswachstum hinlegt und bald zur Weltmacht werden wird. Während Duterte auf den Philippinen zum Töten von Kommunisten aufruft und die von der Industrie beratene Politik beschließt, in hundert Jahren Benzinautos abzuschaffen.

Während die immense Macht und das Vermögen Weniger weiter zu absurder virtueller Größe wächst, kämpfen wir Kleinbürger (die Topbezeichnung für uns alle, las ich bei Dietmar Dath) unterdessen wieder mal, oder wie immer, gegeneinander. Um Gleichberechtigung, Anerkennung, um das größte Benachteiligtsein. Welche Minderheit ist schlechter dran unter all den Elenden? Welches Wort löst was aus, welcher Begriff hat sich über Nacht als unsagbar herausgestellt, welche Professorinnen, wissenschaftlichen Meinungen sind untragbar und wegen was genau?

Die Folgen des Identitätskampfes

In den sozialen Medien (Regel 1: Nie ernsthafte Diskussionen oder Gedanken teilen. Regel 2: Haut ab, solange ihr noch könnt) wird nur noch geschrien. Shitstorms, Hass, der zur realen Bedrohung wird. Das Ende von Karrieren, die von dort in die Printmedien weitergereicht werden.

Die Folgen des aktuellen Identitätskampfes sind: Selbstkontrolle, Zensur, vorauseilende Schmierigkeit von Wohlmeinenden, moralische Überlegenheitsgefühle von Leuten, die sonst nichts haben, und mehr Trennung als das Schaffen von Gemeinsamkeit.

Ein Beispiel. Als ich vor zwei Jahren mit drei schwarzen Musikern aus England zusammen auf Tour war, wurde ich von einem wohlmeinenden jungen Mann gefragt, ob ich mir jetzt die Kultur der schwarzen Musiker angeeignet hätte. Sofort hatte ich, eine weniger benachteiligte Minderheit – weiße Frau unklarer Zugehörigkeit zu allen möglichen anderen Randgruppen – ein schlechtes Gefühl.

Einer der schwarzen Musiker fragte den jungen Wohlmeinenden dann, was der für eine rassistische Scheißfrage gestellt hätte, die es ihnen als schwarzen Musikern absprach, freiwillig mit mir zusammenzuarbeiten.

Die Wut ist verständlich

Kurz – die Lage ist angespannt. Viele fliegen aus der Kurve und verkehren nur noch mit Menschen, die ihnen sehr ähnlich sind. Wie alle gesellschaftlichen Veränderungen braucht auch der aktuelle Kampf für Gerechtigkeit für alle eine Aggressivität, denn viele sind es leid, die gleichen Auseinandersetzungen immer und immer wieder zu führen.

Die Wut, die Lautstärke sind verständlich, denn es ist immer ein Kampf, anderen klarzumachen, dass sie außer Gewohnheiten nichts verlieren, wenn wir teilen. Und zwar alle dasselbe: die Abhängigkeit von Arbeitgebern und die absolute Ohnmacht. Und wenn wir Kleinbürger uns die Augen ausstechen, wird es natürlich nichts mit einem gemeinsamen Gefühl dafür, was eigentlich die Macht der Massen wäre.

Was man jetzt tun kann, als Angehöriger der sogenannten privilegierten Schicht – also nicht körperlich oder geistig beeinträchtigt und weiß – ist, sich zu informieren. Über den aktuellen Erkenntnisstand zu Menschen, die in der normalen Unterdrückung unserer Klasse noch schlechter dran sind, weil wir dazu animiert wurden, uns untereinander zu hassen (danke, rechte Parteien) damit wir nicht auf dumme Ideen kommen.

Kwame Anthony Appiah, Emilia Roig, Mithu Sanyal und Reni Eddo-Lodge helfen, ein Bewusstsein für Kolonialismus, Identitätskampf und Rassismus zu entwickeln. JJ Bola erzählt in »Sei kein Mann« vom Albtraum der Männlichkeit. Und wenn man nicht lesen mag, gibt es auf YouTube Millionen gute Videos, die helfen zu verstehen, dass es mehr als zwei Geschlechter und tausend Arten von Sexualität gibt.

Bernd Stegemann hat aus der Sicht eines weißen Mannes über Wutkultur geschrieben und liefert viele gute Positionen. Die Wichtigste ist: das hinter all den Forderungen, die im Moment scheinbar zu laut vorgetragen werden, nur eines steht: Alle sollten die gleichen Rechte haben. Gleich im Ansehen, in der Wertung, die gleichen Chancen, sich ausbeuten und unterdrücken zu lassen.

Als Nächstes kann man dann aufhören, einander zu hassen und zusammen beginnen, Marx zu lesen, Lenin zu studieren. Ach, und als Erinnerung an mich (und Sie): Hauen Sie ab aus den sozialen Medien, verplempern Sie ihre Lebenszeit nicht mit Hetze und Gebrüll, mit Diskussionen, die im Nichts enden. Soziale Medien taugen nur zu einem: Unsere Daten abzuziehen, und die Massen mit Quatsch beschäftigt zu halten.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.