René Pfister

Identitätspolitik Wer schreit, gewinnt

René Pfister
Ein Kommentar von René Pfister
Ein Kommentar von René Pfister
Die Demokratien in den USA und Europa werden von rechten Populisten bedroht, aber auch von einer dogmatischen Linken, die glaubt, im Namen der Gleichberechtigung jeden aussortieren zu dürfen, der sich eine unabhängige Meinung leistet.
US-Dichterin Amanda Gorman: Kulturkampf um die Übersetzung eines Gedichts

US-Dichterin Amanda Gorman: Kulturkampf um die Übersetzung eines Gedichts

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Win McNamee / Getty Images

Am 18. Februar veranstaltete die SPD eine virtuelle Podiumsdiskussion zum Thema »Kultur schafft Demokratie«. Gesine Schwan, die Vorsitzende der Grundwertekommission, hatte dazu Sandra Kegel eingeladen, Leiterin des Feuilletons der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung«. Die Runde wäre in der Flut der Berliner Zoom-Konferenzen untergegangen, hätte Kegel nicht kurz zuvor eine Glosse veröffentlicht, in der sie in leicht spöttischem Ton über die inneren Widersprüche von #actout geschrieben hatte, einer Gruppe von 185 schwulen, lesbischen und queeren Schauspielerinnen und Schauspielern, die sich über Diskriminierungen in ihrer Branche beklagen.

Im Netz gab es sofort einen Sturm der Entrüstung, und Schwan wurde offenkundig bedrängt, Kegel wieder auszuladen, was sie ablehnte. Schließlich wurde als Kompromiss vereinbart, dass sich an der Veranstaltung auch queere Aktivisten beteiligen dürfen – von denen dann einige die Gelegenheit nutzten, Kegel »rechtsradikalen Sprech« vorzuwerfen und sie auf eine Stufe mit Thilo Sarrazin zu stellen, der wegen rassistischer Bücher aus der SPD geworfen worden war. Es war der Verleger Helge Malchow, der noch in der Runde fassungslos anmerkte, der Ton erinnere ihn an »stalinistische Schauprozesse«. Ein paar Tage später entschuldigten sich SPD-Chefin Saskia Esken und ihr Stellvertreter Kevin Kühnert für die Veranstaltung – allerdings nicht bei Kegel, sondern bei jenen Aktivisten, die die Journalistin zum Teil niedergemacht hatten.

Nun ist es das eine, wenn Esken und Kühnert meinen, sich bei Leuten andienen zu müssen, die einer der renommiertesten Literaturkritikerinnen des Landes geistige Nähe zur AfD unterstellen. Unter Esken ist die SPD schon seit Längerem auf einem Todesmarsch, der die Partei immer mehr von ihrer einstigen Wählerschaft entfernt. Wenn nun schon ein aufrechter Sozialdemokrat wie der ehemalige Bundestagspräsident Wolfgang Thierse als rückwärtsgewandt gilt, dann passt die Wählerschaft der SPD womöglich bald in einen Seminarraum für Gendertheorie.

Gravierender aber ist, dass nun auch in Europa eine Debattenkultur um sich greift, in der Betroffenheit und der Jargon der Empörung das Argument ersetzen. »Cry Bullying« heißt ein Instrument, das zuerst an amerikanischen Universitäten Anwendung fand und mit dem Gruppen, die sich diskriminiert fühlen, jede Gegenrede zu ersticken versuchen. Es ist so effektiv, dass inzwischen Parteien und Unternehmen schon beim geringsten Protesthauch einknicken.

Am Montag gab der niederländische Verlag Meulenhoff bekannt, die weiße Autorin Marieke Luca Rijneveld werde nun doch nicht das Gedicht übersetzen, das die schwarze Dichterin Amanda Gorman für die Amtseinführung des neuen US-Präsidenten Joe Biden geschrieben hatte. Gorman hatte die Wahl der Booker-Preisträgerin Rijneveld ausdrücklich begrüßt; der Verlag sprach von einer Traumlösung. Dann aber attackierte die schwarze Aktivistin Janice Deul in einem Zeitungsbeitrag die Wahl als »vertane Chance«, den Auftrag einer Autorin zu geben, die »ganz selbstverständlich schwarz« sei – woraufhin sowohl der Verlag als auch Rijneveld zerknirscht Selbstkritik übten und sich öffentlich der mangelnden Sensibilität bezichtigten.

Es wäre naiv, den Fall als kuriose, aber letztlich harmlose Kapriole eines etwas überdrehten identitätspolitischen Diskurses zu betrachten. Im Kern offenbart er den Versuch, die Werte des Universalismus und der Aufklärung zurückzudrehen. Wenn eine weiße Autorin nicht mehr eine schwarze Dichterin übersetzen darf, ist es dann nicht konsequent, dass Schriftstellerinnen nur noch von Frauen übersetzt werden? Sollten dann weiße Reporter besser nicht mehr über schwarze Politiker schreiben?

Und gehört dann nicht »Effi Briest« aus den Buchläden verbannt, weil sich ein Apothekersohn angemaßt hatte, sich in das eheliche Unglück einer pommerschen Landadligen hineinzuversetzen? Wer das für ein lächerliches Gedankenspiel hält, sollte sich den Fall der weißen Schriftstellerin Jeanine Cummins ins Gedächtnis rufen, die sich in den USA erst vor wenigen Monaten den Vorwurf der »kulturellen Aneignung« anhören musste, weil sie in ihrem Roman das Schicksal einer Frau schildert, die aus Lateinamerika in die USA flüchtet.

Die Freiheit der Kunst und der Debatte kann mit den besten Absichten zerstört werden. Die Demokratien in den USA und Europa werden von rechten Populisten bedroht, aber auch von einer dogmatischen Linken, die glaubt, im Namen der Gleichberechtigung jeden aussortieren zu dürfen, der sich eine unabhängige Meinung leistet. Der Kampf um eine bessere Welt wird dann allerdings schnell zu einer sehr einsamen Angelegenheit.