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BUCHMARKT Ihr sollt lesen wie die Kinder

Die Zauberlehrlingsserie Harry Potter, deren fünfter Band nun auf Deutsch erscheint, verzückt auch viele Erwachsene. Deshalb wollen die Strategen der Branche jetzt alle Generationen zum schamlosen Genuss von Jugendliteratur animieren: »All Age«-Bücher sollen den Markt erobern.
aus DER SPIEGEL 45/2003

Groß war der Bekennerstolz des Professors in seinem Plädoyer für die frisch gebackene Ehrendoktorin. Als David Harvey von der britischen Universität Exeter jene Joanne K. Rowling rühmte, die Harry Potter erfand und längst die bekannteste Kinderbuchautorin der Welt ist, wurde daraus ein Credo: »Ich bin 61 Jahre alt«, gestand er, »und ich lese Ihre Bücher so begierig wie ein Kind.«

Kühne Worte aus dem Mund eines ergrauten Gelehrten? In der literarischen Welt verblüfft der Satz kaum mehr jemanden. Erwachsene Harry-Potter-Fans rund um den Globus wissen längst, dass sie mit

ihrer vermeintlich kindlichen Lese-Leidenschaft nicht allein sind. Die Bücher der Potter-Serie - der fünfte Band erscheint Samstag dieser Woche mit viel Getöse und einer Zwei-Millionen-Auflage auf Deutsch - verzaubern weltweit Menschen sämtlicher Generationen.

Trotzdem mögen offenbar einige ältere Leser ihre Begeisterung für eine Buchserie, die eigentlich für Kinder ausgetüftelt wurde, nicht offen eingestehen - weswegen es auch in Deutschland eigens für Erwachsene gestaltete Ausgaben gibt. Die Edel-Editionen mit Prägedruck und Leseband sollen vor der Pein bewahren, von Kollegen, Bekannten oder Wildfremden mit einem bonbonbunten Kinderbuch ertappt zu werden.

Der phänomenale Erfolg des Zauberlehrlings Harry Potter übertrifft schon zahlenmäßig alles in der Branche Bekannte - und rüttelt an den Genre-Grenzen.

Wie in der SPIEGEL-Bestsellerliste eroberten Rowlings Bücher Spitzenplätze in vielen Belletristik-Hitlisten, auf der Jugendbücher in aller Regel nicht erscheinen. Die Ausnahme ließ Verlagsleute flugs über neue Genre-Definitionen nachdenken.

Schon seit sich Michael Endes »Unendliche Geschichte« in den achtziger Jahren bei jüngeren und älteren Lesern blendend verkaufte, schicken sich Lektoren und Marketingleute immer mal wieder an, Kinder- und Jugendbücher als Erwachsenenliteratur hoffähig zu machen.

In jüngster Zeit hantieren die Strategen der Branche mit neuen, ziemlich nüchternen Zauberworten, mit denen sie endlich die ersehnte »Zielgruppenvielfalt« schaffen wollen. So genannte Cross-over-Bücher - oder noch schöner: All-Age-Titel - sollen die Riesenerfolge von Ende und Rowling annähernd wiederholen.

Als einer der All-Age-Erzväter kann auch der Norweger Jostein Gaarder gelten, der mit »Sofies Welt«, einer Philosophiegeschichte im Romangewand, während der neunziger Jahre Jung und Alt, ja selbst Literaturkritiker, zum Schwärmen brachte. Gerade ist Gaarders Liebesgeschichte »Das Orangenmädchen« auf Deutsch erschienen, die erneut das Geschick des Autors belegt.

Doch viele der Literaten, die mittlerweile unter der All-Age-Fahne segeln, zeigen wenig von Gaarders Raffinesse. Auf gut Deutsch handelt es sich dabei um nichts anderes als um Kinderbücher, die möglichst auch von Erwachsenen gelesen werden sollen - und hierfür mit allerlei Mitteln zur hochseriösen Leseware aufgepeppt werden.

Besonders auffällig ist das Beispiel der chilenischen Bestsellerautorin Isabel Allende ("Das Geisterhaus"), die gleich mit einer Kinderbuch-Trilogie antritt. Nach »Die Stadt der wilden Götter« erscheint diesen Herbst der zweite Band »Im Reich des Goldenen Drachen«. Die spirituell aufgeladene Abenteuergeschichte landete zeitgleich in zwei Versionen im Handel: als Kinderbuch beim Hanser-Verlag und als Lektüre für Erwachsene bei Suhrkamp.

Auch für Autoren, die weniger prominent sind, üben sich die Verlage inzwischen in kuriosen Verrenkungen, um deren Bücher in verschiedenen Gewichtsklassen antreten zu lassen. Im Deutschen Taschenbuch Verlag (dtv) taten sich erstmals Belletristik- und Kinderbuchlektorat für ein viel versprechendes Manuskript zusammen: Herbie Brennans rasant erzähltes Fantasy-Werk »Das Elfenportal«, das die Geschichte eines von bösen Mächten verfolgten Elfenprinzen erzählt und sie unverblümt mit Harry-Potter-Motiven mixt.

Das Buch hat am Ursprungsort England bei jungen wie älteren Lesern viele Fans gewonnen. Nun soll dasselbe unbedingt auch hier klappen - so dass die dtv-Leute, von Ertragshoffnungen offenbar heftig berauscht, darauf verfielen, gleich drei verschiedene Ausgaben zu fabrizieren: Auf die deutsche Erstausgabe in der Edelreihe »dtv premium« folgen eine zweite im Unterhaltungssegment »galleria« und eine dritte bei »dtv junior«.

In langen Sitzungen berieten die dtv-Fachkräfte über die Umschlaggestaltung für den Premiumband: Auf keinen Fall wollten sie eine Zeichnung des jugendlichen Helden zeigen, denn das hätte möglicherweise einen Teil des erhofften Massenpublikums verschreckt. Nun blicken die Leser auf einen geheimnisvoll stilisierten und hemmungslos verkitschten Wasserfall.

Den Trick mit einem Cover, das möglichst nicht nach Kinderbuch aussieht, nutzen auch andere: Das neue Werk der Kinderbuch-Bestsellerautorin Cornelia Funke, das magische Märchen »Tintenherz«, erscheint zwar im Kinderbuchverlag Dressler, wurde dort aber auf alt und ehrwürdig getrimmt, damit der Händler es zu den seriösen Belletristiktiteln stellen kann.

Die bei Hamburg lebende Schriftstellerin Funke gilt als diejenige deutsche Autorin, die sich bisher am weitesten in Rowlingsche Höhen emporschwingen konnte: Ihre Bücher verkaufen sich bei Lesern aller Altersstufen, sie erscheinen zeitgleich und mit hohen Auflagen in verschiedenen Ländern. Zudem hat es Funke geschafft, dass selbst große Filmstudios in Hollywood um die Rechte an ihren Büchern kämpfen.

Das »Tintenherz« - eine bezaubernde Geschichte um ein zwölfjähriges Mädchen und ihren Vater, der es versteht, durch Vorlesen Figuren tatsächlich lebendig werden zu lassen - weist viele typische Elemente des neuen All-Age-Ideals auf: Wie bei Allende und Brennan gewinnt auch diese Story durch die Auseinandersetzung zwischen zwei Generationen an Spannung. Bei allen Titeln prallen zudem zwei Welten aufeinander und konträre Prinzipien: Gut und Böse, Phantasie und Vernunft.

Funke ordnet inneren Zuständen machtvolle Bilder zu: So heißen ihre Figuren mal »Staubfinger«, mal »Zauberzunge«. Viele Literaten unterschätzten, meint sie, wie gut so ein bilderreiches Erzählen auch bei Erwachsenen ankomme: »In einer komplizierten Welt braucht man solche Bilder.«

So erinnert Funke denn auch an die Kraft des bewährten mystisch-märchenhaften Fabulierens und äußert selbstgewiss: »Ich glaube, dass die Leute genau das bei der gängigen Erwachsenenliteratur vermissen und deswegen Kinderbücher kaufen.«

Der Germanistikprofessor Hans-Heino Ewers vom Frankfurter Institut für Jugendbuchforschung kann Funkes Diagnose nur bestätigen: Auch unter gebildeten Lesern grassiere »eine gewisse Unzufriedenheit mit dem literarischen Angebot der Hochkultur«. Kinderbücher würden oft-

mals als »reichhaltiger« und »unterhaltsamer empfunden - die Lektüre somit als »entspannender«.

Ewers stellt fest, dass selbst Frankfurter Banker in privaten Gesprächen ihre Vorliebe für Kinderbücher bekennen - in der grauen Vor-Potter-Zeit undenkbar.

Verlagsleute beobachten, dass immer mehr Erwachsene tatsächlich annähmen, für die Lektüre eines durchschnittlich anspruchsvollen Belletristikwerks nicht genügend Bildung, keine ausreichende Leseroutine mitzubringen. Saskia Heintz vom Hanser-Verlag, einem der fleißigsten Produzenten von All-Age-Titeln, sagt: »Die trauen sich oft nicht mehr zu, durch ein ganzes Buch zu kommen. Denen muss man Mut machen.«

Kinderbücher als Mutmacher für verzagt Herangereifte? Um noch die niedrigsten Angstschwellen einzuebnen, sind fast alle der neuen All-Age-Titel als gefühlig aufgemachte Schmöker konzipiert, als Bücher, die erst mal auf den Bauch zielen sollen - wenn auch der Kopf erreicht wird, umso besser.

In Großbritannien begründeten ausgerechnet Studenten der Literaturwissenschaft ihre Lese-Neigung zu Harry Potter und Konsorten mit dem Argument, der gewöhnliche Lehrstoff strapaziere sie so sehr, dass sie es genössen, wie in Kindertagen einfach in eine Geschichte abzutauchen.

Ist die Erwachsenenlektüre von Kinderbüchern also eine trotzige und zugleich lustvolle Form der Regression? Zeugt es von bedenklichem kulturellem Verfall, dass überforderte Leser massenhaft Trost und Orientierung bei kindgerechter Ware suchen?

Lehrer und Professoren, die Vertreter der Bildungslobby, empfinden das offenbar nicht so. Nicht mal unter den weniger erfolgreichen Schriftstellerkollegen regt sich hörbar Unmut über den Erfolg von Rowling und Konsorten. In neuer Bescheidenheit äußern sich Deutschlands Schriftproduzenten froh darüber, dass überhaupt noch irgendwer liest.

Und wäre es nicht auch völlig weltfremd, heute gegen die kindlichen Gelüste von Mann und Frau zu wettern? Für Fernsehsendungen wie »Die Sendung mit der Maus« und Peter Lustigs Lektionen im »Löwenzahn« gilt unter Kennern seit langem die Faustregel: Die Kinder-Shows werden oft von mehr Erwachsenen angeguckt als hochseriöse Politikprogramme wie der ARD-»Presseclub« - und viele der Älteren sehen das Kinderprogramm keineswegs im Beisein oder in Begleitung von Erziehungsbedürftigen. SUSANNE BEYER

* »Sofies Welt« (1999), »Harry Potter und der Stein der Weisen"(2001).* Beim T-Shirt-Signieren in Edinburgh zum Erscheinen ihresjüngsten Potter-Buchs Ende Juni.

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