Zur Ausgabe
Artikel 77 / 119

Autoren Im Bett der Schattenfrau

David Lodge, Experte für Satiren aus dem Uni-Milieu, hat einen bissigen Roman über den britischen Mittelstand geschrieben.
aus DER SPIEGEL 31/1992

Schon die erste Begegnung der attraktiven rothaarigen Literaturdozentin mit dem bulligen Fabrikmanager läßt den Funken überspringen - es ist Haß auf den ersten Blick, die ideale Voraussetzung für eine spannende Beziehung also.

Für Robyn Penrose, die linke Dozentin der englischen Literatur an der Provinzuniversität Rummidge, ist Victor Wilcox, der quirlige Manager einer mittelständischen Maschinenfabrik, der inkarnierte erzkapitalistische Ausbeuter.

Und für den pragmatischen Wilcox, der sich zur Thatcher-Zeit mit drohenden Streiks und miesen Tricks der Konkurrenz herumschlagen muß, sind die naseweisen Einsichten der Feministin nur die Bestätigung seiner Überzeugung, daß Akademiker vom »richtigen« Leben nicht die geringste Ahnung haben. Immerhin, das muß der frustrierte Victor zugeben, ist diese rothaarige Emanze nicht nur intelligent, sondern auch verdammt sexy.

In seinem 1988 erschienenen Roman »Nice Work«, der jetzt als »Saubere Arbeit« in deutscher Übersetzung vorliegt*, entwickelt der Engländer David Lodge aus der Intimfeindschaft dieser beiden so ungleichen Kontrahenten mehr als nur eine faszinierende Romanze. Ihm gelingt es, aus dem Kontrast von esoterischer Campus-Welt und hektischem Fabrik-Alltag eine brillante Komödie über die kleinen Schwächen des britischen Mittelstands zu zaubern.

Die Geschichte spielt im Jahr 1986, das in Großbritannien zum »Jahr der Industrie« ausgerufen worden war. Im Rahmen des Projekts »Industrie-Schatten« soll die Dozentin den Fabrikmanager bei seiner Arbeit beobachten - auf daß die gegenseitigen Vorurteile abgebaut werden.

Der - inzwischen emeritierte - Anglistikprofessor David Lodge, 57, knüpfte schon mit seinen früheren Werken an die lange Tradition britischer Universitätsromane von Kingsley Amis bis Malcolm Bradbury an. Er trieb dieses Genre mit gekonnter Ironie auf die Spitze und karikierte den Wanderzirkus von Kongreß zu Kongreß vagabundierender Literaturexperten als Jobberbörse karrieregeiler Akademiker, die daraus eine Art mobiles Eros-Center mit einem rege _(* David Lodge: »Saubere Arbeit«. Aus dem ) _(Englischen von Renate Orth-Guttmann. ) _(Haffmans-Verlag, Zürich; 376 Seiten; 44 ) _(Mark. ) frequentierten Kontakthof machen. Der Kongreß tanzt? Von wegen, meint Lodge, die beschaulichen Metternich-Zeiten sind passe, der Kongreß vögelt.

Die Ironie und milde Häme freilich, mit der Lodge in seinen Romanen die Philologenzunft bedenkt, richtet er auch gegen sich selbst. Denn der Verfasser von Aufsätzen und Büchern über den »modernen, postmodernen und antimodernen Roman«, über D. H. Lawrence, James Joyce und die französischen Strukturalisten Barthes und Derrida leistet sich souverän den Luxus, aus eigenen Arbeiten oder sogar aus denen seiner fiktiven Romanfiguren zu zitieren.

Robyn Penrose, die Romanheldin in »Saubere Arbeit«, ist Spezialistin für den viktorianischen Industrieroman und will in einem Buch, das den schönen Titel »Häuslicher Engel und glückloses Weib« tragen soll, aus feministischer Sicht die Lage der Frau im frühkapitalistischen England untersuchen.

Sie ist, wen wundert''s, natürlich auch Strukturalistin und hat sich ihre eigene Philosophie des »semiotischen Materialismus« zurechtgelegt. Da der von ihr beschattete Kulturbanause Wilcox nicht einmal weiß, daß es sich bei den Bronte Sisters nicht um eine weibliche Popgruppe handelt, sondern um Schriftstellerinnen, kann sich die belesene Dozentin fortwährend profilieren. In einem brillanten Exkurs über die psychologischen Tricks der Werbung weist sie beispielsweise dem peinlich berührten Victor nach, daß ein Plakat der Zigarettenmarke »Silk Cut«, das ein aufgeschlitztes Stück Seide zeigt, »metaphorisch den weiblichen Körper darstellt: Der Schlitz in der Seide ist wie eine Vagina«.

Richtig nützlich aber macht sich die Deutsch sprechende Schattenfrau bei einer mit Wilcox absolvierten Geschäftsreise zur Frankfurter Messe. Als die deutschen Geschäftsleute Wilcox nämlich übers Ohr hauen und eine Maschine verkaufen wollen, die nicht auf dem letzten technischen Stand ist, kann sie dies verhindern. In euphorischer Stimmung landen die beiden daraufhin prompt im Bett.

Lodge wäre jedoch kein raffinierter Satiriker, wenn er nicht immer neue Verwicklungen einfädeln und faszinierende Parallelgeschichten vor dem Leser ausbreiten würde, bevor er schließlich den Vorhang zu einem glaubwürdigen Happy End zuzieht.

Seine Realsatire aus Englands Ruhrpott hat Lodge nach gründlicher Recherche angefertigt: »Ich war ja selbst so ein Schatten und habe wochenlang einen befreundeten Industriemanager auf Schritt und Tritt begleitet, um alle Details richtig zu erfassen.«

Der Schauplatz des Romans, das in den Midlands angesiedelte Provinznest Rummidge, ist ganz nach seiner Heimatstadt Birmingham modelliert. Und natürlich hat die Universität von Rummidge mit ihrem venezianischen Campanile eine verblüffende Ähnlichkeit mit der Uni Birmingham, an der Lodge von 1960 bis 1987 als Professor lehrte.

Etwas eigenartige und teilweise irritierende Erfolge habe er inzwischen mit »Nice Work« errungen, meint Lodge. So seien die Grundidee und viele Schlüsselszenen in einem vor kurzem erschienenen englischen Schnulzenroman ganz primitiv plagiiert worden. »Dafür habe ich dann in meiner Zeitungskolumne über ,Die Kunst des Romans'' (im Independent on Sunday) wunderbares Material über Natur und Wesen des Plagiats gehabt.«

Ein Rundgang mit Lodge über den Campus der Uni Birmingham offenbart, daß der stadtbekannte Autor bei vielen Studenten ein verständnisvolles Grinsen erntet. »Nach der hier gedrehten, sehr erfolgreichen BBC-Fernsehserie von ,Nice Work'', in der die attraktive Haydn Gwynne die Robyn Penrose spielte, hatten wir in der englischen Abteilung sofort 60 Prozent mehr Studienbewerber«, kommentiert Lodge seinen Sympathie-Bonus. »Die wollten wohl alle bei diesem Sexy-Girl Privatstunden nehmen.« _(* Szenenfoto aus der BBC-Fernsehserie ) _("Nice Work«. )

Romanautor Lodge: »Seide mit Schlitz«

Lodge-Romanverfilmung*: Miese Tricks der Konkurrenz

* David Lodge: »Saubere Arbeit«. Aus dem Englischen von RenateOrth-Guttmann. Haffmans-Verlag, Zürich; 376 Seiten; 44 Mark.* Szenenfoto aus der BBC-Fernsehserie »Nice Work«.

Zur Ausgabe
Artikel 77 / 119
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.