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TV-SPIEGEL Im Einklang mit der Norm

Günter Herburger, 39, in München lebend, schrieb Erzählungen, Gedichte, die Romane »Die Messe« und »Jesus in Osaka« sowie Kino- und Fernsehfilme ("Tätowierung«, »Die Söhne").
aus DER SPIEGEL 4/1972

Die Sendung von Ralph Giordano über Geschichte, Möglichkeiten und Zukunft der Kriegsmaschinerie, die wir letzte Woche an zwei Abenden im Fernsehen sahen, war falsch. Denn sie war ausgewogen, wie intellektuell nachsynchronisiert, gespickt mit, welche Bescheidenheit, gesprochenen Fußnoten und geschrieben gezeigten Zitaten von. Denkern und Schriftstellern. Sie war also besten Gewissens abgesichert und in Einklang gebracht mit einer zivilen Norm, auf die wir uns alle blindlings verlassen, so daß uns, die wir auf den Sofas saßen, nichts anderes übrigblieb, als der Überlegenheit des Sammlers, dank seiner größeren Mittel, zuzuschauen, »was er uns anbot an Bildern des Schreckens, des Glanzes oder der feinen Ironie, zum Beispiel an überholten phantastischen Drills.

Es nützte auch nichts, daß er zum Ende seines Berichtes auf Vietnam zu sprechen kam und einige Verwundete zeigte, vorher auch Juden im Zweiten Weltkrieg, »die gerade erschossen wurden. Schmerz, Elend, Verzweiflung, Entsetzen und Wut, die uns aus dem Sitzen hätten hochreißen können, blieben ausgespart, weil, ich glaube es zu wissen, Giordano Angst vor Gefühlen hatte. Er blieb fleißig, umsichtig, ließ kaum eine Ansicht, auch Teilwahrheit aus, die zu bedenken war, aber Abscheu, wütende Ohnmacht oder rigorose Einseitigkeit, die Krieg, das sogenannte Soldatenhandwerk als Ende aller Vernunft verächtlich gemacht hätte, sprach er nicht aus, noch zeigte er es.

Es genügt nicht, viel zu bedenken, differenziert zu sein, sondern ein Journalist, der, im Frieden eine kühne Aufgabe, über Soldaten berichten will, kann sich nicht um Parteilichkeit drücken, sonst endet er nur im Pluralismus der Bürgermoral, die, öffentlich formuliert, natürlich nie mehr den Krieg will. Da jedoch schon Kriegsgefahr keine Krankheit ist, sondern wissentlich herbeigeführt wird, verweisen die Heere, die wir tolerieren, stets auf uns zurück. Bleibt auch ein Begriff, wie Befehl, den wir erfinden halfen, immer auch unsere Schuld.

Aber wir saßen nur wieder da und begriffen, einzeln zu Hause, daß die neuen Waffen unvorstellbar schrecklich seien, doch grausam schön im Bild, daß wir zwar auch Milliarden dafür in Form von Steuern bezahlen, aber keinerlei Einfluß darauf haben, ob sie erfunden, gemacht werden, mit ihnen geübt oder schon gedroht wird.

Es wäre aber darauf angekommen, die politischen Kampf- und Imponiergebärden zu zeigen, die Soldaten und ihre Vernichtungsgeräte erst hervorbringen, die gesellschaftliche Bösartigkeit und miserablen Glaubensbeispiele.

Dann hätte an wenigen Tatsachen, die mehr gewesen wären als möglichst viele, bewiesen werden können, wie wichtig es ist, an die Zukunft denkend, die häßliche Gegenwart endgültig abzuschaffen beim Anblick der Wunden, der Toten, der Zerstückelten, die immer wiederkehren, immer wieder, wenn auch im bequemen Abstand zu unseren Fernsehapparaten, während eine Bombe ausgelöst, eine Rakete, weiß, schlank und ästhetisch dynamisch, durch geringfügig elektrischen Impuls losgeschickt wird in den Himmel, den wir alle noch anbeten, wenn es uns schlecht geht und wir Furcht haben, denn so lernten wir uns anzupassen und sitzen immer noch da, überzeugt, wir könnten nichts machen, weil es, scheinbar, zu weit entfernt geschieht.

Ich will, ohnmächtig als Konsument, doch wütend als Wähler, der sich wehrt, mit einem Gedicht antworten auf die ausbalancierten beiden Sendungen, die voll Wissen, auch kluger Demut waren, da Gedichte die kleinste und schnellste, also direkteste Form sind, Gedanken, die ohne Gefühle nicht existieren dürfen, auszudrücken. Ohne Taten, ohne Kopf, nur noch die Finger am Knopf, während wir Zivilisten genießen,

daß sie immer noch schießen könnten, wenn wir sie dazu Zwängen, wir,

einzeln und machtlos geblieben in unseren Staaten.

Günter Herburger
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